Verfasst von: Cyrano | Februar 22, 2011

Brei ist nicht immer nahrhaft

Muss das schön sein, wenn man einfach mal so seine Gedanken runterhacken kann, wie sie einem kommen, viel Humbug reden, das auch noch zugeben: “Aber wovon rede ich hier? Sollte es nicht um eine Dissertation gehen?”, dabei vielleicht sogar ein paar Treffer landen, und dann glücklich ins Bett gehen. Ich versuche das dann auch einmal.

Der Achse des Guten Totalitarismustheoretiker Richard Wagner  [nicht der , der] erklärt uns, dass die Plagiate in der Dissertation, um die es gehen soll (zu Guttenbergs also), irgendwie ein Resultat der falsch verstandenen Meinungsfreiheit seien:

“Eines de (sic!) zahlreichen Missverständnisse bezüglich der Meinungsfreiheit besteht in der Vorstellung, dass sie von der Selbstverpflichtung zur Sachkenntnis befreit.”, und Herr zu Guttenberg sei irgendwie “die Helene Hegemann der Politik“.

Natürlich nur, “geht man von dem Aktuellen Stichwort Plagiat aus”. Ginge man dagegen von einem anderen Stichwort aus, müsste man den dümmlichen Vergleich nicht bringen. Und einen Artikel nicht schreiben, der es für ein Missverständnis hält, dass Meinungsfreiheit bedeutet, jeder Depp dürfe, so er Geld oder Gönner hat, seine Meinung nicht nur frei äußern, sondern auch noch ungestraft und mit Assistenz der Massenmedien verbreiten. Das genau aber ist “Meinungsfreiheit” (besser, Redefreiheit), und ihre Grundlage ist das bürgerliche Recht, dass keine Wahrheit kennt, und das jeden Inhalt prinzipiell gleich stellt, greift er nur nicht die Eigentumsordnung an. Nunja, es gibt Schlimmeres.

Wagner weiß wo diese falsche Meinungsfreiheit (die die richtige ist) hinführt: Im Fazit (das wir hier behandeln können, hat es doch mit dem Großteil seines Elaborates wenig, mit dem Anfang aber immerhin ein wenig zu tun) stutzt Wagner die postmoderne Popkultur und ihren pseudorevolutionären Anspruch auf ihren gesellschaftlichen Kern zurecht :

“Die Frage ist nicht, worin der Unterschied zwischen Abschreiben und Sampeln besteht, sondern, dass der DJ nicht komponiert. Seine Rolle besteht darin, das Vorhandene so zu mixen, dass man sich damit einen Abend lang kollektiv zudröhnen kann. Spaß haben, nennt sich das, und das ist es dann auch gewesen.”

Da hat er Recht. So funktioniert Politik, so funktioniert Kunst, so funktionieren die Pseudowissenschaften, die die Geisteswissenschaften unter Bedingungen, in denen Geist, also Überschreitung des Bestehenden, der Wissenschaft ausgetrieben wird, sein muss.

Dies zu forcieren heißt, sich darüber täuschen, dass die eigene Revolution nur der fortwährende Verfall dessen, was Gesellschaft werden könnte unter der fortwesenden Selbstverwertung des Wertes ist. Dagegen von der Warte der „Werte“ anzustrampeln heißt einem bürgerlichen Abwehrkampf frönen, so skurril, dass es putzig wirkt.

Und es hat ja auch einen ökonomischen Aspekt. Akademische Grade befördern die Karriere. Wer sich einen akademischen Grad erschleicht, der verschafft sich widerrechtlich einen wirtschaftlichen Vorteil“.

Merke: Ein gerechter Vorteil, das wären etwa das Geld der Eltern, der Besitz von Land, das eigene Unternehmen. Aber ein erschlichener Doktortitel, diese Konkurrenz kann man nun wirklich niemandem zumuten!

