Verfasst von: Cyrano | Juli 27, 2014

Dummheit als Triebfeder der Literatur…

Der neurotische, leidende Charakter hat seinen Zenit überschritten.

Die traurigste Szene in Tolstois Anna Karenina ereignet sich relativ zu Beginn des Romans. Es ist der Tod von Vronskijs Pferd.

Dieses arme Tier. Zu Schande geritten von einem geltungssüchtigen Gecken, verreckt es jämmerlich als völlig unschuldiges Opfer der Umstände. Ganz im Gegensatz zu Vronskij und Anna Karenina, die ihr Schicksal im Großen und Ganzen durchaus in den eigenen Händen halten.

Gewiss, dass Anna Karenina in einer arrangierten Ehe mit einem recht ordentlichen aber langweiligen und oft gefühlskalten Mann unglücklich wird, ist nur allzu verständlich. Dass ihre Triebe und ein Bedürfnis nach Freiheit und “unverstellter Menschlichkeit” sie dem lebenslustigen Vronskij zuführen ist beinahe folgerichtig. Der Ehebruch und die neue Liebe sind Anna nicht vorzuwerfen. Gleiches gilt natürlich für Vronskij. Zudem ist dieser nicht einfach ein Aufreißer, sondern in der Folge wirklich bereit große Opfer für Anna Karenina zu bringen. Von Vronskij bekommt Anna alles, was sie in Folge ihrer Entscheidung wünschen kann. Er erkennt ohne zu zögern das uneheliche Kind an, er bietet ihr ein genussreiches Leben zuerst in Europa, dann auf einem Landgut, das er extra für die Geliebte hergerichtet. Er nutzt sie nicht, wie man es von vergleichbaren Romanen gewöhnt ist, aus und lässt sie fallen, sondern kämpft den entbehrungsreichen Kampf für ein gemeinsames Leben.

Mit etwas Geduld hätte sich womöglich sogar die Problematik rund um Annas Sohn Serjoscha regeln lassen, Karenins Zorn immerhin verraucht mehr und mehr seit Annas Beinahetot im Kindbett. Natürlich muss Anna einige Einbußen in ihrem gesellschaftlichen Leben hinnehmen, aber selbst hier stehen ihr die Türen zu Kitty, Lewin, Dolly und einigen anderen weiterhin offen. Und wer sagt, dass man nicht in Europa, beispielsweise in Frankreich, wo man unbeschwerte Wochen verbringt, hätte ein neues Leben anfangen können? Wirklich verzichten muss Anna allein in Moskau (!) auf die glitzernde Welt der Bälle, der Oper und des Theaters.

Und dennoch entwickelt Anna bald eine unbändige Wut auf ihren Liebhaber, der sie vor Gerede zu schützen bemüht ist, und unterstellt ihm in der Folge emotionale Kälte sowie Affären oder zumindest Betrugsabsichten. Natürlich eine klassische Projektion: Anna, die mit den Konsequenzen ihrer eigenen Entscheidung nicht zurechtkommt sucht ihre Verfehlungen in anderen, und kann sich so eine Zeit lang moralisch überlegen fühlen. Das ist nicht von Dauer. Anna, die sich tatsächlich selbst als gefallen wahrnimmt, versucht die in Wahrheit nie verlorene Liebe von Vronskij zu erzwingen, und tötet sich aus diesem Grunde letztendlich selbst. Ihr Suizid ist eine Handlung nach dem Motto „wenn ich erstmal nicht mehr da bin werdet ihr schon sehen was ihr an mir hattet”. Suizid aus Rache.

Tolstoi hat in Anna Karenina im Gegensatz zu populären Sichtweisen keine tragische Heldin gezeichnet, die im Räderwerk der rückständigen Gesellschaft zermalmt wird, sondern eine neurotische Heldin, die man in ihrem Wahn beinahe als komisch bezeichnen könnte. Sie ist ein Beispiel für die Orientierungslosigkeit moderner Individualität und das daraus erwachsende Anspruchsdenken. Anna geht an der eigenen Anspruchshaltung zu Grunde und nicht einfach nur, und objektiv, an der Welt.

