A Study in Pink – Sherlock Holmes heute

Vergangenen Sonntag Abend zeigte die ARD den ersten Teil einer dreiteiligen Krimifilmreihe um den sogenannten „Meisterdetektiv“1 Sherlock Holmes, produziert von der BBC im Jahre 2010. Die Handlung von „A Study in Pink“ orientiert sich sehr lose an „A Study in Scarlett“, spielt allerdings im modernen London. Sherlock Holmes ist ein junger, wahrscheinlich heroinsüchtiger Einzelgänger, dessen Denkoperationen den Mechanismen der polizeilichen Ermittlungsarbeit trotz aller technischer Fortschritte überlegen sind, seine Kombinationsgabe dürfen wir anhand von Texteinblendungen, die wichtige Hinweise auflisten, verfolgen, oder gar versuchen, Holmes in seinen Schlussfolgerungen zuvor zu kommen.  

Sherlock Holmes wird von der Polizei hinzugezogen, als eine Serie von scheinbaren Selbstmorden London erschüttert, schnell wird klar, dass es sich um besonders geschickt durchgeführte Morde handelt. Über ein verlorenes Mobiltelefon kommt Holmes bald dem Täter auf die Spur: Einem älteren Herrn, der seine Opfer mittels eines Rätsels zum Selbstmord verführt.

Früh lernt Holmes den Afghanistan- oder Irakkriegsveteranen Watson kennen, der auf den Detektiv aufgrund dessen Website aufmerksam wird (Holmes ist ein Private Consultant Detective, „Der Einzige auf der Welt, in einem Beruf, den ich erfunden habe“).

Watson fühlt sich von der isolierten, dem Rätselhaften verfallenen Existenz Holmes angezogen, verspricht sie ihm doch zu geben, wessen er entbehrt seit er verwundet aus dem Krieg zurückkehrte. Nur unter Hochspannung humpelt und zittert Watson nicht.

Holmes Engagement in diesem wie in jedem Fall wird von vielen Polizisten, erfährt Watson, durchweg abgelehnt. Er sei ein Psychopath („ein Soziopath“, wird Holmes später präzisieren), es sei nur eine Frage der Zeit, bis Holmes sich langweile, und man eine Leiche da liegen habe, für die Holmes verantwortlich sei (und deren dann wahrscheinlich höchst rätselhaften Tod niemand entschlüsseln könne).

Holmes ermittelt auf eigene Faust und enthält der Polizei Beweise vor. Er verachtet das, und belustigt sich am Denken der „Normalen“, und soll schließlich durch eine fingierte Drogenrazzia (von der er wohl einiges zu befürchten hätte), auf Linie gebracht werden. Doch der Mörder selbst sucht ihn in diesem Moment (das Haus noch voller Polizisten) auf, und stellt Holmes vor die Wahl: Die Bullen rufen, und den „Fall“ zu einem befriedigenden Ende bringen, oder mitkommen, das Spiel des Mörders spielen, und das „Wie?“,  erfahren, hinter dem sich, so will es uns vorkommen, die Wahrheit über das Verbrechen verbirgt. 

Natürlich geht Holmes mit.

Nur unter ausdrücklicher Bezugnahme auf die Figur des Sherlock Holmes lässt sich heute solch eine klassische Detektivgeschichte erzählen. Sie endet nicht mit der Aburteilung, wahlweise der Dingfestmachung des Verbrechers  (bei „Criminal Intent“ werden Verbrecher gar postmodern totgequatscht), sondern sie geht auf den Grund des Verbrechens, ohne in psychologisch begründeten Relativismus zu verfallen. Erfolgreich ist der Analytiker als Detektiv, nicht der Sammler.

Notwendig dabei allerdings ist, radikaler als der Sherlock Holmes Conan Doyles, Holmes 2010 kein akzeptiertes, obschon antiquiertes Mitglied der Gesellschaft mehr, sondern neuer Mensch (gefühlskalt, berechnend), ebenso sehr wie Verkörperung des Asozialen. Sein analytischer Verstand drängt auf Erkenntnis, nicht auf Ordnung (bzw. scheißt auf Ordnung), die Erkenntnis macht nicht Halt vor denen, die auf Seiten der Ordnung stehen (so deduziert er aus wenigen Hinweisen eine Affäre zweier Polizeimitarbeiter). Wahrheit kennt kein Vaterland, Holmes Intellekt, bei weitem nicht jener praktische, mit denen die IQ Tests in der Yellow Press uns unserer Wertigkeit für den Standort versichern, ist verdächtig, ja: gefährlich. Folgerichtig wird, was bei Doyles Holmes schrullige Akzidenzien sind, die Opiumsucht, seine der Gesellschaft enthobene Aristokratie, beim neuen Holmes zu dessen Essenz, bis zur Ununterscheidbarkeit verwoben mit dessen Motivationen und Zielen.

