Verfasst von: Cyrano | Juni 18, 2013

Gedanken zu Forugh Farrochsad – 4 Jahre Später

Behutsame Aktualisierung eines alten Textes. Sowie ein Vorwort.

Gerade wurde im Iran gewählt. Warum es keinen Reformkandidaten geben kann erklärt dazu treffend Gerd Buurmann. Weiteres zum Thema findet sich zum Beispiel im Iran Baham Blog.

Als nach den gefälschten Wahlen 2009 im Teheran Aufstände ausbrachen hatte ich einen Text zum Werk von Forugh Farrochsad veröffentlicht, das sich damals gerade kennen lernte. Ich denke der Text ist immer noch lesenswert, wenn man sich der reichen und durchaus sehr modernen Welt persischer Dichtung öffnen möchte. Ich hoffe durch die Zweitveröffentlichung hier aber auch noch einmal daran zu erinnern, wie schmählich die versuchte Revolution von 2009 vom Westen verraten worden ist (der dritte Teil meiner Ausführungen zu Heidegger verschiebt sich damit um eine Woche). Material zu 2009 ff findet man vielleicht noch auf dem Blog Free Iran Now.

Ein paar Bemerkungen zum Text: ich hatte damals Farrochsad ausgerechnet mit Autoren der Beat-Generation in Verbindung gebracht. Das lag einerseits an der mir vorliegenden Übersetzung, andererseits vielleicht auch an persönlichen Vorlieben. Meine Assoziation war damals aufgrund meiner Textgrundlage eine rein inhaltliche, ich untersuchte, wie die Dichter sich zur Welt verhalten. Übergangen wurde dagegen größtenteils die Frage wie die Dichter die Welt bearbeiten. Ich habe mir zuletzt die Mühe gemacht Forughs Werke im Original anzuhören, und den Versuch, nicht immer erfolgreich, gewagt, sie auf Deutsch interlinearer mitzulesen (Bsp. hier). Dabei fällt eine sehr viel reichere klangliche Strukturierung des Werkes auf, als man sie im deutschen nachvollziehen könnte. Einerseits ist das eine Eigenart der persischen Sprache, die sich vom Shahnameh bis zu Shamlou in der Dichtung bemerkbar macht. Andererseits dürfte Farrochsad, die, wie im folgenden auch noch ausgeführt werden wird, die europäische Moderne genau studierte, hier womöglich auch bewusst an Eliot & Co anklingen, weniger auf jeden Fall an Ginsberg, der sein poetisches Material sprachlich stets eher rustikal bis beinahe gewalttätig strukturierte.

Nun aber zu dem heute vier Jahre alten Text:

Eine Freundin empfahl mir vor kurzem den Sammelband „Jene Tage“ der in Iran geborene Lyrikerin Forugh Farrochsad. „Musst du lesen“. Musste ich. Und nicht nur, weil Europa sich zur Zeit endlich mal dazu bequemen könnte, den ein oder anderen differenzierten Blick auf die gesellschaftliche Situation in Iran zu werfen.

I

Manchem wäre angesichts derzeitiger Entwicklungen die Tatsache, dass Farrochsads Werke heute in Iran einerseits verboten sind, andererseits, wie aus verschiedenen Quellen verlautbart wird, ihre Texte gerade als Zeichen „stiller“ Dissidenz gerne zitiert werden sollen, vielleicht Grund genug zu der einzigen hier bekannten iranischen Lyrikerin zu finden. Politisch gemeinte Reduktion täte aber, wogegen ich mich verwahren möchte, dem Werk Unrecht. Ohne gesellschaftliche Umstände, soweit sie sich mir erschließen, bei Seite lassen zu wollen, beginne ich daher mit ein paar ersten Eindrücken, eng am Wort:

