Verfasst von: Cyrano | Oktober 26, 2014

Die Quixoterien der Windkraftgegner

Weil es im Sommerloch unterging und ich keine Zeit zum Schreiben hab…

Vor einiger Zeit bei starkem Nebel mit dem Auto im rheinhessischen Hügelland. Jede Erhebung sieht gleich aus, jeder Baum, all die Schatten ferner Dörfer. Ich hatte mich hoffnungslos verfahren. Dann reißt nach Stunden, mitten in der Nacht, ich studierte gerade in einer kleinen Nothaltebucht die Karte, der Nebel auf. Welch ein Anblick: Ich finde mich jäh, eingehüllt in ein trotz Dunkelheit fast in Weiß spielendes Grau, am Rande eines weitläufigen Windparks wieder – die surrenden Rotoren, rot aufblinkende und verlöschende Leuchten, geisterhafte gewaltige Körper, die aus Wolken ragen. Für einen Moment glaubt man da nachzufühlen, wie Quixote einst hatte können seine Windmühlen zu Riesen machen.

Ein so eindrücklicher wie beklemmender Moment.

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Sicher gibt es an Windkraft zur Stromgewinnung ein paar mehr oder weniger nachvollziehbare Kritikpunkte. Man mache sich von den Launen der Natur abhängig heißt es, nicht nur bei Flaute, sondern gerade auch wenn es stürme. Überauslastung sei, da wir große Schwierigkeiten haben Strom zu speichern, eines der Hauptprobleme mit einem stark auf Windkraft setzenden Strommix. Wer in der Nähe von Windparks wohnt klagt über Lautbelästigung, und Vogelschützer machen sich Sorgen vor allem um große Greifvögel wie den Rotmilan. Alles diskutabel, und alles Dinge, die sich auf längere Sicht wahrscheinlich technisch lösen ließen. In mindestens 90 % der Fälle führen Windkraftgegner aber längst vor allem, und meist Geifer und Galle versprühend, die ästhetische Zumutung an, die Windkraftanlagen für die Kulturlandschaft darstellten (gleichzeitig wird, während Ästhetik gegen technischen Fortschritt ins Feld geführt wird, die Technikfeindlichkeit der „Grünen“ Atomkraftgegner exponiert, es erübrigt sich dazu ins Detail zu gehen).

Dieses ästhetische Argument kann und sollte man auf keinen Fall gelten lassen, sei es, um des gesellschaftlichen Fortschritts willen, sei es in Verteidigung eines mehr als naiven Verständnisses von Ästhetik.

„Wie sehr der Begriff des Naturschönen in sich geschichtlich sich verändert, zeigt am eindringlichsten sich daran, daß, wohl erst im Lauf des 19. Jahrhunderts, ein Bereich sich ihm eingegliedert hat, der als einer von Artefakt primär für ihm entgegengesetzt gehalten werden muss, der der Kulturlandschaft. Geschichtliche Gebilde, oftmals in Relation zu ihrer geographischen Umgebung,… werden als schön empfunden“.

Diese Beobachtung notiert Adorno in der Ästhetischen Theorie (S.101). Sie legt den Finger auf die Problematik einer ästhetisch daherkommenden Verteidigung der Landschaftsansichten unserer Zeit gegen Windmühlen. Denn, so kann Adorno paraphrasiert werden, die Vorstellung dessen, was in der Landschaft als schön gelten darf, ist eine gewordene:

Beschauliche Dörfer, hier und da eine größere Stadt, auch Bahnlinien, Autobahnen, Fabriken und ihr Rauch, der in Himmel übergeht. All das sind Anblicke, die die hässlichen Windparks nach Meinung vor allem konservativer und liberaler Kritiker, verschandeln. Der unberührte Wald, die Steppe, die Wüste oder Ähnliches kann nicht gemeint sein. Solches gibt es in Europa kaum noch, und wenn verhinderte die sog. grüne „Verbotspartei“ schon, dass dort Windparks entstehen.

Doch dass die so verteidigte Kulturlandschaft schon immer als ästhetisch ansprechend empfunden worden wäre, ist auch jenseits der ohne empirische Untermauerung daherkommenden Überlegungen Adornos sehr fragwürdig. So ist aus dem frühindustriellen England etwa überliefert, dass ehe sich die Lake Poets (Coleridge, Wordsworth usw.) der Bauernkaten, der Wind und Wassermühlen, und insbesondere alter Ruinen, annahmen, diese von bürgerlichen und adeligen Kulturkritikern durchaus als Schandflecken in der “unberührten” Natur wahrgenommen wurden. Unvorstellbar wäre dann weiterhin, dass die Schrägdächer und die charakteristischen Schornsteine der Red-Brick-Fabriken und die Uniformität der drumherum entstehenden Arbeiterhäuser, heute ein nicht wegzudenkender Anteil jeglicher pitoresken urbanen englischen Landschaft, in ihrer Entstehungszeit als gelungene Interaktion von Landschaft und Architektur gefeiert wurden (man lese dazu Shelley, Dickens, Gaskell u.A., sowie Carlyle). Die Arbeiter, die in den Fabriken verheizt wurden hatten ebenso wenig Sinn für die Schönheit der Industrielandschaft, wie das junge Bürgertum und die Landed Gentry, die ihre Domizile am Ideal der römischen Architektur oder neobarock an europäischen Schlössern des 17. Jahrhunderts orientierten. Turnpike Roads, später Eisenbahntrassen, Strommasten und ähnliche Errungenschaften des modernen Verkehrswesens zerschnitten das Land, und wurden womöglich als gesellschaftlicher, keinesfalls aber als ästhetischer Fortschritt gelobt.

