Das Lager in der Gesellschaft II

Überlegungen zu “Ein Tag im Leben des Iwan Denisowitsch” von Alexander Solshenizyn

Der folgende Text entstand im wesentlichen als Hausarbeit, ich bitte daher die ein oder andere den akademischen Anforderungen geschuldete Weitschweifigkeit zu entschuldigen. Auch wurde offenkundig einigen Zitaten Gewalt angetan, sie stehen nicht aus innerer Notwendigkeit im Text, sondern weil der Betrieb Studenten keine eigenen Gedanken zutraut, so sie nicht durch die Gedanken von Autoritäten abgesichert werden. Zuletzt ist der Originaltext auf Russisch zitiert, ich denke man versteht mich aber auch, ohne dass ich diese Zitate austauschen, es wäre mir gerade einfach viel zu viel Arbeit. Aufgrund der Textmenge veröffentliche ich die Arbeit wieder in zwei Teilen. (Teil I)

4.1 Rasende Zeit – Momente der Ruhe?

„Der Prozess philosophischer Objektivierung1“, formuliert Adorno in der Negativen Dialektik, „wäre, metaphorisch gesprochen, vertikal, innerzeitlich, gegenüber dem horizontalen, abstrakt quantifizierenden der Wissenschaft; soviel ist wahr an Bergsons Metaphysik der Zeit“23. Šuchov erfährt im „день Ивана“ Zeit auf mindestens zweierlei, radikal verschiedene Weise: „Диво дивное: вот время за работой идёт! … a срок сам — ничуть не идёт, не убавляется его вовсе divo“4. Einem subjektiven Empfinden von Zeitlosigkeit tritt das verfliegen der Zeit im durchstrukturierten Tagesablauf gegenüber. Dabei ist aber die „objektive“ Zeit nicht wie in der bürgerlichen Gesellschaft abstrakt vermittelt, sondern wird unmittelbar gesetzt: „Die zeki wissen die genaue Uhrzeit nicht, sie dürfen keine Uhren haben, um die Zeit zu erraten müssen sie sich auf andere Indikatoren verlassen“5. Diese äußeren Indikatoren setzt die Verfasstheit des Lagers, und das so absolut, dass selbst die Natur als zwingender Indikator außer Recht gesetzt wird: Всем дедам известно: всего выше солнце в обед стоит…. [a] с тех пор декрет был, и солнце выше всего в час стоит“6. Zeit als äußerliches wird also erlebbar durch Arbeit und Zwang, entsprechend konzentrieren „die Stellen, die von Rasendem Zeitablauf gekennzeichnet sind … sich auf unmittelbare Aktionen“. Gekennzeichnet sind sie „durch knappe … Syntax“7, sowie tendenziel durch die oben beschriebene innerliche – kollektive Perspektive:

Шухов и другие каменщики перестали чувствовать мороз.  От быстрой захватчивой работы прошёл по ним сперва первый жарок — тот жарок, от которого под бушлатом, под телогрейкой, под верхней и нижней рубахами мокреет.  Но они ни на миг не останавливались и гнали кладку дальше и дальше.  И часом спустя пробил их второй жарок — тот, от которого пот высыхает.  В ноги их мороз не брал, это главное, а остальное ничто, ни ветерок лёгкий, потягивающий — не могли их мыслей отвлечь от кладки.8

