Das Letzte Einhorn – Erinnerung an eine Erinnerung

Vor einigen Jahren stellte ich mit Erschrecken fest, dass ausgerechnet mein Lieblingskinderfilm, „Das letzte Einhorn“ von Christlich mythologischen Implikationen nur so trieft, und dass er scheinbar sehr fragwürdige Ideologiefragmente und Moralvorstellungen transportiert. Das hätte mich kaum überraschen sollen, war ich doch als Kind schon für das Ernste, das scheinbar Tiefgründige besonders empfänglich.

Im Folgenden wird kurz meine damalige, an Analogien zur Offenbarung des Johannes orientierte Lesart referiert werden, sowie die damals gezogenen Schlussfolgerungen. An der Lesart möchte ich im Großen und Ganzen dann auch festhalten, tatsächlich schreibt „Das letzte Einhorn“ den Mythos der Apokalypse neu, und propagiert Transzendenz über Individualität. Einige Schlüsse daraus müssten aber vielleicht revidiert werden, daher stelle ich der Analyse eine kurze kritische Reflexion auf eben diese nach.

Heute habe ich mir das letzte Einhorn angesehen. Ich mochte den Film als Kind sehr. Was mir heute aufgefallen ist, war aber eher verstörend. Die Story reflektiert in symbolischer Weise, mit Einschlägen nordischer Mythologie die Johannesoffenbarung, mit einer starken Betonung der Errettung nicht des Menschen, sondern des übermenschlichen guten, durch ein jüngstes Gericht. Dabei stellen die Einhörner, die der Rote Stier ins Meer Treibt die Himmlischen Heerscharen dar, die von der materiellen Welt getrennt werden. Der Stier ist das Tier des Teufels, dessen Nummer 666 ist. König Hagart könnte der Inbegriff des Satan im Menschen sein, er ist daher nicht glücklich. In letzter Konsequenz wird er stellvertretend gerichtet, als das die Einhörner gerettet werden. Die Rettung der Einhörner bringt mich dazu, zu argumentieren, dass dem jüngsten Gericht der Vorzug über das menschliche Wohl gegeben wird. Um dies zu verstehen, muss man die Einhörner in der dargestellten Weise betrachten. Gefühllos, nicht rational, transzendent. Ein Einhorn bricht diesen Bann und wird zur Frau. Sie ist die Frau der Offenbarung, die mit dem Drachen kämpft und gewinnt, durch das Lamm, dass das Wasser in Wein verwandelt. Jesus wird durch den Zauberer dargestellt, der eben jene Tätigkeit ausführt, und somit die Tür zum Endkampf öffnet. Nun hat die Frau in der Zwischenzeit angefangen den Zauberer zu lieben (Der Weg Marias aus Magdala?), und fragt, warum die Einhörner überhaupt befreit werden müssen, wo sich der Stier, das Tier des Teufels, doch für die Menschen gar nicht interessiert.

So folgt der Stier der alttestamentlichen Darstellung der gefallenen Engel, welche eigentlich mit Gott im Krieg stehen, und, nach Milton gut interpretiert, die Erde nur als Schlachtfeld nutzen, da die göttlichen Übermacht aus der Hölle nicht angreifbar ist. Im Armageddon des „Letzen Einhorns“ Satan allerdings die Macht über die Engel gewonnen, dem Mensch währe das ungestörte Leben auf der Erde also nicht verwehrt. Obwohl genau dies durch die Frau (die nun nichts mehr von einem Einhorn hat) erkannt wird, ficht man den Kampf letztlich aus, mit der in christlicher Tradition liegenden autoritären Begründung des vorbestimmten Schicksaals: „Man kann eine Suche nicht in der Mitte beenden“ (So wie man ein Spiel halt zu Ende spielt…). Die Einhörner reiten aus den Fluten wie die Heere der Apokalypse, die aus Euphrat und Tigris hervorbrechen, schließlich das „Böse“ nieder, wodurch der Zauberer (Jesus) Macht gewinnt, alle Liebenden (oder Menschlichen) der Geschichte aber mit dem Ideal, ihre Liebe für „etwas Höheres“ gegeben zu haben, leer ausgehen.

