Verfasst von: Cyrano | August 31, 2014

Mitternachtskinder von Salman Rushdie

Weil nicht immer Zeit für eine detaillierte Auseinandersetzung ist und auf starke Texte, die durchaus für sich selbst sprechen, doch hingewiesen werden soll, werden in der Sonntagsgesellschaft in Zukunft immer mal wieder kurze Empfehlungen zu Romanen erscheinen, bei denen es zu einem Artikel (noch?) nicht ganz gereicht hat. Heute: Mitternachtskinder von Salman Rushdie

Mitternachtskinder ist ein Parforceritt durch die indische Geschichte. Der Roman werde im Westen, so der Autor, zuerst als fantastische Erzählung gelesen, indische Leser dagegen hätten ihm mitgeteilt, Mitternachtkinder könnte auch ihrer Feder entstammen. Ein indischer Schriftsteller habe gar ein Manuskript vorgelegt, dessen Handlung ganz ähnlich angelegt sei: Auch darin werde ein Protagonist um Mitternacht des 15.8. 1947 geboren (dem Tag der indischen Unabhängigkeit), und so unwiderruflich mit der indischen Geschichte verschweißt. Rushdie war – welches Werk uns dadurch geschenkt wurde, welches uns wohl entgangen sein mag? – schneller.

Mitternachtskinder ist voll von skurrilen Einfällen, zauberhaften oder vom Protagonisten so wiedergegebenen Verbindungen von Leben und Geschichte – der Roman zeigt sich bestrebt als großer Wurf zur indischen und angloindischen Geschichte selbst in die Literaturgeschichte einzugehen (mit Booker-Price und Book of Bookers Award dürfte das auch gelungen sein).

Ein erster Lektor soll dem Autoren geraten haben, sich vorerst auf Kurzgeschichten zu konzentrieren, bis er die Form des Romans beherrscht. Zum Glück begutachtete ein zweiter Lektor den Text.

Doch die Einwände des früheren Lektorrates sind nicht ganz von der Hand zu weisen. Im Vergleich mit den Satanischen Versen etwa wirkt Mitternachtkinder unstrukturiert, das Material mühsam bändigende Leitmotive scheinen regelmäßig ad hoc erfunden und der fortschreitenden Handlung aufgedrückt. Motivisch wie auch thematisch zerfällt der Roman in mehrere Teile, die kein absolut befriedigendes gemeinsames Ganzes ergeben. Obwohl vordergründig und absichtsvoll nicht chronologisch erzählt verknüpft in Mitternachtskinder die Handlung allzu oft jenes „what happens next“, dem Rushdie so gerne eine Absage erteilen würde. Doch keine Frage: wenn Mitternachtskinder partiell scheitert, dann am eigenen Anspruch, der hohe Hürden aufstellt, die Rushdies späteres Werk spielend nimmt.

Dennoch bleibt Mitternachtskinder lesenswerter als ein Großteil des restlichen literarischen Ausstoßes der nunmehr letzten bald 70 Jahre.

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