Catching the Catcher – Ein Nachtritt

Jerome David Salinger, der Autor von „The Catcher in the Rye“ , des prototypischen modernen Bildungsromans, ist tot.

„The Catcher in the Rye“, das ist die Geschichte von Holden Caulfield, Schüler und mäßig beliebt, unfähig mit den Ansprüchen die die Gesellschaft an ihn stellt – in Gestalt der im traditionellen verhaftete Familie – in Gestalt der das reine Wissen hortenden, um ihrer Selbst zu existieren scheinenden Hochschule (also in Gestalt der ordnenden Rationalität des Staates), und in Gestalt der inneren Irrationalität  des Kapitalismus, seinerseits das zu Ordnende, dessen Oberflächliche Erscheinungen der triebhaften Rebellion Holden Caulfields zugleich Spielwiese und  Bedrohung sind – adäquat fertig zu werden. Holden Caulfield unternimmt den Versuch aus den ihn bedrängenden Zwängen auszubrechen, und bewegt sich doch stets nur in den vorgegebenen Bahnen von Ausbruch und Anpassung, Selbstermächtigung und Affirmation des Ist-Zustandes;  in Bahnen, an deren Ende das Scheitern (als Liebhaber, als werdender Bürger, als potentieller Produzent von Mehrwert, kurzum, als Mensch), öfter als nicht steht.

Oder, auf dem Niveau der Einsichten zusammengefasst, die der Roman selbst offeriert und die spontan ohne Reflexion auf die Einrichtung des falschen ganzen zugänglich sind:

„Der Fänger im Roggen, [ist] die Geschichte von Holden Caulfield, einem Internatsschüler, von New York und der Verlogenheit der Welt (Die Zeit)

„The Catcher in the Rye“ erlaubt im Groben zwei Lesarten.

Die eine legt den Fokus auf die Versuche Caulfields, auszubrechen und gleichzeitig zurechtzukommen als individuellen Bildungsweg eines Jugendlichen, und liest die Momente des Scheiterns, das Zerbrechen des Charakters, als persönliche Fehlleistung.

Die Rahmenerzählung, also die Rückblende auf den Hauptplot aus der Geborgenheit eines Sanatoriums heraus wird dann entweder als Symbol des individuellen Scheitern Caulfields (hat er nicht bis zum Schluss Hilfe immer wieder ausgeschlagen), interpretiert, oder sie wird als vorerst negativstes Moment auf einem noch unentschiedenen Lebensweg, aus dem die zynisch distanzierte Perspektive des Protagonisten sich speist und erklärt gelesen. Das Sanatorium ist dann nur die gesamtgesellschaftliche Verlängerung der vermittelnden Bemühungen der Schwester Phoebe, von der sich Caulfield zum Schluss überreden lässt, doch nicht für immer durchzubrennen, und nach Hause, und über Kurz oder Lang in die Schule und in den Schoß der Gesellschaft zurückzukehren.

Die Rebellion, von jeglichem konkreten Inhalten bereinigt, aber in der Tradition des Bildungsromans als Jugendsünde Prinzipiell nicht nur berechtigt, sondern gar notwendig, wird dann zu einem Leitmotiv des Erwachsenwerdens in einer zwar grausamen, aber unveränderlichen Welt, „The Catcher in the Rye“ währe danach ein Roman über das Erwachsenwerden, an dessen Ende notwendig die Integration in die Bürgerliche Gesellschaft steht, die im Extremfall als offene Gewaltausübung erfahren werden kann.

Die Plausibilität dieser Lesart wäre nicht zuletzt durch Holdens Schlussbemerkungen zu stützen:

„A lot of People, especially this one psychoanalyst guy the have here, keeps asking me if I’m going to apply myself when I go back to school next September. It’s such a stupid question, in my opinion. I mean how do you know what you are going to do till you do it? The answer is, you don´t. I think I am, but how do I know? I swear it´s a stupid question“.

Existentialistisch angehaucht wird hier die Spontaneität des Moments, losgelöst von allen Gründen die zu ihm hingeführt haben, losgelöst von jeglicher Stringenz einer individuellen Perspektive, wird noch im Sanatorium das romantische Bild des „Drifters“, beschworen. Ein Bild das so Problemlos mit der Selbstverleugnung des idealen Konsumenten-Produzenten zusammengeht, dass es heute noch von unzähligen Backpackern, Tramps und Interrail Touristen aufgesogen, die in ihrem Sabbatjahr neben Kerouacs „On the Road“ unbedingt Salingers „The Catcher in the Rye“ mit sich rumschleppen müssen, der Bestätigung  jener Einzigartigkeit und  der geistigen Freiheit dient, die sie später zu um so besseren leitenden Angestellten macht.