Bevor ich zu Wagner zurück komme noch ein Wort zu einer ganz besonders absurden Perspektive, die im Verlauf der Plagiatsdebatte immer wieder entwickelt wird. Da wird sich über den Institutschef moniert, der die Namen der studentischen Hilfskräfte, die den Löwenanteil an seinem neuen Buch verfasst haben, nicht ordnungsgemäß angibt, über den Meistermaler, der seine Adepten das Bild nach seinen Vorgaben fertig zeichnen lässt, oder über den Chefarzt, der die Lorbeeren für die aufopfernde Arbeit seiner Assistenzärzte einsammelt. Das seien “traditionelle Missstände aus den Zeiten der alten Ordinarien-Universität“, so die ZEIT. “Für Doktoranden gelten solch (illegitime) Privilegien jedoch nicht.” Wäre wohl folgende Aussage auch getätigt worden?

“Gerade in der einvernehmlichen Zusammenarbeit zwischen Keramikfabrikanten und ihren Mitarbeitern kommt die geistige Urheberschaft laut Rieble schnell unter die Räder. Rieble scheut sich nicht, neben jüngeren Beispielen auch auf seinen vernebelten Anteil an einem Teeservice seines früheren Arbeitgebers zu verweisen, für ihn heute ein Kniefall in der Einarbeitungsphase”

Natürlich nicht. Korrekt ist das Zitat hier zu finden.

Zwischen Meinungsfreiheit und Cut-up kommt Richard Wagner dann auf das tatsächliche Thema seines Textes zu sprechen: Der angewandten Relativismus (d.i. die Totalitarismustheorie, wie sie im Jahre 36 nach Arendt verstanden wird. Sie ist auf die einfache Formel zu bringen: „Aber der hat angefangen!“).

“Warum sollte der Mann wegen einer blamablen Schrift aus dem Amt gehen und nicht wegen seiner Amtsführung? Das Plagiat wurde von einem Gründungsmitglied des im Sommer ins Leben gerufenen Instituts Solidarische Moderne bekannt gemacht. Hören Sie jetzt auch die Nachtigall der Aufklärung rascheln wie die Maus in der Urkunde? Im Vorstand des ISM sitzen so lustige Damen wie Ypsilanti und Kipping.”

Von der berechtigte Fragen “Warum sollte der Mann wegen einer blamablen Schrift aus dem Amt gehen und nicht wegen seiner Amtsführung?” wird schnell zum wahren Problem übergeleitet. Das nämlich in dem Institut, das die Plagiate entdeckt hat, einige Parteileichen derer, die „von der deutschen Linken des 20. Jahrhunderts übrig blieb[en]“ herumsitzen. Aber die können dort ruhig sitzen bleiben, denn für den Vorwand, unter dem Wagner sein Elaborat begonnen hat, hat das genauso wenig Relevanz wie die wiederholten Hinweise Henryk M. Broders darauf, dass Gregor Gysi ja seine Dissertation auch nicht unter regulären Bedingungen geschrieben habe. Abgesehen davon, dass fraglich ist wie eine wissenschaftliche Arbeit noch wissenschaftlicher verfasst werden sollte als unter den wachenden Augen der wissenschaftlichen Sozialisten des Wissenschaftlichen Sozialismus, hat Gysi mit Guttenberg noch weniger gemeinsam als jener mit Hegemann. Grad mal das G.

“Ach Geh”, möchte man da dem Herrn Wagner gern zurufen, aber hat er nicht ganz im Sinne seines Fazits (es sei hier wiederholt) “Die Frage ist nicht, worin der Unterschied zwischen Abschreiben und Sampeln besteht, sondern, dass der DJ nicht komponiert. Seine Rolle besteht darin, das Vorhandene so zu mixen, dass man sich damit einen Abend lang kollektiv zudröhnen kann”, ein Cut Up vom Feinsten verfasst, beinahe Kunst, könnte man sagen? Und damit  Herta Müller, endlich!, sowohl im Ästhetisieren, als auch im Relativieren, überflügelt? Respekt! Ich schließe mit einem Exkurs, der fast alles sagt was zu Herta Müller zu sagen wäre (zu Richard Wagner ist nichts mehr zu sagen, und für seinen Namensvetter kann er nichts), und hoffe ich habe ein paar Treffer gelandet und kann glücklich ins Bett gehen (s.o.)

