Verfasst von: sonntagsgesellschaft | Mai 3, 2015

John Miltons Paradise Lost – Satanische Verse

An John Miltons Paradise Lost fasziniert bis heute die absolute Unmöglichkeit des Unterfangenen, die den Effekt hatte, dass jegliche Intention des letzten sich ernst nehmenden Epos in ihr Gegenteil verkehrt wird. Wo das Allgemeine geprüft werden soll triumphiert das Besondere, wo die Wege Gottes gegenüber den Menschen gerechtfertigt werden sollen, hat sich den Menschen vor allem die glamouröse Wirkung des Teuflischen eingebrannt: Von Byron bis Nick Cave berufen sich die düsteren Gestalten der Populärkultur auf Miltons Satan. Und sehr viel weniger als man glauben mag ist der vielbeschworene Satan als Prototyp des romantischen „Byronic Hero“ an diesem Missverständnis schuld, nein, schon in Konzeption und Anlage von Paradise Lost ist dafür Sorge getragen, dass das Epos der ersten Tage der Menschheit nur eine Feier der menschlichen Schöpferkraft gegen die göttliche Allmacht werden kann.

Denn nüchtern betrachtet ist Paradise Lost als Kunstwerk hoffnungslos vermurkst, und muss es sein. Milton erzählt eine Fabel, deren Verlauf in allen ihren Zügen bis zum Schluss nicht nur wir im Voraus kennen, was verzeihlich wäre (auch die großen alten Epen „kennen“ wir), sondern auch die wichtigsten Protagonisten. Er ist zudem gezwungen den Textkorpus einer relativ bunten und so einfalls- wie abwechslungsreichen Novellensammlungen in eine stringente Mythologie umzuarbeiten, was dazu führt dass der erzählenden Dichter und seine Protagonisten immer wieder in langen Rechtfertigungen erklären müssen wieso man das Geschehen nun so gerade nicht lesen dürfe, wieso etwa Vorherbestimmtheit und Vorwissen dennoch die Zukunft nicht determinierten. Bis in die kleinsten Details der Darstellung zieht sich zudem die Problematik, göttliches mit menschlichen Worten zu erklären, weshalb zB Rafael dann die Schlacht im Himmel in der Weise der Illias schildert, vorher und zum Schluss noch einmal deutlich klarmachend, dass er tatsächlich rein geistiges dem Menschen in Bildern nahe bringt, die dieser verstehe.

Dass ein solches Werk dennoch, und damals wie heute, zu faszinieren vermag, ist nur über die schier unmenschliche Anstrengung der dichterischen Schöpferkraft, womit in erster Linie Mittel der Gestaltung, die Technik also im Kleinen gemeint ist, die über die Absurdität des Werkes im Großen hinwegzutäuschen vermag. Im Byronschen Sinne satanisch ist nicht nur Miltons Satan selbst, sondern die Idee ein Ding wie Paradise Lost überhaupt in die Welt zu setzen.

Der Leser steht vor dem Text wie James Kirk vorm Berg und lässt sich begeistern und hinreißen, einfach „weil er da ist“. Alles andere ist wenn nicht gerade Beiwerk, so doch Folge.

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