Verfasst von: sonntagsgesellschaft | Juni 28, 2015

Nochmal: Die Große Fuge von Ludwig van Beethoven

Die Große Fuge in B-Dur (op133) ist das Werk Beethovens, das mich beim ersten Hören spontan am heftigsten in sich hineingerissen hat. Und bis heute bleibt sie mir das faszinierendste und vielleicht auch bedeutendste Werk des Komponisten. Vielleicht, weil mir als modernem Menschen in einer chaotisch zersplitterten Welt die wuchtige Fuge näher steht, als die in sich geschlossenen regelhaften klassischen Werke des mittleren Beethoven. Die sich in den mittleren Werken ausdrückende Ordnung, so glatt und edel sie wirkt – nach einem Ausspruch Adornos von Beethoven analog zu Kants Kategorientafel bereits aus Subjektivität, weil in objektivierten gesellschaftlichen Formen nicht mehr gründend, noch einmal hervorgebracht – liegt ferner, und vieles von ihrem Gehalt ist schon verklungen. Dagegen spricht die Fuge noch heute unerbittlich Ihr Urteil über die Welt:

Nochmal Adorno:

„Es gibt in dem Spätspiel Beethovens insgesamt etwas wie eine Tendenz zur Dissoziation … und zwar nicht im Sinne eines Kompositionsverfahrens … sondern Dissoziation und Verfall werden selber Kunstmittel, und Werke, die, wie man so sagt, zu Ende geführt, abgeschlossen worden sind, nehmen durch dieses Kunstmittel trotz ihrer Abgeschlossenheit in einem geistigen Sinn etwas fragmentarisches an…“

Das gilt meines Erachtens für die Fuge mit besonderer Konsequenz. In keinem anderen Werk Beethovens und überhaupt der Musik bis ins frühe 20. Jahrhundert scheinen mir so eindringlich die Widersprüche der Welt aufgenommen und entfaltet. Man spürt regelrecht wie Totalität an ihrer Eigenbewegung erzittert, über sich hinaus schießt, zu zerbrechen droht. Alles ist, und ab einem bestimmten Moment scheint, nichts mehr Komposition. Mit aller Gewalt dringt das Material hervor. Und nur mit eben solcher Gewalt und unsicher zu welchem Zweck, hält Tonalität das Schwindelnde zusammen; gerade so wird es immer wieder gefügt, eingehegt.

Beethoven wende sich noch nicht gegen die Tonalität, so Adorno,

„ aber er polarisiert sie. Tendenziell gibt es Einstimmigkeit, und Polyphonie, und überhaupt nicht in ästhetischem Sinn mittlere Harmonie, keinen Ausgleich, keine Homöostase, überhaupt keine Vermittlung als ein Mittleres zwischen [den Extremen], sondern wie bei Hegel nur Vermittlung durch die Extreme hindurch … dadurch wird das Affirmative … der Musik … erstmals so gekündigt, und darin allerdings gibt es beim letzten Beethoven bereits eine Beziehung zu gewissen Phänomenen der modernen Musik (…)“

Nicht um sonst entwickelte die Zweite Wiener Schule ihre Kompositionsverfahren in starkem Rückgriff auf das Beethovensche Werk (vgl.), wobei, diese Spekulation möchte ich mir als Nichtmusikwissenschaftler erlauben, dieses vor allem in seinem Verhältnis zur Welt studiert wurde. Aus der Sprache Beethovens zu komponieren, das ist das schon immer schal-restaurative Verfahren des Neo-Klassizismus. Dessen Werken ist das im Wort angelegte So-Tun-Als-Ob stets abzuhören.

Aus dem Beethovenschen Denken dagegen komponieren wäre das einzig Verpflichtende neuer Musik.

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