Der Lyriker Michel Houellebecq…

…ist tatsächlich der Autor der Elementarteilchen!

„Ist das daneben? Ist das großartig?“ – so fragt die Baseler Zeitung angesichts der Lyrik des außerhalb Frankreichs vor allem als Romanautor bekannten Michel Houellebecq. Die Zeit urteilt sogleich:

„Noch immer gibt es die drastische Misogynie Houellebecqs, der junge Mädchen als eine Promesse de bonheur sur deux pattes (ein Glücksversprechen auf zwei Pfoten) bezeichnet, die furchtbar stolz seien auf leurs jeunes organes (ihre jungen Organe). Und noch immer setzt er dieses aggressive Gleichheitszeichen zwischen den Menschen (französisch Mensch=Mann) und seine Primärtriebe“

Und der Spiegel entdeckt „keine atmosphärische Dichte, sondern … vagen Kitsch“. Immerhin macht der Spiegel den Versuch, das zu begründen: „Der Autor vernachlässigt seine Bildsprache und schmeißt stattdessen mit ganz großen Worten, meist Liebe und Tod“, wo hingegen die meisten anderen Rezensenten Houellebecqs dem Autoren entweder rein moralisierend auf die Pelle rücken oder aber mit Nietzschem Gestus vorgeben sich der Moral zu verweigern. Und sich doch nur um ein ästhetisches Urteil drücken:

„Houellebecqs Poesie ist jenseits von Gut und Böse.“ (wieder Basler Zeitung)

Dabei ist die Frage „Ist das daneben? Ist das großartig?“ mit Hinblick auf Houellebecq durchaus recht leicht zu beantworten. In seltenen Fällen scheint etwas Großartiges auf, meist ist Houellebecqs Lyrik tatsächlich daneben: neben der Zeit.

Houellebecqs Dichtung nämlich ist in erster Linie ein Versuch. Der Versuch konservativ zu sein. Houellebecq imitiert die Formen des frühen französischen Ästhetizismus, er versucht eine Sprache aufzurichten, die gegen die von ihm mit großem Gestus verachtete Moderne steht. Aber kann es konservative Lyrik im Sinne einer solchen imitatorischen Rückbesinnung  überhaupt geben? Ich sage nein. Was wir, und damit auch und gerade Houellebecq an Baudelaire bewundern war das Neue der absoluten Konsequenz, ein Kunstwerk zuerst um seiner selbst willen zu schaffen. Gerade darin ist Houellebecq inkonsequent, er schafft ein Kunstwerk als habe es Baudelaire geschaffen. Houellebecq schreibt in einem permanenten Modus des als ob; als ob er dichte, als ob er gerade so dichte wie die Alten:

Le jour monte et grandit, retombe sur la ville
Nous avons traversé la nuit sans délivrance
J’entends les autobus et la rumeur subtile
Des échanges sociaux. J’accède à la présence.

Aujourd’hui aura lieu. La surface invisible
Délimitant dans l’air nos êtres de souffrance
Se forme et se durcit à une vitesse terrible ;
Le corps, le corps pourtant, est une appartenance.

Nous avons traversé fatigues et désirs
Sans retrouver le goût des rêves de l’enfance
Il n’y a plus grand-chose au fond de nos sourires,
Nous sommes prisonniers de notre transparence.

deutsch:

Der Tag wächst heran und wird gross, legt sich auf die Stadt
Wir haben die Nacht ohne Erlösung durchlebt
Ich höre die Autobusse und das gedämpfte Geräusch
Der sozialen Beziehungen. Ich erlange Gegenwärtigkeit.

Heute wird sich ereignen. Die unsichtbare Schicht
Die in der Luft unsere Leidensexistenzen begrenzt
Formt und verhärtet sich schrecklich schnell;
Der Körper, der Körper aber ist eine Zugehörigkeit.

Wir haben Beschwerlichkeiten und Begierden durchlebt
Ohne dem Aroma der Kinderträume wiederzubegegnen
Es ist nicht besonders viel übrig am Grund unseres Lächelns,
Wir sind Gefangene der eigenen Durchschaubarkeit.

1)      Starr hält Houellebecq zumindest in großen Teilen seines Werks die Formensprache der bedeutendsten französischen Dichter hoch. Die vierteiligen dreistrofigen Gedichte, das Sonett, Abwandlungen dieser Textsorten. Wie sich das am Gegenstand begründet verschweigt das Gedicht. Wie schon bei Baudelair und meist noch bei Mallarmé ist jede Zeile ein einzelnes Bild. So entsteht der getragene regelmäßige Tonfall den man von so vielen Werken der französischen Lyrik kennt. Dynamisierung, wie sie in der deutschen Sprache noch im klassischen Rahmen spätestens Rilke eingeführt hat – Zeilensprünge teils über mehrere Zeilen, gedankliche Fragmente, unvermittelter Wechsel der Redeperspektiven – sind Houellebecq fremd.

„J’entends les autobus et la rumeur subtile /
Des échanges sociaux“.

Von dem Autobus einmal abgesehen hätte man diese Zeilen tatsächlich schon 1850 so lesen können.

2)      Dieser Gestus des „ich dichte“, vom wirklich sinnfälligen verdichten radikal unterschieden, wird besonders augenfällig in solch existenziell herausgeschrienen Zeilen wie „Nous avons traversé la nuit sans délivrance“. Werden dem Leser hier wirklich bedeutende Informationen auf engstem Raum mitgeteilt, die anders nicht ausgedrückt werden könnten? Oder trägt da nicht vielmehr einer nur sehr dick auf – das Gegenteil von dichten? Oder hier in der oben bereits zitierten Passage? Das lyrische ich hört also tatsächlich „das subtile Rumoren des sozialen Austauschs“? und das schreibt ein Autor, der in Karte und Gebiet kenntnisreich und mit gutem Grund in der Malerei die Abstraktionen um der Abstraktion willen angegriffen hat!