Die analytische Vernunft eines Auguste Dupin speiste sich aus einem Überschuss bürgerlicher Ratio, der in der Pragmatik des sich konsolidierenden Kapitalismus nicht aufgehen konnte. Sherlock Holmes verkörperte im Angesicht der großen Krisen des Fin des Siècle eine als aristokratisch zu benennende Distanziertheit, die die besten Seiten der bürgerlichen Vernunft konservierte, wo dieses tätig an ihrer Abschaffung werkelte (dass das nicht zufällig ist, und das „so“ des Früher nicht vom „Ist“ des Jetzt im Sinne eines „Früher war alles Besser zu scheiden ist, wurde u.a. hier erklärt): 

Heute ist das Beharren auf Wahrheit, auf kritischer Analyse (was stets mehr ist als das Akkumulieren von Daten, oder die pseudoskeptische Ablehnung anerkannter Fakten), nur im Wahn noch akzeptabel aufgehoben. House, Monk, der Sherlock Holmes der BBC: sie sind nicht zufällig Soziopathen, Obsessive-Compulsive gestörte, oder: wieder Soziopathen. Sie stellen ein Ideal vor, das, obschon es die Gegebenheiten anerkennt, im Bestreben, Wahrheit zu erlangen, und nicht einfach Erfahrung anzusammeln, über die Gegebenheiten hinausweist, und das, obschon nötig, nie normal sein darf.

Holmes sucht die Wahrheit im Verbrechen, und das ist kein Zufall. [Link]. Dass er sie nicht findet, ist kein Zufall. Kein Zufall auch, dass die Dramaturgie zuletz von Watson Verlangt, Holmes rechtzeitig und harsch in die Pragmatik der gesellschaftlichen Ordnung zurückzureißen.

II

Die verschiedenen Serien und Filme, die sich noch auf Sherlock Holmes berufen, sind die Kehrseite des modernen Krimis, sie sind dessen Teil, und doch ihm enthoben, die kranken Sherlocks zielen aufs Wahre, das so zum Falschen wird, die Normalen, die Gesunden, akkumulieren Erfahrung, aus der wenig folgt als die nächste Folge.

Genaues Beobachten, das kluge Kombinieren und Sortieren von Beweisen, Vorstellungskraft, scheinen im modernen Krimi meist zu überflüssigen „Skills“ verkommen. In Zeiten, in denen Analysemethoden und Rechenprozesse wie in CSI, in NCIS, oder Bones mit der Zeit aus einem unendlich großen Datensatz zwangsläufig das richtige Täterprofil herausarbeiten, wird das originelle Denken von Akribie, Fleiß, und Hartnäckigkeit überlagert. Die harten Arbeiter der ‚Special Victims Units‘ ersetzen das überflüssige Genie des einsamen Detektivs. Nicht gilt mehr, was Edgar Allan Poes Dupin als Definition des detektivischen Arbeitens und der sich selbst reflektierenden Vernunft gleichermaßen ausgibt:

It will be found, in fact, that the ingenious are always fanciful, and the truly imaginative never otherwise than analytic”“.

Die Gefahr, dass der Datensatz, die Mannigfaltigkeit der Realität, die Wahrheit verstellt, ist tendenziell gebannt, zumindest im Rahmen der Kulturindustriellen Projektionen. Auch in den feuchten Träumen der Realpolitiker wird längst diese Möglichkeit antizipiert: weiß man erst genug über die Welt, stellt sich Erkenntnis schon automatisch ein:

Die krude Behauptung wider alle Realität, Vorratsdatenspeicherung könne weitere Anschläge wie den in Oslo in Zukunft verhindern (dabei gibt es in Norwegen die Vorratsdatenspeicherung schon), kündet davon im politischen Rahmen, wie eine jede Folge CSI & Co im Privaten, in der eine zufällige Aneinanderreihung von Ereignissen letztlich zum Computergenerierten (Entschuldigung, deduzierten) Täter führt. Ist erst die ganze Welt in wissenschaftlicher Beschreibung verdoppelt, so geht der „Mythos dessen was Ist“, wären Menschheit und Welt ausgesöhnt. Verbrechen würde ein Ding der Unmöglichkeit, Naturkatastrophen könnte adäquat begegnet werden, der vereinzelte Einzelne wäre der Unsicherheit der Vereinzelung nicht mehr ausgeliefert, das Böse, Resultat mangelnder Vorhersagbarkeit, verschwände.

Dieses Bild falscher Versöhnung ist so lächerlich, dass es kaum noch ein Apologet des Bestehenden ernsthaft postulieren würde, sein Vorschein: Verbrechensbekämpfung durch Datenspeicherung, Beendigung des Welthungers dank grüner Gentechnik, Minderung des Leides durch die Verbreitung des Atheismus, ist allgegenwärtig.

Der dialektische Überschuss, für den die Ermittlungsmethoden des Dupin, wie, mit Einschränkungen, die des Sherlock Holmes in der Sphäre der Verbrechensbekämpfung noch stehen, wird abgespalten. Einzig unter dem ausdrücklichen Rückgriff auf die Figur des Sherlock Holmes hat er überhaupt noch eine Daseinsberechtigung, einzig im Krankhaften wird er noch verständlich. Und wird so, den Überschuss bis auf letzte Zuckungen einbüßend im Historischen, im Anormalen gebannt.

