Verfasst von: Cyrano | November 16, 2014

Arno Schmidt, der Dichter

Mit Gutem Beispiel hernach.

Anlässlich des bevorstehenden 70. Jahrestages der Beendigung des Zweiten Weltkrieges und seines 100. Geburtstages gebe es einen doppelten Anlass,  Arno Schmidt zu lesen, befinden die Nachdenkseiten. Sind die Seiten auch sonst nicht gerade die erste Addresse für Literatur, enthält der Beitrag doch einige Interessante Betrachtungen, vor allem Reemtsmas. Ebenso ein älterer Text hier:

Vor einiger Zeit fand ich eine Arbeit von Sören Brandes zur Lyrik Schmidts, die ich zur Lektüre empfehlen möchte. Und seis nur, weil ich keine weiteren kenne. Vor allem finden sich dort auch ein paar Zitate aus Schmidts Gedichten, die durchaus denke ich eine eingehendere Beschäftigung lohnen. Z.B.:

Der goldgetränkte Himmel über mir
und das mänadische Gesöff in mir. –
[…]
Nachts schlitzen goldene Messer im Himmel;
Regen trabt, trollt, trabt. Dann wieder:
Maschensilber der Gestirne;
hakiger Mond verfangen im nachlässig hängenden.
Gegen 5 johlt der Zug durch Cordingen.
Verbreitet am Morgen Brandmale der Wolken:
wieder versah sich der Äther am Irdenen. Oder auch:
riemenschmal in olivne Himmelshaut gepeitscht.
Rauch beginnt krautig und wachsgelb: aus jenem Dach!
Der Mond erscheint ernst und blechern
in Gestalt eines Menschenauges
im Kalkblauen über Stellichte.

Auch erfährt man, wie gering Schmidt die Lyrik schätzte

“»ich mag Gedichte nicht«, versetzt einer der Schmidtschen Ich-Erzähler, und auch inessayistischen und theoretischen Schriften findet sich kaum ein gutes Wort:»Zum lyrischen Gedicht bedarf es nur eines beneidenswert kurzen Darms; und schon der Ablauf 1 einzigen Tages widerlegt alle Lyrik: dem wechselnden Tempo von auch nur 24 Stunden wird nur gute Prosa gerecht«.”

Und dass er insbesondere den Reim verabscheute

“Schmidt tritt vehement für den Primat des Inhalts über die Form ein: Die Form habe dem Inhalt adäquat zu sein, nicht umgekehrt. Traditionelle Metren und Reimschemata können aber einer Welt nicht mehr gerecht werden, die zwei Weltkriege und den Holocaust hervorgebracht hat”.

Daraus schließe ich (möglich: etwas vorschnell) dass auch ein großer Schriftsteller ein sehr eingeschränktes Verständnis von Lyrik haben kann (Eliot, Celan etc nicht kannte/kennen wollte?), und dass ein starker Stilist unbedacht über formales schwätzen kann, und sich sofort praktisch selbst widerlegen.

Denn auch Schmidt nutzt selbstverständlich, wo er Lyrik verfasst, das gesamte stilistische Arsenal. Assonanzen, Anaphern, den Zeilensprung usw, oben etwa die Klangfolge “hängenden … Cordingen … irdenen”. All diese traditionellen Formelemente sollen akzeptabel bleiben, nur der Reim dem Verdikt der Geschichte anheimfallen? Also bitte.

Sicher, die Form des Gedichtes hat den Gegenstand zu durchdringen (s.o.). Und die Textbeispiele in denen der Reim nur formales Beiwerk, Konvention ist, sind Legion. Aber heißt das, dass der Reim stets inadäquat sein muss?

Auch der Reim hat im Gedicht seinen Platz, die formalen Schwierigkeiten die er mit sich bringt zwingen nur dazu, nicht nachlässig zu sein. Bei jedem Wort, jedem Vers, sollte aus dem Gedicht sowieso erklärlich sein, warum es nur in dieser Weise und nicht anders dort stehen kann. Für Reime gilt das gleiche, aber nicht mehr.

Möglich natürlich, dass Schmidt genau darauf hinweisen wollte. Von Brandes lernen wir auch, dass Schmidts Werk der Reim nicht ganz fremd ist. Allerdings ist der Affekt gegen den Reim unter vielen modernen Lyrikern ebenso selbstverständlich heute, wie unter den Traditionalisten die Phrase: “Das soll ein Gedicht sein? Das reimt sich ja gar nicht!”, dass es mir manchmal notwendig scheint dem geprügelten Reim beizuspringen. Auch vorauseilend, und gegen einen Autoren vom Format Schmidts.

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