Phillip Roth, Sex, Lesben & der Literaturbetrieb

Der Fall.

Ich habe heute einen Roman von Phillip Roth in die Finger genommen, der so schlecht ist, dass es weh tut: The Humbling (dt. Demütigung). Das ist nicht weiter schlimm. Der Roman ist kurz, es ist also nicht so, dass ich all zu viel Zeit verschwendet habe.

Presseschau.

Bei kurzer Recherche im Anschluss stoße ich auf mehrere Perlentaucher-Rezensionsnotizen. Ein Thomas David zum Beispiel, zeige sich für die NZZ „beeindruckt von Roth’ gnadenlosem Blick auf den unaufhaltsamen Niedergang des einst so gerühmten Schauspielers Simon Axler…“ und er bescheinigt Roth, er entfalte dank „…seine[r] präzise[n] Darstellung der Zerbrechlichkeit menschlicher Identität“ eine „zeitlose Tragödie des Jedermann…“. (Fast könnte man meinen, es ginge hier um den Roman Everyman, vom selben Autor).  Rene Hamman (taz) glaubt, einen Kurzroman gelesen zu haben, der „in Sachen Wucht, Spannung, Lakonie, Witz, Anspruch usw. kaum zu wünschen übrig“ lässt, während für Albert Ostermeiers Geschmack (faz) The Humbling zwar „ein bisschen zu gewählt, zu angelesen“, beginnt, er sich aber vom „noch im Angesicht des höchsten Glücks mitschwingender Ton der Trauer und Verzweiflung über die Unausweichlichkeit des Unglücks“, bald mitreißen lässt. Dieser Ton verleihe der „Geschichte … geradezu „antike Wucht““. Ulrich Greiner von der ‘Intellektuellenzeitung’ die ZEIT schließlich habe, liest man bei Perlentaucher, den Roman „[m]it ehrfürchtigem Staunen über die große Kunst dieses Autors … gelesen, dessen tragisches Ende für ihn vom ersten Satz an feststeht, und dessen Verlauf er dennoch mit Atemlosigkeit folgte…“.

Des Pudels Kern.

Die Handlung von The Humbling ist schnell erzählt: Ein alternder Schauspieler kann nicht mehr spielen. Er lässt sich in eine Psychiatrie einweisen, und lernt dort flüchtig eine Frau kennen, die glaubt ihren Mann gesehen zu haben, wie er ihre Tochter missbraucht. Der Schauspieler verlässt bald die Psychiatrie, und die Tochter eines alten Freundes, die „als bekennende Lesbe lebt“, steht vor seiner Tür. Sie hat als Dozentin eine Affäre mit der Dekanin ihrer Universität, und zuvor ihre langjährige Freundin verlassen, nachdem diese sich hat zum Mann umoperieren lassen. ‚Schauspieler‘ und ‚bekennende Lesbe‘ beginnen eine Beziehung, er „schlief zum ersten Mal im Leben mit einer Lesbe“ (ja, das da so). Beide stellen in der Folge ihr Leben immer mehr aufeinander ein. das heißt vor allem: sie zieht sich hübsch an, lernt (ihn) reiten, denn er hat einen schwachen Rücken. Irgendwann nehmen die zwei eine betrunkene Frau mit nach Hause, für den Dreier von dem beide schon länger fantasieren, und danach will der ‚Schauspieler‘ plötzlich ein Kind von der ‚bekennenden Lesbe‘. Diese verlässt ihn stattdessen. Die Frau aus der Psychiatrie (s.o.) bringt derweil ihren Mann um, der ‚Schauspieler‘, der davon in der Zeitung liest, bringt sich am Ende selbst um.

„Wenn sie das geschafft hat, schaffe ich das hier auch. Als die Putzfrau wenige Tage später auf dem Speicher seinen Leichnam fand, lag neben ihm ein Zettel, auf dem neun Wörter standen: ‚Die Sache ist die: Konstantin Gawrilowitsch hat sich erschossen‘. Es war die letzte Zeile von Die Möwe. Er hatte es geschafft, der berühmte Star der Bühne…“[1]

So wie ihr Schluss klingt die gesamte Moderne Tragödie, die The Humbling sein will. Handwerklich routiniert enthält sie ein paar ganz kluge Gedanken, insbesondere zur der Bedeutung des Selbstmordes im Bezug auf die bürgerliche Zwangsvorstellung stets Herr im eigenen Hause zu sein, Entrepreneur des eigenen Lebens und Sterbens. Doch darin bleibt der Text einer von vielen, und sicher nicht der Beste. Peter Michalzik spricht für die Frankfurter Rundschau aus, was die Rezensenten an Roths Schnellschuss zu begeistern Vermag:

„Erst, wenn die Frauen kommen, kommt für den Kritiker Leben in die erzählerische Tristesse. Besonders mit der 25 Jahre jüngeren lesbischen Peegan, mit der der Protagonist eine Affäre beginne. „Die Dialoge blühen auf, die Erzählung bekommt Tempo“, lesen wir dann, „der Roman erigiert sozusagen“

„Meine Frau ist eine Lesbe“ & „Wie kriege ich eine Lesbe rum“. Solcherart Themen scheinen zwar in zahlreichen Sitcoms und Feierabendserien zwar bereits verwurstet, und darf man sagen: gar realitätsnäher und interessanter aufbereitet[2], aber erst wenn sich große Literatur dieser Thematik annimmt, wird uns die Bedeutung des plump pornographischen im gesellschaftlichen Kontext verständlich. Immerhin lobt man  das „komödiantisch lächerlich[e] und schmerzhaft[e]“ Moment der Dialoge, mittels dem Roth uns klar macht, „dass der Mensch seinen Fehlern nicht entkommt“[3]. Genießen wir Auszüge aus diesen wahrhaft komödiantisch lächerlichen Dialogen:

„Was ist mit deiner Frau“, fragte sie, als sie die Spaghetti gegessen und eine Flasche Wein getrunken hatten. – „Egal. Zu langweilig für eine Unterhaltung.“ (…) „Was ist mit deiner Schauspielerei?“ – „Ich spiele nicht mehr.“ – „Das kann nicht sein“, sagte sie. „Was ist passiert?“ – „Das ist ebenfalls zu langweilig für eine Unterhaltung“[4]

„Erzähl mir von Lara“, sagte er. – „Oh, sie würde dir gefallen.“ – „Dir gefällt sie offenbar schon.“ – „Ich sehe ihr zu wenn sie schwimmt (…) Ein Mädchen aus gutem Haus. Ein privilegiertes Mädchen (…) Sie ist vollkommen. Blond. Leuchtendblaue Augen. Lange Beine. Perfekte Brüste.“ – „Wie perfekt?“ – „Du wirst ganz schön hart, wenn ich von Lara erzähle.“ – „Und wer fickt sie? Die Jungen oder die Mädchen?“[5].

Was wir daraus lernen können, außer das Roth einen schlechten Roman geschrieben hat:

Es scheint, es ist beinahe jeder Literat der ein gewisses Alter erreicht hat  dazu verdammt, so einen `Altherrenroman’ zu veröffentlichen. Dessen erklärtes Ziel mag es sein das noch immer marginalisierte Thema der Sexualität im fortgeschrittenen Alter zu verhandeln, heraus kommt allerdings meist  die Geschichte eines alten Stechers, der noch ein letztes Mal zum Zuge kommt, bevor er tragisch an dem Widerspruch von Begehren, Emotion, und der Welt, die sich weiter dreht, zerbricht.

Gabriel Garcia Marquez Erinnerungen an meine traurigen Huren waren das vielleicht traurigste Exponat dieser Textsorte, es betreibt die affirmative Aesthetisierung des hierarchischen Verhältnisses zwischen einem Achtzigjährigen und einer vierzehnjährigen Prostituierten als „Liebe“. Auch Walsers letztes Machwerk wurde schon vorgeworfen, ein solcher Text  zu sein, dabei wird allerdings übersehen, dass Walser schon immer nur Unfug fabriziert hat. Tom Wolfe ist eigentlich noch nicht soweit, aber mit I am Charlotte Simmons, das 2004 mit dem Bad Sex in Fiction Award ausgezeichnet wurde, hat er zumindest die Fingerübungen für später schon mal geleistet. .

Scheitern müssen solche Altersromane, weil zwanghaft nach einer „Idee“, nach einer „zeitlosen Tragödie des Jedermann“ gefischt wird, während doch in Wahrheit nur schwächere Scripts pornographischer Streifen mit einer im besten Fall netten Sprache, ein paar metaphysischen Spekulationen, und weiterem Blendwerk ausgeschmückt werden[6]. Dabei können solche Texte thematisch sicherlich interessant sein. Das traurige Aufeinandertreffen von Anspruch und Wirklichkeit, vom willigen Geist, um eine ausgelutschte Phrase zu bemühen, und vom schwachen Fleisch, könnte das nötige Interesse generieren und für den kleinen Skandal zu sorgen, den ein Roman wohl heute nötig hat, sich zu verkaufen. Aber eben nicht unbegrenzt oft.

