Verfasst von: Cyrano | Juli 20, 2014

Pamuk – Etwas fehlt…

Orhan Pamuk ist wahrscheinlich einer der talentiertesten Schriftsteller unserer Zeit. „Einer der talentiertesten“ – das mag gegenüber einem Nobelpreisträger ungewöhnlich klingen, vielleicht sogar despektierlich. Bei nüchterner Betrachtung trifft es aber doch ganz gut.

Einige Passagen aus Pamuks Das schwarze Buch etwa gehören mit zum Schönsten und Dichtesten, was in der Großstadtliteratur seit Dos Passos und Döblin hervorgebracht wurde. Ähnliches gilt für manche Bilder und Reflexionen im autobiografischen Istanbul. Dass sich bei Pamuk Fiktion und Autobiografie literarisch so nebeneinanderstellen lassen, legt den Finger in eine Wunde: Der Autor bleibt bis heute ein formal geschlossenes Werk schuldig, dass sich guten Gewissens als rund bezeichnen ließe.

Im frühen Romanen Pamuks wie Das stille Haus bestechen facettenreich angelegte Charaktere, die geschickt zueinander in Kontrast gesetzt werden. Sie überzeugen als personalisierte Typen. Lebenswege und Konflikte mehrerer Generation machen, größtenteils kondensiert auf eine Familie (der Rahmen eng abgesteckt: Verwandtenbesuch, Meer, Kleinstadt), türkische Geschichte zwischen den Putschs von 1908 und 1980 erfahrbar, ohne dass dabei die Personage zu bloßen Ideenbehältnissen degradiert würde. Auf der anderen Seite wirken Dialog oft gezwungen, die Handlung wie mit Gewalt vorangetrieben, die Balance zwischen den von einzelnen Romancharakteren in Ich-Perspektive erzählten Teilen stimmt nicht immer.

Auch die Romane des reiferen Pamuk kranken weiterhin an dieser Balance-Schwäche. Der Odysseeische erste Teil von Das Schwarze Buch zum Beispiel wird vom eher politisch diskursiven zweiten Teil nahezu erdrückt. Hinzu kommt, dass Pamuk nun mit im schlechtesten Sinne prototypisch postmodernen Erzählweisen zu experimentieren beginnt. Das kann, so im Fall der motivisch und thematisch auf Galips Suche einwirkenden Kolumnen Celals, mitunter genial gelingen, es scheitert aber auch oft genug spektakulär. Etwa wenn die bewusste Opposition einer ehemaligen (einerseits „orientalisch“ konotierten, andererseits an westlichen Kriminalromanen orientierten) Welt, in der alle Zeichen etwas bedeuteten und der Moderne, in der Verweise buchstäblich ins Nichts führen, jene Suche nach Celal und Rüya zu einer ebenso hoffnungslos ziellosen, wie im Ergebnis vorherbestimmten werden lässt.

Dieser Hang zum auf Biegen und Brechen betriebenen postmodernen Spiel nimmt bei Pamuk mit der Zeit zu, nicht ab. Das so vielschichtige wie gequälte Rot ist mein Name dürfte für die meisten Leser, die sich nicht des Distinktionsgewinns wegen, sondern um der Ästhetik willen, mit Literatur beschäftigen, nur noch schwer bis zum Ende zu lesen sein.

Dennoch sollte man Pamuk nicht aufgeben. Er hat das Zeug neben Marquez, Rushdie, Llosa und anderen unter den ganz großen Schriftstellern der letzten Jahrzehnte genannt zu werden. Das belegt nicht zuletzt die betont unaufgeregte Auseinandersetzung mit islamischem Fanatismus in Schnee (Pamuks bis jetzt zugänglichster und durchkomponiertester Text). Vielleicht würde es dazu ausreichen, Das schwarze Buch noch einmal zu überarbeiten. Etwas weniger kann hier mehr sein, das Hörbuch, das leider an den falschen Stellen kürzt (sämtliche von Celals Kolumnen!) ist schon auf einem guten Weg. Wenn Pamuk will klappt’s vielleicht irgendwann einmal vollends mit der Literatur. Den Nobelpreis hat er ja schon.

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