Über diesen elenden, von allen Inhalten absehenden Artikel, der Marlene Dietrich und Leni Riefenstahl unter dem Allgemeinplatz der „modernen Frau“ nicht vergleichen möchte, und beide drum dennoch einnander annähert, wollte ich mich zuletzt auch schon auslassen. Das hat nun Richard Herzinger für mich erledigt. Darum nur noch zwei Anmerkungen, und ein Gedicht:

1.) Tatsächlich lassen sich beide Lebenswege der sogenannten „Moderne“ zuordnen, so gesehen sind Dietrich und Riefenstahl „moderne Frauen“. Und so gesehen sind alle im 20. Jahrhundert aufgewachsenen Frauen „moderne Frauen. Marlene Dietrich hat im Angesicht der deutschen Barbarei das einzig Richtige getan, sich von Staat, Volk, Vaterland losgesagt, und alles in ihrer Macht stehende getan, um der Abschaffung aller Freiheit unter völkischem Banner Widerstand zu leisten. Leni Riefenstahl reagierte auf die „Moderne“, indem sie zu einer der effektivsten Propagandistinnen des Nationalsozialismus wurde. Dietrich nahm die Herausforderung der Moderne an,  sie stellte das gebrochene, das hoffende, das im Angesicht des Bösen noch Handlungsfähige „Ich“ in den Mittelpunkt ihrer Kunst.  Riefenstahl schuf dagegen eine Ästhetik des Konkreten, des Körperlichen. Auch ihre Postnationalsozialistischen Arbeiten zeigen sich fasziniert von Körpern und Kulturen, von Kollektiven, und wie sie sich in die Einzelnen einschreiben ["Als Riefenstahl 1973 für den zweiten Band erneut zu den Masakin-Nuba reiste, war sie enttäuscht: Diese trugen inzwischen Kleidungsfetzen und hatten ihren Schmuck abgelegt"]. Dietrich hatte die Chuzpe, das Individuum hochzuhalten, wo es schon ein Auslaufmodell schien. Riefenstahl ging im Volk auf, als Besondere unter Gleichen, ihre Kunst schoss gegen das Abstrakte. Und die Personifikation des vereinzelt Abstrakten ist im völkisch-nationalen Sozialismus gemeinhin der „Jude“.

2.) Nicht ersichtlich ist mir daher, warum Herzinger es für Nötig erhält, herauszustellen, das Dietrich „eine vorbildliche deutsche Freiheitsheldin“, sei, und dass sie „[e]normes für den Erhalt dessen getan hat, was an geistiger und moralischer Reputation Deutschlands nach der Katastrophe des Nationalsozialismus noch übrig geblieben war“. Wenn im vergangnen Jahrhundert, und bis heute, etwas „deutsch“ war, so sicherlich die verherrlichung des Kollektivs gegenüber dem Individuum. Dietrich ist mit Sicherheit eine „antideutsche“ Freiheitsheldin, und dass Herzinger selbst zugibt, der Beitrag der Dietrich zur deutschen Reputation sei den Deutschen nicht bewusst, belegt das. Wie auch Thomas Mann hat man Dietrich den Verrat wohl nie ganz verziehen (und der Nationalsozialismus war sicherlich keine „Katastrophe“, die wie von außerhalb über die Menschen kam. Zur Lektüre: „The Crisis of German Ideology: Intellectual Origins of the Third Reich“ (George L. Mosse).

3.) Gedicht:

téchne. melancholia
geliebte marlene; gestern begegnete
mir dein gesicht im netz, ganz
ohne worte. es rauschte der äther
allein, entgeistert, nur deine lippen
bewegten sich. und in den straßen: gegröle.
da summten kortikal mir stumm melodien, alt
in neue stimmen. da stieß ich das fenster
auf, nach vorgestern. da atmete rauch ich
da knarzte der schädel mir links oben.
und in den staßen: brannten maschinen.
sag mir wo die blumen. sag, wo soldaten?
geliebte marlene. magst du nicht sprechen?
stahl zeit dir die stimme, die an drähten
nagt still, und an wohlstand? äther täubt
und in straßen: dichtet menschheit.
geliebte marlene; gestern begegnete
mir dein gesicht im netz. ganz
ohne worte floh ich in vorvorgestern
mit dir. geliebte marlene
vor stimmen und straßen: graut es mir.
denn es ist dort draußen, weiß ich, wie du, keine.

Ältere Artikel »

Kategorien

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.