„Du Siebenjahr

Du wunderlicher Augenblick des Aufbruchs

Was nach dir kam, verging in einem Meer von Wahn und

Dummheit

Nach dir zerbrach das Fenster

Das quicklebendige, leuchtende Bindeglied

Zwischen uns und den Vögeln

Zwischen uns und der Frühlingsluft

Es brach

Zerbrach

Zerbrach…“

So beginnt Farrochsad ihr Gedicht „Nach Dir“, an dem sich einige der ins Auge springenden Besonderheiten recht gut herausstellen lassen, so die variierte Wiederholung, die das Werk durchzieht. „Es brach … Zerbrach … Zerbrach“ die Strophe franst aus, das Wort verhärtet sich. Wo das Brechen anfangs klein noch, prädizierend, ein „Es“ meint, „Fenster… Bingeglied“ wächst es zum Faktum, zum Fatum. Wort-Satz, der alles einschließt: „Zerbrach“. Danach wird der Text blockhafter, verliert den tänzeldnen Rhythmus in langen, brutalen Zeilen, aufgereiht:

„Nach dir erschlugen wir das Lied der Grillen

Und schenkten unser Herz dem Klappern der Lettern

Und dem Klang der Fabriksirenen“

Der „Augenblick des Aufbruchs“ schlägt in Wahn um, Freiheit in formale Gleichheit. Das Wort stößt (graphisch) auf eine sprachlose Barriere:

„Und verspielten, wie verspielten deine Farbe, Siebenjahr

……………………………………………………………………………………………………….“

Es folgt ein Text, der nur zu imitieren scheint, was in den ersten beiden Strophen noch an Hoffnung durchklang:

„Es heulte der Wind

Es heulte der Wind, du Siebenjahr

Und ich stand auf und trank ein wenig Wasser“.

Das Profane wird zum Gegenstand unter Anderen, diffamiert das Erhabene, das im Regress nicht zu finden ist: „Es atmet der Tod unterm Schleier unsrer Großmutter“; allerdings auch im Fortschritt nicht eingelöst wurde: „Wieviel hat man / für das Wachsen eines solchen Würfels aus Beton zu zahlen“. Es bleibt die Resignation, die sich textlich niederschlägt in der Formulierung des eigentlich zu Banalen: „Alles was wir zu verlieren hatten / haben wir verloren“, sowie stilistisch in der Reduktion des Klangs, etwa durch das einsparen von Assonanzen und verstreuten Reimen wie „was nach dir kam verging in einem Meer von Wahn…“.

Dabei muss natürlich im Hinterkopf behalten werden, dass „Jene Tage“ mir nur in der Übersetzung vorliegt, und definitive Aussagen zu Form und Stil mit Vorsicht zu genießen sind. Ungeachtet dessen beeindrucken beim ersten Lesen die freien, doch wohl gewählten Rhythmen, das lockere, nicht anarchische Metrum, die komplexe, aber nicht hermetische Bildersprache. Vor allem aber auch das Spröde, gegen den Strich Gebürstete, dass vielleicht aus derm Spannungsverhältniss der subjektiv-individalistischen Schreibweise, der angreifbaren Position des noch-nicht-gleichen im Angesicht der Objektivierung entspringt. So:

„Ich habs geschafft.

Ich bin jetzt registriert

Ich habe mich mit einem Namen

In einem Ausweis ausgezeichnet

Und meine Existenz mit einer Nummer

amtlich beglaubigt“

quittiert Farrochsad die Absurdität einer verwalteten Welt, als Lobgesang, zynisch. „Iran, Iran über alles“ heißt das Gedicht, und wer an deutsche Gründlichkeit sich hier erinnert fühlt, trifft sicherlich den Nerv…

II

Mich erinnert, wenn ich Farrochsad innerhalb der von mir favorisierten Lyrik verorten sollte, auf den zweiten Blich einiges an die Beat-Tradition, die zumindest in ihren klareren Momenten, in ganz anderen Umständen eine ähnliche Dialektik von Lob des Fortschritts und latenter Apokalyptik entwickelt hat. Auch Allen Ginsberg montiert Profanes und Abgründiges, wenn er in A Supermarket in California deklamiert:

„I saw you, Walt Whitman, childless, lonely old grubber,

poking among the meats in the refrigerator and eyeing

the grocery boys.

