Nochmal: Die Große Fuge von Ludwig van Beethoven

Die Große Fuge in B-Dur (op133) ist das Werk Beethovens, das mich beim ersten Hören spontan am heftigsten in sich hineingerissen hat. Und bis heute bleibt sie mir das faszinierendste und vielleicht auch bedeutendste Werk des Komponisten. Vielleicht, weil mir als modernem Menschen in einer chaotisch zersplitterten Welt die wuchtige Fuge näher steht, als die in sich geschlossenen regelhaften klassischen Werke des mittleren Beethoven. Die sich in den mittleren Werken ausdrückende Ordnung, so glatt und edel sie wirkt – nach einem Ausspruch Adornos von Beethoven analog zu Kants Kategorientafel bereits aus Subjektivität, weil in objektivierten gesellschaftlichen Formen nicht mehr gründend, noch einmal hervorgebracht – liegt ferner, und vieles von ihrem Gehalt ist schon verklungen. Dagegen spricht die Fuge noch heute unerbittlich Ihr Urteil über die Welt:

Nochmal Adorno:

„Es gibt in dem Spätspiel Beethovens insgesamt etwas wie eine Tendenz zur Dissoziation … und zwar nicht im Sinne eines Kompositionsverfahrens … sondern Dissoziation und Verfall werden selber Kunstmittel, und Werke, die, wie man so sagt, zu Ende geführt, abgeschlossen worden sind, nehmen durch dieses Kunstmittel trotz ihrer Abgeschlossenheit in einem geistigen Sinn etwas fragmentarisches an…“

Das gilt meines Erachtens für die Fuge mit besonderer Konsequenz. In keinem anderen Werk Beethovens und überhaupt der Musik bis ins frühe 20. Jahrhundert scheinen mir so eindringlich die Widersprüche der Welt aufgenommen und entfaltet. Man spürt regelrecht wie Totalität an ihrer Eigenbewegung erzittert, über sich hinaus schießt, zu zerbrechen droht. Alles ist, und ab einem bestimmten Moment scheint, nichts mehr Komposition. Mit aller Gewalt dringt das Material hervor. Und nur mit eben solcher Gewalt und unsicher zu welchem Zweck, hält Tonalität das Schwindelnde zusammen; gerade so wird es immer wieder gefügt, eingehegt.

Beethoven wende sich noch nicht gegen die Tonalität, so Adorno,

„ aber er polarisiert sie. Tendenziell gibt es Einstimmigkeit, und Polyphonie, und überhaupt nicht in ästhetischem Sinn mittlere Harmonie, keinen Ausgleich, keine Homöostase, überhaupt keine Vermittlung als ein Mittleres zwischen [den Extremen], sondern wie bei Hegel nur Vermittlung durch die Extreme hindurch … dadurch wird das Affirmative … der Musik … erstmals so gekündigt, und darin allerdings gibt es beim letzten Beethoven bereits eine Beziehung zu gewissen Phänomenen der modernen Musik (…)“

Nicht um sonst entwickelte die Zweite Wiener Schule ihre Kompositionsverfahren in starkem Rückgriff auf das Beethovensche Werk (vgl.), wobei, diese Spekulation möchte ich mir als Nichtmusikwissenschaftler erlauben, dieses vor allem in seinem Verhältnis zur Welt studiert wurde. Aus der Sprache Beethovens zu komponieren, das ist das schon immer schal-restaurative Verfahren des Neo-Klassizismus. Dessen Werken ist das im Wort angelegte So-Tun-Als-Ob stets abzuhören.

Aus dem Beethovenschen Denken dagegen komponieren wäre das einzig Verpflichtende neuer Musik.

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John Miltons Paradise Lost – Satanische Verse

An John Miltons Paradise Lost fasziniert bis heute die absolute Unmöglichkeit des Unterfangenen, die den Effekt hatte, dass jegliche Intention des letzten sich ernst nehmenden Epos in ihr Gegenteil verkehrt wird. Wo das Allgemeine geprüft werden soll triumphiert das Besondere, wo die Wege Gottes gegenüber den Menschen gerechtfertigt werden sollen, hat sich den Menschen vor allem die glamouröse Wirkung des Teuflischen eingebrannt: Von Byron bis Nick Cave berufen sich die düsteren Gestalten der Populärkultur auf Miltons Satan. Und sehr viel weniger als man glauben mag ist der vielbeschworene Satan als Prototyp des romantischen „Byronic Hero“ an diesem Missverständnis schuld, nein, schon in Konzeption und Anlage von Paradise Lost ist dafür Sorge getragen, dass das Epos der ersten Tage der Menschheit nur eine Feier der menschlichen Schöpferkraft gegen die göttliche Allmacht werden kann.

