Mir war das Lachen halt aufgefallen

’mal geübt die Kritische Theorie

Die Fans – vielleicht Fanatic+Arts=Fanartiker – der tarrantinoischen Filmkunst bekamen den Abend ihre Kosten des Eintrittes vergolten mit den erfüllten Erwartungen, welche durch die Werbung erzeugt. Gegeben ward eine Mixtur aus Brutalität, Geschichte, Brad Pitt usw.

Dass die quantitativ lethalste Phase der Menschheit, die Welt-Diktatur des(r) bösen braunen Deutschen verhandelt wird, sollte immer nachdenklich machen; denn der Mythos des Nationalsozialismus wird dadurch fortgesponnen, mit jeder Geschichte über ihn wird ein Mosaikstein in die Wand aus 6000000000 toter Juden und anderer Toter, also soviel mal tote Brad Pitts und andere, gelegt; aber der Mosaikkünstler, Quentin Tarrantino, berühmt durch den Kultus-Film „Pulp Fiction“, deutsch „Trivial- und Schund- Literatur“, trägt Verantwortlichkeit. What’s the meaning of remembering this fucking pit (mir bewußt: möglich: dass ich fixiert war auf den Hollywood-Star) of death? should not at least wonder you, even though it’s written by an famous American, German. Könnte behaupten: Der Film versucht Unmögliches, und zwar mit seinen Schreckensbildern jenes Schreckensbild zu zeichnen. Und könnte das beurteilen: Er macht das gut: aufklärend. Oder? Er macht das falsch: verharmlosend.

Meine Begleitung hatte an jenem Abend im Cinestar, enerviert wegens meinem Willen zur Kritik, gesagt: Bin nicht zum Denken hier. Öfter geht’s wohl darum, was nicht an und für sich verwerflich wäre, bei Popkörnern oder Kola zu entspannen vom Alltage, und am Ende findet eine oder einer: Der Film hat mir gut gefallen. Ich fand ihn schön/gut/kuhl/geil/gruselig…Das sind ästhetische Teilaspekte. Inglorius Basterds bietet von allen ein Wenig, aber ich will mich allein um denjenigen des Lachens kümmern. Deshalb hatte ich mir Notizen gekrakelt.

Es war einmal im von Nazis besetzen Frankreich. Jeder weiß gespannt, es wird etwas Arges ausgeführt werden, als der SS-Mann Landau La Padite nach den Ratten ausfragt. Das Publicum lacht, als Landau, ich glaube zu erinnern in sehr gutem Französisch, jedenfalls sehr höflichst wie einen alten Bekannten La Padite[1] “bittet“, deutsch zu sprechen.

Nachdem Brad Pitt[2] als halber Indianer mit dem Motto: Nazis zeigen keine Menschlichkeit. Wir zeigen also auch keine.[3] und seine Kampftruppe vorgestellt sind, kommt bald die Nächste Szene, da das Publicum lacht als in großen Comiclettern und Fanfarensound der Name Hugo Stiglitz (alias Til Schweiger) und damit die Figur des deutschen Nazikillers vorgestellt wird.[4]

Stärker lacht das Publicum, als die Basterds gefangen genommene deutsche Soldaten presserisch verhöhnen: Bockwurstparty ha ha, Sauerkraut-Sandwich ha ha, Wienerschnitzel-Finger, ha ha. Dann wird großartig einem der Gefangenen, denn er verweigert sich, die Stellung anderer Soldaten zu verraten[5], mit Baseballschläger der Kopf zerhittet – der zweite wird, glaub’ ich, erschossen – und während der dritte und letzte, Werner hieß er übrigens, sich in die Hose scheißt aus Angst (keine Angst: er überlebt skalpiert, weil er Hitler berichten soll), lacht das Publicum auch.

Zum Rest des Films: Hier und da wird wieder gelacht und es gibt ein Happy End.

Der lacht, will Herrschaftsverhältnisse umkehren? Deutsche gegen Amis? – Lachen als Ritual, um normal in den Alltag zurückzukehren? Was für ein Alltag? – Lachen als Abwehrmechanismus? Die Realität ist schlimm? – Lachende Menschenverachter? Schöne tote Menschen? – Ein erhabenes Lachen über das vergangene Böse? Böses gibt’s immer?