I heard you asking questions of each: Who killed the pork chops[?]“

Vor allem aber ist bei ihm wie bei Farrochsad der Rhythmus nur scheinbar frei, viel mehr aber Zwang von Gesellschaft und Produktion. In HOWL wird das deutlich wie nie zuvor oder später in Ginsbergs Werk, da sich das über das gehetzte Atmen des Einzelnen, der nur noch als Typ gedacht werden kann, die Stadt als äußerliches legt, daher als „All“, als „ancient heavenly connection“, vergöttlicht werden muss, was doch nur in der „Irrenanstalt“ enden kann:

“angelheaded hipsters burning for the ancient heavenly

connection to the starry dynamo in the machinery of night,

who poverty and tatters and hollow-eyed and high sat

up smoking in the supernatural darkness of

cold-water flats floating across the tops of cities

contemplating jazz,”

Ein wenig beschaulicher, weniger hektisch klingt das bei Farrochsad, und doch wirkt das Miteinander von Selbstbehauptung und Verlusst vergleichbar:

„Und im Land der Dichter und der Rosen der Nachtigallen

zu leben ist ein Geschenk …

… und mein erster rechtlich anerkanntes Atemholen

wird durchtränkt vom Duft von … Rosenzweigen

hergestellt im riesigen Fabrikhaus der Firma Plasco.“

Es scheint die Wahrnehmung der Schlechten als der „Besten aller Welten“ (Kerouac), übertragbar, einer zynischen Überspitzung des Alltäglichen, das nach bestimmter Negation verlangt. Verlangt, auf diese Welt als Jene zu reflektieren die zwar den Widerspruch erst ermöglicht, doch ihn auch erzwingt.

Ein Ausweg, den die meist männlichen Beatpoets oft naiv propagieren, die Sublimation durch „freie“ Sexualität, bleibt Farrochsad verwehrt: „Die Lampen der Beziehung sind erloschen …“ schreibt sie über die Zweisamkeit, um zu schließen: „Behalte den Flug im Gedächtnis, der Vogel ist sterblich“.

III

Forugh Farrochsad wurde in eine Familie geboren, deren Oberhaupt als einer der Träger der sekulären Reformen Resah Schahs fungierte. Sowohl politisch als auch innerfamiliär ging dieser scheinbar liberale Reformismus mit einer Politik der starken Hand einher, die die patriarchalischen Formierung der Gesellschaft noch begünstigte. Zwar stellte die „Weiße Revolution“, wie es auch Farrochsads Weg deutlich macht, für eine nicht unerhebliche Anzahl von Frauen die Möglichkeit dar, höhere Bildung zu erlangen. Jedoch war dieser Schritt zur Emanzipation innerhalb der vom Vater vorgegebenen Grenzen zu vollziehen. Die ewige Abhängigkeit, die Farrochsad in einer frühen Heirat sich Freiheit erhoffen lies, schlägt sich in ihren frühen Zeilen nieder, in “Gefangen”, etwa, wo die Sehnsucht inhaltlich wie formal noch mit dem Streben nach höherer Ordnung verwebt ist:

„Ich schaue traurig, staunend in dein Angesicht

Die hinter klaten Gitterstäben ich gefangen bin

Ich träume, einmal käme eine große Hand

Und ich wär plötzlich frei und flöge zu dir hin“

Beinahe eingelöst wird Farrochsads Vision in der Ehe mit Parwis Shahpur. Dieser Unterstützt zwar Farrochsads künstlerische Entwicklung, allerdings unter dem Vorzeichen einer „gönnerhafte[n] Bevormundung“, die repressiver wird, je mehr eben diese Entwicklung die Vormachtstellung Shapurs unterminiert. 1955 bringt Farrochsad folgendes zu Papier:

