Zur Kritischen Theorie des Rosenkohl

Replik auf die Halbwahrheiten der Jungle World.

In der Jungle World wird derzeit das Für und Wider von Rosenkohl diskutiert, eine Debatte, die tatsächlich schon längst einmal hätte geführt werden müssen.

Den Beitrag von Elke Wittich (pro!) kann man getrost in die Tonne kloppen, betrachtet sie die Thematik doch größtenteils aus der Perspektive des armen, diskriminierten Gemüses selbst. Vom Gemüse her gedachte Kritik allerdings ist antiemanzipatorisch und trägt in sich schon die Keime zutiefst inhumaner Ideologie. „Iss deinen Rosenkohl“, hieß es zu Hause bei Tisch früher. „Die armen Kinder in Afrika wären froh wenn sie so was hätten“. Wurden auch damals schon die ominösen armen Kinder als rein rhetorische Figur ihrer Menschlichkeit entkleidet und so aufs neue in jenen Hintergrund gedrängt, vor dem „wir“ unsren Wohlstand  erst recht zu genießen hätten, so barg das „Argumentationsmuster“ immerhin noch das Potential einer weiterführenden Kritik der kapitalistischen Vergesellschaftung, dann wenn der/die so bedrängte antwortete: „Warum gebt ihr den  Rosenkohl dann nicht den armen Kindern?“. Aber „Iss deinen Rosenkohl, er wird sonst ganz traurig?“ Ohne Worte.

Dagegen stellt Boris Mayer richtig fest: „Ungenießbar, stinkend und antizivilisatorisch: Rosenkohl ist böse“. Doch obwohl ihm nicht entgeht, dass „[a]uf die Idee, Rosenkohl anzubauen, … man auch erst Ende des 18.Jahrhunderts“ kam, und dass „Rosenkohlliebhaber regelrecht religiösen Eifer … entwickeln, wenn es darum geht, vernünftige, also Rosenkohl verachtende Menschen dazu zu bringen, doch welchen zu essen“, scheint Mayer das Böse dennoch als Essenz des Rosenkohls auszumachen, eine kaum minder gefährliche Enthistorisierung und Naturalisierung des gesellschaftlichen Verhältnisses, dass sich im Rosenkohl und im Umgang mit dem Selben verdinglicht.

Denn was manifestiert sich im Genuss Konsum von Rosenkohl anderes als die Projektion des kollektiven Schlechten Gewissens der entstehenden bürgerlichen Gesellschaft auf  den Prozess der Nahrungsaufnahme, der angesichts der zunehmend komplexeren Vermittlung des menschlichen Stoffwechselprozesses mit der Natur als die letzte Bastion unvermittelter Naturbezogenheit erscheint. Wo der Adel ob seiner gottgegebenen Legitimation die Hungernden noch auf das Manna verweisen konnte, das so Gott will sie nähren würde oder eben nicht („sollen sie doch Kuchen essen“), erträgt der Bürger den Widerspruch, dass in einer Gesellschaft relativen Überflusses doch die meisten Menschen von den einfachsten Mitteln der Bedürfnisbefriedigung ausgeschlossen sind, indem er den Erhalt des Lebens selbst zu Qual macht. Der Rosenkohl, als „edles Gemüse“, wie Wittich schreibt den Armen vorenthalten (also ein teures Gemüse), wird zum externen Träger des alltäglichen Wahnsinns. Denn:

„[a]uch wenn die Worte »Oh, lecker, bitterer Rosenkohl« einen Sinn zu ergeben scheinen, ist es doch nichts anderes, als wenn man die Handfläche auf eine glühende Herdplatte legte und dann – anstatt die Hand wegzubewegen – verkündete: »Oh, lecker, es riecht nach Grillfleisch.«“.

Die Armen leiden Hunger, die Reichen leiden Essen, allen geht es schlecht und darum geht’s weiter. So ist das.

2 thoughts on “Zur Kritischen Theorie des Rosenkohl

  1. Pingback: Potter & Pinter & die kritische Theorie des Rosenkohl « SonntagsGesellschaft

  2. Ach, diese Welt: Wer Rosenkohl vor allem als Tiefkühlgemüse kennt, wird sich wundern, warum er als bitter gilt. Im garen Zustand treten zum Geschmack und Geruch, der sich gerade mit aus ähnlich seltsamen Gründen kritisierten – garen! – Kartoffel wunderbar ergänzt, auch noch die zart zerblätternde Konsistenz und Form. Dieses Gemüse könnte Ihnen gefallen, wenn Sie Geschlechtsorgane mögen.

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