(er ist nicht verschwunden, stets aufzufinden, wo das Anormale nicht als das Falsche abqualifiziert wird; und die Existenz des Verbrechens, die Notwendigkeit, es stets aufs neue zu exorzieren, und ihm doch nicht beikommen zu können, enthüllt das Erpressende dieser Versöhnung)

III

Solche Filme wie der vom letzten Sonntag sind spannender, „besser“, als die kollektivistischen Feierabendserien, einfach, weil das Subjekt in ihnen noch vorkommt (wenn auch als Krankhaftes). Sie dienen dennoch nur der kulturellen Distinktion von jenen, die sich in CSI u.Ä. mit dem technisierten Mob identifizieren, wenn die wechselseitige Beziehung „krankes Genie“ – „Gesunde Arbeiter“ (denn als White-Collar Proletarier werden die modernen Ermittler uns vorgestellt) nicht begriffen wird. (zur generellen Problematik des Krimis, und seinem Potential im Bürgerlichen Rahmen, siehe:

[https://sonntagsgesellschaft.files.wordpress.com/2009/08/aufsatzdt2.pdf])

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1 Eine bezeichnende „Verberuflichung“ des reinen Denkens im Angesicht schlechter Realität, das der Detektiv einmal verkörperte. So aber geläufig.

2 thoughts on “A Study in Pink – Sherlock Holmes heute

  1. Ich habe den Film auch gesehen, wenn auch nicht ganz bis zum Ende.
    Die Ausführungen zu den technokratischen Ermittlern und ihren Gegenspielern, den soziopathischen Genies sind interessant. Der Film selbst hat mir nicht wirklich gefallen. Das war für meinen Geschmack viel zu unglaubwürdig. Das Faszinierende an einem Monk oder Dr. House ist ja, dass man sich durchaus vorstellen kann, dass es solche Typen gibt. Der reanimierte Sherlock Holmes und sein Dr. Watson haben auf mich gewirkt wie Zitat-Zombies.

  2. Unglaubwürdig sicherlich, aber das würde ich gerade als Zugeständnis daran auffassen, dass eine solch rationalistische Detektivgeschichte „glaubwürdig“ nicht mehr erzählt werden kann. Wo Vernunft im aufklärerischen Sinne noch sein soll (und deren Repräsentant war der Detektiv in den Hochzeiten des Bürgertums, die Gewalt war mit der Vernunft, so matrialistisch ist der frühe Detektivroman, verschränkt gedacht), muss heute eben auch Sherlock Holmes sein, damit das Ganze nicht total lächerlich wirkt. Künstlich, aber eben bewusst künstlich. Der Film zielt nicht daruaf, Identität herzustellen, glaubwürdig zu sein in dem Sinne, als dass der Zuschauer sagen kann: „Ja. So ist die Welt eben“. Der Glaube daran, dass sich in den Kulturindustriellen Produkten die Welt spiegle (das meint für mich heute Glaubwürdigkeit, Stichwort: „Nach einer wahren Geschichte“), ohne dass die Vermittlung reflektiert werden muss, das bedeutet für mich heute Glaubwürdigkeit, und das ist dann nicht notwendig was gutes. Rechtgeben muss ich Ihnen wenn Sie schreiben:
    „Der reanimierte Sherlock Holmes und sein Dr. Watson haben auf mich gewirkt wie Zitat-Zombies.“
    Ich habe im neuen Holmes aber vor allem House zitiert, bzw. zu seinem Holmesschen Ursprung zurück geführt gesehen. Weder Monk noch House halte ich für Charaktäre, die so annähernd wirklich existieren könnten (gerade House als Arzt noch weniger denn Holmes als Freelance Detective), lassen sie doch beide die Softskills vermissen ohne die auch das Genie heute seinen Platz im Team nie erlangen wird. Allen dreien geht das Interesse an Wahrheit (wenn auch im beschränkten Rahmen des geltenden Gesetzes) über Kommunikation und Ausgleich. Was den BBC Holmes da besonders Zitate-Zombiehaft erscheinen lässt ist vielleicht auch seine späte Geburt (er wirkt mir wie auf House gemodelt, und kann das nicht abschütteln). Aber auch House ist nur originell, weil der rationalistische/soziopathische Detektiv auf ein anderes Feld verfrachtet wurde, als Mediziner.
    Zusammenfassend: Ich fand es gerade bemerkenswert, dass die Künstlichkeit des ungebundenen Rationalisten in Holmes offensiv thematisiert wurde, allerdings trägt das Konzept nicht lang, wie der schwache zweite Film beweist. Im dritten Film, hat man mir geflüstert (ich habe ihn noch nicht gesehen), wir angeblich das Holmsesche Genie auf seine eigene, gesellschaftlich-zweckrationale Beschränktheit zurückgeführt…

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