Das Verdrängte in der Sitcom

Alf, Kramer und weitere Außerirdische…

In der deutschen Wikipedia gibt es auf der Diskussionsseite einen Vorschlag für eine tiefenpsychologische Deutung von ALF. Es handele sich bei ALF

„[U]m die reale Manifestation der verleugneten Anteile von Willie Tanners Psyche. Der offensichtlich zwanghaft ordentliche und sittsame Willie wird durch die Aktivitäten des triebhaften und lustorientierten ALF herausgefordert und verwendet große Mengen Energie darauf, die Kapriolen des gewitzten Außerirdischen einzudämmen. Bei ALFs Hang zur Völlerei, seinem Appetit auf Katzen, seinem Hang zum hemmunglosen Konsum, sein auffälliges Kein-Blatt-vor-den-Mund-nehmen, bei alldem handelt es sich um heimliche Wünsche Willie Tanners, der davon träumt, den alltäglichen Zwängen des Lebens entfliehen zu können“.

Die Wikipedianer weisen das zurück, einerseits natürlich mit dem Hinweis auf Theoriefindung, andererseits auf der Basis von innerfiktionale Fakten, wie denen, dass auch ohne Willie die Familie mit Alf interagiere, oder dass auch Rachel Ochmonek den Außerirdischen sehe. Im strengen Sinne haben sie damit Recht, verfehlen aber den Gegenstand des Werks.

Denn geht es in der Kunst um die psychologische Verfasstheit menschlicher Subjekte, darf nicht allein die Psychologie der Protagonisten des Werkes herangezogen werden. Stattdessen wäre mindestens Alf, wie etwa Siegmund Freud den Ulysses liest, als Ausfluss einer menschlichen Psyche, des Autors zu lesen. Oder, um dem Kunstwerk als Kunstwerk gerecht zu werden, als übergeordnete Metapher für die Verfasstheit des Individuums in seiner Welt. Für diese steht sicherlich exemplarisch das Leben der sympathischen Spießerfamilie Tanner.

(Details wie jene, dass Alf regelmäßig das sexuelle Interesse Willies an seiner Frau deutlicher ausspricht als dieser das könnte, dass er des Weiteren die unverkrampfte Beziehung zum Sohn pflegt, die Wiellie ich auch gerne hätte, und zuletzt auch, dass in Alf das körperliche Interesse an der pubertierenden Tochter explizit wird, das auch bei Willie manchmal implizit anklingt, weisen aber darauf hin das Willie tatsächlich die dominierende Psyche bei dieser Interpretation zu sein hätte)

All das muss nicht bis ins Detail ausgearbeitet werden.

Interessanter ist, dass die Figur des Alf in den Sphären der Sitcoms keineswegs singulär ist. Charaktere deren Es nur in sehr geringem Maße der gesellschaftlich anerzogenen Impulskontrolle unterworfen sind, sind in unterschiedlicher Intensität vielmehr die Regel. Heraus sticht dabei Kramer, der chaotisch-anarchische Nachbar von Jerry Seinfeld in Seinfeld. In vielem ist er wie Alf. Er spricht aus was immer ihm in den Kopf kommt, oft genug was die anderen sagen wollen, sich aber nicht zu sagen trauen. Er steht der Welt naiv wohlwollend gegenüber, ist allerdings auch immer auf den eigenen Vorteil bedacht. Er agiert also niemals böswillig, ist sich aber auch selten einer Schuld bewusst.

In gewisser Weise ist er ein Alien. In der Folge The Apartment sagt Jerry zu ihm: „You see, you’re not normal. You’re a great guy, I love you, but you’re a pod. I, on the other hand, am a human being. I sometimes feel awkward, uncomfortable, even inhibited in certain situations with the other human beings. You wouldn’t understand.“. Doch das stellt Kramer nicht außerhalb der Gesellschaft: „Well, occasionally I like to help the humans“.

Kramer ist nicht einfach ein triebgesteuertes Wesen, sondern vielmehr, bei genauerem Hinsehen, konsequenter sozial – im Sinne von auf gesellschaftliche Konventionen verpflichtet – als die anderen Protagonisten der Show. Verträge, auch mündliche, sind ihm heilig. Kramer nimmt alles wörtlich.

(ab 4.55)

Insofern scheint in Kramer das Ideal eines wahrhaft gleichen Tausches auf, wie es als Versöhnendes hinter dem Kapitalismus vorgestellt wird.

Unaufrichtigkeit und das geschickte Manövrieren vorbei an den Erwartungen der Gesellschaft, wie sie das Leben von George, Jerry und Elaine ständig verkomplizieren, sind ihm fremd. Er bricht ohne darüber nachzudenken was ihm absurd erscheint aus tiefliegender Überzeugung.

Kramer fährt gar nicht so schlecht damit. Eine erzählerische Idealisierung, womöglich auf utopisches verweisend?

(von Kramer aus rückblickend erscheint auch Alf in einem anderen Licht. Er ist nicht einfach rücksichtslos, hat mit Kramer das Wörtlich-nehmen von Versprechen gemeinsam, sein das Es umarmende Verhalten artikuliert mittelbar durchaus den Wunsch nach einer Befriedigung grundlegender – und abseitiger – menschlicher Bedürfnisse, die die Gesellschaft zu befriedigen verspricht, und deren Befriedigung sie gleichzeitig verstellt)

„To live and let live“, dieser schon in der Genese nur dem Kampf aller gegen Alle entsprungene Traum des liberalen Idealismus ist in Alf und Kramer aufgehoben.

Charaktere wie diese beiden sind im modernen Sitcoms Legion. Abgeschwächt, aber immer noch deutlich, folgen etwa Joey Tribiani in Friends, Martin Crane in Frasier, und auch Hugo-Egon Balder in Pastewka ihrem Muster. In Abwandlung der eingangs zitierten These aus Wikipedia müssten sie nicht als Abspaltung der Wünsche einzelner Charaktere verstanden werden, sondern als das Überschießendes des gesellschaftlich Unbewussten, als der Versuch die Hypothek auf das kapitalistische Glücksversprechen vorab einzulösen. Sie erscheinen uns komisch, weil sie das Glück das wir uns verwehren offen anstreben. Sie reden und schreiben und theoretisieren nicht, sondern tun… was kaum getan werden kann.

Die Fremdheit dieser „Aliens“ (ob Außerirdischer, Chaot, Italo-Amerikaner, oder alter Mann) ist in der Tiefe die Grundlage des Witzes.

Dass sie alle  in sexueller Hinsicht „mehr vom Leben“ haben, ist gar nicht so weit hergeholt. Es ist nicht ganz selten dass wir gerade im Persönlichen Chancen verpassen, weil wir uns Ideale ausmalen, die in dieser Welt nicht zu verwirklichen sind. Wer intuitiv  die Kommende in sich trägt – und zugegeben, das ist selten der Fall bei Menschen, die nicht erfunden wurden – hat wo möglich tatsächlich mehr vom Jetzt.

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2 thoughts on “Das Verdrängte in der Sitcom

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