Pynchon´s Reasons

Die Romane Thomas Pynchons verkaufen sich, irgendwie. Oft fragt man sich, wer soll das lesen, wer will das lesen, wer nimmt sich die Zeit, und warum?

Als begeisterter Leser Pynchons, dem die kritische Distanz zum Text im Allgemeinen wichtig ist, gebe ich zu: Keinen Pynchon Roman habe ich bis heute zweimal gelesen, und vermessen behaupte ich, das geht vielen so. Pynchon lesen dient der Distinktion, Pynchon kritisch zu lesen, gelingt kaum. „You´re reading Gravity´s Rainbow“, fragt Lisa Simpson ein Mädchen auf einer Eliteschule – „actually, re-reading“, antwortet jene, und in diesem Moment weiß, wer es vorher nicht anerkennen wollte: Die Simpsons, das ist Zeichentrick, ist eben doch nur eine Geschichte…

Pynchons Erfolgsgeheimnis, könnte man sagen, nutzt die Dynamik der Wahrengesellschaft auf hohem Niveau – Außerhalb des Akademischen Diskurses liegt der Gebrauchswert von Bildung in der Behauptung eines sozialen Status, gelesen ist der Text verbraucht, ein wieder lesen nicht nötig, Neues muss her.

Aber woran liegt die Besonderheit Pynchons? An der komplexen Sprache? Wer Pynchon in Auszügen rezipiert, wird feststellen müssen, dass dessen Englisch höchstens ein wenig über dem Durchschnitt liegt, in der Moderne entwickelte Erzählverfahren wie Bewusstseinsstrom und Montage höchst vorsichtig eingesetzt werden, kurz, dass es sich augenscheinlich um traditionelle Prosa handelt. Sogar Linearität, das Verfahren des „What Happens Next“ (Rushdie) wird and der Oberfläche kaum verletzt.

Also vielleicht der Gegenstand? Ergeht sich Pynchon in Philosophischen Diskursen, die ohne Vorwissen nicht zu entschlüsseln sind, langweilt er mit Theoretischen Abhandlungen, oder arbeitet er im Gegenteil anstrengend Symbolisch, so dass die gesamte Abendländische Kultur (oder, universalistischer, gar auch jene ignorierte „Andere“), stets präsent sein müsste? Sicher, sicher… irgendwie. Aber erklärt das, warum der nicht minder komplizierte Rushdie tausendfach, Pynchon kaum kritisch besprochen wird? Und hat das Bestand vor so leicht durchschaubaren Witzen wie der Personifikation der berühmten Replik Kennedys „Ick bin ein Berliner“ in der psychotischen Störung des eigentlich rational handelnden deutschen Agenten, der vortäuscht, sich für einen Jelly-Donought zu halten, um Informationen aus einer Nervenheilanstalt zu schmuggeln? Denn bevor Pynchon kompliziert wird, ist er zu allererst: Urkomisch.

Manchmal ziehe ich mich daher auf simple Zeitökonomie, mit einer Prise Psychologie zurück. Romane Pynchons haben zwischen 200 u. 1100 Seiten, die drei wichtigsten alle mehr als 700. Eine Seite Pynchon fasst ca. 2500 Zeichen. Es dauert also nicht nur, einen Pynchon Roman zu beenden, es geht auch scheinbar kaum voran, das ermüdet. Vielleicht also steht beim ersten Lesen der Gebrauchswert „Pynchon –> Krone westl. Bildungsbürgertums“ noch im Vordergrund, während für das re-reading die Kosten-Nutzen Abwägung weit negativer ausfällt?