Denn nüchtern betrachtet ist Paradise Lost als Kunstwerk hoffnungslos vermurkst, und muss es sein. Milton erzählt eine Fabel, deren Verlauf in allen ihren Zügen bis zum Schluss nicht nur wir im Voraus kennen, was verzeihlich wäre (auch die großen alten Epen „kennen“ wir), sondern auch die wichtigsten Protagonisten. Er ist zudem gezwungen den Textkorpus einer relativ bunten und so einfalls- wie abwechslungsreichen Novellensammlungen in eine stringente Mythologie umzuarbeiten, was dazu führt dass der erzählenden Dichter und seine Protagonisten immer wieder in langen Rechtfertigungen erklären müssen wieso man das Geschehen nun so gerade nicht lesen dürfe, wieso etwa Vorherbestimmtheit und Vorwissen dennoch die Zukunft nicht determinierten. Bis in die kleinsten Details der Darstellung zieht sich zudem die Problematik, göttliches mit menschlichen Worten zu erklären, weshalb zB Rafael dann die Schlacht im Himmel in der Weise der Illias schildert, vorher und zum Schluss noch einmal deutlich klarmachend, dass er tatsächlich rein geistiges dem Menschen in Bildern nahe bringt, die dieser verstehe.

Dass ein solches Werk dennoch, und damals wie heute, zu faszinieren vermag, ist nur über die schier unmenschliche Anstrengung der dichterischen Schöpferkraft, womit in erster Linie Mittel der Gestaltung, die Technik also im Kleinen gemeint ist, die über die Absurdität des Werkes im Großen hinwegzutäuschen vermag. Im Byronschen Sinne satanisch ist nicht nur Miltons Satan selbst, sondern die Idee ein Ding wie Paradise Lost überhaupt in die Welt zu setzen.

Der Leser steht vor dem Text wie James Kirk vorm Berg und lässt sich begeistern und hinreißen, einfach „weil er da ist“. Alles andere ist wenn nicht gerade Beiwerk, so doch Folge.

Grass, International

Dass einige meiner liebsten Autoren, Pynchon etwa, Rushdie, Günther Grass bis vor kurzem unter die größten lebenden Schriftsteller zählten, befremdete mich wie wenig anderes im Literaturbetrieb. Vielleicht aber gibt es eine einfache Erklärung. Die Grassschen Manierismen, seine bemühte Modernität, dürften etwa ins Englische kaum zu übertragen sein. Vielleicht ist ein angelsächsischer entschlackter Butt tatsächlich jener große Roman, der es mit Schwergewichten wie Hundert Jahre Einsamkeit aufnimmt…

Von Aufklärung und Barbarei in der Karibik

Alejo Carpentiers Explosion in der Kathedrale („El sieclo del Luz“)

Über Explosion in der Kathedrale von Alejo Carpentier schreibt ein Amazonrezensent: „Der Text rechnet sehr scharf mit den utopischen Ideen des Sozialismus ab, eine Anspielung auf die Situation im Heimatland Kuba des Autors“. Das wäre an sich nicht weiter bemerkenswert, reihte es sich nicht in eine Reihe von Äußerungen in den letzten Jahren ein, die kurzerhand den Terror der französischen Revolution einem diffusen Sozialismus zuschlagen, und über die etwa in Hannah Ahrends Elemente und Ursprünge Totaler Herrschaft ausgearbeiteten totalitären Tendenzen bürgerlicher Herrschaft hinweggehen.

Genau das macht Carpentiers faszinierender Roman über den Import der französischen Revolution in die karibischen Kolonien nicht. Im Original „El sieclo del Luz“ betitelt, also „das Jahrhundert des Lichts“, zeichnet der Text ein vielschichtiges und Ambivalentes Bild der realen Fortschritte und Freiheiten sowie der barbarischen Schreckensherrschaft, die die Revolution den sogenannten „West-Indies“ brachte:

„Ja, wir haben auch die Maschine [die Guillotine] mitgenommen. Aber weißt du, was ich den Menschen der neuen Welt überbringen werde?“ Er hielt einen Augenblick inne und setzte dann, jedes einzelne Wort betonend, hinzu: „den Erlass vom 16. Pluviôse des Jahres II, durch den die Sklaverei abgeschafft wird. Von jetzt an gelten, ohne Unterschied der Rasse, alle in unseren Kolonien wohnenden Menschen als französische Bürger und sind absolut gleichberechtigt.“ (S.135)