Nachvollziehbare Bilder, die nicht schreien „beachtet mich, ich trage einen großen Gedanken“, sondern die aufgrund der ihnen eigenen Eindringlichkeit beachtet werden müssen, kommen bei Houellebecq praktisch nicht vor. Der zeigen will, dass man noch dichten kann, wälzt allzu oft einfach Konzepte aus.

3)      Davon zeugen nicht zuletzt die großen Worte. „Delivrence“, „sociaux“, „delimitant“, „souffrance“, „appartenence“  und „transpacance”, erschlagen uns bereits im allerersten Gedicht von Der Sinn des Kampfes. Tatsächlich scheint die französische Sprache, die in sich so harmonisch ist, dass solche Gewaltkonstruktionen zumindest äußerlich ein formal funktionierendes Gedicht ergeben können, dazu zu verleiten. Was Houellebecq macht ist nicht neu, all seine Vorbilder bedienten sich ähnlicher Begrifflichkeiten, sie wirken auf mich auch daher bis heute stets gleichzeitig zu glatt und zu bemüht. Doch damals hatte diese Art zu sprechen zumindest noch eine gewisse Sprengkraft, die sich aus den neuen Sphären des Ekelhaften, des Wissenschaftlichen, und des Amoralischen speisten, die diese Dichter erstmals in die hohe Kunst integrierten.

4)      Auch diese Sprengkraft versucht Houellebecq nachzuahmen, aber wie abgeschmackt sind Ekel und Amoral als dichterisches Sujet bzw. als Verfahrensweise, wo diesen doch längst die Banalität des alltäglichen anhaftet.

Keinesfalls möchte ich gegen Houellebecq postmoderner Beliebigkeit das Wort reden, aber auch hier gilt übertragend m.E was ich über das komponieren nach Beethoven schrieb:

„Aus der Sprache Baudelaires zu komponieren, das ist das schon immer schal-restaurative Verfahren des Neo-Klassizismus. Dessen Werken ist das im Wort angelegte So-Tun-Als-Ob stets abzuhören. Aus dem Baudelairschen Geist dagegen komponieren wäre das einzig Verpflichtende neuer Lyrik“.

Dabei kann Houellebecq durchaus schreiben. Das namenlose Gedicht, das beginnt „Au long de ces Journeés“

P1170986deutsch: P1180793

etwa enthält wirklich starke Passagen wie die zweite Strophe: hu1

Oder auch den sehr eindringlichen Schluss:

hu2

Und als Romanschriftsteller kann man Houellebecq mit Recht als einen der Großen seiner Zeit bezeichnen. Nicht weil es ihm da gelänge, wie es ihm doch von links oft vorgeworfen wird, so richtig schön konservativ aufzutreten, nicht also weil er Romane so verfasst wie man sie im „langen 19. Jahrhundert“ geschrieben hätte. Sondern weil er statt im Habitus literarischer Größe, zu dem ihn die Lyrik wohl verleitet wie schon viele zuvor (Schiller, anybody?), hier stilistisch unaufgeregt und präzise zu Werke geht. Bitterbös oft, pornographisch – natürlich!, aber keineswegs je in dem Versuch eine überkommene Art zu sprechen mit Gewalt wieder aufleben zu lassen. Von den subtilen Wechseln der Erzählperspektive in Elementarteilchen etwa könnte sich mancher der heutigen plakativ (post)modernen Schreiberlinge gleich einige fette Scheiben abschneiden. Anscheinend direkte Figurenrede, Berichte an einen Psychiater, in die Teile der Handlung eingebettet sind, historisierende Rückblicke von der Warte eines fiktiven Geschichtsschreibers: All diese Ebenen des Erzählens, des Berichtens von Berichten usw… gehen hier ineinander über, ohne dass es jemals gezwungen wirken würde. Das Ganze geht auf, so sauber, dass es die Houellebecq regelmäßig unterstellte Misanthropie mit den zärtlichsten Passagen über Mensch und Menschlichkeit zu vereinen fähig ist. Glauben wir dem Narrativ, das die Ersetzung der Menschheit durch eine Rasse von Klonen als unumgänglich behauptet, oder lesen wir aus der Form des Romans vielmehr die Negation der Thesen des selben heraus? Wie ist der Schluss von Elementarteilchen zu verstehen?

„Zu einem Zeitpunkt, da die letzten Vertreter dieser Spezies im Aussterben begriffen sind, halten wir es für legitim, der Menschheit diese letzte Huldigung dar zu bringen – eine Huldigung, die ihrerseits allmählich verblassen und sich im Treibsand der Zeit verlieren wird; dennoch ist es nötig, dass diese Huldigung wenigstens einmal erfolgt. Dieses Buch ist den Menschen gewidmet“. (380)

(Irgendwann einmal werde ich versuchen diese Frage genau zu beantworten, ich halte es für unumgänglich dabei auf Die Möglichkeit einer Insel zurückzugreifen, m.E. die implizite Fortsetzung und teilweise der Gegenentwurf zu Elementarteilchen).

Als ich mir einen Band der Lyrik Houellebecqs zugelegt habe, hatte ich die Hoffnung Gedichte zu finden, die seinen Romanen auf Augenhöhe begegnen. Solche würden, davon bin ich überzeugt, unter dem stärksten rangieren was heute gedichtet werden kann. Aber Houellebecq ist wohl nicht der Dichter, der diese Gedichte schreiben wird…

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