Durchs Deutschbuch

Marginalien zu Literatur und Unterricht


Als erster Teil einer Reihe Betrachtungen geplant, die sich mehr oder weniger eng an Texten eines (recht neuen) Deutschbuches für die Oberstufe entlang hangeln, das mir zufällig in die Hände gefallen ist.


I – Wilhelm Meisters Lehrjahre als Problemlösungsstrategie

Die verbreitete Art der Literarischen Analyse verschließt sich mitnichten dem Blick aufs Besondere. Das gilt insbesondere für Basisstrategien, wie sie in der Schule gelehrt werden. Da auch der historische Kontext stets mitgedacht wird (oder werden sollte, wird er doch noch immer im Sinne der Periodisierung den Schülern eingebläut), müsste die Beschäftigung mit Literatur etwa im Deutschunterricht materialistischen Kriterien genügen. Oder?

Natürlich nicht. Denn der Blick aufs Detail verstellt jenen aufs Besondere, was keinesfalls das Gleiche ist. Nicht im Bezug auf- und in Verschlingung mit der Totalität soll das Besondere Aufmerksamkeit erfahren: Vielmehr gilt zu lernen, wie einzelne Erfahrungen hin auf einen bestimmten Zweck so anzuordnen sind, dass dieser sich erfülle. In diesem Sinne wird Textarbeit betrieben, rein begrifflich manifestiert sich die zum marktwirtschaftlichen Produktivitätszwang analoge Ausrichtung. Nicht der Gegenstand interessiert, sondern was mit ihm anzufangen ist. So verstanden fällt die Literarische Analyse noch hinter den naturwissenschaftlichen Empirismus zurück, der dem Selbstverständnis nach zum Gegenstand neutral zu verhalten hätte. Derart Literaturwissenschaft ist positivistisch, und damit ideologisch.

In einem Deutschbuch der Oberstufe befindet sich ein Auszug aus einem Brief des Wilhelm Meister an seinen Schwager. Darin legt Wilhelm seinen Wunsch nach einer möglichst freien, nur seinen Individuellen Neigungen verpflichteten Bildung dar, welcher dem Schwager als Schwärmerei erscheint (Bildung, das ist dem jungen Wilhelm zur zeit das Theater). „Wäre ich ein Edelmann“, erklärt Wilhelm Eingangs des Briefes, „so wäre unser Streit bald abgetan; da ich aber nur ein Bürger bin, so muss ich einen eigenen Weg nehmen“. Im Folgenden wird ein Verhältnis der aufstrebenden Klasse des Bürgertums und der noch in Amt und Würde stehenden Klasse des Adels gezeichnet, das scheinbar naturhaft gedacht, von Gegensätzen bestimmt wird: Ein Edelmann, schreibt er „ist eine öffentliche Person, und je ausgebildeter seine Bewegung, je sonorer seine Stimme, je gehaltener und gemessner sein ganzes Wesen ist, desto vollkommner ist er“. Die Arbeit an der Vervollkommnung menschlicher Qualitäten, die sehr wohl als nicht vollendbar durchschaut wird, sei das Privileg des Adeligen: „Wenn der Edelmann durch die Darstellung seiner Person alles gibt, so gibt der Bürger durch seine Persönlichkeit nichts“. Der Bürger solle „leisten und schaffen; er soll einzelne Fähigkeiten ausbilden, um brauchbar zu werden, und es wird schon vorausgesetzt, dass in seinem Wesen keine Harmonie sei“. Soweit Goethe.

„Machen sie sich den Gedankengang Wilhelm Meisters klar, indem sie folgendes Schaubild möglichst genau ausfüllen“, ist die Aufgabenstellung anhand derer der Text bearbeitet werden soll.


Das Schaubild:
Ziel des Lebens…

Problem dies Ziel zu erreichen

Entwicklung eines Adeligen  vs.  Entwicklung eines Bürgers
Möglichkeit, das Problem zu lösen…