Dem gegenüber stehen „Episoden langsameren Zeitablaufs“, die „vom Einblenden von Berichten, Erinnerungen und zusätzliche Information gekennzeichnet [werden], (wobei die Syntax hier vollständige grammatische Konstruktionen aufweist)“9. Jene Information ist nach Dunn „thematisch signifikant“, denn sie sprenge „die engeren äußeren Zeitgrenzen des OD und stellt den Lagertag in einer Gesamtsituation dar“10. In „Moment[en] der Ruhe“11, scheint also eine Reflexion auf das Lager als ganzes möglich, dem Leser eröffnet sich mit Šuchov, dass „der Tag mit seinen Problemen keine Einzel- oder Zufallserscheinung ist, sondern ein integraler Teil einer Problematik, die allgemein signifikant ist“12. Es hieße aber die Situation des Häftlings verkennen, zu schließen dass aus dem Erkennen allein schon eine inhärente Kritik der Verhältnisse erwächst. Reflexion in diesem Sinne sprengt die Grenze des Lagers, und sprengt sie doch nicht; so wie Rückgriffe und Vorgriffe die Grenzen der erzählten Zeit in Wahrheit ausweiten und nicht sprengen. So denkt Šuchov an die Welt außerhalb, an Vergangenheit, an mögliche Zukunft: „Да чего в письме напишешь?“13 Alles, was für ihn relevant sein könnte, unterliegt ja der Geheimhaltungspflicht: „Не напишешь, в какой бригаде работаешь … [c]ейчас с Кильдигсом, латышом, больше об чём говорить, чем с домашними “14. Die Einsicht, zuerst Häftling zu sein, „denen“ nichts zu sagen zu haben, leitet über zur Frage, was denn jene eigentlich mitzuteilen hätten: „Да и они два раза в год напишут — жизни их не поймёшь Председатель колхоза де новый — так он каждый год новый, их больше года не держат“15. Lager und Außenwelt rücken in Šuchovs Denken immer näher zusammen, eine Entwicklung, die Gerhard Armanski als bezeichnend für die Wahrnehmung in der UDSSR unter Stalin bezeichnet: „Der umfangreiche und beständige Personelle Austausch zwischen der >>großen<< und der >>kleinen<< Zone machte es anscheinend zur Frage von Zeit und Zufall, welcher man anheimfallen würde…“16. Über Haft und Freiheit sinnierend stellt Šuchov dann auch resigniert fest: „По лагерям да по тюрьмам отвык Иван Денисович раскладывать, что завтра, что через год да чем семью кормить. Обо всём за него начальство думает — оно будто и легче“17, während es gerade das geringe Maß an möglicher Freiheit draußen (symbolisiert durch den Schwarzhandel mit Teppichen) ist, dass Šuchov Angst macht: „И от своих деревенских отставать вроде обидно… Но, по душе, не хотел бы Иван Денисович за те ковры браться“18. Auffallend ist, dass solche von Dunn identifizierten Momente der „Reflexion und Erinnerung“19, meist mit einem äußerst rigiden sichtbar Werden der räumlichen Beschränktheit des Lagers zusammenfallen, so geht etwa der oben nachgezeichnete Gedankengang direkt aus einer sich ins trostlose steigernden Visualisierung der physischen Bedingungen, die den Häftlingen schon jeden Gedanken an Flucht unmöglich machen müssen, hervor:

Колонна прошла мимо деревообделочного, построенного зэками, мимо жилого квартала (собирали бараки тоже зэки, а живут вольные), мимо клуба нового (тоже зэки всё, от фундамента до стенной росписи, а кино вольные смотрят), и вышла колонна в степь, прямо против ветра и против краснеющего восхода. Голый белый снег лежал до края, направо и налево, и деревца во всей степи не было ни одного.20

Zeit erscheint gebunden an Raum und Tätigkeit, Freiheit kaum noch als „Einsicht in die Notwendigkeit“21, sondern bestenfalls noch als der Wille zu leben, wo Notwenigkeit nicht mehr evident wird. Strukturierte auf diese Freiheit, wie sie in den von Dunn als rahmensprengend bezeichneten Passagen versucht wird, führen dann in einen Teufelskreis, in dem Erkenntnis Trost und Sinnlosigkeit des Lebens im Lager erst in ihrer ganzen Brutalität erfahrbar machen, weshalb Reflexion am besten vermieden wird: „Двадцать пять ты свои не считай. Двадцать пять сидеть ли, нет ли, это ещё вилами по воде.“22.

4.2 „Чтоб думка была на одной еде“ – Selbstbeherrschung und „innere Natur“.