Nachgezeichnet wird, um mit Adorno zu sprechen, eine Dialektik der Aufklärung in all ihrer Konsequenz, und obwohl dieser Dialektik als aufklärerische Ideologie auch der Sozialismus anheimfällt, ist er explizit nicht Thema von Explosion in der Kathedrale. Ja, im Text einen Schlüsselroman auf das moderne Kuba zu sehen negiert dessen literarische Qualität beinahe in Gänze und reduziert die als Akteure ihrer Geschichte auftretenden bürgerlichen Subjekte der Kolonien ebenso wie die Arbeiter und Sklaven zu Chiffren, wofür es auf knapp 400 Seiten keinen einzigen gerechtfertigten Anlass gibt.

Im Gegenteil: Die Markierung des Revolutionsführers Huguet als Händler und Bäcker, dessen Flammender Eintritt für den Freihandel und gegen die Macht der Monopole weisen das Jahrhundert des Lichts klar als bürgerliches aus. Ikonographisch sehr deutlich wird das in der oppulenten, mehrfach auch Nietzsche anklingen lassenden, Schilderung einer Hinrichtung, in deren Umfeld sich rasch ein reges Jahrmarktsgeschehen entfaltet:

„Hier kannte man dergleichen nicht; noch nie hatte man eine allen offenstehende Bühne gesehen, und deshalb entdeckten die Menschen in diesem Augenblick das Wesen der Tragödie. Das Schicksal war schon gegenwärtig, seine Schneide in der Schwebe halten, unerbittlich und pünktlich, denen aufgelauernd, die sich hatten verleiten lassen, die Waffen gegen die Stadt zu erheben. Und der Geist des Chors war in jedem Zuschauer lebendig, mit den Strophen und Gegenstrophen, die man einander über das Gerüst hinweg zurief (…) Man hörte einen feierlichen Trommelwirbel, dass bewegliche Brett wippte unter dem Gewicht eines korpulenten Mannes, und das Beil fiel herab, begleitet von einem erregten Aufschrei. Minuten später waren die zwei ersten Hinrichtungen vollzogen (.) Dann aber gingen viele, um sich von dem Schrecken zu befreien, der sie in Bann geschlagen hatte, plötzlich zu lärmender Festlichkeit über, die diesen Tag, der jetzt als arbeitsfrei galt, in die Länge ziehen sollte. Man musste die zum ersten Mal angelegten Kleider zeigen. Man musste etwas tun, was gegenüber dem Tod eine Bestätigung des Lebens darstellte … “. (S. 163. ff)

Günter Grass ist tot…

…und wenn man über einen Toten nichts Gutes zu sagen hat, heißt es, so solle man besser schweigen. Da allerdings die ersten lobhudelnden Nachruf bereits online gegangen sind sei hier als Kontrapunkt auf das leider lange nicht mehr aktualisierte Blog Junesixon verwiesen, wo in der Vergangenheit viel Kluges zum Autoren und seinem Werk geäußert wurde. Etwa zur Blechtrommel.

Ein weites Feld, oft ein bittres – zu Felix Bartels Überlegungen zum Selbstverlag

Tatsächlich ist dem geschätzten Felix Bartels in beinahe allem zuzustimmen, was er zum immer weiter um sich greifenden Phänomen des Selbstverlags zu sagen hat. Der Selbstverlag ist eben nicht nur die auf der individuellen Ebene kaum zu kritisierende Chance für zahlreiche Autoren, abseits des Mainstream doch noch Gehör zu finden, er erstickt auch in der kaum zu überblickenden Flut der Angebote jene herausragenden Werke, die nun ob selbst- oder fremdverlegt noch schwieriger aus dem Schund herauszufischen sind. Schlechte Wortspiele zum Thema „verlegen“ und finden drängen sich auf…

Und es stimmt, unter den Selbstverlegern sind jene Autorentypen virulent, die Bartels in treffender Weise folgendermaßen beschreibt:

„Aber der Selfpublisher, der Erfolg haben will, wird genau das tun. Er wird sich herzeigen, noch vor seinem Werk, und kontinuierlich das Profil des Aufsteigers herausstellen, dem keiner was geschenkt hat, der aber nicht jammert und dennoch irgendwie Mensch geblieben ist. Er wird gefällige Statusmeldungen auf Facebook absetzen, in denen steht, dass er die Arroganz intellektueller Eliten verabscheut, den demokratischen Rechtsstaat liebt, sich über deutsche WM-Siege freut und auch zum ESC eine Meinung hat. Er wird intensiv mit der Leserschaft kommunizieren und professionelle Photos machen lassen, auf denen er nachdenklich einen Stift hält oder neckisch hinter einer Spiegelwand hervorguckt. Er wird mit einem Wort ein Autor zum Anfassen und nicht begreifen, dass mit der Auslagerung dieser Albernheiten an einen geschäftigen Verlag sein Ich würde gestärkt sein“

So geht es zu im Haifischbecken der Literatur, in dem wir alle ins grimassierende spielend grinsend aneinander vorbeitreiben und nicht realisieren, dass uns nur andere „Schriftsteller“ lesen, und die auch nur, weil sie wissen möchten was die Konkurrenz so treibt.

