Arabboy von Güner Yasemin Balci –

… einige bemerkungen …

Der Journalistin und Schriftstellering Güner Yasemin Balci wurde für ihre Dokumentation „Kampf im Klassenzimmer“ des Öfteren eine rassistische Einstellung vorgeworfen. Das erscheint ein wenig absurd, kommen doch in dem Filmbeitrag hauptsächlich die Protagonisten selbst zu Wort, aber keine Angst vor dem Absurden zu haben zeichnet den öffentlichen Diskurs heutzutage aus.

 

Balcis Debutroman, Arabboy, knüpft an das dokumentarische Werk an. Aufbauend auf ihren Erfahrungen als Sozialarbeiterin in Neuköln ist es der Anspruch der Autorin, eine „Wahre Geschichte“ zu erzählen, wie man dem von ihr verfassten Vorwort entnehmen kann: „Ich kenne sie alle, die Jungen und Mädchen, die in dieser Geschichte unter verändertem Namen eine Rolle spielen. Ich bin mit ihnen aufgewachsen…“ (9).

Arabboy beschreibt den Lebensweg des jungen Rashid, dessen Karriere als Kleinkrimineller nach und nach von der Sucht aufgefressen wird, und der schließlich von seinem „Chef“ fallengelassen, verhaftet und abgeschoben wird. Worum es Balci geht, lässt sich dem Vorwort entnehmen: „Ein Junge wie er hätte es vielleicht auch in der deutschen Gesellschaft zu etwas bringen können, für seine Familie und sein soziales Umfeld aber war alles Deutsche verachtenswert (…) nie hätte Rashid es gewagt, seine deutsche Freundin Bea mit nach Hause zu bringen. Von den Eltern musste er diese Beziehung ebenso geheim halten wie seine Drogensucht …“ (19)

 

Güner Balcis Hoffnung, man könne diese Geschichte wahlweise „wie einen Roman“ (20), oder als Tatsachenbericht erzählen (zweiteres verbot sich aus Gründen des Schutzes beschriebener Personen), ohne dabei je etwas einzubüßen, rächt sich. Arabboy verknüpft letztlich die Schwächen der Reportage mit denen des Romans, ohne von deren jeweiligen Möglichkeiten zehren zu können. So wird nie wirklich klar, ob Balci in Arabboy einen ihrer Meinung nach typischen Fall schildert, oder ob Rashid für sie als Protagonist etwas besonders ist (das klärt stattdessen wiederum das Vorwort, suboptimal).

Charakterlich weist Rashid kaum Alleinstellungsmerkmale auf, andererseits gibt es im Kiez kaum einen, der einen ähnlichen Weg geht wie Rashid. Der Leser erfährt von seinen Gedanken und Gefühlen, ohne jedoch im positiven wie im negativen eine Beziehung zu Rashid aufzubauen. Arabboy ist, darüber zu diskutieren sollte eigentlich müßig sein, kein guter Roman.

 

Trotzdem bleibt der Arabboy mehr als ein Befund, der von Charakteren mit verteilten Rollen gelesen wird. Vor allem ist er nicht das realpolitische Pamphlet, zu dem ihn Kritiker wie Verteidiger machen. Weit davon entfernt, autochthone Deutsche und „Integrationswillige“ Einwanderer gegen die Unintegrierbaren auszuspielen, unternimmt Arabboy zumindest den Versuch, ein Milieu innerhalb seiner gesellschaftlichen Konstitutionsbedingungen zu analysieren. Das führt zu Ergebnissen, die durchaus nicht xenophoben Ressentiments, aber eben auch nicht einer heile-Welt-Ideologie, die das Soll für das Ist setzt, das Wort reden. So lokalisiert zwar Balci den Hauptgrund dafür, dass Rashid nicht den Weg geht, den er ihrer Meinung nach von seinem Potential her hätte gehen können, nicht im „gesamtgesellschaftlichen Rassismus“, sondern eher darin, dass „sich mit den Deutschen gleich zu machen noch heute als „haram“, als Sünde gelte“. Doch wird Rashid nicht in erster Linie das Vorurteil der Eltern zum Verhängnis, noch schließen ihn politischer Radikalismus, oder seine Existenz jenseits des Strafgesetzes aus der Mehrheitsgesellschaft aus, sondern er scheidet aufgrund des Umfeldes in dem er Aufwächst, und in dem er nicht per se Spielball der Umstände ist, früh als Protagonist auf dem „weißen“ Markt aus. Stattdessen agiert Rashid als Vertrauter eines Zuhälters, und zum Verhängnis wird ihm zuerst der Drogenkonsum, der durchaus als Ausbruchsversuch aus der traurigen Realität seiner Existenz angesehen werden kann. Solange er seinem (bzw. dem liberalen) Credo „Fressen, bevor dich die anderen fressen“, folgt, schiebt Rashid eine verhältnismäßig ruhige Kugel. Als „Junkie“ dagegen ist er angreifbar, er hat die Grenzen dreier Regelsysteme übertreten, dessen seiner Eltern, der Organisation, für die er arbeitet, und des Staates, in dem er lebt. Regelsysteme die erst dann ineinander greifen (ohne dass sie einander anerkennen würden), da Rashid zum Unruhestifter, zum unberechenbaren Problem wird. Konkreter: Obwohl der Roman Isalmische und Islamistische Millieus hart ins Gericht nimmt, findet keine Monokausale Reduktion des Lebensweges des Protagonisten auf eben diesen (in Teilen seinen) Hintergrund statt. Zwischen Mehrheitsgesellschaft, Bande & am Rande der Religion ist Rashid beinahe der (Anti-) Held einer Postmodernen Tragödie.

 

Die Abschiebung „krimineller Ausländer“, die allenthalben wieder als die Paradelösung des „Integrationsproblems“ propagiert wird (durchaus und gerade auch von Menschen, die behaupten die Perspektive, die in Güber Balcis Roman vertreten wird, zu teilen), wird innerhalb der Erlebniswelt des Protagonisten folgerichtig zuletzt als verhängnisvoller Schritt ins endgültige Abseits nachgezeichnet, und das Schicksal Rashids wird besiegelt durch einen letzten Ausbruchsversuch, den er in Erinnerung daran unternimmt, dass er im Westen unter anderen Umständen Glück hätte finden können:

 

„Rashid war ganz stolz gewesen, weil es ihm gelungen war, das Boot zu bedienen … Kühle Meeresluft weht ihm ins Gesicht, er genießt den Fahrtwind und hat das Gefühl, unendlich frei zu sein … Rashid geht vom Gas und zündet sich eine Zigarette an“ (284f)

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Balci, Güner Yasemin: Arabboy. Fischer: Frankfurt a.M. 2008.

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