Frage zu Rushdie

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder Antwort erheben zu wollen: Heute habe ich, nachdem ich Midnight´s Children zum zweiten Mal beendet habe, mich einwenig über die Frauenrollen bei Rushdie gewundert. Klar: starke Frauen, Frauen die das Leben der Protagonisten bestimmen. So zumindest „to much women…“ stellt es Saleem in Midnight´s Children immer wieder dar. Aber eben auch: Frauen, die nur in ihrer Rolle als Frau stark sein können, überspitzt gesagt vielleicht eine Modernisierung des Fruchtbarkeitskultes? Rekapitulieren wir: in MC sind die erzählten Frauen allesamt Mütter, und als solche relevant. Ihre Macht ist absolut, scheint es, aber auch größtenteils auf das Häusliche beschränkt: „the domestic rules she established … were a system of selfe defense … Aziz, after many fruitless attempts had more or less given up to storm her many ravelines and bastiones, leaving her … to rule her chosen domain“, heißt es dann etwa über die Macht von „Reverend Mother“. „Parvati The Witch“, ein weiterer weiblicher Haupcharakter, tritt vor allem als Heilerin von Saleems Wunden auf, und Padma, der die gesamte Geschichte erzählt wird, als Instanz der letzten Widergeburt. Geburt, überhaupt, woran weibliche Gestaltungsfähigkeit, wenn auch magisch verfremdet, festgemacht wird: „Okay Captain – tell us how it feels? – to be born again, falling like a baby out of Parvatis basket“, fragt man etwa Saleem, nachdem Parvati ihn unter Lebensgefahr aus Dacar geschmuggelt hat.  Auch in den anderen Romanen, die Fantastische Kindergeschichte „Haroun and the Sea of Stories“ eingeschlossen, stellt sich die Sache, denke ich, ähnlich dar: Die „Enchantress of Florence“ ist vor allem Gefäß, programmiert ein komplexes, statisches Gedankengebäude zu transportieren, gleichzeitig (Mutter) lenkt ihr Zauber im Hintergrund die Geschicke der Republik. Die Haremsdamen sind eingebildet, nicht im herabwertenden menschlichen Sinne, sondern Fiktional, Teil der Fiktion des Moguls. Die Prostituierten, nun … lasst mich die gleich wieder aufgreifen. In den „Satanic Verses“ kann ich mich an keine bedeutende Frauenrolle erinnern, aber das mag mein Fehler sein, in „Fury“ erinnere ich die weibliche „Hauptrolle“ vor allem als Projektionsfläche sexueller Phantasien… Das mag alles gar nicht so kritikwürdig sein, wie es scheint, und etwa in Bezug auf „Reverend Mother“ lässt sich zumindest deutlich machen, dass Rushdie nie vorgeworfen werden kann, die Gewalt nicht zu reflektieren, die Frauen angetan wird, damit sie sich auf „ihre Machtbereiche“ beschränken. Und, nie zu vergessen: Indira Gandhi, die neben Thatcher bis heute wohl die mächtigste und unumstrittenste Frau an der Spitze eines Staates war, bildet das „Negativ“ der meisten Erzählungen Rushdies. Dekonstruktion, könnte man sagen, findet im Roman höchstens zwischen den Zeilen ab, Geschlecht wird, außerhalb der Phantastik, nicht weg geschrieben. Aber werden Geschlechterverhätnisse bei Rushdie angegriffen, oder naturalisiert? Die Frage könnte zu den Prostituierten zurückführen, und von dort aus vielleicht weiter untersucht werden. Denn jene haben in Rushdies Werk zumindest in soweit eine Sonderstellung, als dass sie „out of the box“ denken, und von der männlichdominierten Gesellschaft durchaus als Bedrohung, von der einzelnen Männern aber als willkommene Zuflucht, teils (MC, EoF), als Quelle von Erfahrung angesehen werden. Wie bei „Reverend Mother“ wäre hier eine gewisse Reflexion materieller Bedingtheit von Geschlecht und Geschlechterrollen gegeben, die allerdings wieder mit mythisiernder Überhöhung einhergeht. Ob diese Überhöhung im besten Sinne des Magischen Realismus als „kritische“, d.h. als Bild, das die Rolle sprengt, gelesen werden kann, oder eher als Naturalisierung eines ideellen Matriachats (Geburt/Erfahrung/Führung), fällt mir noch schwer zu beurteilen. Daher der Titel: Frage zu Rushdie.

4 thoughts on “Frage zu Rushdie

    • Das ist wahr. Eine Befriedigende Schriftgröße / Zeilenabstand habe ich hier noch nicht gefunden. Mit dem Standartformat ist der Abstand zu klein, alle andren Formate wirken riesig, und ebenfalls unübersichtlich. Wenn ich Text aber vorformatiert einfüge, spinnt die Textausgabe manchmal völlig. Bisher beste Lösung: Per Strg + Plustaste den Text auf gewünschte Größe bringen… ich versuche in der Zwischenzeit weiter ne Lösung zu finden🙂

  1. Nachtrag: Für alle dies gelesen haben, denen aber die eigene utopische Projektion die Einsicht vernebelt: Rushdies „Sexismus“ lässt sich unter „Realismus“ fassen. Ob der Autor die sexistische Ideologie teilt oder nicht … who cares. Der Text gibts nicht her, was er hergibt ist eine denunziation sexistischer Verhältnisse.

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