No Room for Emergency – Die Endkrise der Arztserie

(k)eine Hommage an Robert Kurz😉

Die Kulturindustrie stand materialistischer Selbstkritik vielleicht noch nie so nahe, wie in den seit Anfang der Neunziger inflationär aus dem Boden sprießenden Krankenhausserien. Denn das Menschen bestimmte Positionen in der kapitalistischen Gesellschaft auszufüllen, dass diese Ansprüche an sie stellt, dass die Menschen daran scheitern, das wusste man auch schon, in sagen wir “Cheers”.

Und dass das Leben, nicht nur das selten vorkommende Arbeitsleben, nein, gerade auch das Privatleben, als ewiger Kampf strukturiert ist, und dass das Scheiße ist, aber eben auch „natürlich“, das haben viele von uns mit “Married with Children” (Al Bundy) gelernt. Dass dieser Kampf vorzugsweise entlang von Geschlechterlinien verläuft, ist geschenkt, und selbst dass Geschlecht nicht einfach Konstrukt ist, sondern sich ständig reproduzierende Sphäre einer bürgerlichen Gesellschaftsordnung, kann man, Renate Göllner folgend, aus dem Fernsehen erfahren, nachweislich etwa anhand der Serie “Desperate Housewifes”1.

Aber erst die Krankenhausserien bringt jene Lüge auf den Punkt, mittels jener das Feierabendprogramm der glücklichen kleinen Familie das kleine Glück im Privaten bisher noch zu erretten vermochte.

Dass wir nämlich dort unser Glück selbst noch in der Hand hätten, dass es ja nur die Idiotie der Protagonisten sei, die Auflösung der Widersprüche im Privaten verhindere, die Idiotie (nicht etwa der Zwang zu Verwertung), die sie dazu bringt, Konkurrenzdenken, Existenzsorgen etc… ins private mit hinein zu schleppen, statt die „Welt“ dort zu lassen, wo sie hingehört, und mit dem „Leben“ zu beginnen. Also, um sich dem Gegenstand zuzuwenden, dass etwa, wenn wir wie das Ideal Paar Ross und Rachel Job, Geld, Zukunft nur hintan stellten, wir alle irgendwann einfach Friends sein könnten.

Diese Lüge, die das Immergleiche dank des Steten Fokus auf Ober-, Mittelschicht, oder Überlebenskünstler Tag für Tag aufrecht erhält (um den Preis des “Unterschichtfernsehen” dass sich angesichts zunehmender Sozialer Gegensätze als Kompensator für die „Abgehängten“ etabliert, immerzu das Mantra “Irgendwem gehts immer schlechter” wiederholend), diese Lüge also bricht die Krankenhausserie, mag das auch ihre Intention nicht sein.

Woran liegts? Einfach: Durchleben auch die Protagonisten den selben Soap-Quatsch (s.o.) wie Ross und Rachel2, entfaltet sich vor ihren Augen die gesamte Übermacht des Objekts, die das Leben der Andren Strukturiert. Was sonnst ausgeblendet werden kann muss sichtbar werden, wo Tod im ganz alltäglichen (14 Beinahe-exita sind Folgendurschnitt bei ER), als unausweichliches neben das Leben tritt.

Wer hat noch Chancen, bei wem lohnt sich der Aufwand nicht? Wer trägt selbst zu Genesung bei und qualifiziert sich damit (kein Alkohol) für die Organspenderliste? Und ist der Patient überhaupt versichert? So stellt die Krankenhausserie die verwaltungstechnische praktische Vernunft neben solch ethische Fragen wie: Ist es ok, den zum Tode verurteilten Vater der Tochter das Herz spenden zu lassen?

Täglich führt der Arzt (seltener noch immer die Ärztin) dann den Zuschauern vor Augen, wie er selbst, um operieren zu können, die Ohnmächtigen auf Statistik reduziert, und, statt daran zu wachsen bald zu Grunde geht. Die Welt der Sachen die die Patienten sowieso im Griff hat, tritt dem Arzt in den als Sachen erscheinenden Patienten gegenüber und bricht ihn (im günstigsten Falle), da die nicht zu verleugnende Nichtidentität des Menschen mit dem Bündel aus Symptomen und Überlebenschancen nach schier unmenschlicher Verdrängungsleistung verlangt.

Die intendierte Aufhebung des Konflikts (ein klassisches false-positive, könnte man süffisant anmerken) wirkte tendenziell schon immer lächerlich. Bei „General Hospital“ oder „Days of Our Lives“3 war man sich darüber wahrscheinlich schon im Klaren, es brauchte Clooney und Co, den ganzen Glamour mit dem aufzuwarten war um die Verdrängung zu befeuern. Doch die Scheindialektik des kapitalisierten Krankenhauswesens (Wohl des Betriebs vs. Wohl des Patienten)4, ist nicht aufzulösen. Gerade der individualistische Arzt, der zur gefordert ist, um dem Zuschauer Identifikationsmöglichkeiten zu bieten muss angesichts des verwalteten Lebens Sterbens dem Wahn verfallen, will er noch funktionieren.

Es ist dann auch kaum verwunderlich dass die erfolgreichste Krankenhausserie der letzten Jahre, die (d.i., natürlich, House), spätestens mit der vierten Staffel nichts als die Abwicklung des eigenen Genres betreibt.

Es könnte sonst ja noch jemand drauf kommen, dass es eine einfache Aufhebung der oben skizierten nicht-umschlagen-wollenden Dialektik denkbar währe…

1Göllner, Renate: Warum die Desperate Housewifes Judith Butler vorzuziehen sind und ich dennoch dabei einschlafe. In: Katrin Lederer (Hrsg.): Zum akturellen Stand des Immergleichen. Verbrecher Verlag: Berlin 2008. S171-195.

2Vgl. Scrubs

3Ich sage nur: “Auferstehung” “Gehirntransplantation”

4Scrubs S1E05

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