Und doch gibt es Momente, in denen Šuchov im empathischen Sinne von Leben zu sprechen wagt: „Не считая сна, лагерник живёт для себя только утром десять минут за завтраком, да за обедом пять, да пять за ужином“23. Der Häftling, behauptet Šuchov, lebt beim Essen. Abgesetzt von allen anderen Erfahrungen der Gefangenschaft nimmt so die Nahrungsaufnahme im „день Ивана“ eine entscheidende Rolle ein. Vielleicht auch, weil die Erkenntnis banal erscheint, wird sie in der Forschungsliteratur selten berührt. Lukács verweist in seiner Beschäftigung mit Solženicyns immerhin auf die Bedeutung, die „[the] impressive and accurate discription of eating, sleeping, physical toil“24, in den Epen Homers gehabt habe. Dies wäre, gerade auch vor dem Hintergrund von Lukács Hinweis darauf, dass das Lager bei Solženicyn selbst mit naturhaften Qualitäten ausgestattet sei, auf eine Beurteilung des „день Ивана“ zu übertragen. Nach der Lesart der Odyssee, die Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in der Dialektik der Aufklärung entwickeln, stellt sich menschliche soziale Entwicklungsgeschichte als ein dialektischer Prozess zwischen Naturbeherrschung, identifikatorischem Denken einerseits, und Naturverhaftung, dem nie ganz zu überwindenden Ausgeliefert sein an die Verhältnisse dar. Die Irrfahrt des Odysseus selbst spiegelt diesen Prozess wieder, mit den Mitteln einer praktischen Vernunft erhebt jener sich über das Natürliche, das im Mythischen bereits auf einer niedrigeren Stufe aufklärerischen Denkens auf eine geschichtliche Kohärenz gebracht wurde, und formt sich zu einer Art protobürgerlichen Individuums: „Die Irrfahrt von Troja nach Ithaka ist der Weg des leibhaft gegenüber der Naturgewalt unendlich schwachen und im Selbstbewusstsein erst sich bildenden Selbst“25. Auch Šuchov setzt sich im Lager, wie weiter oben nachgewiesen wurde, direkt mit naturhaften Zwängen auseinander, um sein Überleben zu organisieren. Allerdings sind die Zwänge, denen der Häftling ausgeliefert ist, zuletzt gesellschaftlich, auch wenn sie als natürliche erscheinen. Wenn nun also Schlafen, Arbeit, Essen, im „den Iwana“ eine Zentrale Rolle spielen, so nicht mehr im Sinne eines direkten Kampfes mit den Naturgewalten, sondern als bereits gesellschaftlich vermitteltes. Es wurde bereits festgestellt, das Arbeit, Produktivität in diesem Zusammenhang zur rein integrativen Tätigkeit verkommt, Schaffen und Denken werden auf den Zweck des Lagers fixiert, selbst in der sprachlichen Manifestation des Denkens wird der Rhythmus des Lagers aufgenommen. Mit dem Essen dagegen gestaltet sich das Verhältnis komplexer: „Eсть надо — чтоб думка была на одной еде … от как сейчас эти кусочки малые откусываешь, и языком их мнёшь, и щеками подсасываешь — и такой тебе духовитый этой хлеб чёрный сырой“26

Objektiv bleibt dabei natürlich auch die Nahrungsaufnahme der strukturellen Gewalt des Lagers unterworfen: „С Фетюкова станет, что он, миску стережа, из неё картошку выловил…“27, erkennt Šuchov etwa zur Vermittlung von Konkurrenz unter Gefangenen über Nahrungsmittel. Und, ausführlicher:

И хоть спину тут в работе переломи, хоть животом ляжь — из земли еды не выколотишь, больше чем начальничек тебе выпишет, не получишь. А и того не получишь за поварами, да за шестёрками, да за придурками. И здесь воруют … Кто кого сможет, тот того и гложет“.28

Nahrung ist objektiv Machtmittel der Lagerverwaltung, sowie zusätzlich Tauschmittel der Häftlinge untereinander. Über das Essen verfügen bedeutet, über Macht verfügen: „Цезарь богатый, два раза в месяц посылки, всем сунул, кому надо, — и придурком работает в конторе, помощником нормировщика.“29. Im Gegensatz zu „physical toil…“ aber, und zu „sleeping…“, zu denen sich der Gefangene nur zynisch verhalten kann „Волочи день до вечера, а ночь наша…“30, bleibt für „eating…“ ein Spielraum, der es dem Häftling ermöglicht im erfahren der eigenen Körperlichkeit ein Verhältnis zu sich selbst zu entwickeln, das nicht im allgemeinen Zweck des Lagers aufgeht. Nahrungsaufnahme ist Šuchov, wie er über der Brotration reflektiert, mehr als nur eine Manifestation des durchstrukturierten Alltags. Essen ist konkrete Erfahrung, ist Meditation auf den Akt des Essens so sehr wie Notwendigkeit um im Lager bestehen zu können. Šuchov muss essen, um seinen Zweck als Häftling zu erfüllen, jedoch isst er, um für sich selbst zu leben. Über das Essen wird dann Genuss unmittelbar erfahren, und eine subjektiv zeitlich losgelöste Sphäre des Erlebens konstruiert, in der das chaotische der inneren Natur, der Psyche, gleichsam auch sprachlich deutlich hervor bricht „Сперва жижицу одну прямо пил, пил. Как горячее пошло, разлилось по его телу — аж нутро его всё трепыхается навстречу баланде. Хор-рошо!“31. Gleichzeitig wird im Erfahren der eigenen Körperlichkeit auf jene reflektiert, und so eine Kontrollinstanz über das Selbst aufgebaut, die mit den Kontrollmechanismen des Lagers nicht in eins fällt.

