Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt? Eins.

Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt, an dessen Produktion unter anderem Bert Brecht, Ernst Ottwald und Slátan Dudow (alle Drehbuch), Hans Eisler (Musik), Ernst Busch und Lili Schönborm (Darsteller/innen) beteiligt waren, ist vielleicht einzigartig unter den deutschsprachigen Filmen. Die Erstaufführung 1931 markierte wohl den Höhepunkt des filmischen (sozialistischen) Realismus im Westen, allerdings zu einem Zeitpunkt, da die reale volksgemeinschaftliche Formierung der Gesellschaft längst drohte, der formulierten Perspektive den Boden für immer zu entziehen. Die Zensur des Filmes Kuhle Wampe, und deren Begründung,  lässt das schon vorausahnen., der Film selbst zeigt sich im Ganzen gewollt blind, in den Details aber oft sehr hellsichtig die Gefahr des aufkommenden Faschismus betreffend.  So transzendiert er letztlich die Schranken eines sozialistischen Realismus der zur Utopie wider der gesellschaftlichen Realität verkommen sollte.

Auf Internetarchive.org kann Kuhle Wampe heruntergeladen werden. Eigentlich hatte ich vor, diesen „Fund“ hier, abgesehen von einem kleinen Vorwort unkommentiert zu bloggen. Da mir aber nun noch ein älterer Suhrkamp Titel (Gersch / Hecht 1969) in die Hände gefallen ist, der zeitgenössische Rezensenten, die Mitwirkenden selbst, und nicht zuletzt auch die Zensoren, zu Wort kommen lässt, halte ich es für angebracht, doch ein paar Worte mehr zu schreiben. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit werde ich mich daher in den nächsten Monaten durch Kuhle Wampe und Kommentar wühlen und, vordergründig chronologisch vorgehend, versuchen Inhalt und Darstellungsweise des Filmes vor dem Hintergrund der Brechtschen/Eislerschen Theorie(n) des Realismus, zu analysieren und verständlich darzulegen. Ich beginne mit einem Abriss zu „Struktur und deren Bedeutung“ aus der weisen Perspektive des Zensors:

I – Struktur und deren Bedeutung

Kuhle Wampe besteht aus vier lose zusammenhängenden Teilen. Neben rudimentären Handlungselementen, welche Motive des bürgerlichen Filmes (Elend, Liebe, ungewollte Schwangerschaft) zwar noch aufrufen, sich aber weigern, jene klassisch zu entwickeln, werden diese Teile vor allem über die Hauptcharaktere, sowie Milieu und Klasse zusammengehalten. Zentrales gestalterisches Mittel ist die Montage „verfremdend, kontrapunktisch, mobilisierend eingesetzt …“ (Gersch / Hecht 1969, S. 177 ff) wie etwa exemplarisch von Sergej Eisenstein in Panzerkreuzer Potemkin entwickelt. So erzählt Kuhle Wampe

„keine durchgehende Geschichte, sondern staffelt einzelne Episoden, die deutlich voneinander getrennt sind aber in einem direkten gedanklichen Zusammenhang stehen … die Montagen in Kuhle Wampe analysieren dialektisch die Situation … und sie ermöglichen den politischen Appell im letzten Teil dem mit dem Zwischentitel Wem gehört die Welt? überschrieben ist“. (ibid.)

Es ist gerade dieses Gestalterische Merkmal, das dem Film seine Sprengkraft verleiht. Dies haben wohl die Zensoren, im Gegensatz auch zu den wohlgesonnenen Rezensenten, die dem Film „… der ´Schönfärberei` oder der ´Harmlosigkeit` … [bezichtigen]“ (Gersch / Hecht 1969 S. 175), recht gut erkannt. Ein „Oberregierungsrat Erbe“ beantwortet dann auch treffender die Frage nach der Bedeutung des Ästhetischen im politischen als das manch späterer Propagandist des Sozialistischen Realismus  zu leisten vermochte:

„Man kommt auch bei den einzelnen Szenen sehr schwer heran. Wir können uns nur den gesamten Bildstreifen ansehen, und da finden wir, dass in einer tendenziösen Weise die sozialdemokratische Partei (!), der Staat, unsere gesamte Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung angegriffen werden.“ (Erbe, zitiert nach Gersch / Hecht 1969), S. 116f).

Hätte Herr Erbe dem Film positiver gegenübergestanden, was ihm als Sozialdemokraten, obwohl „wir alle … zugeben, dass die Zustände, wie sie sich entwickelt haben keinen Anlass zur Freude geben…“ (ibid.), scheinbar schwer fiel, er hätte unter Betrachtung der einzelnen Szenen Pionierarbeit dahingehend leisten können, aufzuzeigen, wie dieser Angriff in Kuhle Wampe unter Betrachtung der Lebenswirklichkeit einzelner im Bezug auf zwei „Allgemeine“ (das Kapitalistische System und dessen Staatsgewalt einerseits, die kämpfenden Arbeiter andererseits) gelingt (und vielleicht hätte er gar über die Fehlschläge aufklären können).

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