Verfasst von: Cyrano | August 3, 2010

Bild des Bahnhof

Der Menschheit Innres von außen

Der Bahndamm hat etwas von Wildnis, ohne dass ihm etwas Ursprüngliches zukommen würde. So verkörpert der Bahndamm die Wahrheit über die Wildnis, die eine solche nur wird, wo der Mensch sie anblickt.

Der Bahndamm ist Wildnis zweiter Ordnung. War Wildnis (und damit Natur), Wildnis, weil sie menschlicher Gestaltung widerstrebte, so ist der Bahndamm, mag das Menschen widerstreben, notwendiges Bild von Wildnis, durch Gestaltung.

Große Provinzbahnhöfe zeichnen das Bild in einer Schärfe, die hinterm pittoresken Flair der Dorfbahnhöfe, und der kapitalgedeckten mondenität der Großstadtbahnhöfe nur unzureichend zu verschwinden vermag: Braune Steine erstrecken sich ins Nichts, begleitet, jedoch nicht eingerahmt von schnurgeraden Schienen. Die Wahrheit, dass die Steine aufgeschichtet werden die Schienen zu stützen, bricht die aesthetische Dominanz der Steine nicht. Rundherum mögen Häuser stehen, Fabriken oder Gras, Büsche, Bäume. Wo der Bahnhof in die Welt ausfranst schlägt er eine Schneise in das hermetische Bild des Fortschritts, die prekäre Naturverhaftetheit des frühen Menschen findet hier ihren zivilisatorisch adäquaten Spiegel. Vielleicht auch deshalb üben die Schienen solch eine Anziehungskraft auf spielenden Kinder aus.

Wer einmal morgens am Bahnhof gestanden, wenn die Gleise vielleicht in den Nebel ragen, und sonst noch niemand da ist: der kennt das Gefühl der Einsamkeit, dass sich mit Wollen verschweißt: Weg. Wohin?
Dem ideal globalisierten Subjekt tritt am Bahnhof materiell die Möglichkeit vor Augen, in der Welt zu sein. Gleichzeitig erfährt es, dass diese Welt materiell nicht zu erschließen ist, dass sie nur theoretisch offen steht, kurz, das meist das Geld fehlt. Solcherart Gedanken sind konstitutiv, aber nicht ausreichend, um die Melancholie zu verstehen, die die Sensibleren unter uns am Bahnhof beschleicht. Erst in der Erfahrung der Einöde, im intuitiven Erkennen der Bresche, die die Reise in die behauptete Identität von Subjekt und Welt schlägt, in der Wüste aus Steinen (mancherorts Holz oder Sand, selten Asphalt) und Schienen, die ich nicht überquere, sondern die mich trägt, ist das ambivalente Gefühl von Allwollen und Ohmacht erklärbar, das mit der Bahn in moderner Zeit zusammengeht:

Am Bahnhof bin ich ein „Robinson“, und bin, im Gegensatz zu Robinson, mitschuldig daran. Der gefühlte Widerspruch, der die stupidität der Ideologie von freien und selbstverantworltlichen Individuum erkenntlich macht, transportiert das Unbehagen, das Unmündigkeit gesellschaftlich gemacht: Ich habe die Wüste, den Bruch, vor Augen, und ich hoffe zu entkommen. Doch ich wandre von Wüstenei zu Wüstenei, und könnte ich es mir gar leisten, noch jeden Ort der Welt (mit Anschluss ans Schienennetz) zu bereisen: der Bahnhof sagt mir stets: Du nimmst die Wüste mit dir (und in dir ist Wüste, weil du in der Wüste bist).

Das ist zuletzt auch, was den distanzierten Begriff des „Bereisen“ ausmacht.


Antworten

  1. [...] könnte meinen, was zum Bild des Bahnhofs gesagt [...]


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.