Simplizissimus, der einfache Deutsche

Wie DIE ZEIT den Faschismus verklärt, den sie nicht begreift.

„Was wäre der Welt erspart geblieben, wenn wir Deutsche als Angehörige einer ‚verspäteten Nation‘ statt Goethes Faust, statt Nietzsches Übermenschen uns jenen Vorläufer des deutschen Michel zur Leitfigur erkoren hätten, der im Jahre 1668 das Licht der Welt erblickte?“

So bewarb, laut Amazon.de, einst die Wochenzeitung die Zeit Grimmelshausens Abenteuerlichen Simplicissimus Teutsch.

Wahrhaftig, alles wäre ganz anders gekommen, hätte man sich vom „Leben eines naiven, gutgläubigen, aber oft schlecht beratenen und schlecht behandelten ‚Teutschen‘ in Zeiten des Dreißigjährigen Krieges…“ den Weg weisen lassen, von jemandem der „derbe Landsknechtsmanier mit Witz und Weisheit, barocke[n] Naturalismus und groteske Satire mit Phantasie und Sentiment verbinde[t]“.

Nicht vom europäischen Weltbürger Goethe, dessen Faust nach einer Welt strebte, in der die Beherrschung der Natur und die freie Individuelle Entfaltung zum Wohle aller Hand in Hand gehen, dessen Scheitern trotz der christlichen Verklausulierung auch stets als Warnung taugt, dass dieser Weg kein Leichter, die Gefahr des Rückfalls in die Barbarei eine der Zivilisation inhärente ist. Nicht Nietzsche, der erst durch selektives Lesen zum Sexisten, zum Rassisten, zurecht gestutzt werden kann [eine kurze Diskussion findet sich hier, ein Aufsatz zu Nietzsches Rassimus, dessen Ergebniss ich nicht komplett teile hier], dessen Philosemitismus zwar sicherlich den Antisemitismus stets in sich barg, der als Kritiker eines beschränkten, simplizistischen deutschen Geistes aber immer Europäer, und alles andre als ein völkische Philosoph war.

Nein, ein zu kurz Gekommner hätte die Deutschen „retten“ können, einer der unter  „gnadenlosen Metzeleien unschuldiger Bauern“ leidend, „alle Exzesse eines außer Rand und Band geratenen Krieges“ erlebt hat, geschildert „mit einer bis heute überzeugenden Sachlichkeit“.

Einer, der konsequenter als die völkischen Brothers Grimm diesen Exzessen  „utopische Märchen von einem besseren Leben – von einem friedlichen Deutschland“ gegenüberstellt, so ein „schlecht behandelter ´Teutscher´, das wär schon ein Vorbild gewesen.

So einer der glaubt, dass, vier Jahre nachdem er einen Weltkrieg vom Zaun gebrochen hat, sich schon wieder die ganze Welt gegen den einfachen Landsknecht verschworen hat. Der den Dolch, den man den armen Bauern in den Rücken gestoßen hat, nicht verwinden kann, in seiner friedlichen Naivität? So einer, der die Exzesse des außer Rand und Band geratenen Krieges des globalisierten Kapitals gegen das unbewaffnete Volk nicht mehr mit ansehen kann? Der das „utopische Märchen von einem besseren Leben – von einem friedlichen Deutschland“ träumt, immer wieder träumt, und es wäre doch möglich, wäre man nur erst die Kosmopoliten und Kommunisten, die jüdischen Agenten der volksfeindlichen Weltverschwörung los, Frieden, Frieden, und der angestammte Lebensraum im Osten?

So einer also, der träumen kann, der die Missstände benennen kann, der vielleicht vorgibt wie wir Deutsche als Angehörige einer ‚verspäteten Nation‘ aus unserem zivilisatorischen Rückstand noch werden einen Vorteil schlagen können, und das „mit einer bis heute überzeugenden Sachlichkeit“?

So einer.


Nun, liebe Zeit-Redaktion und all ihr Leser und -Innen auf Amazon, lasst euch sagen: Genau so einer war schon immer das „Vorbild der Deutschen“. So ein „’unmittelbar aus dem Volk gegriffener, poetischer, treuer Gesell´“ wie der Simplizissimus, einer, der sich immer verarscht und hintergangen fühlt, einer, der Pazifismus, ewigen Frieden, und Einheit mit der Natur predigt – natürlich unter dem Vorbehalt, dass erstmal all das naturwidrige Zivilisationsklimbim hinweggefegt wird, aber das können ja andre machen – grad so einen Schelm braucht es ja, um die deutsche Dialektik aus Opfermythen und Weltherrschaftsplänen aufrecht zu erhalten.