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Das ist längst anders. Derartige Artefakte gehören zum zentralen Inventar moderner Landschaftsästhetik, es hat nicht den italienischen Futurismus gebraucht, um Schiffe und Flugzeuge zu glorifizieren, ob Agatha Christi oder Louis L’Amore, Eisenbahn und Automobil wurden recht bald zu zentralen Szenerien, Chiffren und Motiven der Ästhetik seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Auch was uns heute als Kulturlandschaft anspricht ist nur im Gegensatz zur „Wildnis“, und ohne diese Elemente kaum noch zu denken. Wie rasant wurden neuere Techniken und Bauwerke in diese landschaftliche Ästhetik hineingesaugt! Hätte man denn gehört, dass jene Kräfte, die heute Windkraft aus ästhetischen Gründen vehemment verdammen, sich je über das Wachstum von Millionenstädten aufregten? Oder über die Art, wie wolkenspuckende Atommeiler inmitten geschwungener grüner Hügel gepflanzt wurden? Selbst betreffs der glitzernden Solaranlagen, die historische Innenstädte und bayerische Hopfenfelder vor ungeahnte ästhetische Herausforderungen stellen, hört man bemerkenswert selten Klagen. Könnte es sein, dass die ästhetische Unerträglichkeit von Windkraftanlagen vor allem die für sich entdecken, die, gewohnt zu gewinnen, ausnahmsweise mal auf die falsche Lobby gesetzt haben? Bei Solaranlagen verdient der gehobene Mittelstand in der Regel gut mit. Entsprechend selten Kritik.

Aber haben die Windkraftgegner nicht einfach recht, vielleicht? Das wäre doch immerhin auch möglich? Konfrontierte man einen tatsächlich geistreichen Windkraftgegner mit den oben angeführten Fragen und Argumenten, so würde dieser womöglich auf die tatsächliche Schönheit roter Fabrikdächer in einer zerklüfteten englischen Landschaft hinweisen. Auf das faszinierende Zusammentreffen von menschlicher Naturbeherrschung und beherrschter Natur, wenn sich im Sonnenuntergang der Dampf des Kühlturms von Biblis über dem Rhein mit tiefen Abendwolken vereinigt, oder, abseitiger, auf die Schönheit eines einsamen Öltankers vor leuchtend weiß aufragenden Eisbergen am Rande der Arktis. Und in jedem einzelnen Fall träfe er, ästhetisch betrachtet, etwas ganz richtiges. Es ist das Spannungsverhältnis zwischen „unberührter Natur“, menschlichem Leben und den Versuchen, sich Naturgewalten zu unterwerfen, was die Schönheit von Kulturlandschaft ausmacht. Adorno, um darauf zurückzukommen, könnte falsch liegen, wenn er sagt:

„Geschichtliche Gebilde, oftmals in Relation zu ihrer geographischen Umgebung, etwa auch ihr durch das verwandte Steinmaterial ähnlich, werden als schön empfunden“ (ibid.),

das folgende aber bestimmt sehr genau, worin der Reiz der Kulturlandschaft liegen dürfte:

„Ihre tiefste Resistenzkraft aber dürfte die Kulturlandschaft dadurch erlangen, daß der Ausdruck von Geschichte, der ästhetisch an ihr ergreift, gebeizt ist von vergangenem realen Leiden“ (102)

Womöglich ist es die Tatsache, dass in Windkraft kristallisierte Geschichte vielleicht noch nicht lang genug vergangen ist, die die Gegner auf die Palme bringt. Wahrscheinlicher aber, dass den aggressivsten Meckerern aus den Mühlen das eigene unbegriffene Leid entgegenspringt. Steht die Energiewende ihnen doch, wie auch vielen Proponenten, für einen bleibende Realität gewordenen Sieg von ’68. Es ist leicht, sich vorgeblich ästhetischer Argumente gegen eine neue Technik zu bedienen, springt der Bürger auf die rein affektive Ablehnung des Neuen doch besonders gut an. Verräterisch ist die ästhetische Schiene aber auch: Gibt es im Vergleich zu früheren technischen Entwicklungen vielleicht tatsächlich nur wenige technisch-rationale Einwände? Doch wo es solche gibt (etwa im Vogelschutz): Sollte man sich da nicht gegen die lächerlichen Pseudoästheten stellen, die eine rationale Diskussion und auch eine technische Weiterentwicklung verunmöglichen?

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Ich kehre zurück an den Rande meines Windparks der stählernen Riesen im Nebel. So oft haben vulgäre Atheisten und Positivisten versucht, mir eine Anerkennung des Erhabenen in der technischen Sphäre aufzuzwingen. Hier nun verspürt man einen Anflug davon. Natürlich spielen das Wetter, die vorgerückte Stunde, die Müdigkeit nach langer Autofahrt gewichtig mit hinein. Die Ästhetik der Kulturlandschaft erschließt sich, wie die der Kunst, nur in der Vermittlung von Offenheit für den Augenblick und ästhetisch-theoretischer Reflexion. Wo es am Zweiten fehlt, tendiert man zur Verklärung, fehlt es am Ersten, zum schematisch-normativen Theoretisieren.

Lässt man es an beidem fehlen, kämpft man gegen Windmühlen.

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