– Brown

I

Zur Kritik der Verschwörungstherie im Allgemeinen, zu ihren besondern Ausprägungen, sowie sogar zu Dan Brown finden sich bei Classless [etwa hier oder hier] eigendlich ausreichend Materialien. Wäre Dan Brown damit Genüge getan, wäre seine wie jede andere Verschwörungsthoerie, die sich etwa in Thruthomentries und auf zahlreichen „kritischen“ Sites finden, dann könnte hier schon Schluss sein und der Text wäre zwei Links mit Geschwafel.

Dan Brown ist, was auf den ersten Blick auch mich überraschte, allerdings mittels Denunziation falscher „Wahrheiten“ nicht beizukommen, da die kaum alles sind, was die Leser und Leserinnen von Romanen suchen.. Jede Kritik, die auf den fiktionalen Chrakter des Brownschen Werks reflektiert, muss das verstehen. Erwecken auch die Anmerkungren des Verfassers bei Brown meist einen andren Eindruck, so sind sich Leser und Autor, im Gegensatz etwa zu [Zeitgeist], über das Spiel mit der Lüge, einig. Das wäre, kurz gegriffen, das Prinzip der Fiktionalität.

Daher ist Brown (hier als Pars pro Toto), als Roman zu kritisieren. Beziehen werde ich mich dazu auf Illuminati, a) weil der Text gut zu lesen ist, leidlich spannend, und b) weil er im Gegensatz etwa zum Megaseller „The Davinci Code“ nicht ganz so leicht zu zerreißen ist.

Das stellt die Frage nach Kunst vs. Unterhaltung, was der Kritik nur zuträglich sein kann.

II

Dass die Verschwörung Thema ist, liegt im Genre: Die Illuminaten, so scheint es, ermorden nicht nur den Physiker-Priester Vettra der bei CERN Antimaterie herstellte, sie stehlen auch die Antimaterie und platzieren sie irgendwo im Vatikan. Des Weiteren morden sie auch noch jede Stunde einen der vier „Preferiti“, der Kardinäle, die beste Chancen auf das Amt des Papstes haben. Der alte Papst wurde von den Illuminaten vergiftet, jene kämpfen, heißt es für die „Wissenschaft“, es gibt daher keine Forderungen: Gott muss sterben, das ist das Ziel.

So weit, so austauschbar (wenn auch in der Konsequenz radikal). Weit interessanter als das immergleiche (wer Pulp Fiction liest kennt die Story, wer Eco je eines Blickes gewürdigt hat, weiß, dass man sich auch in den 80ern schon darüber lustig machte); weit bemerkenswerter ist, wie das „Prinzip Verschwörung“ bei Brown selbst zur Erzältechnik wird:

Das Denken der Verschwörungstheorie ist zielgerichtete Assoziation, ihr Modus ist die Schnitzeljagt. D.h. Ein Hinweis führt zum nächsten, statt alles auf alles zu beziehen, wie es die postmoderne Variante der Phänomenologie will, vermag der Eingeweite Zeichenketten zu erschließen. In Illuminati ist der Ermittelnde folglich ein Symbolologe: Robert Langdon (mit „Sidekick“ Vittoria Vettra, von der wir außer dass ihr Vater ermordet wurde vor allem wissen müssen dass es „tranzendental“ sei, mit ihr ins Bett zu sein), der auf der Spur der Illuminaten dem Pfad der Erleuchtung folgt, dessen Beginn aus den Diagramma des Galileo erschlossen werden kann. Lange Rede kurz: folgendes Gedicht findet sich in den Archiven des Vatikan:

From Santi´s earthly tomb with deamons´ hole

Cross Rome the mytsic elements unfold

The path of light is laid, the sacred test

Let angels guide you on your lofty quest.

Wo sich nun etwa Sherlock Holmes oder Dupin in der Tradition des bürgerlichen Krimis nach dem Prinzi einer vermittelnden Analyse1 aus dem Gewussten und dem nur Möglichen deduktiv schließen würden, regiert bei Brown/Langdon Beliebigkeit. Ins Pantheon statt in die Capella Chighi zu gehen mag noch ein, lets say „honest Mistake“ sein. Santi wird als Raphael richtig indentifiziert, allerdings weiß der weltgebildetste Kunsthistoriker Langdon nicht, dass jener eben im Pantheon zur Hochzeit der Illuminaten noch nicht beerdig war. Nun gut. Die Capella Chighi allerding enthüllt dern Ermittelnden bereits den Meister der Illuminaten, den Bildhauer Bernini, stellt klar welche Symbole den Weg pflastern werden (Neben Engeln, s.o. Pyramiden und Obelisken), genug eigentlich, um die gesuchten Plätze bequem deduktiv zu bestimmen.