Die zweite Lesart denkt die gesamte Erzählung vom Sanatorium aus. Sie hebt ab auf Holdens simple Feststellung, dass wir nicht wissen können was die Zukunft für den Protagonisten bringen wird, wir allerdings sehr genau wissen, dass der Endpunkt des bisherigen Weges des Protagonisten die Psychiatrie ist, und zieht daraus die Erkenntnis dass die jugendliche Rebellion zwangsläufig in einer Verstümmelung des Selbst mündet, die sich aus der Notwendigkeit der Reproduktion der eigenen Lebensgrundlage unter den mittelbaren Zwängen der Produktionsverhältnisse und den unmittelbaren Zwängen, wie sie von der bürgerlichen Kleinfamilie ausgehen, ergeben. Das Sanatorium markiert dann nicht das Äußerste, die gewaltsame Integration des sozial geschädigten Individuums, sondern wird zur bildlichen Verdichtung des Regelfalls. Im Sanatorium, das den Anspruch der archaischen Kernfamilie auf die Erziehung ihres Sohnes zu Gunsten des Gesellschaftlichen Ganzen suspendiert (und damit schließlich auch zu Gunsten der Familienmitglieder) würden dann alle Widersprüche die im Plot des „Catcher in The Rye“ entwickelt wurden, gleichsam räumlich wie zeitlich in einem Punkt verdichtet und gewaltsam aufgelöst.

Doch auch diese Verdichtung, die ein so negatives Gesellschaftsbild zu zeichnen scheint, entbehrt bei näherem Hinsehen einer ernstzunehmenden kritischen Perspektive:

Absehend von dem zumindest beschriebenen Spannungsverhältnis in dem verschiedene Ideologien und Institutionen der Integration um den Protagonisten streiten, erstarrt „The Catcher in the Rye“ zu einer ahistorischen Anklage der Totalität der Bürgerlichen Gesellschaft, ohne deren Fähigkeit sich gerade durch Integration auch des scheinbar noch so Widerständigen in die Warenförmige Produktion, durch die Nutzbarmachung der Holden Caulfields zu reproduzieren, noch adäquat zu fassen.

So ist „The Catcher in the Rye“ dann nicht mehr als das Gegenbild zu „One flew over the Coklooks Nest“, jenem Roman von Ken Kesey, in dem das System die totale Integration des einzelnen unter die falsche Herrschaft ist, und die Utopie der Ausbruch mit Indianer und Duschraum-Controller, die Möglichkeit im nassen Gras herumzuspringen und in diverse Sonnenuntergänge zu reiten.

„Freiheit“ währe dann jeweils das reine Negativ des Bestehenden, das abstrakt „shallow“ und „phony“ ist, und eine produktive Lesart des Romans, die auf das Textganze in wechselseitiger Vermittlung der oben angerissenen Perspektiven reflektiert, und den Roman selbst als Paradebeispiel der Subsummtion des Widerständigen unter die Wahrenform erkennt, währe verstellt.

Nun verfasst man also euphorische, pathetische, sentimentale Nachrufe auf  Jerome David Salinger in Dutzendwahre.

Die wenigen Aspekte die von „The Catcher in the Rye“ ausgehend eine Kritik des kulturindustriellen Betriebes und der gesellschaftlichen Totalität ermöglichen, man wird sie der Rezeption  endgültig austreiben.

Im Mittelpunkt der Nachrufe steht die selbst gewählte Isolation, die Weltflucht des Autors:

„Wenn ich ein Klavierspieler wäre, ich würde im Scheißwandschrank spielen.“ Just dies hat der Snob Jerome D. Salinger bis gerade eben getan – er hat im Wandschrank gespielt“ (Welt.de)

Diese wird je nach Bedarf zu seinen präzisen Einsichten in „die Stimmung einer ganzen Jugendgeneration“ (Taz), kontrastiert, um die Einsicht eben aus der Zurückgezogenheit des Einsiedlers zu erklären, der Roman wird, wie Aufgezeigt nicht unberechtigt, als Wegweisend für die moderne als Vorläufer der Liberalisierungsbewegungen der 60er und 70er Jahre, des Rock´n`Roll, des Beat und des Punk (re-)institutionalisiert:

„Reading “Catcher” used to be an essential rite of passage, almost as important as getting your learner’s permit“. (New York Times)

Kurz man verlängert mit einigem Recht die dem Text zu Grunde liegende Unentschlossenheit in die totale Beliebigkeit, und in der Ikonisierung des einsamen Schriftstellers schreibt man die bürgerliche Lebenslüge vom der Gesellschaft gleichsam äußerlichen und innerlichen „reflektierten“ Individuum fort, das selbst sein Leid an der Gesellschaft, mal produktiv, mal im regressiv, in reines bürgerliches Selbst, in persönlichen Mehrwert also umwandelt.

Holden Caulfield wird zum Helden späterer Generationen, zum zu früh gekommenen, für den die gesellschaftlichen Umstände nicht reif waren.

Dass Salinger selbst das Schicksal seines Protagonisten (und vieler „Gescheiterter“, denen nicht mal Bett und warmes Essen im Sanatorium vergönnt sind) nur deshalb nicht teilt, weil im Künstler die gesellschaftlichen Widersprüche selbst produktiv werden, und in der „kritischen Distanz“ des Einzelnen für diesen Einzelnen Wert schöpfen, der die Reproduktion des einsamen Künstlerdaseins erst ermöglicht, wird ausgeblendet. Immerhin, in einer Gesellschaft in der Kreativität und Flexibilität zu essentiellen Ideologeme des persönlichen Fortkommens geworden sind, werden die Holden Caulfields unserer Zeit schon ihre persönliche Nische finden, oder nicht?

Nachrufe auf WordPress

Nachrufe auf Blogsport

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s