Randbemerkungen.
“Die zivilisierten Nationen haben Deutschland im Grunde immer Verabscheut. Sie bewiesen einen guten Instinkt” – so steht es in Klaus Manns Vulkan.
Am Rande meiner Ausgabe ist notiert: “Eine bestechende Formulierung. Leider ist es aber recht fraglich, ob es überhaupt zivilisierte Nationen gibt”.
Dass diese Frage zu stellen gerechtfertigt, sie im Bezug auf Deutschland zu stellen aber fast revisionistisch ist, dass der Versuch, Nation & Zivilisation zu verknüpfen nur Sinn macht aus der Situation, aus der Klaus Mann den Vulkan schrieb, dass der Begriff Zivilisation allein positiv zu besetzen ist, grenzt man ihn gegen den relativistischen der “Kultur” ab, all das soll heut mal nicht Thema sein.
Nein, ums Schreiben in Bücher geht’s, um Randbemerkungen, um die Entweihung der heiligen Seiten, um die Profanisierung des Wortes, um … ach, ich kann so ja doch nicht weiter machen. In Bücher zu schreiben, das ist ein Unding. Der Student tut’s, weil er es muss, Mutti tat’s, weil die Rezepte, die sie im Kochbuch fand, reale Familien doch nie ernähren konnten, Vater schreibt heut vielleicht auch ins Kochbuch, aus eben diesen Gründen. An sich aber, an sich aber ist das Buch An Sich für die Schrift aus zweiter Hand tabu. Oder nicht? Hand aufs Herz!
Dass man nicht in Bücher schreibe, ist das nicht vielleicht die letzte Heimstadt der Religiosität des Bildungsbürgers? Die letztendlich institutionalisierung des Warenfetisch? -
- Die Ewige Gültigkeit des Wortes? Die Unantastbarkeit jungfräulichen Papiers? Jungfräulichen Papiers: Ich habe das nicht erfunden, mancher sagt das wirklich so.
Eine Zeit lang habe ich mich geweigert, in Bücher zu schreiben. Wird das schöne Buch dadurch nicht zugerichtet? Verfälsche ich nicht, was darin geschrieben? Sieht es im Schrank später noch so hübsch aus, wie es vorher aussah? Und, ein wenig pragmatischer Gedacht: Lenken mich die Kritzeleien nicht ab, sollte ich selbiges Buch später noch einmal lesen? Die Zeit, während der ich nicht in Bücher schrieb, war eine Zeit der regelmäßigen Pleite, des dauernden Geldmangels. Tatsächlich habe ich mir gedacht: Vielleicht musst du die Bücher noch mal verkaufen, wie Cottard in “Die Pest”. Warum auch nicht? Also habe ich mir im Bezug auf interessante Texte Zettelsammlungen angelegt, die heute größtenteils verloren sind.
Dass das Buch unantastbar sei: in diesem Denken manifestiert sich der ultimative Triumph der kulturindustriellen Ware. Das ist auch: Der letztgültige Triumph der Form über den Inhalt. Fast schon wie der Comic, der für den Sammler nur eingeschweißt seinen Wert behält, ist das Wort nur unkommentiert gültig. Davon getrennt, wird, in dem was man heute Kritik oder Analyse nennt, der Kommentar selbst zur nicht zu verändernden Ware. Und wo der Inhalt nur in einer bestimmten Form akzeptiert wird, ist es zu Tilgung des Inhalts nicht weit. Wer sein Buch, sein wunderschönes Lieblingsbuch, nun gerade zwischen Wut und Wehmut schwankend im Regal betrachtet (das, was darin steht, geht dir über Alles) mag widersprechen. Aber sind wir ehrlich: Würde die hübsche Miniatur einer Moai-Skulptur den Platz nicht ebenso gewinnbringend einnehmen?
