Verfasst von: Cyrano | September 14, 2014

Zur Moral in der Literatur

Diffizile Sache. Es scheint zumindest in dem, was man im weitesten Sinne als die Moderne bezeichnen kann, durchaus ein gewisser Konsens zu bestehen, dass Kunst nicht moralisieren soll. Man muss nicht Nabokov anführen, aber als Markstein ist er so gut wie jeder andere. Und doch moralisiert Nabokov, natürlich, tut das auch geschickt und, das scheint mir die entscheidende Art in der Literatur moralisieren darf: erzählend.

Allerdings drängt sich auch der Eindruck auf, und ich nehme mich da nicht aus, dass wir moralisierenden Schriftstellern eher vergeben, so die präsentierte Moral eine konservative ist. Das man sich an den Stellen, an denen Tolstoi naiv-anarchistisch politisiert stößt, gilt beinahe als common-sense, dafür, dass man andererseits Dostojewski noch heute die tiefe Fundierung seiner Fabeln in der christlichen Moralität negativ anrechnete, müsste man schon ein ziemlich verbohrter Linker sein.

Einen Ernst Jünger kann man aus vielen Gründen kritisieren, dennoch kenne ich weit nach links orientierte Leser, die ihm niemals den aus jeder Zeile triefenden Elitarismus vorwerfen würden. Wo aber bei Roberto Bolano mexikanische Feministinnen als eine positiv charakterisierte Gruppe auftreten, läuft es selbst dem feministischen Anarchisten kalt den Rücken herunter.

Eine einfache Begründung für diese offenkundige Doppelmoral ließe sich finden: Vielleicht kommt darin ja die tatsächliche und von Dogmatikern so lange behauptete Überlegenheit konservativer und christlicher Moralvorstellungen zum Ausdruck.

Das muss nicht hundertprozentig abgestritten werden, möglich, was in Dostojewski uns anspricht (und auch hinter dem teils kaum zu verhehlenden Kitsch anspricht) liegt in jenen Elementen des christlichen Denkens, die auch heute die breite Leserschaft moralisch teilt. Gleichzeitig verstört auch den wohlgesinnten Leser womöglich Moralismus bei Bolano u.A., weil er so radikal formuliert und am Rande alles Gewohnten daherkommt.

Allerdings reicht es nicht, hier stehenzubleiben. Denn eben in der Neuheit progressiver und nicht christlicher moralischer Erwägungen in Kunstwerken liegt womöglich ein nicht ohne weiteres zu akzeptierender Grund für die Ablehnung. Bestimmtes Denken, das wir nicht mehr unbedingt als moralisch richtig erachten, erachten wir auch, weil es so stark in die Tradition eingegangen ist, nicht als moralisierend. Tolstoi Moralismus vorzuwerfen und Dostojewski nicht, das kann auch einfach eines sein:

Faul.

Aus der Tatsache, dass konservativ moralisierende Literatur in Übereinstimmung mit dem, was wir als moralisch, oder zumindest historisch moralisch zu akzeptieren gelernt haben, als weniger moralisierend wahrgenommen wird, als entsprechende nicht konservative Literatur, ergibt sich auch, dass moderne Literaten womöglich Wege zu finden haben, dieses Problem zu umgehen.

Vielleicht ist es zuletzt eine Frage der Übung. Ein Wolfgang Mosbach muss nicht lange darüber nachdenken, wie er zu formulieren hat, damit eine gewisse Leserschaft seine Texte als „einfach nur wahr“ anzusehen bereit ist. Die Werke von Thomas Pynchon allerdings zeigen, dass man, arbeitet man wirklich auf der Höhe dessen, was ästhetisch geboten sein sollte, mit linken, wenn nicht gar anarchistischen Tendenzen schreiben kann, ohne als Moralist wahrgenommen zu werden.

Zuletzt wäre die Frage der Moral in der Literatur durchaus noch einmal Interkontinental komperatistisch zu diskutieren. Denn weder hat es den Erfolgen Marquez und Bolanos geschadet, noch denen Roys und Rushdies, das alle vier die ein oder andere links-moralistische Passage in ihrem Werk inkorporierten.

Es scheint also nicht allzu weit hergeholt, dass die Bevorzugung und gleichzeitige Verdrängung konservativen Moralismus in der Literatur ein sehr europäisches, und so ungern ich diesen Begriff ansonsten gebrauche, ein alles in allem sehr weißes, Phänomen ist.

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