Tatort episches Theater

Tote Kinder, Verfremdung & Schulterzucken

Manchmal verblüfft einen das Fernsehn. Ja – das Fernsehen, und dann auch noch ein Programm der Öffentlich – Rechtlichen.

Mittem im TatortArme Püppi„,  – einer höchst mittelmäßige Geschichte über einen Kindsmord und organisierten Kinderhandel im sogenannten „Migrantenmilieu“[1], vor kurzem Gesehen auf N3 – mitten im Tatort finden sich plötzlich die ermittelnden Komissare Stoever und Bockmöller (Manfred Krug / Charles Bauer) hinter einem Klavier wieder, und stimmen „Sentimental Journey“ an. Was? Ja was?

Was sagt man dazu?

Zum Ersten sieht man sich gezwungen zuzugeben, dass man vom Tatort so wenig Ahnung hat. „Das machen die öfter“, erklärt mir die weit erfahrene Mutter, „das war dem Krug sein Ding, zwischendurch einfach mal zu singen“. Zum zweiten könnte man sich versucht sehen zu fragen, ob vielleicht dem Genossen Krug nicht der Coup gelungen sein könnte, über den Demokraten Krug alias Kommissar Stoever der über Steuergeldern mitfinanzierten Krimiproduktion zur Formung mündiger Staatsbürger, „Tatort“, ein wenig Brechtsche Verfremdungstechnik unterzuschieben:

„Einen Vorgang oder einen Charakter verfremden, heißt zunächst einfach, dem Vorgang oder dem Charakter das Selbstverständliche, Bekannte, Einleuchtende zu nehmen, und über ihn Staunen und Neugierde zu erzeugen“.[2]

Denn immerhin: Ein Kleinkind, entführt aus einer Klinik, ist bereits tot aufgefunden worden, mehrere weitere Kinder werden vermisst. Es zeichnet sich ab, das ein sehr professioneller Kinderhandel Ring hinter den Verbrechen steckt und weitere plant – Ein Verbrechen also, dass die Zuschauer jenseits aller Klassenintressen und unterschiedlicher Perspektiven auf die Übertretung des Gesetzes als solche im Schauer vor dem absoluten Bösen vereint. Die Ermittlungen kommen kaum voran, und plötzlich …

… streifen Stoever und Bockmöller ihre Rollen ab und werden zu Krug / Bauer, die auch im Privatleben als Jazzmusiker zusammen arbeiten, und trällern „Sentimental Journey“ „den Song des Polizisten“ (O-Ton), ein Lied über den Traum auszubrechen und die demütige Affirmation der Rückkehr:

“Gonna take a sentimental journey,
Gonna set my heart at ease.
Gonna make a sentimental journey,
To renew old memories.”

“Never thought my heart could be so yearny.
Why did I decide to roam?
Gotta take that sentimental journey,
Sentimental journey home.
Sentimental journey.”

[da sich dazu kein Video finden lässt hier eine vergleichbare Impression]

Das gesellschaftliche Schauspiel wird seines bunten Kostüms entblättert. Die Grausamkeit des Verbrechens tritt uns um so grausamer, als menschliche Grausamkeit vor Augen, die lächerliche Oberfläche an der uns naive Träume und Projektionen über die Gewaltförmigkeit der alltäglichen Reproduktion unsrer Lebensgrundlage hinwegzutäuschen vermögen, bekommt auf ewig Risse, die Hölle die die fiktionale Welt ist greift über auf die ihr enthobene melancholische Utopie des Polizistengesangs. Und diese Utopie ist keine Utopie, ist außerhalb der Fiktion, und dort nur das Steckenpferd zweier alt werdender Herren.

Zieht dieser Tatort dem Zuschauer nicht den Boden unter den Füßen weg, die der gerade noch sicher neben dem Bier auf dem Couchtisch geparkt wusste?

Nope…

Aber warum denn nicht?

Vielleicht weil alle Verfremdung als pfiffiges Stilmittel längst Eingang in den kulturellen Mainstream gefunden hat?

Vielleicht, weil Krug und Bauer das eben „immer machen“?

Vielleicht auch, weil mit dem positiven Schluss, dem der klassische Krimi (der gebührenfinanzierte sowieso) unweigerlich zustrebt, der mögliche Schock wieder kassiert wird, den der etablierte Kontrast sonst hätte auslösen können – und wir wissen dass das Happy Ende kommt – ergo: der Schock bleibt gleich aus.

Und zuletzt vielleicht, weil ich weiß, dass wie ich hunderttausend andre Zuschauer die entsprechenden Reize zur gleichen Zeit aufnehmen (weiter Momente potentiell subversiver Natur ließen sich aufzählen), und bereitwillig all die netten Messages über Freiheit und Gleichheit in der Bundesrepublik aufsaugen, und über den Kampf des Staates gegen „Die da Oben“ (WTF???)[3], so dass mich wie alle andren ein wenig Verfremdung nicht mehr befremdet, mich nicht von den Socken haut.

Die lagern nämlich, mitsamt den Füßen drin eingewickelt, neben dem Bier aufm Couchtisch, und der Boden, der bleibt unweggezogen.


[1] Auftraggeber ist natürlich mal wieder der Internationale Land und Geldadel, tut ja sonst den lieben langen Tag nix und liegt dem ehrlichen Arbeiter und dem noch ehrlicheren Bullen auf der Tasche, kann er sich wenigstens um die Kinder armer Leute kümmern.

[2] Bertolt Brecht: Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe. Hrsg. : Hecht u.a. Band 24: Schriften 4. Berlin und Weimar: Frankfurt am Main 1988. S. 14

[3] Zu Tatort und Volksgemeinschaft [hier]

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