Doch stattdessen beginnt nun eine wirre Jagt. Das Prinzip Schnitzeljagt macht den Roman erst spannend, das Mythische der Ermittlung, die Konstruktion der Ermittlung als „Geschichte“, macht den Leser als einen, der es besser wissen möchte, aber eben nicht weiß, groß und klein zugleich. Wie der späthelenische Reisende steht er vor den Sprüchen des Orakels, und kommt, sie schukterzuckend abtuen wollend, nicht umhin zu fragen: Könnte das… ja, könnte das nicht doch alles ganz wahr sein?

Hinzu kommt, dass die Beliebigkeit der Zeichenkette in der Erzählung eben doch Bestimmtheit erlangt. Bestimmtheit, die einmal als Romanstruktur dem Leser gegenüber steht, dann aber auch als von den Illuminaten so und nicht anders angelegt dem Protagonisten. Objektkonstellationen die im Detektivroman etwa noch rudimentär gesellschaftlich gedacht werden, herumliegende Kippen, etwa, eine Zeitungsmeldung, die die heiße Spur bringt, eine Affaire, die sich gegen den Bösewicht wendet, werden hier der Planung des ganz Anderen zugeschlagen, und können damit an diesem bekämpf werden.

In der Erzählstruktur von Illuminati wird damit der Mythos zum Prinzip von Wahrheit. Eine vorkausale Antiziaption von Kausalität führt zum Licht, die von Poe propagierte Analyse, das logische Eingedenken in gesellschaftliche Allgemeinheit und Besonderheiten, bleibt hinter der Geschichte der Bilder zurück.

Belegen lässt sich das etwa durch den Nachweis, wie leicht aus dem ersten beiden Hinweisen auf den Ort des finalen Showdowns geschlossen werden könnte:

Klar ist/scheint

a) – Der Täter ist Illuminat.

A1) – Illuminaten sind Postivisten, sie nutzen aber zur Provokation satanische Symbole

b) Wir wissen (nach der Capella) zudem das Folgende:

B1) – „Engel“ geben Hinweise

– Bernini ist der Erbauer aller in Frage kommenden Orte

        • Ein Kreuz (ja, dass ist schwer, entfaltet sich über Rom)

        • Pyramiden und Obelisken sind wahrscheinlich ebenfalls stets vorzufinden

– Jeder Ort ist einem der 4 Elemente der Alchemie zugeordnet

Wir können dazu vermuten: vom Nest der Illuminaten gibt es einen Weg in den Vatikan, der noch genutzt wird.

Um dann nicht auf das Castel Sant Angelo, die „Engelsburg“, die von Bernini gestalltet wurde, die die Form eines Pentagrams hat usw…2 , zu kommen, hätte es schon den zugedröhnten Holmes aus späteren Tagen gebraucht…

III

Abgesehen von der Erzählstruktur ist Illuminati allerdings kein typischer Verschwörungsroman. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Vermittlung von Religion und Wissenschaft, während die liebste Frage aller Verschwörungstheoretiker „wer regiert die Welt?“, mittels überraschender Wendungen eher dekonstruktivistisch (d.h nicht bestimmt) negiert wird.

Anfangs in der Person Vettras noch als Opfer markiert, tritt bald die zügellose Destruktivität der „Wissenschaft“ (stets synonym zu gebrauchen mit Positivismus) in den Mittelpunkt. Dass dabei die Verortung der Wissenschaft im Produktionsprozess nicht zu beachten ist, ja , dass die gesellschaftliche produktion gar außerhalb der „Wissenschaftskritik“ steht, daran lässt der Camerlengo (der geschäftsführende Sekretär des toten Papstes) keinen Zweifel:

Die Wissenschaft mag das tägliche Elend und die Arbeit erleichter und gelindert … haben, doch sie hat uns zugleich eine Welt ohne Ordnung beschehrt… Die Technologie, die uns zu vereinen sprach, teilt uns … Sie zerschmettern Gottes Welt in immer kleinere Bruchstücke auf der Suche nach dem Sinn, und alles was sie finden, sind weitere Fragen“

