Die Übersetzung als Kunstwerk

Verschiedenes zum Tod von Elke Wehr.

Vor wenigen Wochen jährte sich der Tod einer bedeutenden deutschsprachigen Literatin zum fünften Mal. Elke Wehr starb am 27. Juni 2008, von mir ebenso unbemerkt wie von der breiteren Öffentlichkeit.

Elke wer? Genau.

Elke Wehr war Übersetzerin, und der Stellenwert der Übersetzung als produktive Leistung ist in der Wahrnehmung von Literatur marginal. Dabei macht eine gute Übersetzung wie kaum eine andere Arbeit Kunst auf die Prinzipien ihrer Produktion hin durchsichtig. Die Geschichtlichkeit des Kunstwerks, der Stil im Verhältnis zu seinem Gegenstand, das individuelle Moment, nur einem bestimmten Autoren eigen, all diese Dinge, die dem originären Künstler im Schaffensprozess nicht zwingend bewusst sein müssen, hat die Übersetzung nachzuvollziehen. Eine gute Übersetzung ist dann mit Recht selbst als Kunstwerk zu betrachten, und gleichzeitig ist sie praktische Kunstkritik.

Doch über die Schwierigkeiten der Übersetzung, über deren Verhältnis zum Original, über die Bedeutung der Übersetzung für die nach Goethe so genannte „Weltliteratur“ möchte man im Allgemeinen nicht nachdenken. Das zerstörte den Fetisch, nachdem Kunst authentisch, spontan, sei. Einen interessanten Beitrag zu den theoretischen und praktischen Problemen der Literaturübersetzung findet sich hier, mit Bezug auf eine Kontroverse um zwei Übersetzungen von Herman Melvilles monströsen Roman „Moby Dick“.

Mit Vargas Llosa wurde Elke Wehr zur deutschen Stimme eines Literaten, dessen Werke kaum schwerer zu übersetzen sein dürften als die Melvilles. Llosa ist im spanischsprachigen Raum heute vielleicht der Autor, der sein Werk am akribischesten plant. Gleichzeitig sind mir mit Ausnahme Rushdies und Pynchons keine weiteren Romanciers bekannt, die die chaotische Welt der globalisierten Gesellschaft mit einer ähnlichen Radikalität zu ihrem Recht kommen lassen, so die gesellschaftlichen Widersprüche der Zeit entfaltend. Eine kompromisslose Textstruktur wie die Llosas, in der die Welt in ihrer Gänze sich noch in kleinsten Verzweigungen Sprache begriffen wieder findet, muss den Übersetzer vor beinahe unüberwindbare Schwierigkeiten stellen. Schwer genug ist es allerdings schon dem deutschen Leser überhaupt moderne Literatur nahe zubringen, mindestens 80 Jahre Urdeutsche Lesegewohnheit stehen dem im Weg.

Erst Elke Wehr hat nach einigen schwerfälligeren Übersetzungen von Luchting eine Form des Ausdrucks gefunden, die Llosa für deutsche Muttersprachler ohne größere formale Verluste lesbar macht. Ihre Übersetzung von El Hablador (hier ein Beitrag von mir zu diesem Text) hat mich überhaupt erst dazu gebracht, über den europäischen Tellerrand auf die Literatur anderer Weltgegenden zu blicken, und hat mir so gewisser Weise nicht nur den lateinamerikanischen Modernismo, sondern später auch viele große Schriftsteller nur beispielsweise Indiens, zahlreicher afrikanischer Staaten, Irans, usw. erschlossen.

Elke Wehr also… den Namen werden die wenigsten sich merken. Ihr Werk wird im besten Fall das der Bölls, Grasses und Walserer lang überdauern.

One thought on “Die Übersetzung als Kunstwerk

  1. Pingback: Hundert Jahre Einsamkeit | SonntagsGesellschaft

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s