Das Märchen vom Zauberer

Дies ist die Geschichte vom traurigen, doch notwendigen Ende des Maxim Fjodorowitsch, welcher ein Zauberer war.

„Du bist ein ausgemachter Dummkopf, Maxim Fjodorowitsch“, sagten die Genossen. „Deine außergewöhnlichen Fähigkeiten vergeudest du hier“. Maxim stammte aus einem alten Adelsgeschlecht, dass in der Ob-Ebene ausgedehnte Ländereien sein Eigen nannte.

„Was dein Verstand und dein Herz dort ausrichten könnten! Du würdest die Massen erziehen. Du würdest die Bewegung von der Avantgarde ins Volk, in die Scholle tragen“.

Maxim Fjodorowitsch hatte sich als einer der ersten Wirtschafter den Zirkeln der Philosophen und Künstler in Gorki angeschlossen. Nichts hätte nach dem Studium der Agrar- und Umwelttechnik noch auf des Vaters Gut zu locken vermocht.

Gewiss, es klang fortschrittlich, was man auf der Universität lehrte, und anfangs wenn er nach Hause telefonierte, hatte Maxim Fjodorowitsch geradezu euphorisch geklungen:

„So glaube mir doch, Vater. Jede Farm wird einen Staudamm haben, wir machen dann eigenen Strom. Ja, was wir da sparen werden! Erntemaschinen werden mit Raps betrieben, und die Heizung mit Gülle“.

Doch immer wenn Maxim Fjodorowitsch an die Landarbeiter dachte, wurde er traurig. So viele hatten schon ihre Arbeit verloren. Und viele würden folgen

„Und noch etwas ist mir klar geworden“, hatte er einst erklärt. „Je besser es dort läuft, desto härter wird auch mein Leben. Ja, Genossen. Wir buckeln alle unterm Rad“

„Die Revolution hat nur Erfolg, wenn der Schießbefehl ausbleibt“ – „Wir brauchen Verbündete bei den Soldaten“ – „Nein, was wir brauchen, sind Verbündete bei den Herrschenden“ – „Traurig aber war, der Kapitalist steht den Arbeitern noch näher als wir“.

Mit solchen Worten wurde Maxim Fjodorowitschs Rückkehr angeordnet. Der verlorene Sohn diskutierte, schimpfte, schmollte: „Was soll ich denn sagen? Ich habe den Vater seit Jahren nicht mehr gesprochen!“.

Es war Zwecklos. Das große Ziel stand über dem Wohl des Einzelnen.

„Oh, Fjodor Maximowitsch, wie sehr bereue ich meine Verfehlungen!“. Nach langer Reise ließ sich Maxim Fjodorowitsch auf der Schwelle des verhassten Heimes in den Staub fallen, und küsste die Füße des Vaters.

„Er ist alt geworden! Wie grau und schütter das Haar, das beim Abschied noch lockig auf die Schultern fiel“.

Die zwei, drei Kilometer von der Anlegestelle hatte Maxim Fjodorowitsch zu Fuß zurückgelegt. Das satte grün der Wiesen. Das wogende Korn. Unter des Flusses sanftem Rauschen war ihm das Herz leicht geworden, bis die fröhlichen Rufe der Bauern ihn an seine Aufgabe gemahnten.

„Ihr wenigstens, wisst wo ihr steht. Der Weg, den man von mir zu gehen verlangt, ist ungleich härter“.

„Vater, verzeih mir“, schloss Maxim Fjodorowitsch seine flehentliche Ansprache. Die Nase noch immer im Staube, vergraben, presste er Tränen aus trockenen Augenwinkeln. „Ich wollte stets das Beste. Lass mich deine Last tragen, Vater“.

Der Neuanfang war nicht einfach, doch bald schon hatte der Sohn sich unverzichtbar gemacht. Maxim wusste welche Maschinen anzuschaffen waren und wofür. Er kannte die richtigen Leute, die mit der Technik halfen. Vor allem aber: Maxim konnte mit den Bauern besser als je sein Vater.

„Wahrlich, mein Sohn ist ein Zauberer“, gab der Vater an, wenn er mit anderen Farmern bei einem Glas Wodka schwatze. Ob der neu gewonnen Freizeit geschah dies nun öfter. „Der Betrieb läuft wie geschmiert, und jeder respektiert Chef und Kollegen“.

