Literatur? Wissenschaft?
Ein garantiert unpersönlicher Schulaufsatz zum Wesen des Egoismus.
1. All-Gemeinheiten
„Wozu eigentlich Literatur”, fragen Freunde, Bekannte (un-Bekannte auch), mich immer wieder. „Was ist Literatur?”, fragt Sartre, und gibt die Antwort gleich selbst: Ein bürgerlicher Balanceakt. Und irgendwo im Hinterkopf, vielleicht, hallt auch noch Lenins große Frage nach „Was Tun?”1
Möchte man sich mit einem Thema, einer Sache, beschäftigen, sollte das keiner Rechfertigung bedürfen, oder? Vorwürfe: „Sinnlosigkeit”, „Spielerei”, „Weltflucht”, laufen idealer Weise ins Leere, wenn persönliches Interesse über einen gemeinschaftlich imaginierten Zweck gestellt wird. Aber sieht es nicht anders aus, sobald das persönliche Interesse in den öffentlichen Raum drängt, sobald es sich als Diskussionswürdig ansieht, um Beachtung wirbt?
„But when you pray, go into your room, close the door … [a]nd when you pray, do not keep on babbling like pagans, for they think they will be heard because of their many words”2
Und ist nicht gerade die Literatur als bürgerliches Relikt tatsächlich meilenweit von der „Realität” entfernt? Gibt es dann nichts Wichtigeres als eine Literaturgruppe? Denn um die Motivation eine solche „zu machen“soll es hier ja gehen. Vor allem aber: Gibt es nicht wichtigeres als noch eine Literaturgruppe?
„The hot water at ten, and if it rains, a closed car at four, and we shall play a game of chess, pressing lidless eyes and waiting for a knock upon the door”.3
2. So ist es, verdammt!
Da es nicht um irgend eine, sondern um die Motivation des Autors dieses kurzen Traktats gehen soll, muss vorausgeschickt werden, dass dessen Interesse am modernen Kulturbetrieb, im konsumistischen Sinne, marginal bleibt.
Ist denn eine Rezension, heute, in irgendeiner Wochenzeitung noch mit Erkenntnisgewinn zu lesen, solange sie nicht in Bezug zu anderen Rezensionen gesetzt wird? Sagt heute nicht eine (von Tausend) Arbeiten zum/r neuen Brown-Grisham-Hermann-Kehlmann-Pynchon-Grass weit mehr noch über den Schreibenden, die Leserschaft (ja, vielleicht noch über das Image des Autors und über die meist nationale Befindlichkeit), als über den besprochenen Text? Heute? Nur heute, wirklich?
Und ist es dann nicht – wenn man Adorno auch nur rudimentär dahingehend folgen will, dass die wahrenförmige Produktion den Inhalt eines jeden Kulturgutes durch die über den Markt stattfindende Vermittlung mit allen anderen Gütern (und der objektiven Vergleichung im Preis), nivelliert, und sei das einzelne Werk noch so gut gemeint – wahrhaftig obsolet, sich noch mit Literatur zu beschäftigen?4
Wäre es nicht eher die Aufgabe des Intellektuellen, dem Kritiker, der Wissenschaft, mithin, dem Betrieb, auf die Finger zu schauen? Dann aber die (meine, nur meine) ureigenste Frage5: „Wouldn’t that be f*ck*ng boring, man?“
3. ICH und die Welt6.
„Hell yeah it would!”
Vielleicht gilt ja das oben ausgeführte im besten Sinne tatsächlich nur für den „Anderen”? Wenn ich mich mit Literatur beschäftige (das stelle ich als These in den Raum), dann ist der Inhalt des Werkes genauso wenig austauschbar wie der Inhalt meiner Gedanken, und obschon im Strukturzusammenhang implementiert zumindest dahingehend frei, dass er als Teil meines Bewusstseins gerade mich definiert. Die Frage „Wozu Literatur” stellt sich mir in einem Kontext, der das Individuum bereits abgeschrieben hat, und der Kritik somit abgeschworen (und damit dem Fortschritt).
Barthes sich „state-of-the-art” dünkender Abgesang auf den Autor, und Walsers regressiver Tod des Kritikers (des ewig penetrierenden Volksfeinds) gleichermaßen scheinen dann zwei Seiten eines zutiefst antimodernen Pessimismus. Hinter der Dekonstruktion, wie hinter dem persönlichen Affront gegen das scheinbar Äußerliche, versteckt sich im Angriff auf die Grundlagen des gesellschaftlichen Seins (hier Subjektivität und Intersubjektivität) zuallererst die Absage an Fundamentalkritik, welche Selbstkritik einschließen würde. Sie tötet den Autor wahlweise als Konzept oder lässt ihn in der Struktur untergehen, weil sie mit dem sich selbst bewussten Subjekt nicht zurecht kommt. „Wozu Literatur8” fragt eine solche Zivilisationsmüdigkeit natürlich schulterzuckend.