Folglich kann dann auch die Zersplitterung, zu der die sinnsuche führt, nicht als Hervorbringung einer arbeitsteiligen Gesellschaft gedacht werden. Weder die aus der Produktion kommende Bedingtheit der „Wissenschaft“ kann kritisiert werden, noch können die einzelnen Splitter kritisch auf ein ganzes bezogen werden. Stattdessen wird die „Wissenschaft“ als Gegenprinzip konstruiert, und damit selbst vergöttlicht:

Wer ist dieser Gott der Wissenschaf? Was ist das für ein Gott, der seinem Volk Macht anerbietet, und kein moralisches Rahmenwerk…?“

Obwohl so „Wissenschaft“ und Religion bereits als höchstens gleichwertige widerstreitende Prinzipien längst ihres unterschiedlichen Bezuges zur Natur enthoben werden, zeigt sich der Camerlengo überraschend schafsinnig, wenn es darum geht, andere ganzheitliche oder idealistische Welterklärungen zu kritisieren. So etwa die Re-mythologisierung der Welt in der Esoterik

Um das Christentum von dieser abzusetzen, beruft der Camerlengo sich auf dessen Tradition. Die Vergangenheit legitimiert im vulgär materialistischen Sinne die Zukunft: Seht, was uns das Christentum an Segen brachte.

Parallel hintertreibt der Roman den Geltungsstatus der positiven Wissenschaft, indem er die vom Camerlengo begonnene Kritik jener als Gottesprinzip spezifiziert. Dass das mittels zweier Erweckungserlebnisse, dem des Camerlengos nach seinem Autounfall und dem Kohlers, des Vorsitzenden von CERN, nach schwerer Krankheit geschieht, kann getrost als einer der geschicktesten Erzählkniffe betrachtet werden, die man bei Brown je beobachten wird.

„Sie erklärte, dass Gott ihn prüfe … wie Abraham“, so Brown über Kohlers Mutter, die einst im Vertrauen auf Gott jede Behandlung für ihren im Sterben liegenden Sohn zurück wies. „Ihr Sohn leidet unter unerträglichen Schmerzen“ insistierte vorher ein Arzt. Der selbe Arzt kann es minuten später, die Eltern sind aus dem Zimmer, mit seinem Eid nicht mehr vereinbaren, den ungen Kohler leiden zu sehen: „Das wird dir das Leben retten…“ sagt er, und injiziert die rettende Spritze.

So scheint Kohlers Hingabe an die „Wissenschaft“ rein persönlich, irrational, wenn auch begründet.

IV

Scheint so vorerst noch qua Tradition die Religion mit der ihr immerhin schon zu eigenen Erlösungsversprechung über die nur als wahnhaft zu verstehende Wissenschaft zu triumphieren3, eine Versöhnung also nur in der Kontrolle des einen durch das andre möglich, schlägt im nächsten Schritt das Wahnhafte auf die Religion zurück. Denn gerade der Camerlengo, der für die Zügelung des wertneutralen, bösen, durch das althergebrachte, gute, wertbeständige, einzustehen scheint4, entpuppt sich als der Urheber aller Verschwörung. Die Illuminati sind tatsächlich, erfährt man, wie es Langdon zu Anfang des Roman behauptete, Geschichte. Ihre Widerkehr ist eine Erfindung des Camerlengo, dessen idealistische Wissenschaftskritik (s.o.) ihn seines Erachtens ermächtigt eine totalitäre Durchsetzung der Herrschaft des Glaubens quasi als Politik des kleineren Übels zu betreiben. Wie der Camerlengo vor der versammelten Konklave angibt, war der Papst von Vettra über die Herstellung der Antimaterie informiert worden, und sah in ihr die „Bestätigung der Schöpfung durch die Wissenschaft“, in der Terminologie der kritischen Theorie gesprochen also eine Art Keim zu positiven Aufhebung der Arbeitsteiligen Gesellschaft durch die Zurückführung des Positivismus auf ein ganzheitliches Prinzip5. In der Einsicht, dass dies nicht möglich sei „“, offenbart der Camerlengo erneut erstaunlichen Weitblick. Die Entfaltung der „Reinen Vernunft“, wie er nun sagt, subsumiere noch jeden „Gottesbeweis“ wieder unter ihre Verwaltung, die, wie wir gelernt haben „zerschmetter[n] in … Bruchstücke“ sei.