„»Atemschaukel« ist der Titel ihres jüngsten Romans (2009). Um kurz daran zu erinnern: Ein junger homosexueller Mann wird von den Russen in ein Arbeitslager gebracht, muss dort unter kärglichen Bedingungen Schwerstarbeit verrichten, sieht einige seiner Mitgefangenen sterben und darf erst nach Jahren zurück nach Deutschland, wo er aufgrund seiner langen Abwesenheit große Schwierigkeiten hat, sich wieder in seine Familie zu integrieren. Dass Herta Müller ihren Pro­tagonisten ziemlich feige wählt (ein Homosexueller – der also unmöglich ein Nazi sein kann, was im übrigen Quatsch ist), ist eine Sache, was sie erzählt, eine andere. Die ganze Geschichte ähnelt im Duktus großen Romanen über die deutschen Konzentrationslager, wie sie von Erich Maria Remarque oder Jorge Semprun geschrieben wurden, und erinnert durch die Szenenauswahl stark an autobiographische Zeugnisse wie die Elie Wiesels oder Primo Levis. Das sich dieses Buch stilistisch wie inhaltlich in eine Reihe mit der klassischen Literatur über die deutschen Arbeits- und Vernichtungslager stellt und dadurch an einer Schuldrelativierung neuen Ausmaßes mitarbeitet, hätte vor 20 Jahren vielleicht noch zu einem Aufschrei in der Öffentlichkeit geführt. Heute wird besonders dieser Roman Herta Müllers lobend in der Rede zur Nobelpreisverleihung erwähnt. Von großer Empathie, einem unsentimentalen Auge angesichts der »Deportation« der Deutschen in die russischen Lager ist die Rede, schließlich wird die »Atemschaukel« gar in die Nähe der »Atemwende« von Paul Celan gerückt, was von Herta Müller sicherlich auch intendiert war (13). Gulag gleich Konzentrationslager, Müller gleich Celan, Dresden gleich Guernica: Dank der geschichtlichen Gleichmacherei, die es heute erlaubt, deutsches Leid in den schönsten Farben zu malen, werden diese Gleichungen bald in ganz Europa verbreitet sein und auch die letzten Reste jenes Geschichtsbildes aus dem Weg räumen, in dem die Deutschen Täter waren, die natürlich auch gelitten haben, in diesem Leid jedoch nicht bedauernswerter waren als jemand, der eine Prügelei anfängt und sich anschließend darüber beschwert, wie schmerzhaft es war, zu verlieren und sich den gebrochen Kiefer richten zu lassen.“

Achja, die Quellen, die wolln wir nicht vergessen:

http://jungle-world.com/artikel/2011/06/42620.html

http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/dj_guttenberg_und_die_solidar_moderne/

http://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Wagner

http://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Wagner_%28Schriftsteller%29

http://generelle.blogsport.de/2011/02/16/karl-theodor-frhr-zu-hegemann/

http://zettelsraum.blogspot.com/2011/02/zettels-meckerecke-es-wird-wohl-nichts.html

http://www.zeit.de/politik/2011-02/der-fall-und-die-falle

http://www.zeit.de/studium/hochschule/2010-04/plagiate-wissenschaft-uni?page=2

http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/gregor_gysi_hat_auch_einen_doktor/


Antworten

  1. Warum sollte der Mann wegen einer blamablen Schrift aus dem Amt gehen und nicht wegen seiner Amtsführung?“ Genau – warte noch ein Weilchen, darum:
    Uneingeschränkte Solidarität mit Dr. zu Guttenberg!</


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