Auf der anderen Seite: Bringt der Selbstverlag diesen Autorentypen hervor? Oder bringt er ihn zu sich selbst?

Dass der Verleger bzw. dessen Lektorat „schlechte Literatur verhindert“, stimmt schon länger nicht mehr und stimmte wahrscheinlich tatsächlich nur in jener kurzen wieder historisch gewordenen Periode vor allem solcher Verlage und sonstiger Akteure der Nach-68er-Renaissance des Denkens, die wie die Jungle World zuletzt konstatierte spätestens in den 90ern endgültig zu Ende ging. Dass gleichzeitig wahrscheinlich pro Jahr heutzutage europaweit mehr große Kunstwerke veröffentlicht werden als in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in einer Dekade, und dass es doch immer schwieriger wird diese Werke zu lokalisieren, ist kein an den Selbstverlag gebundenes Phänomen: Der Verfall des Verlagswesens, der Literaturkritik und der akademischen Auseinandersetzung mit Literatur mussten diesem vorausgehen. Und „it’s the singer, not the song“, hatten nicht nur die Stones, sondern auch notorische Claqueure wie Grass und Walser verinnerlicht, lange bevor es soziale Netzwerke gab. Welchen vernünftigen Grund könnte denn ein schlechte Literatur verhindernder Verleger haben, ernsthaft die Walser-Tagebücher einem Publikum vorzustellen?

Zuletzt ist die Geschichte großer Literatur maßgeblich die Geschichte des Selbstverlags. Eigenständig verlegte Goethe seinen Durchbruch, den Götz, ebenso verlegerisch eigenständig öffnete Stefan George die deutschsprachige Lyrik der Moderne (mag man auch sonst von ihm halten was man will). TS Eliots Meisterstück The Wasteland wäre wahrscheinlich untergegangen, hätte nicht Kumpel Ezra Pound sich seiner angenommen, in einem Kleinstverlag in dem Pound natürlich auch und vor allem – Pound – verlegte. Zumindest von Zeit zu Zeit Selbstverleger waren mW auch Dostojewski, die Shelleys, Byron und alle so genannten „Gentleman Poets“; ohne diese wäre die englische Literatur in ihrer heutigen Form nicht zu denken.

Der „klassische“ Verleger, scheint’s, war als Typus kurzlebig und vergänglich wie die Weimarer Klassik. Wie zahlreiche womöglich eher akzidentielle Höhepunkte des bürgerlichen Zeitalters trat er spät auf den Plan, so er nicht wie Cotta eigentlich im Schlepptau eines Schriftstellers aufstieg, und wurde rasch zerrieben zwischen kapitalistischer Monopolisierung und staatlich-paternalistischem Mäzenentum. Dem Sozialstaat, dem guten Gespräch, der vielgerühmten Buddenbrookschen „Contenance“ erging es ähnlich. Längst veröffentlicht man einen Roman leichter, indem man erstmal auf einen Lehrauftrag oder einen Bankdirektorsposten hinarbeitet, und dann seine Kontakte nutzt, als frank und frei mit einem herausragenden Werk an den richtigen Verleger heranzutreten. Ja, ohne Agenten findet man kaum noch den Weg zu ihm.

Was bleibt dem Autoren, der mit Recht darauf beharrt, dass ein Publikum, dass ihn noch nicht einmal wahrgenommen hat, über die Güte der Kunst nicht zu entscheiden vermag, als den Weg des jungen Goethes oder Georges zu gehen? Auch wenn er sich damit objektiv wohl doch nur noch tiefer ins aufgewühlte Becken der grinsenden Haifische begibt?

Schweigen? Das sicher.

Allein, wer wagt dies?

Hätte man wissen können, dass Martin Heidegger Antisemit ist?

Ja.

