Neil Gaiman – The Graveyardbook

„Der Ruf nach „Frieden“ ist in Wahrheit einer nach der Friedhofsruhe, die dem großen Weltenbrand folgen möge, dessen Flammen alles verschlingen sollen, was der Abweichung auch nur verdächtig ist“ [Quelle].


Ein Roman gegen sich selbst.

Neil Gaimans The Graveyardbook wurde 2009 mit der Newberry Medal für das beste in den USA erschienene Kinderbuch, dem Hugo Award für den beste Fantasy/Science-Fiction Roman, und mit dem Locus Award ausgezeichnet. Dennoch handelt es sich um einen unterhaltsamen Roman.

The Graveyardbook ist eine traditionelle Coming-of-Age Geschichte mit weniger traditionellem Szenario. Knackig umreißen lässt sich der Plot als Dschungelbuch mit Zombies, und das ist vom Autor auch so intendiert. Nun klingt das erstmal nach ziemlichem Trash, insbesondere weil die Zombies, Geister und Werwölfe die den Jungen Nobody Owens aufnehmen wie das Wolfsrudel Mowgli, um ihn vor „The Man Jack“, einem Auftragsmörder einer nicht näher definierten Geheimorganisation, zu beschützen, durchaus meist freundliche und soziale Wesen sind.

Diesen Trash allerdings serviert Gaiman so kaltblütig, dass am Ende ein Stück Literatur herauskommt, dem man Anmerkt, dass die Leiche Rudyard Kipplings vom Autor mit den besten Absichten gefleddert wurde.  Gaiman erklärt wenig, und erwartet vom Leser dass dieser ihm dennoch folgt. Funktioniert, man schluckt den Stoff wie er ist, inklusive Geistern die allen ernstes Menschenkinder zur Schule schicken, Kindern, die erlernen durch Wände zu gehen und parasitären Goulen, die beweisen dass weder eine Trennung von schaffendem und raffendem Kapital noch überhaupt eine Produktionssphäre bennötigt wird, um antisemitische Stereotypen aufzurufen[1].  Apropos Produktionssphäre: Dass die Schattenwesen alle Hierarchien und die Moral der bürgerlichen Gesellschaftsordnung mit ihren inhärenten Widersprüchen kopieren, obwohl sie wissen dass ihnen jeder Kern einer solchen Gesellschaft – Produktion – Konsum – Sterblichkeit – abgeht, muss ebenfalls hingenommen werden.

Ist aber geschenkt, ziehen doch Science-Fiction wie Fantasy meist den uns bekannten Spießern und Spießerinnen nur ein paar neue Klamotten an und geben ihnen coole Namen.

Was The Graveyard Book von einem typischen 0/8-15 Schinken der (gehobenen) Fantastischen Literatur unterscheidet sind sicher die relative Kürze  des Textes, die nach Shortstorys gemodelten einzelnen Kapitel, und die Prägnanz der Formulierungen. Das trägt, ob intendiert oder nicht, lange dazu bei, eine typische Schwäche fantastischer Literatur (das Universum wird erst aufwändig mit einer eigenen Logik ausgestattet, die immer unwahrscheinlicher wird je mehr man sie erklärt) zu umgehen[2]. Die Kaltschnäuzigkeit mit der die Coming-of-Age und Gruselgeschichte verbunden werden, stellt so in der Kombination von Genrekonventionen und diese transzendierender Stilistik wohl ganz aus Versehen das Groteske des bürgerlichen Konzepts vom „Erwachsenwerden“ ebenso treffend heraus, wie die Absurdität aller fantastischen Doppelung des Bestehenden in Parallelwelten. Dazu sei hier nur der Schluss betrachtet:

Die „Man Jacks“ sind besiegt, die Jugendliebe des Protagonisten (die muss es natürlich auch geben), ist mit Nobody wieder vereint. Der versteht aber, dass er durch alles was passiert ist zu sehr von der kindlichen Idylle früherer Zeit entfremdet ist, um alte Sentimentalitäten aufleben zu lassen, und er geht hinaus in die Welt, um sein Glück zu machen. Ein wenig Geld, nicht viel, aber doch genug um ihm irgendwo einen neuen Anfang zu ermöglichen, stellt ihm freundlicherweise sein Mentor zur Verfügung, der nicht-lebend-nicht-tote Wald/Stadtläufer Silas. Der Junge entwächst also der geordneten und sicheren Totenwelt, nur um mit wenig Geld und ohne Bildung den Erfolg in einer von der Totenwelt nur dadurch unterscheidbare Sphäre einzutauchen, die ihn doch wieder dahin führen wird, von wo aus er gerade aufgebrochen ist. Die Realität [siehe Fußnote 2] drängt mit aller Gewalt zurück in die fantastische Welt, und enthüllt sich als allgegenwärtig und doch seltsam leer. Die Barbarei der Konkurrenzgesellschaft wurde in den Schulszenen, die Unüberwindbarkeit des Todes im Kapitel Dance Macabre sogar thematisiert, was lockt also ins „Reale“? Da Sexualität als der vielleicht einzig vertretbare Grund auf ewige, übersinnliche Sicherheit zu scheißen und im wahrsten Sinne des Wortes „ein bisschen zu leben“ in einem Kinderbuch scheinbar nicht thematisiert werden kann, bleibt der Kampf ums Überleben, das Haifischbecken Unternehmertum, als Selbstzweck[3].

The Graveyardbook sagt also entweder: „Kind, stürz dich ins Leben, was willst du sonst machen?“

Oder: „Wer sich nicht gleich umbringt ist schon verdammt dumm“

Natürlich sagt das nicht Neil Gaiman, und mit einigem Recht könnte er darauf verweisen, dass Geister, Vampire und der ganze Kladderadatsch nur symbolisch zu verstehen sind, aber folgende Frage würde sich doch aufdrängen:

Als Symbole wessen eigentlich? Und sind sie für Nobody nicht physisch – real? Wo die anthropomorphen Tiere im Dschungelbuch noch durch eine barbarische Außenwelt, die den Mowgli als Menschen genauso wenig annehmen kann wie die Tiere ihm alle Annehmlichkeiten der Zivilisation (wieder plus Sex) bieten könnten, gespiegelt sind, wo die Verlorenheit des Cultural-Hybrid im Mittelpunkt der Geschichte steht, die geschickt zwischen „real“ und „symbolisch“ angesiedelt ist  da sind nun mal die zivilisieren Geister entweder real, oder sie drücken allein einen psychischen Zustand des Protagonisten aus.

Der zweite Fall wird im Roman klar ausgeschlossen, bleibt also die Geschichte eines Jungen der sich freiwillig in eine feindselige Welt stürzt. Eine verdammt interessante Geschichte, die aus gutem Grund an der entscheidenden Stelle abbricht, denn was gäbe es vom Erwachsenenleben des Nobody Owens angesichts des vorhergegangenen noch zu erzählen, außer ein paar sterbenslangweiliger Hemingwayscher Gemeinplätze?

Nein, es führt kein Weg dran vorbei: The Graveyardbook funktioniert als Roman nur wenn man ihn als Text begreift, der die das gesellschaftliche Fundament und der Erzähltradition untergräbt, auf der er Selbst aufbaut. Als Text gegen sich selbst, der trotzdem als kohärentes Gebilde erscheint. Und der so fast schon wieder realistisch genannt werden kann – als Repräsentant einer in sich widersprüchlichen Seinsweise, die nur zu gut funktioniert.


[1] Deren Namen, hergeleitet von ihren ersten Opfern, alle große Staats und Kirchenmänner, reichen da schon.

[2] “In Harry Potter, by asking its readership to start questioning the world established in the first three books, JK again only draws attention to how actually stupid it is when you stop and think about it for a moment”

[3] Ich mag mich sogar täuschen, vielleicht liefert das Buch irgendwo einer dieser magischen Erklärungen. Die sind aber so blöd, dass man sie nicht ernst nehmen kann à vgl. „A Wizard did it“.

One thought on “Neil Gaiman – The Graveyardbook

  1. Pingback: Kein Interesse an Religion – Eine Breitseite auf Neil Gaiman’s American Gods | SonntagsGesellschaft

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