Verfasst von: Cyrano | Januar 27, 2011

Freddy Quinn – Wir – Ein Schelm, wer Kommunist?

Nachtrag (27.9.2011) : vom Photografen Günter Zint habe ich erfahren, dass Quinns Texter, Ernst Bader, überzeugter Kommunist gewesen sei. Habe ich hier vielleicht weniger falsch gelegen, als ich wollte. Dann ist “Wer will weiter nur Protestieren / bis nichts mehr da ist zum Protestieren” als simpler Aufruf zu verstehen. Kommunismus oder Barbarei! Danke.

Da dem Schreiberling im Moment Sinn und Lust fehlen, sich in der Kritik des Immergleichen immergleich zu wiederholen, und da ich immernoch davon ausgehe, dass es nicht lohnt über ein wenig gelesenes Blog explizite Kritik des politischen Alltagsgeschehens zu äußern…

… wenden wir uns heute mal was lustigem zu. Oder eher, einem Stück Musik, das ich lustig finde, insbesondere, wenn ich einen Sitzen habe.

Es soll sich um “Wir” handeln, das Meisterwerk des Schlagersängers und Seemannsliedermachers Freddy Quinn, der, wenn “Wir” Wikipedia Glauben schenken wollen, so in etwa 7-9 Sprachen sprach… not bad. Über dieses Mach… ähm, Meisterwerk urteilte Andreas Hartmann in der Jungle World folgendes:

“Freddy Quinn zog im Namen der neuen bürger­lichen Deutschen und mit dem Wohlwollen vieler wieder in Würde und Amt stehender Altnazis erneut in den Krieg, dieses Mal gegen die langhaarigen Beatfans, die »Halbstarken«, die »Yeah-Yeah«-Hörer, die Rumlungerer, die ganz bestimmt so mancher wieder gerne ins Lager gesteckt hätte. Aus Freddy Quinn sprach ein Wirt­schafts­wundergeist, der es nicht fassen konn­te, dass es der deutschen Jugend plötzlich einfallen konnte, nicht mehr bloß mit Bürstenhaar­schnitt für den Neuaufbau der deutschen Na­tion stramm zu stehen”

Aber, aber! Abgesehen davon dass Quinn sich für den Text später ausführlich bei “den Hippies” entschuldigt hat (das legt wohl tatsächlich nahe, dass er sich schämte), woran macht Hartmann sein vernichtendes Urteil fest?

“Wer will nicht mit Gammlern verwechselt werden? WIR!
Wer sorgt sich um den Frieden auf Erden? WIR!”

So eröffnet Quinn. Klar, danach gegen Leute zu hetzten, die “in Parks und in Gassen” rumlungern, ist nicht die feine Art, andererseits, die “sinnlose Faulheit nicht hassen” zu können, ja, fast noch ein humanistischer Zug… Das immerhin von einem, der noch “den Mut hat, für uns sich zu schämen”, der sich “seine Zukunft nicht nehmen” lässt, von einem progressiven Geist also, der, wie wir seit Lenin wissen, nun für Humanismus wirklich nichts übrig haben sollte.

Denn mit welchen Ansprüchen tritt das lyrische “Wir” des Textes an!

“Die Welt von Morgen sind bereits heute WIR!
Wer bleibt nichtewig die lautstarke Meute? WIR!”

Eine neue Welt soll aufgebaut werden. Der ekel vor kleinbürgerlichen Sprayern:

“Wer sieht euch alte Kirchen beschmieren,
und muß vor euch jede Achtung verlieren?”

fast verständlich unter diesen Umständen, oder? Quinn propagiert den Kampf für eine bessere Zukunft, und übt schonungslose Kritik an jenen, die sich als wohlfühl – Linke aus den Verfallserscheinungen der bürgerlichen Gesellschaft noch ein gemütliches Heim zu schaffen bereit sind:

“Ihr lungert herum in Parks und in Gassen,
wer kann eure sinnlose Faulheit nicht fassen? WIR! WIR! WIR!”

Denn das ist vorausgesetzt: Wer sich um den Frieden auf Erden sorgt, hat den Kampf dafür nicht zu scheuen:

“Denn jemand muß da sein, der nicht nur vernichtet,
der uns unseren Glauben erhält,
der lernt, der sich bildet, sein Pensum verrichtet,
zum Aufbau der morgigen Welt”.

Hieraus spricht natürlich gleichzeitig das notwendige Ressentiment, gegen “zersetzende Kritik”, welches eine solch geschichts-positive Haltung begleitet…

Aber immerhin, man ist zum Dialog bereit:

“Wer will nochmal mit euch offen sprechen? WIR!
Wer hat natürlich auch seine Schwächen? WIR!”

Denn Selbstkritik ist die Voraussetzung aller Kritik und Aktion, das lyrische “Wir” hat auch dies reflektiert

Nach vorne schauend lehnt man also in “Wir” die individualistisch reggressive Hippie-Ideologie ab, diffamiert die sinnentleerte Auseinandersetzung mit dem kaum mehr wirkmächtigen Alten, und erkennt die Notwendigkeit, eine friedfertige morgige Welt notfalls auch mit Gewalt durchzusetzen. Dennoch scheut man vor Selbstkritik längt nicht zurück! Spricht so “ein Wirtschaftswundergeist … im Namen der neuen bürger­lichen Deutschen und mit dem Wohlwollen vieler wieder in Würde und Amt stehender Altnazis” ? Ach was. Wer wirklich spricht wird in den folgenden Zeilen erkenntlich:

“Auch wir sind für Härte,
auch wir tragen Bärte,
auch wir geh´n oft viel zu weit.
Doch manchmal im Guten,
in stillen Minuten,
da tut uns verschiedenes leid.”

Jep, das ist die ganze Wahrheit. Und da begriffen wurde, dass die Menschheit sich im Stoffwechsel mit der Natur formt, haben auch folgende Zeilen ihre Berechtigung:

“Wer sagt sogar, daß Arbeit nur schändet,
so gelangweilt, so maßlos geblendet? IHR! IHR! IHR!”

So spricht er, der Herr Quinn, ein ehemaliger Hippie, der “per Autostopp durch Südeuropa und Nordafrika” reiste, und während seines “Wanderleben[s] bei verschiedenen Zirkusunternehmen” begann, vernünftig Einsicht in den Weltlauf zu nehmen.

Achja, das hat Spaß gemacht…




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