Ich würde gerne ein Buch in die nächste Bücherei geben, eines, das per Klappentext dazu aufruft, sich Gedanken zu machen und diese mitzuteilen. Literatur hat, wie jede Theorie, ihren Zeitkern. Den zu erkennen, grad es wie im Kochbuch erkannt werden muss, wenn “normale” Portionen keinen Menschen satt machen, ist die Aufgabe des Lesers. Warum das Erkante nicht mitteilen? Ja, die Angst ist groß: Bald wird jeder seine Meinung sagen, bald kommentiert man Tolstoj wie das nächstbeste You-Tube Video. Nun, das Buch will immer noch gelesen werden. Und als ich mich mit der Sekundärliteratur zu Goethes Studien zum West-Östlichen Diwan auseinandersetzte, fand ich an einer Stelle, die eine recht kreative Auslegung des Islam durch Goethe wiedergab, folgenden youtubesquen Kommentar: “Arschloch”
Selbst das fand ich recht erhellend.
Du solltest mal meine Ausgabe der Minima Moralia sehen. Marginalien verraten auch, in welche Richtung man einmal gedacht hat. Das ist mitunter sehr interessant zu lesen. Profi ist, wer die verschiedenen Ebenen von Bleistiftgekritzel noch auseinander halten kann.
Manche Bücher werden für mich auch wirklich wertvoll, wenn ich dort vor Jaahren hineingekritzelt habe. Ich ärgere mich zum Beispiel, dass ich irgendwem meine Ausgabe der Ansichten eines Clowns ausgeliehen habe und nun nicht mehr weiß, wer es denn hat(te). Das gleiche passierte mir schon mit Stan Nadolny.
Ich hatte nie diesen Respekt vor Büchern, der mich daran gehindert hätte, in sie hineinzuschreiben. Allerdings benutze ich ausschließlich einen Bleistift dazu. Manch Kommentar möchte ich nach Jahren nicht schon wieder lesen müssen.
Von: UnderTakeThisLaw am Juli 15, 2010
um 9:50 vormittags
“Profi ist, wer die verschiedenen Ebenen von Bleistiftgekritzel noch auseinander halten kann.”
Mein Meistkommentiertes Buch war Finnegans Wake von Joyce. Wie hab ich mich gefreut als ich später feststellen durfte, dass das was ich mit dem Buch angestellt hatte (Wortsegmente einkringeln & Worte aufspalten, um die Bedeutungsebenen aus den verschiedenen Sprachen zu erschließen) als auch Teil der “Übersetzung” von Stündel durchging…
… aber leider “War”. das Buch hat einen Wasserschaden nicht überlebt und ist verschimmelt…
“Manch Kommentar möchte ich nach Jahren nicht schon wieder lesen müssen.”
Jepp, das offenbart geistige und seelische Abgründe. Kann allerdings auch ganz lehrreich sein.
Von: Cyrano am Juli 15, 2010
um 10:20 vormittags
Danke fürs ‘Plädoyer’!
Soll ich dankbar sein, dass ich mir die Frage – “entweihen” oder nicht – nie gestellt habe? Mais oui. Ein frühes Foto zeigt mich beim hingebungsvollen Rumkritzeln in einem Bilderbuch. Offenbar wollte das jemand lieber dokumentieren als rumzuschimpfen. Was nicht an der Missachtung von Büchern gelegen hat. Alles war voll davon, und bei jeder Gelegenheit bekam man eines, für das man jetzt endlich “reif” war, in die Hand gedrückt. Andere hatten Striche am Türrahmen, ich hatte Bücher fürs “So groß bist du schon” – in a way. Dafür habe ich jetzt ein anderes (finanzielles und Platz-) Problem: Ich kann mir einfach keine Bücher ausleihen! Jedes (!) von mir gelesene Buch muss meins sein! Ich willwillwill ‘kommentieren’ können, bin ein brutaler Buchrückenbrecher, schleppe die Dinger überall mit hin und überhaupt…
Rereading commentaries – oh je! Notfalls kann man sich übers Überwundenhaben freuen oder so ähnlich. Just a thought!
Mein meistkommentiertes Buch ist ehrlich gesagt nunmehr “Der Schwarm” – das kann niemand mehr lesen. Was war ich wütend! Völlig unkommentiert geblieben ist The Comfort of Strangers. Too shocked to rant.
