Verfasst von: sonntagsgesellschaft | März 22, 2015

In Verteidigung der Chroniken von Narnia

Moral in Kinderliteratur. Das Christentumsparadoxon

Die Chroniken von Narnia sind wohl das in den letzten Jahrzehnten am heftigsten angefeindete Stück Kinderliteratur. Nicht nur einzelne Interessensgruppen attackieren die Bücher für ihre dezidiert christliche Moral, auch selbst literarisch tief im Christentum verwurzelte Schriftsteller wie etwa die Harry Potter Autorin JK Rowling kommen über die Art, wie CS Lewis mit Susan Pevensie umgeht nicht hinweg:

“There comes a point where Susan, who was the older girl, is lost to Narnia because she becomes interested in lipstick. She’s become irreligious basically because she found sex. I have a big problem with that.”

Dass die Chroniken letztendlich nicht vielmehr seien, als die in eine Welt voller Fabelwesen transponierte Bibel habe ich so mehr als einmal vernommen. Davon ausgehend, dass Propaganda für egal welche Denkrichtung selten Grundlage guter Literatur sein kann, nicht gerade eine Ermutigung, sich endlich einmal in Lewis Werk einzuarbeiten

Zuletzt allerdings kam ich dann günstig an die Hörbücher und musste im Verlauf des Zuhörens den Großteil meiner Vorurteile über Bord werfen.

Tatsächlich sind die meisten der sieben Narnia-Bücher gute, auch überdurchschnittlich gut geschriebene, Kinderbücher. Ja, natürlich haben Sie Ihre predigenden Elemente, etwa wenn wir in Prinz Caspian akzeptieren sollen, es sei richtiger einem kleinen Kind und den Anweisungen eines nur von diesem zu sehenden Löwen zu folgen, als dem von den anderen und ebenfalls Narnia verpflichteten Kindern und den Regeln des Narnia von The Lion, the Witch and the Wardrobe. Aber das ist nicht halb so übel wie der Jargon der Eigentlichkeit und der Zivilisationshass die zum Beispiel das viel gelobte Momo beschwört. Man lese dazu den herrlich bissigen Verriss in der Bahamas.

Vor allem aber: Meist herrscht bei Lewis das Primat der Literatur, Moral wird durch Darstellung vermittelt, nicht durch plumpe Propaganda, und das wiederum hebt ihn schon deutlich über die meisten Kinderbuchautoren. Erinnert sei an Philip Pullman oder an Dumbledores Monologe in Harry Potter.

Sehr deutlich macht all das ein vergleichendes Lesen der ersten Kapitel von Die Chroniken von Narnia und Michael Endes Die unendliche Geschichte. Geradezu vor den Kopf stößt uns Ende in seinem Roman gleich zu Anfang mit seiner Weltsicht. Wie anstrengend, laut und respektlos die Jugend von heute sei erfahren wir von Herrn Koriander, und Widerworte von Bastian gibt es nur in bestätigender Weise: Es seien ja nicht alle Kinder so. Später werden dann alle Register jenes anstrengenden „sei du selbst, aber die beste Version deiner selbst“ gezogen, die Kinder schon im Kindergarten hassen lernen durften, trotz stellenweise sehr fantasievoller Passagen ist die gesamte Unendliche Geschichte am Ende wenig mehr als die fortwährende Bestätigung einer urerwachsenen Weltsicht, was Kindheit sei und wie sich Kinder „frei“ entwickeln sollten.

Wie vorsichtig und mit staunenden Kinderaugen entfaltet dagegen Lewis die Welt seines Narnia wundervoll aus dem Inneren eines Kleiderschranks. Dass hier christliche Ideen neu verhandelt werden wird erst im Laufe der Geschichte ganz langsam klar und im ersten Buch nie zu dominant. Und warum auch sollte in Kinderbüchern vermittelte christliche Moral in irgendeiner Weise verdammenswerter sein als all die anderen Moralvorstellungen, die in Kinderbüchern allgegenwärtig und oft noch nicht einmal besonders subtil verbreitet werden?

Übrigens bleibt schon allein der Titel des ersten Narnia-Romans bis heute ein Meisterwerk der Subversion typischer Fantasytopoi: „The Lion, the Witch and the Wardrobe“. Ich habe ihn zum allerersten Mal von Eric Cartman in Southpark gehört und war voll und ganz überzeugt, das sei eines dieser Dinge, die Cartman einfach mal so aus dem Stehgreif erfindet. Das scheint mir bis heute auch durchaus nahe liegend…

Zuletzt lässt sich Die Chroniken von Narnia gar nicht so leicht und widerspruchsfrei als christliche Parabel lesen, wie es gern suggeriert wird. Denn ihre christliche Moral entfalten die Chroniken nur, wenn man sie nicht tumb in christliche Terminologie übersetzt. Denn nur „unübersetzt“ ist das Zusammenspiel von Aslan/Gott/Jesus und all den heidnischen Göttern und Fabelwesen nicht durch und durch blasphemisch, und nur dann auch die ein oder andere Szene, in der der Löwe detailliert beschrieben an den Kindern herumleckt und sein warmer Atem Lucy oder Susan umfängt, nicht sexuell konotiert und beinahe ein Seitenhieb auf immer wieder ans Licht kommende Missbrauchsfälle innerhalb der Kirchen…

Unterlässt man die Übersetzung aber, so existiert eben eine Parallelwelt die ihren eigenen Glauben einfordert neben dem im England der Chroniken ja keinesfalls abgeschafften Christentum, so dass jeder guter Christ innerhalb der Erzählwelt der Chroniken den Pevensie-Kindern was husten würde, die plötzlich mit ihrem magischen Löwen ankommen.

Zum Schluss sei hier noch ein Artikel empfohlen der einige literarisch besonders unbedarfte Kritiken an dem, was als „The Problem of Susan“ bekannt wurde zurückweist, so unter anderem auch die oben zitierte Aussage von Rowling.

Older Posts »

Kategorien

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 42 Followern an