So weigert etwa noch unter den Bedingungen des Lagers, dessen Logik des Überlebens ihn eigentlich jede Nahrung schätzen lassen sollte, Šuchov sich standhaft, Fischaugen zu essen, obwohl die anderen ihn deshalb auslachen. Vor allem aber „..не мог он себя допустить есть в шапке “32. Das Abnehmen der Mütze wird zum Symbol des allgemein menschlichen, es ist ein Überbleibsel unpraktischen, zivilisatorischen Anstandsdenkens, welches Šuchov als Akt der Selbstkontrolle gegen den Zwang des Lagers wendet. Auch andere Häftlinge haben solche Rituale, sofern sie sich, wie „…cтарик высокий Ю-81…“33 noch ein Stück Menschlichkeit bewahrt haben: „[он] не уходил головой в миску, как все, а высоко носил ложки ко рту“34. Nicht allein dass man isst, sondern wie man isst wird so zum Gradmesser von Menschlichkeit, welche sich gegen die Macht behauptet: „Он через плечо отдал миску сборщику и продолжал минуту сидеть со снятой шапкой. Хоть закосил миски Шухов, а хозяин им — помбригадир35. Wo das Selbst des Odysseus, und mit ihm das frühbürgerliche Bewusstsein sich gegen die Naturgewalten bildete, rekurriert das Bewusstsein des Gefangenen auf jenen Rest an Innerlichkeit, den die äußeren Herrschaft noch nicht zu unterwerfen vermochte, und wiederholt den Akt der Zivilisierung des Selbst, teils unter Zuhilfenahme überlieferter Rituale, und baut so eine Gegenmacht auf, die einen Keim von Freiheit enthält: „Вот он, миг короткий, для которого и живёт зэк“96 Nur so kann mit dem Akt des Essens kann jenes Denken einhergehen das unter den Haftbedingungen ansonsten konsequent unmöglich gemacht wird, ein Moment naiven Selbstbezogenseins, das scheinbar sogar Hoffnung ermöglicht:

Сейчас ни на что Шухов не в обиде:  ни что срок долгий, ни что день долгий, ни что воскресенья опять не будет.  Сейчас он думает:  переживём!  Переживём всё, даст Бог кончится!“36.

Es speist sich also, wie sich zusammenfassend sagen ließe, der kritische Impuls des „день Ивана“ aus einer wider der Rationalität des Lagers stehenden Selbstbehauptung, der im menschlichen Bezug auf Natur von der reinen Zweckmäßigkeit absieht. Das scheint wenig, ist aber Grundbedingung für eine aufklärerische Position, von welcher aus die Struktur des Ganzen als das Falsche erahnt werden könnte: Horkheimer und Adorno formulieren: „Durch eingedenken der Natur im Subjekt, in dessen Vollzug die verkannte Wahrheit aller Kultur beschlossen liegt, ist Aufklärung der Herrschaft überhaupt entgegengesetzt“37. Dieses eingedenken der Natur im Subjekt, das den Kern des Menschen in der verwalteten Welt ausmacht, seine Psychologie die in der Ratio des Zwangs „welcher, als Zugeständnis an den reaktionären common sense der Sozialismus … vorschnell die Ewigkeit bestätigte“38 nicht aufgeht, ist wohl auch was Lukács erlaubt, ohne dass seine Analyse es sinnvoll begründen könnte, zum den Ivana den folgenden Schluss zu ziehen: „[s]urvival or failure are always unconditionally social facts; they are connected, even if this is never proclaimed in the story, with the real life that is to come, life in freedom amongst other free men“39.