Ist dann das trotzige „Darum” nicht genau jenes Einzige, sinnentleerte, Widerständige, das der Barbarei noch entgegengeschleudert werden kann? Konserviert sich der utopische Chrakter von Aufklärung nicht gerade darin, dass man darauf besteht sich kritisch mit – und – in – ihm zu beschäftigen, wo die es besser wissende Mehrheit ihn längst als nicht-dem-Gemeinwohl-dienend abgeschrieben hat?
In einer historischen Situation, in der gerade die sich kritisch, gar fortschrittlich dünkenden Elemente der Gesellschaft nicht allein ihre eigene, sondern gleich gar die Überflüssigkeit des Ganzen im Minutentakt verkünden, bin ICH zumindest bereit, gar auf einer Verallgemeinerbarkeit (oder dem Imperativ zur Verallgemeinerung) persönlicher Interessensgebiete zu bestehen. Nur von einem Territorium, auf dem man sich wohl fühlt, scheint eine „kritische Intervention” in die fetischisierte Welt – wenn schon kaum möglich dann doch zumindest noch immer wünschenswert! – Denn der Wunsch ist nicht nur Vater des Gedanken7, sondern mehr noch: Voraussetzung, den Gedanken denken zu können/wollen.
4. Nimmerland
Und wenn wir schon beim Wünschen, und, ideal, beim Denken sind, sollte neben der Kritik am Bestehenden vielleicht der Versuch einer Aneignung des eigenen (möglichen? (literarischen??)) Mehrprodukts, profan gesprochen, nicht zu kurz kommen: Der Versuch, jenseits des in Analyse und Kritik festgeschriebenen Werdenden die Grenzen des Denkbaren – schreibend? – zu erweitern. Dass schon bei den Möglichkeiten dessen was gedacht und geschrieben werden kann der Zusammenhang, in dem gedacht wird das Denkbare einengt: geschenkt. Doch lässt sich auf der anderen Seite nicht hoffen, dass ein wohl gewähltes Umfeld die Grenzen des Schreibbaren ausweitet?
Sei es nur dies auszutesten, erlaube ich mir die Frage „…gibt es nichts wichtigeres als noch eine Literaturgruppe”8 mit: „Und wenn schon…“ zu beantworten. Mensch muss nicht nur atmen, fressen schlafen. Um Mensch zu sein, muss mensch erstmal „Ich“ sagen…
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Es sollte im Laufe der Argumentation klar geworden sein, dass für mich der Sinn einer jeden Beschäftigung stets nur trotzig den Bedingungen abzuringen ist. Das ist Kern jeglichen
Fortschritts, und ist Egoismus, gleichermaßen. Die (meine) Motivation, sich mit Literatur zu beschäftigen, speist sich daraus. Und nur daraus.
Lenin, der wenn er „was tun9” fragte, das Ziel stets schon zu kennen glaubte, könnte nachhaken (aber vielleicht habe ich hier auch die im Eingang erwähnten Bekannten im Sinn), ob denn Literatur(kritik) nicht auch einfach als Makrokosmos tauge, als Feld, anhand dessen eine allgemeine kritische Gesellschaftstheorie entwickelt werden könne. Demm stelle ich die nicht-projektive Arbeit am Gegenstand entgegen, die auf eine solche Fragestellung bewusst verzichten muss. Denn heißt ein Feld abstecken nicht auch, sich beschränken, sich eingliedern? Als Literaturtheorie wäre Kritik bereits teil der positiven Wistenschaften (und eine lächerliche, noch dazu), und würde die selbstbewusste Setzung als Bezug zur Totalität des gesellschaftlichen Ganzen aufheben.
Das „Was” des Tuns muss also Setzung bleiben, es ist die Fähigkeit „Ich” zu sagen. Das „Wie” folgt, irgend-wie, daraus.
Das „Warum” lässt sich vielleicht dann rückblickend erklären.
Quellen:
1 JleHHH. B.iajHMiip Hjibip-i (1902): Hto aenaTb? S. 1
2 Mathew 6, 5-8. King James Bible.
3 Elliot, Thomas Sterns (1922). A Game of Chess. From: The Wasteland.
4 In der Dialektik der Aufklärung schert Adorno die gesamte Kulturindustrie” über einen Kamm, indem er ob der Natur der Vergesellschaftung die einzelnen Inhalte für Obsolet erklärt. Dass eine ideologiekritische Textanalyse dennoch Verwerfungen in Einzelnen offen legen könnte, die dem Gesamten zuwiderlaufen, das z.B. ist eine Behauptung, die durch den Kritiker zu beweisen wäre.
5Denn der Weltgeist muss wie immer, mangels Parteilichkeit, schweigen
6 Frei nach Freud und Bastos
7 vgl.: Meine Oma (200x): Was meine Oma sagte.
8 Cyrano (2009): Was wozu mit einem „Etwas” tun, das man kaum fassen kann? Ein garantiert unpersönlicher Schulaufsatz zum Wesen des Egoismus. S. 1