In jedem Falle steckte etwas von einem sarkastischen[6] Lachen. Daraus läßt sich kein einstimmiges moralisches Urteil ableiten. Einerseits wird damals als Sch?%#-Zeit dargestellt wie sie war, so dass wahrscheinlicher nur Sch($§! erinnert werden kann, was etwa ich hier getan; also ein Aufklärungsfilm. Andererseits steht zu befürchten, daß zwischen Trivia und Schund die NS-Zeit verlacht[7] wird; also ein brutal-kultiger Kino-Spielfilm.

Als ich nach der Vorführung das Gebäude als einer der letzten verlasse, stehen Leute, manche rauchend, draußen und reden über den selben Film. Ich höre, daß einer aufgeregt das Geräusch einer Waffe imitiert: Bäm, bäm, bäm, bäm. Wir gehen ein Stück durch das dunkle Mainz, hinter uns ein paar Jungs und ihr Gespräch:  Ey, das Schlagen.[8] Ich dacht, da kommt ein Knirps raus. – Ey die hätten Ralf Möller nehmen sollen. Ja, Ralph Möller. — Bei Cobra elf…

Also, so scheint’s, ist der eine oder die andere vom Kinovolk verroht worden. Das sollte, in einer Zeit, wo Menschen (noch immer) beschädigt werden für ihr Menschsein, nachdenklich stimmen über Sinn und Wirkung von Medienbildern. Gewaltbilder gelangen in den Kopf.


[1] Was diese Gugelmania manchmal doch scheinbares an Erkenntnis einbringt: padite sanskritisch für to drop!? Damit etwas angedeutet? Na unschön, La Padite läßt, um seiner Familie Leben willen, die Ratten, äh…die versteckten Juden fallen.

[2] Ein Brad Pitt spielt m. E. heutzutage nahezu immer nur sich selbst.

[3] Außerdem will Pitts Figur gut indianerhaft von jedem seiner Männer 100 Nazi-Skalps.

[4] Diese Comiclettern auch bei anderen Figuren eine Effektmanier. Erinnert an diese Batman-Comicserie aus den 60ern: Bäng, Puff, Ssssswusch. Wie nennt das die Filmwissenschaft?

[5] Über diesen Ehrbegriff habe ich mit meiner Begleitung nach dem Film heftig gestritten.

[6] Der Begriff Sarkasmus bezeichnet beißenden, bitteren Spott und Hohn. Von altgriechisch sarkazein „sich das Maul zerreißen, zerfleischen, verhöhnen“, von σάρξ, sarx „das (rohe) Fleisch“). Danke Wikipedia.

[7] Lachen ist gesund.

[8] Mit Schlagen ist die Szene gemeint, in der der Soldat, auch ein Mensch, mit dem Baseball-Schläger erschlagen wird.

2 thoughts on “Mir war das Lachen halt aufgefallen

  1. Inglorious Basterds. An dem Film werden sich sicher die Geister scheiden, und das ist nicht das schlechteste.
    Will man aus allen Filmen, in denen allein in diesem noch nicht abgeschlossenen Jahr Nazis vorkommen, zur Kritik gerade diesen herauspicken, sollte allerdings lobend bedacht werden, was der Film „richtig“ macht (in diesem Fall u.a.: das der Film es sich erlaubt, nichts „richtig“ machen zu wollen, d.h.: das Bilderverbot zu brechen (das „so kann man das nicht machen“, das wie Broder einmal treffend bemerkte, eine sehr „deutsche“ Haltung ist, die sowohl dem Großen Diktator, als auch den Comics von Spiegelmann etc… entgegenschlug, als Schutzbehauptung, die immerhin sicherstellt dass trotz aller Unmenschlichkeit den Verbrechen des Nationalsozialismus doch immer noch irgend eine Art größe innewohnt), und so die gängige pathetische Erzählhaltung, mit dem über den NS berichtet wird, aufzulösen in richtung eines künstlerischen, spannungsgeladenen und actionreichen Films.
    Oder, wie die Jungle World schreibt: „Historizität? Interessiert Tarantino kein Stück. Darum wirkt »Inglourious Basterds« nach Guido Knopp, »Der Untergang« und »Operation Walküre«, wo historisch belegt nachgestellt wird, wann der Führer sei­nen Schäferhund streichelte oder seine Sekretärin lobte, auch so ungemein befreiend. Stimmen die Fakten? Wie war’s wirklich? Diese doofen Fragen muss man einem Film nicht stellen, der sich von dem lächerlichen Anspruch befreit hat, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu erzählen“.
    Im Effekt wird so ein fiktiver Raum geöffnet, in dem der Respekt vor dem Nationalsozialismus fällt, aus den stolzen, Gewissensbelasteten Nazis des Deutschen Aufarbeitungskinos und dem austauschbaren, mythisch überladenen „Andern“, dass „der Nazi“ etwa bei Indiana Jones darstellt (cf. http://phase2.nadir.org/rechts.php?artikel=671&print=ja), wird der Gegner gezeigt, der bekämpft werden muss. Dass das durch werhafte jüdische Soldaten geschieht ist ein tiefer Stachel im arischen Überlegenheitsmythos, der sich heute noch ganz real in der ablehnung eines wehrhaften Staates Israel äußert. Gerade deutschen Nazis tut der Film deshalb weh, wie sich überall im Internet nachlesen lässt. In der Drastik der Darstellung wird dann auch mit dem neuen Pazifismus aufgeräum, der den 2. weltkrieg am liebsten durch Sitzstreiks beendet gesehen hätte (hier zeigt das Motto „Nazis zeige keine menschlichkeit, wir also auch keine“, eine Notwendigkeit auf).
    Soviel zu dem, was den Film gerade in seiner massentauglichen Künstlichkeit vom Betroffenheitskino durchaus positiv abzuheben scheint…