Alles zuvor eingewandte hat seine Berechtigung, Überraschung. Jeder Roman Pynchons verlangt es, sich auf unerwartetes, vor dem eigenen Erfahrungshorizont schwer verständliches einzulassen. Die Sprache Pynchons ist nicht schwer, ihre Gegenstände sind nicht ungreifbar. Der Bezug allerdings ist vertrackt, und verlangt vor allem einen Abschied von Postmoderner Verspieltheit. Pynchons Stil, Handfestes in Handfestes zu übersetzen, insbesondere kaum zu visualisierende moderne Ansätze der Physik, aber auch rein abstrakte Mathematische Modelle quasi als Real-Metapher in Handlung zu übersetzen, tun dem Denken Gewalt an. Pynchon der Postmoderne zuzurechnen, der gemeinhin Beliebigkeit unterstellt wird, wäre damit aus zwei Gründen falsch. Erstens anschließend an das oben genannte, weil Pynchon stets Abstraktionen real werden lässt, und gerade durch die daraus entfaltete Absurdität auf die Absurdität der Realabstraktion stößt, nach der die bürgerliche Gesellschaft strukturiert ist (that is: money als allgemeines Äquivalent), zweitens (und damit gedenke ich die erste These zu stützen), weil ein Handlungsstrang in all seinen Romanen sich nicht mit den anderen in Raum-Zeitlicher Relativität auflöst, d.i.: der anarchistische. All das aber (auch die letzte Behauptung steht unter Vorbehalt), kann wahrlich wahnsinnig machen. Macht aber auch Spaß…

Weshalb, denke ich, um die Frage zu beantworten, warum es so schwer fällt einen Pynchon Roman zum zweiten Mal zu lesen, doch wieder auf dessen soziale Bedeutung rekurriert werden muss. Gewiss, dabei kann vom Inhalt nicht abgesehen werden. Die Tatsache, dass von jenem nicht geredet wird, dass die Kritik hier stets mit Bildern wie Potpourri, Gemisch, was weiß ich, aufwartet, sich mithin jeder Bestimmung verweigert, trägt das ihrige bei: Pynchon verkommt so selbst zum Zeichen, nicht über ihn (d.i. über den Text) wird diskutiert, sondern mit ihm. Pynchon Romane sind nicht zielloses Spiel, sondern Puzzle. „Ich hab’s verstanden“ ist die Haltung, mit der solch ein Roman im Idealfall beendet wird, ein „ich hab’s Verstanden, das anders als beim gemeinen Krimi nicht Gemeinschaftlichkeit herstellt sondern die Elitestellung des Lesers mitbegründet.  Ein wieder Lesen hieße, die Stellung in Frage stellen, hieße, möglicherweise aufs eigene Unverständnis stoßen, hieße, sich selbst in Frage zu stellen: „Ich hab nichts verstanden, noch nichts verstanden, werde ich kann man…“

Wenn nicht das Individuum, sondern dessen Gewissheit unterminieren postmodern ist, dann wäre, nach innen und nach außen, ja, dann wäre Pynchon als postmodern zu bezeichnen.

Nachtrag 1: Der letzte Punkt setzt die ersten nicht außer Kraft. Wenn 3. stimmt, spielen Kosten-Nutzen Abwägung eine Rolle. Wenn jene eine Rolle spielt, ist 1. ein Faktor.

Nachtrag 2: Vom Vorwurf des Nicht-Wieder-Lesens sind all die Freaks vom Pynchon Wiki ausgenommen. Wenn es um Unterstützung bei der Annäherung an Pynchons Romane geht, wird dort großartige Arbeit geleistet.

Nachtrag 3: Ein Beispiel Pynchon´scher Realisierung abstrakter (und bekloppter) Konzepte: In Mason & Dixon spaltet die Umstellung auf den Gregorianischen Kalender REAL 10 Tage der Zeitrechnung ab. Zu diesen Tagen Korreliert der Raumunterschied der Kreiseinteilung in 360 statt 365 Grad. Im abgespaltenen Raum-Zeit Kontinuum nisten sich allerlei abgehängte (Kapitalistischer Produktionsweise), darunter auch einige Native-Americans ein, die nun unter Führung der Jesuiten die Hegemoniale Raum-Zeit überfallen… das ist natürlich grob verkürzt.

Nachtrag 4: Das meiste in diesem Artikel ist gelogen. Zumindest aber wäre „man“ durch „Ich“ zu ersetzen, und Thomas Pynchon durch eine ganze Reihe (potentiell alle) identitätsstiftenden Texte.

Nachtrag 5: Re-reading ist nicht nötig, es gibt einen neuen Roman: http://en.wikipedia.org/wiki/Inherent_Vice

Nachtrag 6: Linkliste, die auf updates hofft:

http://jungle-world.com/artikel/2008/40/24559.html

http://jungle-world.com/artikel/2007/51/20915.html (3. von oben)

http://jungle-world.com/morgenblog/327/

One thought on “Pynchon´s Reasons

  1. Pingback: Zur Struktur bei Thomas Pynchon | SonntagsGesellschaft

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