Nachbetrachtungen zu Gottfried Benn

Eine Abrechnung.

Viele Jahre, bevor ich mich zuletzt Martin Heideggers und Stefan Georges angenommen habe, hatte ich vor ein wenig zu Gottfried Benn zu schreiben, dessen fadenscheiniger Sinneswandel nach 1945 mir schon immer sauer aufstieß. Das Thema allerdings wurde in meinem Beitrag zu Stefan George ausreichend behandelt.

Der Dichter Gottfried Benn lohnt eigentlich kaum die Beschäftigung. Selbst ein heftiger Kritiker, wie der von mir bereits gewürdigte Rainer Maria Gerhardt, schätzte ihn noch zu hoch. Benn’s Moderne, das ist mal klassische, mal freie Form plus viel Effekthascherei. Dennoch war Gottfried Benn der stilbildende Dichter der deutschen Nachkriegsliteratur, und als solcher biss er alle innovativen „Mitbewerber“, die versuchten an die gesamteuropäische Moderne anzuschließen, weg.

(Ein faszinierendes Zeitdokument zu diesem Prozess ist der Briefwechsel Rainer Maria Gerhardts mit Benn und dessen Verleger Max Niemeyer.)

Letztlich wurde Benn, der am Nationalsozialismus allein auszusetzen hatte, dass dieser von Verbrechern usurpiert worden sei, so noch zu dessen Sachverwalter. Avancierte Lyrik ist in deutscher Sprache bis heute beinahe undenkbar. Benn trägt daran, meines Erachtens, eine Teilschuld.

***

Vergleichsweise offen nimmt Rainer Maria Gerhardt dagegen zumindest Gottfried Benn’s ästhetische Theorie in die Arme. Was ich durchaus für eine innere Problematik des Bennschen Denkens halte schreibt Gerhardt dem mangelnden Talent des Dichters zu.

Woran sich eine moderne Poetik zu messen habe, von welchem Standpunkt aus überhaupt sie zu verwirklichen wäre, hat Gerhardt in den späten vierziger Jahren in Auseinandersetzung mit Paul Klee formuliert:

„wenn wir uns nach literatur umsehen, finden wir kein anderes buch als das von Paul Klee „Über die moderne Kunst“ von einiger wichtigkeit. was hier über die linie gesagt wird, gilt in gleicher weise für den vers.

„wir haben demnach formale Mittel des Maßes, des Gewichtes und der Qualität, die trotz grundsätzlicher Verschiedenheit gewisse Beziehungen zueinander unterhalten.

Die Farbe ist erstens Qualität, zweitens ist die Gewicht,… drittens ist sie auch noch ein Maß…

Das Helldunkel ist erstens Gewicht, und in seiner Ausbildung bzw. Begrenzung ist es zweitens Maß.

Die Linie aber ist nur Maß.

Es ist ein eigenes Sichineinanderfügen feststellbar, und in diesem Sinne ist es nur logisch, dieselbe Sauberkeit im Umgang mit diesen formalen Mitteln zu wahren.“

Adäquat diesem wäre es notwendig, eine wertigkeitskala der sprachlichen mittel aufzustellen, die wertigkeit von laut, wort, phrase, das verhältnis von phrasen, gebunden durch den atem, und durch diesen in ihrer dauer bestimmt, die bewegung der tonquantitäten, die farbskala der töne, der tonbereich, die spannungsverhältnisse zu untersuchen“ (vgl. Rundschau der Fragmente).

Gottfried Benn gestand er dabei durchaus zu, die Anforderungen der Moderne an die Kunst verstanden zu haben (dass Benn TS Eliot verspottete legt für mich anderes nahe):

„die neue welt ist identisch mit der von benn demonstrierten ausdruckswelt, die einzige realität des dichters ist die realität des gedichtes, der einzige wille da zu sein der wille zum gedicht, und die einzige ordnung die ordnung des gedichtes“.

Allerdings spricht er Benn die Fähigkeit ab, dieses Denken in seiner Dichtung zum Ausdruck zu bringen:

„Die Welten trinken und tränken
sich Rausch zu neuem Raum.
Und die letzten Quartäre versenken
den ptolemäischen Traum.
Verfall, Verflammen, Verfehlen,
in toxischen Sphären, kalt,
noch einige stygische Seelen,
einsame, hoch und alt

(…)

benn benutzt eine überkommene zeilen- und versform, stark ausgeschlachtet in der deutschen klassik und romantik (…) moderne dichtung ist nur möglich, wenn jeder der modernen dichter bereit ist, jederzeit bis zum äußersten zu gehen. benn lehnt rückgriff und sentiment ab. wir müssen ihm aber bescheinigen, dass seine gedichte rückgriffe und sentiment sind. sie sind ein sichgehenlassen in gefühlen, in stimmungen, aufgebauscht mit dem technischen können eines mannes, dem es möglich wäre, bei mehr härte und bei mehr disziplin gegenüber der sprache und gegenüber dem gedicht, wesentliches hervorzubringen (…)“.

Und damit ist noch das Wohlwollendste gesagt, was man über Benns Dichtung sagen kann. Tatsächlich enthält diese abseits des Schockierenden, sei es des Ekels, der Sexualität, des Antihumanismus, wenig Neues. Benn’s Moderne ist die der Kulturindustrie, des spektakulären Effekts, der das Immergleiche zum Schein veredelt.

***

Und darauf darf ich nun meinerseits ein schlechtes Gedicht machen:

Gottfried Benn, der war ein kleiner blender
einer der mit großen worten,
aufschnitt, und blumenunorten
schocken wusste…

Benn, dieser gedärm-big-spender:
dass so wer n’nazi werden musste
war das zu vermeiden?

Heym und Trakl überragten ihn bei weitem
doch auch für diese so zu frühen toten beiden
wollt ich meine hand nicht legen
ins feuer ihres worte-hegen.

hats uns nicht bereits Rilke schon gerettet
dass man ihn so früh, und lang, und weich gebettet?

2 thoughts on “Nachbetrachtungen zu Gottfried Benn

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