Nehmen wir an, eine Sekte, nennen wir sie die Freunde des wahren Seins, propagiert die Rückkehr zum genügsamen Leben, zur Einheit von Tat und Natur, all dieser scheinbar kuschelige Hippiedreck. Ja, wenn da doch bloß nicht die Ingenieure wären! Und irgendwann, nach einigen Jahren, morden führende Mitglieder der Freunde des wahren Seins alle Teilnehmer einer großen Ingenieurskonferenz. Und ein paar Jahre später sagt ein geistiger Berater der Sekte, der sich nachweislich jahrelang den Anführern angedient hat und vielleicht gar noch weiter reichende Pläne hatte als diese, die Freunde des wahren Seins seien „schon in die richtige Richtung“ gegangen, nur hätten sie die Wahrheit des Seins eben noch nicht so ganz wahrhaftig begriffen. Würden wir diesen Hanjo ernsthaft als großen Denker, womöglich sogar als exponierten Kritiker der Freunde des wahren Seins ansehen? Oder würden wir ihn als den Mörderkumpanen und geistigen Brandstifter identifizieren, der er ist?

Oder ein anderes Szenario: Ein guter Freund und langjähriger Weggefährten des Philosophen Martin H., oder nennen wir ihn aus Anonymitätsgründen lieber M. Heidegger, hatte schon immer was gegen … ach, sagen wir der Kontroverse halber blonde und blauäugige Menschen. Der Philosoph konnte das gut verstehen, blonde und blauäugige Menschen waren nach seinem Dafürhalten verdächtig oft mit Dingen beschäftigt, die M. H. gar nicht ab konnte. Was könnte das sein? Äh, ja: Geschlechtsverkehr. Eines schönen Tages ging der Freund des Herrn H. los, kaufte sich ein großes Messer und stach damit jeden blonden und blauäugigen Menschen ab, der ihm vor das Messer geriet. H’s Freund wurde verhaftet, verurteilt. Und noch Jahre später hatte Herr H. das folgende zum Sachverhalt zu sagen:

„Das Eindringen mit dem Messer in den Körper eines blonden und blauäugigen Menschen ist im Wesen dasselbe wie der Geschlechtsverkehr. Es ist allgemein das Eindringen in andere Körper das große Übel unserer Zeit.“

Eine derartige Idiotie könnte man doch wohl niemandem, und schon gar nicht einem Philosophen, durchgehen lassen?

Sollte man meinen. Und dennoch erscheinen alle paar Wochen wieder Artikel, die höchstens mal ganz vorsichtig anfragen, ob man nicht schon ein wenig früher hätte wissen können, dass Martin Heideggers Denken ein zutiefst nationalsozialistisches und antisemitisches war. Die Antwort ist einfach: Natürlich hätte man. Und Autoren wie Farias, Faye, und nicht zuletzt der Heidegger-Schüler Loewith wussten es und habe immer wieder darauf hingewiesen. Heidegger selbst tätigte in aller Öffentlichkeit einmal in Das Gestell und zum Anderen im berühmten Spiegelinterview, über dessen Genese nun ein lesenswertes Buch vorliegt, äquivalente Aussagen zu den oben erdachten Beispielen.

Er sagte:

„Ackerbau ist jetzt motorisierte Ernährungsindustrie, im Wesen das Selbe wie die Fabrikation von Leichen in Gaskammern und Vernichtungslagern, das Selbe wie die Blockade und Aushungerung von Ländern, das Selbe wie die Fabrikation von Wasserstoffbomben.“ (vgl. Faye 406)

Und schrieb:

„Ich sehe gerade die Aufgabe des Denkens darin, in seinen Grenzen mitzuhelfen, dass der Mensch überhaupt erst ein zureichendes Verhältnis zum Wesen der Technik erlangt. Der Nationalsozialismus ist zwar in die Richtung gegangen; diese Leute aber waren viel zu unbedarft im Denken, um ein wirklich explizites Verhältnis zu dem zu gewinnen, was heute geschieht und seit drei Jahrhunderten unterwegs ist“ (vgl. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-9273095.html).“

Gerade letzteres wird übrigens oft hinwegerklärt, es sei eben in Heideggers der Moderne kritisch gegenüber stehendem Denken nur folgerichtig, Landwirtschaft und industriellen Massenmord als Teil dieser wesensgleich zu fassen. Ja fällt euch denn gar nichts mehr auf? Was ist denn an einem Denken zu verteidigen, das zu solchen Schlüssen führt? Die Sache ist einfach. Man hätte es wissen können, denn wer es wissen wollte wusste es. Wer es nicht wissen wollte denkt heute nicht um, er versteckt sich nur und wartet weiter, wie hier schon im dritten Teil des großen Heidegger-Aufsatzes vor anderthalb Jahren zu lesen war, auf den Kyffhäuser…