Deshalb entblättern, zusätzlich zu ihren faltigen Protagonisten, geschätzte Autoren sich in solch späten Texten intellektuell in einer Weise, die schmerzhaft das Grundgerüst banaler Gedanken und Lüste  offenbart, auf dem wahrscheinlich das Gros der modernen Literatur aufbaut. Das allerdings ist wahrlich ein relevanter Ansatzpunkt immanenter Kritik, und verlogen wäre es die Altherrenromane anzugreifen um die Seriöse Literatur gegen diese wieder aufzurichten. Vielmehr zielen solche Texte unwillkürlich auf die Wahrheit über die Position, die der Literatur gesellschaftlich zukommt, und es wäre an der Kritik, das aufzudecken, anstatt etwa The Humbling gegen die Sexphantasien jüngerer Autoren abzugrenzen, anstatt darauf zu beharren, dass, was bei Roth heute langweilig und lächerlich daherkommt, dem jüngeren Easton-Ellis, oder einem Hank Moody, dem Henry Chinaski Imitat aus Californication zu Ehre gereichen kann[7]. Dass die Möglichkeit, Literatur nackt zu kritisieren, nicht genutzt wird, dass eher die längst vom Corpus gerotteten Kleider der alternden Patriarchen gelobt werden, als auf dass man auf das nackte Kollektiv der Kunstproduzenten etwas kommen lassen würde, darin liegt der Skandal. Darin liegt der vielleicht auch die Scham begründet die sich einstellt, ließt man ein enttäuschend banales Werk wie the Humbling, von einem angesehenen zeitgenössischen Autoren.

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Quellen:

Roth, Phillip: Demütigung. Hanser: München 2010.

Houellebecq, Michel: Die Möglichkeit einer Insel. Du Mont: Köln 2005.

Marquez, Gabriel Garcia: Erinnerungen an meine traurigen Huren. Fischer: Frankfurt 2006.

Zitate zu The Humbling von Perlentaucher: http://www.perlentaucher.de/buch/33796.html


[1] Roth 2010: S.137

[2] Die an Serienproduktionen im Stile & aus der Zeit von King of Queens entwickelte These Gerhardt Scheits, der kulturindustrielle Humor speise sich aus der ewigen Herauszögerung des Koitus, müsste längst modifiziert werden: Herausgezögert wird der liebevolle, erlösende Koitus, vor allem durch massenweise schnellen, als wenig befriedigend empfundenen Sex. Das ist letztlich, was auch die literarische Produktion der von Bukowski inspirierten Literatengeneration treibt.

[3] Was auch immer das heißen soll. Denn worum immer es in dem Roman geht, sicherlich nicht um Fehler in dem Sinne, dass etwas getan wird, dass besser anders getan worden wäre. Der Rezensent scheint Mensch=Fehler zu setzen. Das hieße dann, kein Mensch entkommt seinem Menschsein. Gegen diese Nullaussage setze ich: kein Papagei entkommt seinem Papageisein, es sei denn er isst ein Warzenschwein. Dann platzt er.

[4] Roth 2010, S. 56f.

[5] Roth 2010, S. 104f.

[6] Michel Houellebecq schrieb in La posibilité d´une isle: „Dann blieb noch die Pornographie, an der sich alle die Zähne ausgebissen hatten. Sie schien bisher noch jedem Versuch, die Sache auf ein höheres Level zu bringen, zu widerstehen. Weder eine virtuose Kameraführung noch eine raffinierte Beleuchtung hatten daran etwas ändern können: Im Gegenteil, sie schienen eher ein Handikap zu sein (…) Die Leute wollten Bilder, die scharf und deutlich waren. Häßlich, aber scharf und deutlich (…) Die alte Devise der Marketingspezialisten ‚natürlich wollen die Leute Standardprodukte, das hält sie aber nicht davon ab, unsere Luxusartikel zu kaufen’ schien diesmal endgültig widerlegt…“ (141)

[7] Nochmal Houellebecq: „Der Altersunterschied war das letzte Tabu (…) In der modernen Welt konnte man Swinger, bisexuell, transsexuell, Sodomit oder Sadomaso sein, aber es war verboten, alt zu sein“. (191)

2 thoughts on “Phillip Roth, Sex, Lesben & der Literaturbetrieb

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