Herzchen Herzingers lichte Momente…

…nebst allerlei Dunklem: Zu kurz gesprungene Aufklärung

Von der Gruppe Morgenthau ist zuletzt ein relativ umfassender Text zu den gedanklichen Verkürzungen und Verrenkungen liberaler Verteidiger des Abendlandes erschienen. Die Reflektionsverweigerer standen auch gleich auf dem Plan, und gaben mehr oder weniger offen zu, dass sie den Text nicht verstanden haben, bei der ersten Erwähnung des Namens Adorno abgebrochen haben, oder dass sie zumindest nicht bereit sind die darin geäußerten Gedanken abzuwägen oder gar nachzuvollziehen.

Ich nehme das zum Anlass selbst noch einmal ein paar Worte zu zwei Texten von Richard Herzinger fallen zu lassen, die von der Gruppe Morgenthau auch gestreift wurden, und die das Liberale Elend aus sich heraus recht schön beleuchten.

Im ersten Text versucht Herzinger Theodor W. Adorno Freiheitsfeindlichkeit zu unterstellen (vgl.), indem er sich auf Adorno Äußerung, Aufklärung sei immer totalitär, kapriziert. Herzingers Begriff von Freiheit bleibt dabei so leer wie seine Polemik. In den Kommentaren wurde ihm überzeugend nachgewiesen, dass sein Begriff von Totalität entweder an Adorno vorbeigeht, oder dass er sich einen Popanz aufbaut, vielleicht (man darf ja spekulieren) um dem eigenen Denken die Widersprüche, auf die ich hier noch kommen werde, auszutreiben:

„Wäre Richard Herzinger nicht der philosophische Analphabet, der er nun einmal ist, er hätte gewusst, dass der Begriff des Totalitären hier keineswegs der Arendtsche ist, sondern dem Hegelschen näher verwandt. Das heißt nicht mehr und nicht weniger als Aufklärung ihrem Begriff nach alles erfasst und vor nichts Halt machen kann oder darf, ohne sich dabei selbst aufzugeben. Das finden Adorno und Horkheimer übrigens auch keinesfalls schlecht, sondern versuchen zu zeigen, dass die Entmythologisierung des gesamten Lebens bestehende Strukturen notwendig zerstören muss einerseits, während andererseits diese Entmythologisierung, solange der Kern des mythologischen Bewusstseins unangetastet bleibt, nicht nur unvollständig bleibt, sondern sogar für sich selbst bedrohlich wird.“

Nur wenige Wochen später dann vollzieht Herzinger die Dialektik der Aufklärung, die Bedrohung von Freiheiten im Namen von Freiheit und Vernunft, zumindest phänomenologisch überzeugend am Beispiel der um sich greifenden Rauchverbote nach:

„Das öffentliche Rauchen galt den Hütern des Ancien Régime als gleichbedeutend mit einer politischen Demonstration bürgerlichen Selbstbewusstseins und der Forderung nach gesellschaftlicher Gleichheit.“

heißt es bei Herzinger. Und weiter:

„Das Bild vom – erst Zigarre, später Zigarette – rauchenden Bürger wurde im Laufe des 19.Jahrhundert zur ikonischen Illustration bürgerlicher Souveränität und zum symbolischen Ausdruck der ausgeprägten bürgerlichen Mußekultur. (In der Verzerrung durch die antibürgerliche Agitation wurde der Zigarre rauchende Fettwanst in Frack und Zylinder zur karikaturhaften Inkarnation ausbeuterischer Bourgeoisherrschaft.) Zeit zu nicht unmittelbar zweckgebundener Bildung und zur zivilisatorischen Selbsterziehung im entspannten Salongespräch mit seinesgleichen zu haben war ein Kernelement des bürgerlichen Selbstverständnisses in der Hochzeit des Bürgertums.“

In der Folge zeichnet Herzinger mit Verweis auf James Burnham die Entwicklung einer „Revolution der Manager“ nach, die, den Idealen von Flexibilität und Selbstoptimierung folgend (das sind neben dem nie ernsthaft in Angriff genommenen „ weniger Staat“ die Hauptcredos des Neoliberalismus), auf eine zunehmende Verwaltung auch der Privatsphären, auf eine Optimierung des Menschen als Arbeiter drängt, in der Rauchen keinen Platz mehr hat.

Die Entwicklung ist ein Paradebeispiel für eine sich totalisierende Aufklärung, die nicht auf die ihr zueigene Dialektik reflektiert. Was privat als vernünftig erkannt wurde wird von denen, die die Macht dazu haben, als gesellschaftlich notwendig gesetzt. In Europa mag der zum Monopol tendierende Kapitalismus als Bedingung der Möglichkeit einer solch umfassenden Bürgeroptimierung nicht ins Auge fallen, da hier der Wandel zentral staatlich, mittlerweile sogar vor allem im Rahmen der EU, umgesetzt wird. Blickt man aber in die USA sollte der Zusammenhang auffallen, allein die Vorreiterrolle von Wallmart bei der Etablierung einer weit in das private hinausgreifenden Arbeitsethik sollte augenfällig genug sein.

Richard Herzinger erklärt uns leider nicht, wo seine Manager herkommen, die das Bürgertum usurpieren. Aus dem Bürgertum können sie nicht kommen, auf der Basis des Bürgerlichen können sie nicht entstanden sein, ansonsten litte Herzinger, legte man seinen zuerst angeführten Text zu Grunde, an einer veritablen Persönlichkeitsspaltung. Vielleicht sind die Manager ja vom Himmel gefallen wie 1933 die Nazis, vielleicht sind sie (wie in der Folge von Hayek sich übrigens auch heute noch zahlreiche Liberale um eine differenzierte Analyse der Gründe des Nationalsozialismus drücken), auch eigentlich Kommunisten (seit einiger Zeit versucht man vermehrt auf diese Weise totalitärer Tendenzen in EU und USA dem „Sozialisten“ Obama, den bösen europäischen Sozialdemokraten, und seit neuestem auch der „Reformkommunistin“ Angela Merkel & vielleicht gar bald dem Sozialisten Helmut Kohl anzulasten).

Vielleicht aber ist der aufrechte Liberale heute auch gezwungen, mit dem Denken immer in dem Moment aufzuhören in dem es ihm am besten gefällt. Wenn der Gedanke jene Stelle erreicht, an dem sich das zuvor schon feststehende Ergebnis einstellt, bricht man ihn ab und nennt das: Schlussfolgerung (weil sie halt am Schluss folgt). Ob sich mit einem solchen Denken, das sich den eigenen Konsequenzen immer wieder verschließt, grundlegende Freiheiten der erodierenden bürgerlichen Gesellschaft noch eine Weile verteidigen lassen, sei dahingestellt. Zu Erkenntnis, und damit zu einer Freiheit, die über den bürgerlich-kapitalistischen Abwehrkampf hinausreicht gelangt man damit nicht.

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