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Damit ist Tolstois Roman ein relativ frühes Beispiel einer nicht kleinen Teilmengen der modernen Literatur, in der Selbstüberschätzung, Dummheit und Neurosen zu zentralen Handlungselementen werden. Texte, bei denen der Leser oft geneigt ist sich an den Kopf zu greifen und auf die zahlreichen Reflexionen der Protagonisten, warum denn alles so grausam und schwierig sei, zu antworten: “Weil du dumm bist. Dumm, verdammt noch mal, du bist dumm, unglaublich dumm!”. Handlung schreitet nur noch deshalb voran,  weil die  Protagonisten die in ihrer jeweiligen Situation  idiotischsten, am wenigsten Zielführenden Entscheidungen treffen. Die Suche nach der verlorenen Zeit etwa wird spätestens mit dem Zusammenleben Marcels und Albertines einzig und allein von den gegenseitigen Verdächtigungen, Intrigen und Treuetests des krankhaft eifersüchtigen Pärchens vorangetrieben. Trennung, Selbstmord, was auch immer sonst: Alles abseits der Obzession hätte den Roman unmöglich gemacht. Thomas Hardys berühmtes Tess of the D’Urbervilles wäre nach einem Drittel der tatsächlichen Romanlänge vorbei, würde die Titelheldin nicht ihre eigene Vergewaltigung als Promiskuität erfahren, und würde ihr prospektiver Ehemann nicht wider selbsterklärtes besseres Wissen diese Perspektive übernehmen, und Tess „Abenteuer“ gleichzeitig als schlimmer gewichten als die eigene ganz reale Promiskuität. Und dennoch hätte für Tess die Welt nicht untergehen müssen. Wie wir aus Romanen von Jane Austen, George Elliott, und eigentlich spätestens seit Chaucers Wife of Bath wissen, hält sich unter Bauern, Arbeitern und Kleinbürgern das Stigma, das mit einer Ehescheidung oder vorehelichem Geschlechtsverkehr einher geht, durchaus in Grenzen. Sogar in Tess of the D’Urbervilles weist die Mutter auf diese Tatsache hin. Gerade ein hübsches Mädchen wie Tess hätte sich höchstwahrscheinlich noch vorteilhaft verheiraten können, oder eben weiter von der eigenen Hände Arbeit leben, wie sie es lang erfolgreich leistete. Stattdessen begibt sich Tess auf ihre hysterische Reise in Richtung Stonehenge, wo sie dann seelig stirbt. Wie romantisch!

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Nun ist es sicher nicht der Faulheit oder Einfallslosigkeit moderner Autoren geschuldet, dass die Neurose als treibendes Handlungselement ab der zweiten Hälfte des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts immer größeren Raum einzunehmen beginnt. Das klassische Drama verlangte nach großen Konflikten, unauflösbaren Dilemmata, nach Protagonisten, die obwohl prinzipiell stark und handlungsfähig, von ihnen nicht letztendlich beeinflussbaren Gewalten und Dynamiken ausgeliefert sind. Solche Dynamiken gibt es auch in der Welt des sich entfaltenden Kapitalismus noch zur Genüge, aber in ihrer Abstraktheit sind sie deutlich weniger dramentauglich als die politischen Intrigen des Absolutismus, oder die “ernsten Scherze” der Götter der antiken Tragödien. Die neugewonnenen Freiheiten in der bürgerlichen Gesellschaft aber, und ihre widersprüchliche Stellung zu den dann doch überraschend mächtigen offenen und subtilen „Sachzwängen“ bringen eine neue Art von Charakter hervor: Dieser schafft sich nun seine eigenen Dilemmata. Die treffende Zuspitzung dieser bis heute weit verbreiteten Charakteristik ist der neurotische Charakter, sei es heute in verträglicher Form, etwa in Ally McBeal, oder eben die volle Dröhnung, wie in Anna Karenina. Diese Form der Zuspitzung ist nicht falsch und hat durchaus auf die Gesellschaft in der sie entstand und entsteht bezogen ihre analytische Berechtigung.

Oder vielmehr: Hatte sie. Durch die immer gleiche Wiederholung wird eine Einsicht zur “Trope“, und eine Trope schal. Längst ist es an der Zeit zu sagen: „Schluss damit!“ Keine “Herr Lehmanns” mehr, keine “Harry Potters”. Keine obzessiv verliebten Billerschen Helden mehr und keine orientierungslosen, von Selbstzweifeln geplagten Intellektuellen á la Paul Auster. Das Thema ist durch. Die nächste Romanze nach dem Muster von Heathcliff und Cathy wird auch nicht besser sein als das unerträgliche Original. Und bitte, bitte hört auf uns Neurose und Selbstkasteiung als heroisch, als tragisch verkaufen zu wollen oder reine Dummheit als handlungstreibendes Element…

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