5. Fazit.

Am Ende des Tages, in einem Gespräch das der zirkulären Struktur des „день Ивана“ zum Trotze durchaus als Schlussszene bezeichnet werden könnte, tauschen sich der Baptist Alëša über die Haft, die Natur Gottes, und die Möglichkeit von Freiheit aus. Beten solle Šuchov, so Alëša, doch nicht um Freiheit, sondern um die alltäglichen Dinge: „«Хлеб наш насущный даждь нам днесь!»“40. „Пайку, значит?“41 fragt Šuchov darauf. Der von Alëša vertreten Position, er solle sich freuen, dass er im Lager sitze42, hat Šuchov nichts entgegenzusetzen, als die von ihm empfundene Ungerechtigkeit der Lagerhaft, die ihn bekanntlich nicht davon abhält, sich im Großen und Ganzen in die Bedingungen des Lagerlebens zu fügen. „Это нужно в трубе угольком записать, что второй проверки нет…“43, bringt Šuchov daher sein Gespräch mit Alëša zu einem abrupten Ende, als die Möglichkeit sich ergibt: „Спать, наверно“44. Einen Moment später allerdings (die zweite Kontrolle findet doch noch statt) fällt ihm auf, dass Alëša hungrig sein muss: „Неумелец он, всем угождает, а заработать не может“45. Šuchov zögert keinen Augenblick, vom Essen, dass er sich zuvor bei Cezar´ verdient Alëša mit zu versorgen: „На, Алёшка! — и печенье одно ему отдал. Улыбится Алёшка. —Спасибо! У вас у самих нет! —Е-ешь!“46. So zeigt sich im Teilen der Nahrung noch eine Perspektive des menschlichen, die jenseits von Zweckrationalität die Isolation der Einzelnen zumindest temporär zu durchbrechen vermag. Und schließlich rückt Šuchov wieder den halb bewussten Genuss in den Mittelpunkt, der Menschlichkeit wider dem rein Materiellen erst begründet:А сам колбасы кусочек — в рот! Зубами её! Зубами! Дух мясной! И сок мясной, настоящий.  Туда, в живот, пошёл. И — нету колбасы.“47

Der Schlussdialog des „день Ивана“ eint zahlreiche Aspekte jener inneren Dialektik von Widerstand und Subsumtion, die den Text auszeichnen: Zwang, Hierarchie, Konkurrenz, der Versuch Freiheit durch eine individuelle Perspektive idealistisch zu begründen, schließlich die Subsumtion der Perspektive in die Struktur, wodurch die rethorische Rationalisierung des zwangs zum unmenschlichen Witz verkommt. In einem ganz anderen Sinne, als es etwa Svitlana Kobets begründet48, spricht so tatsächlich eine urchristliche Erkenntnis das Schlusswort im „день Ивана“. Nicht Askese und Entsagung, sondern das Teilen der Materiellen Grundlage des Lebens ermöglicht zwischenmenschliche Beziehungen, in Umkehrung der Durchsetzungsgeschichte der praktischen Vernunft, die von Adorno und Horkheimer als „…die Geschichte der Introversion des Opfers…“49 beschrieben wird, könnte hier von einer Extroversion des Opfers, von einem Opfer, das im Äquivalententausch nicht aufgeht, gesprochen werden. Das selbstlose Teilen der Lebensgrundlage würde dann den Selbstbezug auf innere Natur wiederum auf eine gesellschaftliche Ebene heben, und so gefährdet dies unter den äußeren Zwängen auch sein mag, eine menschliche Assoziation wider der totalen Vergesellschaftung zumindest in den Bereich des möglichen rücken.