Wenn es nun also wirklich unausweichlich war, dass ein paar Leute daherkamen, und sich gegenseitig eine „deutsche Nation“, und ein „deutsches Volk“ gaben, dann wäre darauf zu insistieren, dass es höchstwahrscheinlich viel viel viel weniger verheerend gewesen wäre, hätte man sich wirklich einen Goethe, einen der den Armin und den Brentano ob ihrer an Manowar erinnernden Kriegsgedichte während der völkischen Erhebung gegen Napoleon auslachte, zum Vorbild genommen, und nicht nur, wie es geschah, seinen Namen zum Aushängeschild.

Disclaimer: Nein, ich nenne nicht den Simplicissimus einen völkischen Roman, das wäre ja fast so blöd wie ihn zum Propagandamaterial eines besseren Deutschlands zu verklären. Völkisch nenne ich den „Deutschen Michel“, sowie den Mob und dessen intelektuelle Stichwortgeber, die ihn und seine „Vorläufer“ als Vorbilder sehen wolln.


Anhang:


Und wer franzet oder britet

Und wer franzet oder britet,
Italienert oder teutschet,
Einer will nur wie der andre,
Was die Eigenliebe heischet.
Denn es ist kein Anerkennen,
Weder vieler, noch des einen,
Wenn es nicht am Tage fördert,
Wo man selbst was möchte scheinen.
Morgen habe denn das Rechte
Seine Freunde wohlgesinnet,
Wenn nur heute noch das Schlechte
Vollen Platz und Gunst gewinnet.
Wer nicht von dreitausend Jahren
Sich weiß Rechenschaft zu geben,
Bleib im Dunkeln unerfahren,
Mag von Tag zu Tage leben.
-
-

Goethe, Johann Wolfgang. West-Östlicher Diwan. Manesse: Zürich 1996. S.58.

2 thoughts on “Simplizissimus, der einfache Deutsche

  1. „wie der Simplizissimus, einer, der sich immer verarscht und hintergangen fühlt, einer, der Pazifismus, ewigen Frieden, und Einheit mit der Natur predigt“
    Tut er alles nicht, soweit ich mich an das Buch erinnere. Was das Buch so angenehm und auch witzig macht, ist das völlige Fehlen sog. „deutscher Tiefe“.
    Trotzdem hast du natürlich recht mit deiner Kritik an der Besprechung der Zeit. Es ist aber nicht nur dieses Buch … es geht in fast allen Rezensionen immer nur um Deutschland. Fr die Zeit ist es nicht deshalb toll, weil es leicht daher kommt, sondern weil es leicht daher kommt und von einem Deutschen ist, ist es toll. Man liebt Deutschland, erfindet ein gutes Deutschland und um dieses zu beweisen wird eben Diverses aufgefahren. Jeder und alles kann vereinamt werden … und selbst Adorno wurde das schon des öfteren. Auch er ist in gewisser Hinsicht „Beweis“ für die großartige Entwicklung, die Deutschland genommen hat.
    Also nicht abhalten lassen von solchen Rezensionen, die Bücher können trotzdem lesenswert sein.

  2. Nach ewigkeiten, in denen ich mich um das Blog zeitweise nicht mehr wirklich gekümmert habe…
    Ja, tatsächlich ist natürlich weniger der Simplizissimus, als der in der Rezension zurechtgeschnitzte Simplizissimus so. Es ist hier ja, im Sinne aller Rekonstruktionen gerader Linien von „Deutschtum“ bis hin zu germanische Stämmen, weit mehr Projektion als Textanalyse am Werke. Und natürlich bleibt davon kein Text, kein Autor verschont, gerade der von mir dem Zeit-Simplizissimus entgegengestellte Goethe ist dafür eines der Paradebeispiele. Aber in der Volte, gerade die Qualitäten, die alles üble an der deutschen Ideologie ausmachen, aus dem Simplizissimus herauszuquetschen, und sie wiederum als erstrebenswert einzufordern, kommt für mich die Verdrängung dessen, was geschichtlich „deutsch ist“ bersonders zum Tragen.

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