    Andererseits offenbart Inglorious Basterds, wie oben richtig beobachtet, auch die Begrenztheit dieses Konzepts, dessen Ausgangspunkt meines Erachtens in den (damals weit wirksameren) antifaschistischen Filmen und Comics aus der Kriegszeit liegt (man denke an den glorreichen Nazi-Donald http://www.youtube.com/watch?v=v1JozJvvw00 , oder an Captain America). Die Selbstverständlichkeit, mit der sich Inglorious Basterds allein schon aufgrund seiner Verfasstheit als Konsumgut in das Angebot der Actionfilme und ähnlich gelagerter Unterhaltung fügen muss, läd zu der beobachteten selektiven Wahrnehmung geradezu ein, ja, erzwingt sie gerade zu. Denn der Konsum, als erholung gedacht, darf nicht so anstrengend sein, dass darunter die Reproduktionstätigkeit leidet, sprich, darf nicht aus dem Gewohnten Alltag herausdrängen. Der/die KinogängerIn wird also herauspicken, was ihm/ihr genehm ist. Es wird also gelacht, Gewalt nachgespielt, Dialoge später, aus dem Zusammenhang gerissen, zittiert, als zeichen der Gruppenzugehörigkeit, ähnlich, wie man sich manchmal einen ganzen Abend nur durch das Austauschen von Simpsonszitaten als Gemeinschaft inszenieren kann. Das alles ist allerdings weniger dem Film vorzuwerfen, als der Warenform an sich. Auch Southpark wird von Antisemiten geliebt, die ausblenden, dass Cartman der einzige dezidiert negative Charakter der Serie ist, und Zocker spielen sowohl Wolfenstein als auch Quake, ohne dass die Inhalte groß interessieren…
    Verrohung halte ich für ein problematisches Argument, weil sie Menschliche Verhaltensweisen aus dem Medium begründet, und das schon seit hunderten von Jahren (man denke an den französischen Liebesroman des 18/19. Jhdt), und meist zensorische Absichten, wenn doich nicht selbst äußert, so ihnen doch zumindest vorschub leistet. Interessanter erschiene mir, im Bezug auf das Jungle-Word Zitat oben „Darum wirkt Inglorious Basterds … auch so befreiend“, nach der Art der Befreiung zu fragen. Denn tatsächlich ist auf der einen Seite zu konstantieren, dass IB jenen „unheiligen Schauer“, die positive oder negative mythische Überhöhung des Nationalsozialismus, zerschlägt, und somit tatsächlich eine im besten Sinne aufklärerische Linie verfolgen könnte, andererseits kann diese nicht zu sich selbst kommen, der Film als „Angebot“ stellt den Nationalsozialismus anderen bedrohungen (Aliens, Naturkatastrophen, was auch immer), an die Seite, die innerhalb von 80 bis 120 Minuten durch Leinwand-Helden bezwungen werden. Aus befreiung wird so leicht Nivelierung.
    Dazu, dass IB seine Rolle als Cineastische Baseballschläger zumindest bei denen, die es treffen soll, aber zum Schluss nochmal ein nettes Interview aus der aktuellen Jungle-World: http://jungle-world.com/artikel/2009/39/39469.html

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