Durchs Deutschbuch II – Was ist ein Gedicht?

Wie Gedichte entstehen? versucht Ulla Hahn in ihrem Aufsatz Für den der fragt zu ergründen. „Im Gehen. Mit den Füßen auf der Erde, mit dem Rhythmus im Kopf. Gedichte entstehen aus „… Ergangenem. Wie ist es dir ergangen. Was hast du begangen“. Scheinbar funktionieren Gedichte auf einer stark personalisierten Ebene, sind nur als erlebtes möglich, transportieren etwas Unmittelbares. „Nur was sich bewegt, lebt“. Schreibt Hahn

Dann allerdings sind „Dichter … Sammler. Sie >suchen mit Fleiß, um durch Zufall zu finden< (Valery)“. Sie verhalten sich also irgendwie zu der Welt um sie herum, montieren scheinbar (kreativ?), was bereits vorzufinden war.  Das hatte allerdings Marcel Proust längst so formuliert, und Geltung hatte die Beschreibung bei ihm schon für alle fiktionalen Texte, und selbst das wäre auszuweiten: Auf Werbung, auf Statistiken, die stets selektiv sind, auf … zumindest einmal auf Text im Allgemeinen.

Hahn versucht also, wie viele vor ihr, die Position der Kunst zwischen idealistischem Autonomiepostulat und einer naiv marxistischen Überbaulehre auszuloten, was schief gehen muss. Aber lassen wir Hahn weiter sprechen:

„Was [finden Dichter]? Eine Strophe (großes Glück), eine Zeile (Glück), ein präzises Bild (komplizierte Bilder sind meist beliebig), einen Rhythmus, ein Wort“.

Im Finden betont Hahn, nachdem sie im Gehen den Produktionsprozess selbst geerdet hat, die passive Seite des Dichtens. Wo wir finden, wie das Finden funktioniert, dazu hat Hahn wenig zu sagen. „Finden“ scheint zwar ein präzises Bild, bleibt aber schwammig. Aber was finden wir: Strophen, Zeilen, Worte. Das Wort ausgenommen sind das bereits Teile traditionell Gedachter Gedichte. Finden könnten wir Zeilen und Strophen dann natürlich nur dort, in Gedichten, in bereits existierenden Gedichten (das würde aber allgemein als Plagiat bezeichnet).

Hahn allerdings meint etwas anderes: Sie löst Worte „aus dem >Steinbruch der Stille< (Stifter)“, spricht also ungesagtes aus, das sich aufdränge. Solche gelösten Worte könnten dann „als Feuerwerk von Bedeutungen aufflammen in der Reibung mit anderen“. Wie das? Weil…

…“nicht nur Dinge … im Gedicht von ihrem gewöhnlichen gebrauch gerückt [werden] … auch die Wörter werden in Bewegung gesetzt, aus ihren festgezurrten Bedeutungen gelöst“.

Worte können gefunden werden, weil im Gedicht Bezeichnetes und Bezeichnendes auf einer Ebene existieren, weil „Wörter sich im Gedicht zu wandeln beginnen, vom Zeichen, das Wirklichkeit benennt, zum Ding, das Wirklichkeit schafft“. Allerdings: erst im Gedicht, so dass Wörter gemacht wären, nicht also zu finden. Oder schon im Alltäglichen, dann allerdings wäre das Gedicht nach Hahn vom Alltäglichen nicht mehr abzugrenzen.

Es fällt auf, dass die Vermischung von Wort und Dingebene, von Beschreiben, Ertragen, Schöpfen, der Hahnschen Erklärung des Gedichts zu Grunde liegt. Sie sieht naturgebundene Produktionsprozesse im Dichten, mal aktiv (im gehen), mal passiv (im finden) dann wieder ideelle Schöpferkraft. Ihre Synthese wird mehr schlecht als Recht dort realisiert, wo das Bezeichnen von Gegenständen neue Bedeutung hervorbringt.