Gefordert wird das Nachvollziehen eines Gedankengebäudes auf die im Text formulierte Zielvorstellung hin. Einzelheiten des Textes sollen extrahiert werden, eine logische Folge des Gedankengangs extrapoliert, und zuletzt der notwendige Schluss gezogen werden. Immer schwingt hier implizit der Totalitätsanspruch mit, mit dem die Verfahrensweise zum Leitfaden nicht nur des frühbürgerlichen, sondern auch des postbürgerlichen Lebenswegs der Schüler wird, die mit sich zu verfahren hätten wie Wilhelm Meister scheinbar verfährt. Aber verfährt Wilhelm denn wie unterstellt, oder unterschlägt die Textexegese nicht Wesentliches, wenn sie Gedachtes vom Resultat her zu verstehen (und zu ordnen) versucht? Wilhelm Meister, im Gegensatz zur Problemlösungsstrategie, die an seinem Beispiel verdeutlicht werden soll, nämlich affirmiert die Gesellschaftsordnung keinesfalls, die den Rahmen seiner Entscheidung vorgibt. Schon in seiner Beschreibung des Bürgerlichen wird das erbärmliche nicht ausgespart, dass man später „Beschädigung“ nennen wird. Noch der Adel gegen den sich das Bürgertum notwendig definieren muss, will es zu seinem Recht als Klasse gelangen, gewinnt gegen jenen Kontur und Erhabenheit, dessen „Persönlichkeit … verloren [geht], er mag sich stellen, wie er will“. Das „gute Leben“ scheint im Adel konserviert, aber unerreichbar, der Bürger hat sich „brauchbar [zu] machen … alles andere ist unerheblich“. Dass dem so ist wiederum, daran ist „die Verfassung der Gesellschaft selbst Schuld“, und jene ist keine natürliche, allein „ob sich daran einmal etwas ändern wird, und was sich ändern wird, kümmert mich wenig, ich habe … an mich selbst zu denken“. In der Reflexion auf die nur mögliche Veränderung wird Gesellschaft bereits als gemacht erkannt. Der Bürger, mag er auch seine Bedürfnisse (die denen eines Adeligen ähnlich sind) im nächsten Moment als „Natur…“ und „…Neigung…“ naturalisieren, erkennt seine Bedürfnisse als Nichtidentisch mit den Erfordernissen der Gesellschaft, die allein darin schon ihren Zwangscharakter offenbart1*1. Bezeichnend, dass das, was die Schüler als Problemlösung zu identifizieren hätten: „Du siehst wohl, dass das alles für mich nur auf dem Theater zu finden ist … Auf den Brettern erscheint der gebildete Mensch so gut persönlich in seinem Glanz als in den obern Klassen“, letztlich als das Anstreben einer Paradoxen Position entlarvt werden kann, das Schauspiel nämlich, das Bürger und Adeligen vereinen können soll. Als hätte Wilhelm Meister noch Butler vulgär radikalisiert ist ihm selbst Klasse „Performance“, die an den Bedürfnissen des Marktes ausgerichtete Selbstverleugnung des Rollenspiels verschwindet ihm angesichts der Freude seine Stelle im Räderwerk eingenommen zu haben.

Bewusst verdrängt wird so durch Wilhelm zeitweilig die Option gesellschaftlicher Umwälzungen, die in seinem Denken dennoch als Negativ präsent ist (der Romanzyklus als Ganzes betrachtet bestätigt das), und im Text als derzeit nicht Einzulösendes, von dem aus die eigenwillige Pragmatik entwickelt wird sogar recht explizit formuliert wird. Eben jene Option aber, die einzig verhindern könnte, dass aus dem Bürger der Höheres anstrebt ein biederer Hausmann und Freimaurer wird, wie es „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ wollen, oder, was schlimmer scheint, ein „Kulturschaffender“, wie es im Jargon der Berliner Republik heißt, soll in der ergebnisorientierten Lesart, mit dem die schulische Textarbeit den Wilhelm Meister quälen möchte, vollends aus dem Reich des denkbaren getilgt werden. So wird auch noch der negative Bezug auf die Veränderbarkeit des gesellschaftliche Ganze, das bewusstwerden und Bewusstsein von Beschädigung, negiert, indem man´s locker übergeht.

Probleme sind zu lösen, ja, sind Probleme nur wenn sie von der Lösung her gedacht werden, straight und monokausal. Das „Problem“, das sonst als gesellschaftliches Verhältnis zu fassen wäre, und als Gewaltverhältnis zu demaskieren, löst sich schon in der Herangehensweise auf. Versöhnung wird erzwungen, was bleibt ist Strategie.

So muss es ein, soll anhand des Argumentationsgerüstes, auf das Goethe hier eingedampft wird, Menschen beigebracht werden, dass ihre Zukunftsgestaltung, die noch mit dem relativen Freiheitsbegriff der Weimar Klassik weit entfernt ist (oder vielmehr, von deren Umschlag in reine Notwendigkeit geprägt), doch Subjektbestimmt und Ergebnis freier Wahl sei2.

Dabei ahnte schon Wilhelm Meister, dass es selbst mit der Freizeit nicht weit her ist:


„Suche ich daneben noch Beschäftigung, so gibt es dort mechanische Quälereien genug, und ich kann meiner Geduld täglich Übung verschaffen“




1 Es ist übrigens keinesfalls überraschend, dass die rein funktionale Bedeutung, die dem Bürger zuzukommen hat mit der Bestimmung des Arbeiters in der Sozialdemokratie und im Staatssozialismus in eins fällt. In dessen Drang zur gesellschaftlichen Teilhabe vollendet sich nur die bürgerliche Ideologie, keinesfalls wird sie transzendiert

2 Wo der bürgerliche Freiheitsbegriff nicht in Zwang umschlägt, versucht er’s mit Beliebigkeit. „Irgend was mit Medien“ ist dann auch schon mal Lebensentwurf und Selbstdefinition.



One thought on “Durchs Deutschbuch

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