„Ich weißt schon, dort in jenem fernen Haus

Herrscht keine Lebensfreude mehr

Ich weiß schon, ein verlaßnes Kind

weint bitterlich und grämt sich sehr

Ich aber hab verwirrt und tief bedrückt

Den Weg der Sehnsucht eingeschlagen

Der Vers ist mein Gefährte, mein Geliebter

Um seinetwillen muß ich alles wagen“

Das Getriebensein zwischen Freiheit und Schutz wird auch spätere zwischenmenschliche Beziehungen der Dichterin prägen, etwa die mit dem Lyriker Nader Naderpur. „Ihre Lyrik habe andere zwar beeinflusst, sie selbst aber werde vergessen werden“, urteilte der 1980 im Exil über seine frühere Freundin. In diesen Worten, lässt sich vielleicht sagen, ist die ganze Tragik einer modernen Dichterin in einer zutiefst patriarchalen Gesellschaft gefasst: Selbst jene, die die Modernisierung anerkennen und loben, verzeihen es doch Farrochsad nicht, dass gerade sie den Anstoß gegeben hat, so radikal anders zu schreiben:

„Ich will das Maß der Zeilen lassen

Ich will das Silbenzählen lassen

Und aus den starren und begrenzten Formen

Suche ich Zuflucht in den offnen Weiten des Gefühls“

So wies Farrochsad noch in „Glauben wir nur an den Beginn der kalten Jahreszeit“ auch des alten Goethes Sehnsucht nach klarer Ordnung (mit Hinblick auf Ferdusi wünschte der sich, “doch auch die Wiederholung lieben” zu können), zurück. Ob sich die 1967 an den Folgen eines Verkehrsunfalls gestorbene Dichterin aber hätte vorstellen können, das eine Zeit kommen könnte die, den Fortschritt im Munde führend, noch hinter die von ihr thematisierten Konflikte und Zwänge zurückfallen könnte? Eine Zeit, in der für sie, als Dichterin, nur noch geflüstert Platz sein könnte? 1963, als Chomeini gegen die Weiße Revolution die Proteste anführte, die ihn vorerst ins Exil bringen sollten, äußerte sich Farrochsad nicht. Aber 1967 schreibt sie, in ihrem längsten und vielleicht bekanntesten Gedicht, unter Anderem folgendes:

„Das bin ich

Eine einsame Frau

An der Schwelle zur kalten Jahreszeit

Im Begriff, das besudelte Sein der Erde zu begreifen

Das bloße, heulende Elend des Himmels

Wie ohnmächtig sind diese Hände aus Beton

Ein Mann geht unter nassen Blumen lang

Die Blauen Linien seiner Adern sind

An beiden Seiten seiner Kehle hochgekrochen

Und liegen dort wie tote Schlangen

In seinen wüsten Schläfen hallen

Blutige Silben wieder

>> Ssaalam<<

Wie kann man Zuflucht suchen bei der Weissagung

Betrogener Propheten

Wie die Toten tausender und abertausender von Jahren

Werden wir uns wiedersehen

Und die Sonne wird

Über die Zersetzung unsrer Körper richten.

Glauben wir nur an den Beginn der kalten Jahreszeit…“

Nun sollte in den Text nichts hinein gelesen werden, das höchstens, und auch das bleibt Spekulation, als Ahnung angelegt ist. Dieses Tabu aber ist vielleicht zu brechen, (oder bricht sich selbst), wenn ein gesellschaftlich-politischer Komplex sein repressives Antlitz unverhüllt zeigt. „In seinen wüsten Schläfen hallen/blutige Silben wider“.

Erst wenn solche Worte zeitlos werden, dann könnte das Mindestmaß an Freiheit, nehme ich mir heraus zu behaupten, dass auch Farrochsad gemeint haben muss, verwirklicht sein.

Oder?

Links von Interesse:

http://dvdbiblog.wordpress.com/2007/08/02/forough-farrokhzad/

http://artbookep.wordpress.com/2009/10/05/5/

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