Durch Deutschbuch III – Und warum Gedichte?

Ulla Hahn hat, stellvertretend für den Literaten als gesellschaftlichen Akteur, Dichtung als produktiven, persönlichen Prozess definiert, der zwar der Macht der Worte unterworfen ist, Beschriebenes aber produktiv verändert. Um die anschließende Frage Warum Gedichte zu beantworten, greift sie daher notwendig auf die Anekdote zurück – auf das persönliche Erleben, dem dann allgemeine Gültigkeit verliehen wird.

„Meine Großmutter ließ nichts verkommen. Von ihr lernte ich, jeden noch so wertlosen Gegenstand zu beachten, seine Schönheit zu erkennen, ihm Bedeutung zu verleihen, die mit seinem Profanen Gebrauch nichts zu tun hatte … lernte das Verwandeln der Wirklichkeit“.

Tauschwert und Gebrauchswert (profan) treten  gleichermaßen zurück, „Verwandlung, Magie…“ werden zum Kern der Dinge. Und so wie ein Ding könne „jedes Wort selbst verwandelt werden“ (Dinge? verwandelt?) „Im Gedicht ist jedes Wort wie im Zauberspruch gleich gültig“, die Bereits konstatierte Vermischung von Wort und Dingeebene, sowie das idealisierende Übertragen der Wortmagie (die wir sonst metaphorisch nennen, und die doch nichts ist als ein verkürztes, dichtes Sprechen, dass sich bereits etablierte Wortbedeutungen zu Nutzen macht (und gerade deshalb Kunst, die auf vermitteltes reflektiert), diese Vermischung führt nun zur idealistischen Auflösung der Dingebene: Wie ein Ding könne ein Wort verwandelt werden, so wie das Brot, das Jesus mehrte, etwa, oder wie das Geld, das Geld heckt?

Was Hahn meint, ist dass mit Dingen und ihrer Bezeichnung Assoziationen verknüpft werden können, was durchaus produktiv sein kann, und dass Bilder wiederum Bilder heraufbeschwören, welche dann in ihrem Spannungsverhältnis zueinander ein neues Licht auf den Gegenstand werfen.

Oder? „Nichts ist was es scheint zu sein“, so Hahn.

Wieso ein Perlmuttknopf? Hier kommt der Kaiser. Ein blaues Stück Glas vor Augen: mein Dorf das Morgenland“.

Wo Proust noch polemisch feststellte, es gebe nur eine Metapher, die dem je zu Sagenden entspräche,  träumt Hahn. Wo sie (früher) vom Finden (im Außen?) spricht, erfindet sie. Wo der Weg noch im Gehen entstehen sollte, wird jetzt dem Wort Bedeutung zugesprochen „… steck sie [die Worte] mir zu wie einen rot geäderten Rheinkiesel als Kind“.

Jedes Wort sei wie im Zauberspruch gleich gültig. Gleichgültig? „Jede Silbe, ja selbst die Pause, gesetzlich geschützt“. Damit nichts so ist, wie es scheint, bedarf es also des Gesetzes. Damit die freie Entfaltung möglich ist, bedarf es der Gewalt. Hahn spricht in Und warum – Gedichte aus, was schon Wie Gedichte Entstehen verriet: Die Freiheit der Kunst, die sie sich vorzustellen im Stande ist, ist nur gegen Andere denkbar. Damit aber der absolute Individualismus, der gerne jedes materiellen Zwanges zuletzt entbunden wäre, der „den Kaiser…“ und „…das Morganland“ (orientalistische Stereotype als die Höchste Ausformung geistiger Freiheit?) einfach mal  heraufbeschwört, denkbar ist, braucht es den äußeren Zwang, den Staat, der hier aber als dem Gedicht inhärent, und damit als natürlich – menschlich, konstruiert wird: „Ein Gedicht ist das freiheitlich-demokratischste Gebilde der Welt“. Achja, zum Glück nicht unbedingt.

In Ulla Hahns Gedicht „Mein Vater“, wird Geschichte dann eben so persönlich, und damit reine Auslegungssache,  wie vorher postuliert. Dichtung in Hahns Sinne.

Das Photo des Vaters des lyrischen Ich „Tot.“, hängt zwischen denen „Salvador Allende[s] / und Angela Davis[´].“Wer ist das“, fragt das lyrische Ich das Photo. „Ein Bauernkind … ist krumm geworden / Als Arbeiter an der Maschine“. „Den…“ hat es (das lyrische Ich) „…gehasst“. Will ihn nun (da er tot ist) „lieben / bis in den Tod / all derer, /die schuld sind an seinem Leben / und an meinem Hass“. Die Knechtschaft des Arbeiters, dennoch, der Antikommunismus des Selben, das sich eingliedern, „sonntags in die Kirche / wegen der Frau / und der Leute auf dem Dorf“, alles wird zu Akzidenz der Selbstfindung.

„Manchmal …

nahm er meine Hand

hat…

mich gefragt

wie ich sie damit machen will

die neue Welt.

Mit dir,

hab ich gesagt

und meine Faust

geballt in der seinen.

Der Hass auf den Nazi, der verführt gegen die „Roten“ kämpfte ist schon verflogen, stattdessen

…machten wir die Zeit

zu der unseren

als ich ein Sechstel

der Erde ihm

rot auf den Tisch hinzählte

und er es stückweise

und bedächtig

für bare Münze

und für sich nahm.

Die Zeitweilige Durchsetzungsfähigkeit des Sozialismus wird zum Kommunikationsmittel zwischen Vater und Kind. Und nun, da er tot ist, ist er „[e]iner von uns“, zurechtgebogen wie  die Kommunisten Allende und Davis, die ihn einrahmen.


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