Den Blick auf solche stoffgebundenen zwischenmenschlichen Beziehungen, die nicht mehr direkt aus Zwängen begründet werden können zu richten, verriete einerseits sicherlich vieles über die „Gemachtheit“ des „день Ивана“, über Spezifiken der Darstellungsweise, welche die reine Repräsentation des Lageralltags transzendieren, andererseits aber auch über das konkreten und alltägliche menschliche Widerstreben, welches ein Zwangsapparat hervorruft. Die Bedeutung der an sich nicht lebensnotwendige Zigarette könnte hierbei in den Fokus gerückt werden, mittelbarer währen aber auch die Bedeutung von Kunst, von Intellekt, ja, von persönlichen Konversationen im GULag des „день Ивана“ auf der Grundlage einer materialistischen Kritik einer eingehenderen Betrachtung zu unterziehen. Dass es dazu kommen wird ist wohl eher Zweifelhaft. Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks mag sich zwar die Möglichkeit eines neuen Blicks auf das Werk Solženicyns eröffnet haben, der Tod des Autors aber scheint eher die Tendenz eher zu einer endgültigen Historisierung zu begünstigen. Reich Ranicki, der einst noch den literarischen Gebrauchswert des „Totengräbers der Sowjetunion“ (s.o.) auf den Punkt brachte, äußerte sich zur heutigen Relevanz Solženicyns offen: „Die Nachricht vom Tod des Alexander Solschenizyn hat manche meiner Freunde überrascht. Sie haben geglaubt, er sei längst tot“50.

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Adorno, Theodor Wiesengrund u. Horkheimer, Max: Dialektik der Aufklärung: Philosophische Fragmente. Fischer: Frankfurt a. M., 2008.

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Armanski, Gerhard: »Der GULag – Zwangsjacke des Fortschritts«. In: Schafraneck, Hans und Robert Streibel (Hrgs.): Strategie des Überlebens: Häftlingsgesellschaften in KZ und GULag. Picus: Wien 1996. S. 16 – 44.

Dunn, John F.: „Ein Tag“ vom Standpunkt eines Lebens : Ideelle Konsequenz als Gestaltungsfaktor im erzählerischen Werk von Aleksandr Isaevic Solzenicyn. München: Sagner, 1988

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Kobets, Svitlana: »The Subtext of Christian Ascetism in Aleksandr Solzhenitsyn´s One Day in the Life of Ivan Denisowich«. In: Slavic and East European Journal. 42/4. University of Illinois at Urbana Champaign: 1998. S. 661-676.

Lukács, Georg: »Solzhenitsyn and the New Realism«. In: The Socialist Register (2). Merlin Press: Prontypool, 1965. S. 197 – 215.

Reich Ranicki, Marcel: »Solschenizyn und Wir«. In: Zeit Online 18/1970. http://pdf.zeit.de/1970/18/Solschenizyn.pdf

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Russel, Bertrand: Philosphie des Abendlandes: Ihre Zusammenhand mit der politischen und sozialen Entwicklung. Europa Verlag: Zürich 2007. S. 798 – 818.

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1„Zum Subjekt wird das Objekt, indem es Kraft seines individuellen Bewusstseins sich objektiviert“ (Adorno (2003): S. 56)

2Vgl. Russel (2007): S. 798-818

3Adorno (2003): 57

4Солженицын (2007): S. 53

5Dunn (1988): S. 72

6Солженицын (2007): S. 54

7Dunn (1988): S. 72

8Солженицын (2007): S. 79

9Dunn (1988): S. 72

10Ibid.

11Ibid.

12Dunn (1988): S. 73

13Солженицын (2007): S. 33

14Солженицын (2007): S. 34

15Ibid.

16Armanski (1996): S.27

17Солженицын (2007): S. 36

18Ibid.

19Dunn (1988): S. 72

20Солженицын (2007): S. 32

21Vgl. Hegel nach Engels, Friedrich: Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft. http://www.mlwerke.de/me/me20/me20_032.htm (Zugriff 1.12.2009).

22Солженицын (2007): S.55

23Солженицын (2007): S. 15

24Lukács (1965): S. 208

25Adorno / Horkheimer (2008): S. 53

26Солженицын (2007): S. 41

27Солженицын (2007): S. 15

28Солженицын (2007): S. 60

29Солженицын (2007): S. 39

30Солженицын (2007): S. 49

31Солженицын (2007): S. 118

32Солженицын (2007): S. 15

33Солженицын (2007): S. 119

34Ibid.

35Солженицын (2007): S. 64

36 Ibid.

37Adorno / Horkheimer: (2008): S. 47

38Ibid.

39 Lukacs (1965): S. 207

40 Солженицын (2007): S. 136

41 Ibid.

42 Vgl. Солженицын (2007): S.137

43 Солженицын (2007): S. 138

44 Ibid.

45Солженицын (2007): S. 139

46 Ibid.

47 Ibid.

48Vgl. Kobets (1998), S. 666

49Adorno / Horkheimer (2008): 62

50Ranicki (2009)

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