Abstürze und Visionen

Flugzeuge haben ebensowenig eine Zukunft, wie der 1. FC Nürnberg.

„Die Altvorderen würden ergänzen, dass die Himmel, die – abgesehen von ein paar Bienen und Spatzen – nunmehr ungestört waren, einst donnerten von dem Klang fliegender Kolosse, dass ganze Landstriche diesem Fortschritt geopfert wurden und dass in einem alten Londoner Vorort, den man einst „Fulham“ nannte, die empfindlicheren Bewohner morgens selten länger als bis sechs Uhr schlafen konnten.“

1.

Weil ein Berg Asche spuckt, theoretisieren deutsche Propheten in der Zeit (in gleich drei Artikeln) elaboriert die Notwendigkeit (und den Segen, den es bringen würde), von der Abhängigkeit von Technik Abstand zu gewinnen, ja!, sich dem Diktat der Technik zu widersetzen. Die Welt wie wir sie kennen, da sie doch dereinst untergehen könnte (so neigt meine Böse Zunge die tiefsinnigen Worte der Feuilletonisten umzuformulieren), die Welt also gleich untergehen machen: Das ist das Gebot der Stunde.

„Natürlich würde alles sehr langsam gehen. Zwei Tage bräuchte man bis nach Rom. Einen Monat, bis man endlich frohlockend in den Hafen von Sydney einlaufen könnte. Und dennoch hätte dieses Warten und Schmachten auch seine Vorteile. Diejenigen, die sich noch an das Zeitalter der Flugzeuge erinnern könnten, würden sich an die Verwirrung erinnern, die sie gefühlt hatten, als sie nur wenige Stunden nach ihrer Abreise in Mumbai oder Rio, Auckland oder Montego Bay angekommen waren. An die schwache Übelkeit und Verwunderung, die es ihnen leicht machte, an das arabische Sprichwort zu glauben, demzufolge die Seele immer mit der Geschwindigkeit eines Kamels reist.“

So träumte vor einigen Tagen der Zeit-Genössische Prophet Allain de Botton. Natürlich gäbe es so einiges einzuwenden. Etwa dass das, was Botton beschreibt, man einst aus gutem Grunde, wenn auch polemisch und historisch unscharf, „finsteres Mittelalter“ nannte. Und dass man die Überwindung der Zeiten, in denen man Langsamkeit nicht genießen konnte, war sie doch dem Menschen durch äußere Umstände aufgezwungen, und litten und starben doch viele gerade in dem Versuch, auf der Suche nach einem besseren Leben jene äußeren Umstände zu bezwingen und kontrollierbar zu machen, mit Recht als eines der großen praktischen Verdienste der Aufklärung hervorzuheben hätte. Gar auch, dass man die der Aufklärung entsprungene, wenn auch ihr im Wortsinne kaum verpflichtete „hastige“ globalisierte Welt erst auf Basis dieser Erkenntnis vernünftig kritisieren könnte, und zuletzt: dass man doch erst eine weltweite, allgemeinmenschliche, von Konkurrenz nicht beeinträchtigte Übereinkunft hätte treffen müssen, um zu verhindern, dass nach der Entdeckung der Langsamkeit nicht noch einer entdeckt dass er um so frohlockender in den Hafen von Sydney einlaufen würde, desto weniger er sich auf der Reise anzustrengen hätte. Dass also nichts reales an Bottons Utopie den unmittelbaren Zwang auszuschließen vermag, den die Langsamkeit den in regionale Gemeinschaften zersplitterten Menschen zwecks Verbesserung ihrer persönlichen Situation mit Nachdruck nahe legen würde…

Aber ficht das einen an, der weissagt:

„Dieses neue, nun weit verbreitete Kameltempo würde den Reisenden eine Weisheit zurückgeben, die ihre durch das Mittelalter pilgernden Vorfahren nur zu gut kannten. Diese mittelalterlichen Pilger unternahmen große Anstrengungen, um ihre Reisen so langsam wie möglich zu gestalten, sie verzichteten zugunsten ihrer eigenen Füße sogar auf Boote oder Pferde. Das hatte nichts mit Selbstquälerei zu tun…“

Mit Sicherheit nicht. Denn solcherart Kritik würde ja selbst schon sich vergeistigt dem Gefühl entwinden und auf wächsernen Schwingen sich gen Himmel erheben, wie sonst sollte sie auch den Anstand gewinnen, den sie bräuchte um Aussagen zu treffen wie die obigen. Abstand, Überblick, zum Himmel: Wie ein Flugzeug eben. Und daher auch – Machtlos im Angesicht einer Aschewolke.

