Updike tot, Jürgens 70

Das Frühwerk von Jürgens und Updike lässt sich durchaus vergleichen.

U&J: Beide Jungspunde, die fühlen, wie alte Männer. Und zurecht, stellt Updike doch angesichts Kerouacs „On the Road“ fest, es übersehe dieser die Bruchstellen, die der Fortschritt hinterlasse.Ohne dass ich hier (Kerouac ist der erbärmlichste Vertreter des Beat),  dessen selbstkritische (d.h. im wahren sinne aufklärerische Perspektive) diskutieren möchte (dazu als erste Eindruck hier), wäre zu konstantieren: Treffer. Die Waren und Konkurenzgesellschaft wird nicht von ein Paar träumern in der Transzendenz überschritten, die aus der Hinterlassenschaft der versterbenden Generation erwächst. So weit…

Wie Jürgens Namenloser Held im entsprechenden Lied war auch Updikes „Rabbit“ in der Zeit vor ´68 „noch niemals in New York“ (er wird im 4. teil nach Haiti kommen, aber The Big Apple bleibt ihm verschlossen). Und wie der Sänger von „Griechischer Wein“ findet er das „Fremde“ in der „Heimat“. „There was no painless dropping out of the 50´s“, erklärt Updike, und bei Jürgens wird der Schmerz gleich externalisiert: „Schenk‘ noch mal ein! /Denn ich fühl‘ die Sehnsucht wieder; / in dieser Stadt werd‘ ich immer nur ein Fremder sein, /und allein“. Was als Rassismus zu dechiffrieren kaum wert wäre, ist durch den sich vom Deutschen Schlager abhebenden Antirassismus des Udo Jürgens nicht zu retten, wird allerdings erst interessant, wenn es zeitgeschichtlich betrachtet als Externalisierung des eignen Schmerzes fruchtbar gemacht wird. Wie Rabbit fliehend nur immer wieder Pansilvania findet (das ist der Fluch der US-Amerikanischen Weiten), findet Jürgens Lyrisches Ich immer wieder Deutschland: „…ist so wie das Blut der Erde… dass ich immer träume von daheim“. Da sprich kein gut lebender Gastarbeiter, da spricht aber auch nicht der Abzuschiebende, da spricht jemand, der zum Ursprung, zum Boden, zur Scholle will…

Und eben nicht: Sonst wäre die Analogie zu Rabbit von Anfang an Bullshit. Denn Jürgens Helden waren, wie Updikes, (damals) Spießer. D. h. Bürger im Guten und im Schlechten Sinne, und das weit mehr als die sie schreibenden Autoren. Das mag wer den völkischen Jürgens von heute kennt verwundern, aber ja: „…und auf der Treppe dachte er, wie wenn das jetzt ein Aufbruch wär, ich müßte einfach geh’n für alle Zeit…“ Hier bleibt ein wenig Glücksversprechen.

Ein wenig? Fragt der Punker (stellvertretend für all die priviligierten unglücklichen, die ihr nie reales Elend zum Lifestyle erhebn konnten), ein wenig? Ja. Ein wenig. Jürgens verhält sich zum Punkrock wie Updike zum Beat undwie Thomas Mann zum „roten Roman“. „New York“ ist materialistisch als Text zu lesen, der sich die eigne Spießigkeit eingesteht. Als originäres Produkt der Warengesellschaft ist in ihm jegliche Freiheit an ein Produkt gekoppelt: „laß mich noch eben Zigaretten holen geh’n“. Das Cliché ist Programm, und im Programm ist die freiwillige Aufgabe der Freiheit schon eingeschrieben: „Dann steckte er die Zigaretten ein und ging wie selbstverständlich heim,
durchs Treppenhaus mit Bohnerwachs und Spießigkeit…“ Die Traurige Wahrheit der Bindung des progressiven Individualismus an die Wahrengesellschaft hätte durch Johnny Rotten im Jungle Camp nicht belegt werden müssen. Updike hat das in „Rabbit Run“ schon präzise gefasst: „He wishes he had a cigarette, to help him decide … what is real…“.

So erfasst der Spießer die Realität. Und erbärmlich ist sie auch für ihn, allemal. Von den „dunklen Vorstadtstraßen…“ … „Brewers“, bis nach New York, das im allgemeinen, wenn es als Ideal betrachtet wird, außer Reichweite bleibt. Jürgens regrediert schnell, und wird mit „im Kühlschrank brennt noch Licht“, dennoch noch einmal alles fassen, was die Warengesellschaft ausmacht. Updike gibt in „Memories of the Ford Administration“ die Berechtigung des Marxismus zu, und weiß seinen „Rabbit“ schon in „Rabbit Redux“ kaum noch zu kontrollieren. Es bleibt der Scharfblick des Spießertums für sein privilegiertes, stets prekäres Elend. Hier anzusetzen gilt es. Denn vor und nach allem treibt es den Spießer schließlich eher zur Wacht am Rhein als zur Internationalen.

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