Nachtrag: So weit meine vier Jahre alten Beobachtungen auf hermeneutischer und intertextueller Grundlage. Ob diese Beobachtungen der typischen Problematik idealistischer Betrachtungsweisen anheim fallen, mangels einer materialistischen gesellschaftstheoretischen Grundlage in die Beliebigkeit akademischer Literaturtheorie abzugleiten, vermag ich nicht zu beurteilen, da mir das Material nicht ausreichend präsent ist.

Eine positivere Kritik scheint allerdings angesichts des hier beschriebenen Denkbar. Dann repräsentierte das Einhorn das Ideal, Freiheit, Versöhnung, die ganze Christliche Palette. Auf deren durchaus vorhandenen emanzipativen Charakter verweist die Kritische Theorie ja bis heute nicht zu Unrecht, ohne mit Kritik an der Transzendenten Versöhnung zu sparen. Die „Liebe“ auf die sich ein weiblicher Protagonist als „Reales“ beruft könnte dann leicht jener rein pragmatische Teil des falschen Ganzen sein, der der Transzendentalen Flucht entgegen steht Das schön gemalte Private, Romantik und der ganze Bullshit, der den Rest weniger erschreckend wirken lässt. Und wenn ich mich richtig erinnere handelt es sich im „Einhorn“ dann auch tatsächlich um eine düstere, patriarchalische, vormoderne Fantasywelt, in der das Pärchenglück als auch nur als Annäherung ans Ideal kaum denkbar scheint.

Eine weiterführende Kritik könnte nun „am Text“ Strategien der Verklärung herausarbeiten, solche der christlichen Aufschiebung der Erlösung einerseits, und solche der affirmativen Betonung von Eigentlichkeit, Naturgegebenem andererseits. Da aber ersteres zweiteres ohne große Rücksicht vom Tisch wischt, bliebe das Urteil wohl unverändert. In Intention und Ergebnis bleibt das Einhorn eine (gut erzählte, in tolle Bilder übertragene) Neuauflage der Johannesoffenbarung, ohne Schlupfloch, es sei denn in das Leid der vorindustriellen Gesellschaft.

Und machen wir uns nichts vor: Durch Zauberei wird die Welt auch nicht besser, ohne den Heiligen Geist war der Zauberer des „Letzten Einhorns“ nichts als ein Scharlatan.

4 thoughts on “Das Letzte Einhorn – Erinnerung an eine Erinnerung

  1. Pingback: Die Nachtlager – Bert Brecht « SonntagsGesellschaft

  2. In fast allem kann man eine biblische „Geschichte“ hineininterpretieren. Wenn wir die Dinge komplett nüchtern angehen, müsste man
    die Tatsache berücksichtigen, dass (ob war oder nicht) die Bibel in aller erster Hinsicht ein guter Roman ist.
    Immer wieder finden wir ähnliche, wenn nicht gleiche Geschichtsstrukturen (Gilgamesh >> Hero´s Journey). Fast jeder Film hat den gleichen Handlungsstrang. Würde man jetzt wie in dieser Analyse sagen „Es ist genau so wie…“, dann fehlt es einem an Professionalität.
    Für eine ernst zunehmende Analyse fehlt mir hierbei die benötigte Objektivität. Korrekterweise müsste es heißen „Man kann es vergleichen…“ und nicht „Es reflektiert wieder…“.
    Mag sein, dass der Autor sich diese Geschichte als Vorbild nahm, aber nicht unbedingt damit eine christliche Aussage festhalten wollte. Das weiß nur der Autor. Und damit ist der Autor nicht der erste, der bekannte Geschichtsstrukturen übernommen hat, weil dieses sich bewehrt haben.
    So eine Theorie also aufzustellen ist eine Sache, aber das auch schon fast faschistisch zu vertreten deutet auf mangelnde Objektivität.
    Mit freundlichsten Grüßen, J.T.

  3. *Neben den kleineren Fehlern bitte ich vielmals um Verzeihung für meinen durchaus fatalen Fehler:
    Ich meinte natürlich „fanatisch“ und nicht „faschistisch“

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