Kant stellt fest:

„wenn ein hypochondrischer Wind in den Eingeweiden tobet, so kommt es darauf an, welche Richtung er nimmt, geht er abwärts, so wird daraus ein Furz, steigt er aber aufwärts, so ist es eine Erscheinung oder eine heilige Eingebung“

Wie aber wollen wir, umwölkt vom Ausbruch des Eyjafjallajökull mit letzter Sicherheit die Wahrheit heiliger Eingebungen bestreiten. Nehmen wir also, so nett formuliert, so hünsch ausgestaltet, die Ausbrüche des Herrn Bonnot als das, als was sie in der Zeit erscheinen wollen – Als Philosophie. Heulen wir mit den Wölfen, die, so uns das Schicksal gewogen ist, bald schon wieder den Ruhrpott durchstreifen werden, und jammern wir nicht länger darüber, dass die „moderne europäische Selbstverständlichkeit ungefähr zehn Stunden von New York entfernt zu sein, … einen jähen Riß” bekommen hat. „Ich war noch niemals in New York“, möchte man mit Bonnot sagen, „und das ist auch gut so“

Wo du selbst noch nicht gewesen – drüber willst auch nicht von andren lesen. Und wenn Langsamkeit und Wölfe sich als so gute Kombination doch nicht erweisen, gibt es bestimmt die ein oder andre Online-Redaktion, die einen kritischen Artikel zum Thema gerne annimmt.

2.

„Aus der naiven Denkart fließt notwendigerweise auch ein naiver Ausdruck sowohl in Worten als Bewegungen und er ist das wichtigste Bestandstück der Grazie. Mit dieser naiven Anmut drückt das Genie seine erhabensten und tiefsten Gedanken aus: Es sind Göttersprüche aus dem Mund eines Kindes.“ (Schiller: Über naive und sentimentalische Dichtung)

Ohne jeden Hintergedanken, und ohne mich auf das unter 1) notierte zu beziehen, möchte ich mich im Folgenden einem Beispiel naiver Dichtung zuwenden. Es handelt sich um ein vergessenes Gedicht aus der Feder Peter Handkes:

Aufstellung des 1. FC Nürnbergs vom 27.1.1968

Wabra

Leupold Popp

Ludwig Müller Wenauer Blankenburg

Starek Strehl Brungs Heinz Müller Volkert

Spielbeginn 15 Uhr

In diesem Gedicht überlässt sich Handke ganz seinem Gegenstand, lässt den Gegenstand praktisch, ungefiltert, in den Text durchschlagen. Einen Gegenstand in einem Augenblick in der Welt überführt der Dichter in ein Bild,  authentisch, doch das Bild selbst war bereits Abstraktion, fixierte komplexere Zusammenhänge in einem nachvollziehbaren grafischen Schema. Naiv ist die  Hoffnung, fassen zu können was ist, und doch steckt in der Naivität Wahrheit, jene nämlich, dass Abstraktionen bereits gesellschaftlich vollzogen werden, bevor Theorie oder Kunst Abstraktion systematisieren.

Aber die eigentliche Naivität des Handke Gedichtes offenbart sich erst Historisch, Materialistisch. Kunst ist an der Realität zu prüfen, auf die sie sich einlässt, naive Kunst erfühlt im besten Falle etwas allgemeines im Besondern, das auf die Zukunft geworfen seine Bedeutung nicht einbüßt, hier: Die Erhebung der Notation einer Mannschaftaufstellung qua auktorialer Autorität in einen per se nostalgischen Status hat sich an der Wirklichkeit zu erweisen, die nach der Berechtigung der Nostalgie fragt.

Es ist festzustellen: Nie wieder war der 1. FC Nürnberg so erfolgreich wie 1968. Nie wieder errang der Club nach 1968 die deutsche Meisterschaft. So wie Vergils Aineis instinktiv die Gründung des Römischen Reiches im Moment seiner kulturellen Blüte besang, so fasst Handke den 1. FC Nürnberg gerade in dem Moment, da er noch fassenswert ist, und nicht bei dem, was menschlich ist, den Persönlichkeiten der Spieler, deren Verhältnis zum Trainer, die die Mannschaft umgebenden sozioökonomischen Umstände, sondern bei dem was bleibt: Ein paar Namen, Daten, und Statistik (Virgil nimmt, ganz ähnlich, den Mythos für das Wahre, und verschweigt die soziale Realität der Zeit).

Und was an Handkes Gedicht scheint den heute nicht wie aus dem Moment gegriffen, emotional, naiv eben. Käme man heute noch auf die Idee, in 2-3-5 Formation aufzulaufen? Sich überhaupt noch zu Nürnberg zu bekennen? Ein Spiel um punkt 15h beginnen zu lassen?

Nein. Eben

3.

„Auf diesem Boden lässt sich der Vorwurf des Anthropozentrismus denkungsgeschichtlich verorten. Bis heute ist es Mode „den Menschen zu dekonstruieren“ oder ihn mit Verweis auf Tier- und Umwelt zu relativieren. Damit wurde der Blick in der Tat vom Menschen wegverlagert. Und somit ist jegliche Thematisierung dessen, was Tier-und Umwelt überhaupt heute mitbestimmt, weggeworfen: Man erinnere sich der Sphinx, welche auf Ödipus‘ Universalfrage antwortet: Es ist der Mensch.“ [Der Vorwurf des Anthropozentrismus und die Misanthropie]

Weiter: https://sonntagsgesellschaft.wordpress.com/2010/04/17/frag-mente/

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