Hahn erträumt sich dabei nicht einfach irgendetwas, sondern kleidet eine reale Problematik in Worte: „Immer beginnt während des Schreibens eine Reaktion der Wörter untereinander. Den Wörtern muss man ihren Willen lassen…“ Das ist kaum gelogen, wer immer schon mal einen Text verfasst hat, welcher Natur der auch gewesen sein mag, wird erlebt haben, dass bestimmte Sachen sich scheinbar >>so oder so nicht schreiben lassen<< (meine Paraphrase), dass die Worte scheinbar umgestellt werden wollen, dass irgend etwas nicht passt, nicht fließt. Es heißt aber irrationalem, magischem Denken verfallen, die Kraft den Worten selbst zuzuschreiben. Erst, wer jene auf die Dingebene erhoben hat, wer die Rede von der „Willkürlichkeit der Zeichen“ zu Gunsten eines Idealismus des Zeichens aufhebt (Das Bezeichnende also neben das Bezeichnete stellt), sieht nicht mehr, das sder Zweifel am Begriff, und somit die von Hahn zur Wortmagie entstellte Arbeit der Begriffe, im zu Begreifenden begründet liegt.

Hahn erkennt, dass sie im Gedicht mit Erlebtem und Erleben, mit dem Individuum also in der Gesellschaft, sich auseinander setzt. Da sie aber die Trennung, hier das Individuum, dort sein Außen, hier der Bourgeois, dort der Citoyen – den ich nur im Andren sehen möchte – strikt aufrecht erhält, sieht sie sich auf die Ebene des Ausdrucks verwiesen, auf der scheinbar magisch eine Vermittlung stattfindet, die sonst nirgends zu finden sei. Ihr „entsteht…“ so „…der Weg im Gehen„, d.i. im dichten. Deshalb soll das…

…“fertige Gedicht … nicht nach Schweiß riechen. Die Ketten, in denen der Dichter tanzt (Nietzsche), darf man nicht klirren hören„.

Die Autonomie der Kunst ist ihr dann nicht Postulat, Ideal, das den gewaltförmigen Zustand der bürgerlichen Gesellschaft transzendiert möchte, und damit erfahrbar macht, sondern unmittelbar Reales. Kongruent mit der Scheinautonomie des bürgerlichen Individualismus, als Autonomie gegen Andere, wird das „Gedicht“, hierhin und dorthin gewälzt, mal gesellschaftlich, mal magisch, zuletzt doch wieder rein persönlich, und unterliegt so dem puritanischen Arbeitsethos:

„…[J]edes geschriebene Gedicht ist besser als jedes geträumte. Es muss gegangen sein. Nur so entsteht das Gedicht. Und der Dichter selbst“.

So bedient Hahns Reflexion, die ohne nennenswerte Erkenntnis wieder am Ausgangsgedanken anlangt, ihn verfestigt, vor allem eine geradezu spießige Sehnsucht nach Identität. Das mögliche Spontane, spekulative Moment, dass in der Kunst, falls mensch diesen Begriff mangels eines besseren gelten lassen möchte, über die gesellschaftliche Ordnung heraus weisen könnte (ohne deshalb einfach irrational zu sein, der Versuch ein produktives, vielleicht kritisches Verhältnis zu Natur und Gesellschaft auszudrücken wird von Hahn, ehe er idealisiert wird, ja immerhin erfasst), dieses Moment wird identifiziert und dann tautologisch einer Rolle = Dichter zugeordnet, und somit jeglichen kritischen Potentials entledigt. „Den Wörtern muss man ihren Willen lassen …“ wurde Hahn weiter oben zitiert. „…[U]nd ihnen zu Willen sein“, geht es dort weiter.

Der Produzent unterwirft sich der Wortwelt, damit der Dingwelt, die in Wirklichkeit eine Warenwelt ist. Die Unterwerfung zu bejahen ist Hahn Dichtung. Und weil die Dingwelt in den Worten neu geordnet werde, ist Hahn diese Dichtung autonom, kreativ.

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