Von: J6ON am Juli 17, 2010
um 9:02 nachmittags
Ich dafür habe mir die Frage “trifft ‘Entweihen’ das richtige” gestellt… es könnte ja schon ein wenig Bücherfeindlich klingen
Aber solange dem Festgeschriebenen eine sakrale Bedeutung zugemessen wird, vor der der Gedanke in Ehrfurch zu erstarren hat, stimmt´s schon…
Bücher ausleihen, und dann eben ohne Notizen, oder mit Zetteln lesen muss ich. Da beugt sich meine Freiheit der (ökonomischen) Notwendigkeit, allerdings ohne Einsicht und widerstrebend. Dann widerum: ein volles Bücherregal verleitet dazu, sein Wissen als an der Wand für die Ewigkeit gewahrt zu verdinglichen. Und zur Bücherei dackeln zu müssen zwingt aus der eignen Klause raus…
Ich hatte immer das Gefühl, die Anzahl der Kommentare steigt mit der Qualität des Buches… ist ‘Der Schwarm’ nun die Ausnahme von der Regel, oder steht ein Paradigmenwechsel ins Haus?
Von: Cyrano am Juli 22, 2010
um 6:38 nachmittags
Neben dem Studium in zwei Buchhandlungen zu arbeiten (davon eine mit einem Modernen Antiquariat – Remittenden sind etwas Wundervolles) war in der (!) Hinsicht ausgesprochen vorteilhaft. Damit kann man einen hervorragenden Grundstock aufbauen. Und volle Bücherregale sind meine Rettung um 3am (eternal
).
“Der Schwarm” ist wie a.a.O. bereits beschrieben aufgrund von Empörung ganz und gar nicht entweiht, sondern definitv ‘angereichert’ worden… Sonst hält es sich hier die Waage, nicht die Quantität sondern die Qualität der Anmerkungen und vor allem der ‘Illustrationen’ gibt Aufschluss über die Qualität des Textes. Wobei ich das eines Tages eventuell überprüfen sollte…
Von: J6ON am Juli 24, 2010
um 8:36 nachmittags
Könnt ihr nicht evtl. diese fiesen “snapshots” abstellen (die komische website vorschau)? die nerven ungemein, gerade bei langsameren Verbindungen…
Von: spatenschorsch am Juli 26, 2010
um 11:15 nachmittags
Ich glaube, die kannst du auch bei dir abstellen. Weiß aber grad nicht genau wie. Ich guck mal, ob ich die auch für die gesamte Seite deaktivieren kann, mir gehen die auch auf den Nerv. Aber jedes mal, wenn ich den PC neu gestarte hab, sind sie wieder da…
Nachtrag: Am rechten, unteren Rand des “Snapshots” ist ein kleiner Trigger: “Turn site previes off”. Der Erledigt das Ganze zumindest fürs erste.
Von: Cyrano am Juli 26, 2010
um 11:18 nachmittags
Design -> Extras -> mShots Seiten-Vorschau auf diesem Blog aktivieren
Von: schorsch am Juli 27, 2010
um 1:55 nachmittags
design – extras – mshot…
Von: 9oi0 am Juli 27, 2010
um 3:00 nachmittags
Sehr schöne Reflexion.
Ich selbst hatte Bücher in Bibliotheken mit Zetteln und Kommentaren versehen, aus purem propagandismus. Dann aus Trotz unterstrichen. Dann irgendwann angefangen, mir selbst Bücher zu kaufen und in diesen zu unterstreichen. Da ich viel im Bus lese, war ich förmlich gezwungen, ein Geodreieck zu benutzen und einen Druckbleistift – eine Methode, die ich nicht mehr missen möchte und die mich zu Naserümpfen über alle verwackelten Unterstreichungen antreibt.
Von: Nichtidentisches am Januar 8, 2011
um 4:15 nachmittags
Ganz früher jedoch lieh ich Kinder- und Jugendbücher aus und riss kleine Ecken aus den Seiten, die ich wie Kaugummi zerkaute. Der Geschmack und Geruch von gut abgelagertem Bibliothekspapier – unvergesslich. Heute weiß ich, dass es für Papier essen sogar ein Fremdwort gibt, das mir partout nicht einfallen will.
Von: Nichtidentisches am Januar 8, 2011
um 4:17 nachmittags