Dem Aufklärer und Realisten Éric Raoult

Wer einen Literaturpreis verliehen bekommt, insbesondere einen relevanten, hat meißt etwas falsch gemacht. (Ich spreche von Literaturpreisen, weil das bald die einzigen Preise sind, bei denen nicht nur vorgegeben wird, es ginge um Inhalte, nein, bei denen geht es wirklich um Inhalte!)

Das heißt, eigentlich hat die Person etwas richtig gemacht, nämlich den richtigen Leuten im richtigen Moment in der richtigen Weise nach dem Munde geredet. Und geben wir zu, es gibt so viele einflussreiche, Machtvolle Überzeugungen, nennen wir sie Diskurse, um all die Leute zufrieden zu stellen, nach denen Macht statt von Staat&Kapital konstituiert zu werden aus dem Weltraum über uns hineinbricht, so viele Diskurse also, das es schon als Leistung anerkannt werden muss, sein Fähnchen nach den richtigen Wind zu hängen…

Die meisten LiteratInnen werden dann auch nicht mit Absicht Ideen anderer Wiederkauen, sondern ihre Eigenen. Und damit fahren sie auch am besten, denn der/die Ottodurchschnittsangepasste hat (ein wenig Fähigkeit zum interessanten schreiben vorausgesetzt, d.h. wenn er/sie auch stilistisch „den Nerv trifft“), ja so oder so gute Chancen irgendwann mal abgefeiert zu werden, immerhin, das ist längst nicht mehr nur deutscher Konsens, ziehen wir alle an einem Strang, sitzen in einem Boot, etc… (Ausnahme ist sicher Tellkamp, der flechtet den Strang, baut das Boot, und spürt auch sonst dem Zeitgeist angestrengter nach als andere)

Einige Wenige mögen auch mit Preisen gesegnet werden, um sie politisch zu vereinahmen (Nobelpreise an Sowjetliteraten), oder um die Schreiberlinge in sanfterer Weise zu entschärfen, sie also  endlich gesellschaftlich/ akademisch integrierbar zu machen (Jellinek zum Beispiel).

Was aber klar sein muss: Einen Preis ohne Agenda kann es nicht geben. Wofür sollte er auch verliehen werden? Für wahre, große Kunst/Literatur? Ja, was ist denn das? Angenommen, es gäbe „Literatur an Sich“, die nicht zu einer bestimmten Form der Vergesellschaftung und des weiteren zu deren empirischen Ausprägungen sich verhalten würde, die also allgemein gültig wäre (für wen, möchte man fragen), wofür bräuchte man dann noch Preise? Also: kein Preis ohne Agenda, kein nationaler Preis ohne nationale Agenda.

Wenn nun der französische Parlamentarier Raoult eine „Neutralitätspflicht“ für Goncourt-Preisträger fordert (Artikel in der Jungle World), ist er also nur konsequent. Er hätte gerne ein Gesetz, das die Praxis der sich die meisten der Euopäischen LiteratInnen (die sich im Gegensatz zu US-amerikanischen etwa ja tatsächlich gerne für besonders qualifiziert halten, sich „in ihrer Eigenschaft als Literat(selener – In)“ zu politischen Themen zu äußern), sowieso verpflichtet zu fühlen scheinen, in einen rechtlichen Rahmen fügt. Das ist gut-bürgerlich, das ist fair, da wissen wir,  an wen wir uns zu halten haben.

Die Jungle World zitiert den letzten Goncourt-Preisträger Atiq Rahimi dahingehend,  dass „Victor Hugo und Albert Camus sich angesichts solcher Forderungen im Grabe umdrehen würden“. Möglich. Zum Staat hatten zumindest beide ein recht verkrampftes Verhältnis, auch wenn es mit einer Kritik des Bürgerlichen höchstens (bei Hugo aber sehr effektiv), zwischen den Zeilen funktionierte…

Einen Preis abgelehnt (wie es Sartre tat, oder Reich Ranicki), hätten beide wohl eher nicht. Und das verlangt auch keiner. Es ist keine Schande, einen Preis zu erhalten. Es ist eine Schande zu glauben, das geschehe ohne Hintergedanken. In diesem Sinne:

Merci beaucoup Monsieur Eric Raoult! Wer wie sie, der Aufklärung verpflichtet, den Menschen ihre idealistische Einstellung zu Kunst, Kultur und Staat gerade rückt, dem gebürt unser Dank und unsere ganze Hochachtung.

2 thoughts on “Dem Aufklärer und Realisten Éric Raoult

  1. Vorgestern Staatspreis angenommen
    – Fehler im Nachhinein –
    Heute Roman begonnen
    Muss über Staat sein.

    Nicht weil Staat mir sehr wichtig
    – das nein – das? nein.
    Oder weil im Prinzip richtig
    (muss richtig nicht oder falsch sein)

    Doch man reicht von Empfang zu
    Empfang mich nun
    Und ob ich will oder will, ich
    kann nichts tun…
    als Feste
    zu feiern wie sie fallen😦

    Verschreibsele dann die Reste –
    Prost Deutschland euch Allen !

  2. Pingback: Neil Gaiman – The Graveyardbook « SonntagsGesellschaft

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