Dass sich auf der Farm mehr geändert hatte als nur die Arbeitsmoral, merkte man erst als Fjodor Maximowitsch starb und Maxim Fjodorowitsch die Führung vollends übernahm. War das nicht der neue Gutsherr, der dort mit den Bauern die Sense schwang? Der des Mittags den Kindern „Das Krokodil“ vorlas? Doch man ließ Maxim Fjodorowitsch gewähren, denn die Farm warf weiter Ertrag ab, und nichts deutete darauf hin, dass das Beispiel des Jungen Schule machen könnte. Selbst als der Betrieb den Namen Swobodnaja Komuna bekam, meldete sich kaum eine kritische Stimme aus dem Umland. Maxim Fjodorowitsch erlangte gar eine gewisse Berühmtheit, als er Wanja, einen Bauernlümmel der überall als notorischer Faulpelz verschrien war, unter Einsatz des eigenen Lebens unter einem Mähdrescher herauszog.

„Ein guter Mann, der Fjodorowitsch“, hieß es. „Unorthodox, aber gut“.

Als die Nachrichten aus den Städten eintrafen, war die Swobodnaja Komuna bereits ein idyllischer Musterbetrieb. Es gab Nahrung und Muße, jeder tat was er konnte und wie er es wollte. Man hatte eigene Elektrizität, eine Zeitung, Schulen.

„Es gibt jetzt Soldatenräte“, flüsterte man anfangs leise. „Matrosenräte, Arbeiterräte“. Bald schwoll das Rumoren an zu Jubelstürmen. „Die Regierung hat abgedankt, selbst die alten Bonzen und die Intelligenz sind in Räten organisiert“. Es würde eine neue Epoche anbrechen, der Freiheit, des Überflusses.

„Vorher allerdings brauchen wir euer Korn, Bauern. Die Nahrung wird kollektiviert, bis die Konterrevolution besiegt ist!“

Für sie, erklärte Maxim Fjodorowitsch den Genossen, konnte das wohl nicht gelten. „Eine Konterrevolution gab es hier ja nie“.

Aber eines Tages kamen rote Reiter in die Swobodnaja Komuna.

„Wem gehört das große Haus dort“, fragten einer vom Pferd herab den Erstbesten, dessen Aufmerksamkeit er erlangen konnte.

„Technisch“, gab der Bauer zurück, „gehört das Haus mir“. Zufälligerweise hatten die roten Reiter nämlich den Maxim Fjodorowitsch erwischt, der sich von den anderen Bauern äußerlich nicht unterschied.

„Aber…“ hub der gerade an fortzufahren, als sich eine Schlinge von hinten um seinen Hals warf. Maxim Fjodorowitschs freundliches Lächeln erstarrte, und im selben Moment noch sah er sich, schreiend und blutend, hinter galoppierenden Pferden hergeschleift. Die Reiter brüllten und johlten.

„Heda, Sklaventreiber, wir werden dich im Dachstuhl deines Herrschersitzes aufknüpfen“

Und so wäre es mit Sicherheit geschehen, wäre nicht jener Wanja, dem Maxim Fjodorowitsch das Leben gerettet hatte, ihnen in den Weg getreten.

„Wie wagt ihr es!“. Wanja, nun ein stattlicher Jüngling, gebot den Reitern mit lauter, fester Stimme Einhalt. „Genossinnen, Genossen, seht! So geht die Revolution mit einem ihrer Größten um!“

Man scharte sich um den zerschundenen Maxim Fjodorowitsch.

„Hat er nicht an unserer Befreiung gearbeitet, langsam, stetig, als wir dem Gesetze nach noch in Ketten lagen?

Gäbe er nicht sein Leben für einen Jeden von uns?

Und mehrte Maxim Fjodorowitsch uns nicht gar wundersam das Brot, da wir sonst hätten hungern müssen?“

Als Wanja so gesprochen hatte, schienen die roten Reiter sichtlich beeindruckt. „Wir wollen dir gerne glauben, Genosse“, antworteten schließlich einer, der schon dem ersten Zirkel in Gorki angehört hatte . „Denn auch wir kennen gute Mensch, die über sich hinauswachsen, ohne zu herrschen. Doch sag, soll dieser einzelne Mann wirklich all das geleistet haben, was du berichtetest?“

„Ja“, sagte Wanja. „Er ist Maxim Fjodorowitsch“.

Und die Menge schrie, wie aus einem Mund:

„Er ist ein Zauberer!“

Еin Jahr später holten sie den Maxim Fjodorowitsch dennoch. Tadellos war er, man musste es ihm lassen. Einer der Fortschrittlichsten unter den Fortschrittlichen. Doch ungeachtet solcher Einschätzung gab es manches, was heutzutage nicht mehr zu dulden war. Man hatte die Religion ausgerottet, den Spiritismus. Sicher, die Zauberer hatten ihren Platz in der Geschichte. Aber der Lauf der Welt ist nicht auf zu halten.

Er verschlang Maxim Fjodorowitsch, und mit ihm die anderen Hexen und Zauberern der alten Zeit.

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