Da das Entspringen des reinen Positiven aus der Tauschgesellschaft, also der Vergleich des für sich ungleichen im Abstrakten, der schließlich das nichtidentische undenkbar macht, vom Camerlengo nicht reflektiert wird, bleibt ihm nur die Machtergreifung, die in Recht Setzung des nach ihm menschlicheren Herrschaftsprinzips, wider dem „Chaos“. Nicht zuletzt illustriert sich daran die schlechte Praxis, zu der die negative Aufhebung des falschen Ganzen tendiert, die Gewalt die der Rückbesinnung auf das Ursprüngliche, das gar Vormythische6 innewohnt, eine Gewalt, die jene die der Entfaltung der „reinen Vernunft“ noch zu übertreffen droht.

Der Schluss allerdings, der auf den ersten Blick einer klassischen Tragödie entlehnt scheint, tatsächlich aber eine moderne, verschobene Variante der Jugend Christi reflektiert, kassiert selbst diese unaufgelöste kritische Note wieder. Der Wahn des Camerlengo nämlich entspring weit weniger der idealistischen Kritik des falschen Ganzen, als persönlicher Enttäuschung. Der Papst, der Ziehvater des Camerlengo, hatte ein Kind. So die ideale des Glaubens verraten habend, hat er die Prozesse erst in Gang gesetzt, die zu seiner Ermordung und des Camerlengos Unternmehmungen zur Restaurierung des Glaubens führten. Eitelkeit ruft die Trotzreaktion hervor, nicht verzerrte Einsicht. Und zu allem Überfluss wird dann noch der Camerlengo als Kind des Papstes identifiziert, als Kind aus dem reagenzglas, denn Überraschung: der Papst war doch keusch, und die Mutter eine Jungfrau namens Maria.

Angesichts eines solchen Endes versagt eine kritische Lektüre. Kann der Selbstentwurf aus der Wut auf den Vater noch vereinfacht al projektion des Vatermordes erklärt werden, wirkt die Spiegelung des Evangeliums in die moderne wie eine allein auf den Überraschungseffekt ausgerichtete Spielerei. Dabei hat sie im Romangeschehen als weiterer versuch einer idealistischen Aussöhnung unversöhnbarer Sphären vielleicht sogar ihre Berechtigung, kann dann aber kaum interpretiert, allein ignoriert werden. So verfährt man dann ja auch im Vatikan. Die Selbsttötung des Camerlengos, die Auffahrt in den Himmel, all das wird angenommen, die Schwächung von CERN ebenso, allerdings vorerst ohne Seligsprechung, ohne Erklärung, fast wie alltäglich. Der Status Quo wird wierder hergestellt, die Spannung wird abgebaut. So kann dann auch der bemüht erotische Epilog entworfen werden, ohne angesichts des vorhergegangenen absolut unangebracht zu wirken.

1Hier meine Ausführungen zum Bürgerlichen Subjekt im Kriminalroman, vgl. Lederer 2008

2Alle Übereinstimmungen bitte direkt bei Brown nachlesen…

3Das macht neben des Camerlengos Monolog und der Erweckung Kohlers nicht zuletzt die Identifikation der Wissenschatf mit den Illuminaten deutlich

4Dabei wäre die Ironie zu extrapolieren, dass ausgerechnet jene empirische Wissenschaft die „klinisch rein“ das Prinzip der Vergleichbarkeit, mithin den Wert, abbildet, ob ihrer „Wertneutralität“ angeprangert wird. So sehr ist uns eben die Gesellschaft „zweite Natur“.

5Wohlgemerkt: Hier gar durch den experimentellen „Beweis“ der Schöpfung, der doch genauso gegen Gott gewendet die Allmacht des bürgerlichen Subjekts beweisen könnte. Hier währe mit Hegel darauf zu insitieren, dass der monotheistische Schöpfergott nie etwas andres wahr als die Projektion des Subjektivitätsprinzips an einen Ort, an dem es sich ohne Sachschranken entfalten kann…

6Vormythisch, weil zwar das Christentum richtig als Mythos unter Mythen angesehen wird, der Geltungsanspruch aber hier schon ganz klar in der Absolutsetzung, in einer Art urstprünglichen Spontanitaet verortet wird, die dem verdinglichenden Denken des Mythos noch vorausgeht.

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