Die Shelleys im Dialog…

Ein älterer Artikel, den ich noch immer für lesenswert halte:

Der utopische Gehalt der Werke Mary und Percy Shelleys

Traurig: Das Ende der Herrschaft des Menschen über den Menschen wird heute immer öfter mit der vollständigen Zerschlagung einer als „westlich“ denunzierten aufklärerischen Zivilisation zusammengedacht, und trauriger noch, die von der europäischen Linken als letzte Vorhut des allgemeinen Aufstands ausgemachten postkolonialen Bewegungen nehmen im Kampf gegen Fremdherrschaft es zunehmend genauer mit dem Kampf gegen´s Fremde, während der Kampf gegen die Herrschaft wie es sich schon bei anderen Revolutionären Subjekten der Vergangenheit zutrug, zunehmend ins Hintertreffen gerät. Der allgemeinen Hoffnungslosigkeit, die sich angesichts der Umstände all zu leicht unter fortschrittlich gesinnten Geistern breitmachen will, seien einige Zeilen des Dichters Percy Bysshe Shelley entgegengestellt…

SONNET.

ON LAUNCHING SOME BOTTLES FILLED WITH KNOWLEDGE INTO THE BRISTOL CHANNEL.

[Published from the Esdaile manuscript book by Dowden,
„Life of Shelley“, 1887; dated August, 1812.]

Vessels of heavenly medicine! may the breeze
Auspicious waft your dark green forms to shore;
Safe may ye stem the wide surrounding roar
Of the wild whirlwinds and the raging seas;
And oh! if Liberty e’er deigned to stoop _5
From yonder lowly throne her crownless brow,
Sure she will breathe around your emerald group
The fairest breezes of her West that blow.
Yes! she will waft ye to some freeborn soul
Whose eye-beam, kindling as it meets your freight, _10
Her heaven-born flame in suffering Earth will light,
Until its radiance gleams from pole to pole,
And tyrant-hearts with powerless envy burst
To see their night of ignorance dispersed. (Shelley 2002, S. 98).

Trotz aller persönlichen Rückschläge und der steten Erfahrung der Unmöglichkeit seine Utopie der freien Assoziation der Individuen und der freien Liebe im falschen Ganzen zu leben hielt Shelley in den knapp 30 Jahren die ihm auf Erden vergönnt waren an der Notwendigkeit fest, Aufklärung und die vernünftige Einrichtung der Produktion zum Wohle aller zusammenzudenken. Im Gegensatz zu den Frühsozialisten Owens, Saint-Simon oder Fourrier hielt er dabei die zweckfreie Spontanitaet des Gedankenspiels in hoher Achtung, und wehrte sich dagegen Schaffen pragmatisch in nützliches und unnützes zu scheiden.  Mary Wollstonecraft Shelley widmete er zur Entschuldigung seines sozial wenig engagierten Prankster-Poems „The Witch of Atlas“, eingangs folgende Zeilen:

TO MARY
(ON HER OBJECTING TO THE FOLLOWING POEM, UPON THE
SCORE OF ITS CONTAINING NO HUMAN INTEREST).

1.
How, my dear Mary,–are you critic-bitten
(For vipers kill, though dead) by some review,
That you condemn these verses I have written,
Because they tell no story, false or true?
What, though no mice are caught by a young kitten, _5
May it not leap and play as grown cats do,
Till its claws come? Prithee, for this one time,
Content thee with a visionary rhyme. (Shelley 2002, S. 442)

So scharf Percy Bysshe Shelleys Einsichten in die gesellschaftlichen Gegebenheiten sein mochten, so treffend der kommentierende Apparat, den er seinen längeren Gedichten bei Seite stellte, die soziale Lage zu analysieren vermochte, angesichts der Widrigkeiten mit denen die junge revolutionäre Bewegung konfrontiert war, angesichts der Unmöglichkeit des von Shelley angestrebten Unterfangens, zugleich als libertärer Bohemien zu leben und als Dichter der antizipierten Umwälzung zum intellektuell und rhetorisch voranzugehen, kommen die in seinem Werk formulierten Utopien mitunter naiv, fast kindlich daher, sie vermögen eher zu begeistern als zu überzeugen, sie reißen mit nicht aufgrund der Klarheit dessen, was dargelegt werden soll, sondern in erster Linie angesichts der Wortgewalt, mit der der Dichter das revolutionäre Projekt ausführt. Das ist genug, ist mehr als genug, wo eine starke Bewegung existiert, wo die „Befreiung des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“, mithin als Umwälzung aller Verhältnisse „in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“, unmittelbar bevorzustehen scheint.

Damals schon, heute allerdings mehr denn je, Gewinnt Shelley unendlich, begleitet man die Lektüre mit den profunden Reflexionen zu Gesellschaft, Individuum und Politik, die in den Romanen Mary Wollstonecraft Shelleys  ausgeformt werden. Wirkt Percy Shelleys Lyrik oft als versuche sie die Conditio Humane, durch Entkoppelung der gesellschaftlich geformten Ratio von der tierisch-menschlichen Naturverhaftung auf der Erde zurückzulassen, und es sich davon unberührt behaglich im Reich des Geistes einzurichten, so verankert Mary Shelleys Prosa die Utopie wieder in festem Boden der Natur, der sie abzuringen wäre und der Körper für die sie zu schaffen wäre:

… Either watching the crowd in the park, or occupied by painful reflection, we were all silent; Ryland stood by himself in an embrasure of the window; Adrian paced the hall, revolving some new and overpowering idea–suddenly he stopped and said: „I have long expected this; could we in reason expect that this island should be exempt from the universal visitation? The evil is come home to us, and we must not shrink from our fate. What are your plans, my Lord Protector, for the benefit of our country?“
„For heaven’s love! Windsor,“ cried Ryland, „do not mock me with that title. Death and disease level all men. I neither pretend to protect nor govern an hospital–such will England quickly become.“
„Do you then intend, now in time of peril, to recede from your duties?“
„Duties! speak rationally, my Lord!–when I am a plague-spotted corpse, where will my duties be? Every man for himself! the devil take the protectorship, say I, if it expose me to danger!“
„Faint-hearted man!“ cried Adrian indignantly–„Your countrymen put their trust in you, and you betray them!“
„I betray them!“ said Ryland, „the plague betrays me. Faint-hearted! It is well, shut up in your castle, out of danger, to boast yourself out of fear. Take the Protectorship who will; before God I renounce it!“ (Wollstonecraft Shelley 2004, S. 195). [online]

Aus jeder Zeile Wollstonecraft Shelleys spricht das Bewusstsein, dass der erklärte Wille zur Befreiung des Menschen allein diese Befreiung doch kein Stück näher in Reichweite bringt, ja, dass er der Freiheit sogar im Wege stehen kann, reflektiert er nicht schonungslos auf die gegebenen Umstände und die Bedingungen des zu Erreichenden. Die in der Krise apokalyptischen Ausmaßes, die Mary Shelleys The Last Man beschreibt, unweigerlich hereinbrechende Barbarei, die die „gerechte Herrschaft“ nicht zu verhindern weiß, sondern im besten Falle zu verwalten, fühlt vor, was die Geschichte zu beweisen antrat, die potentielle Fähigkeit zur Vernichtung, die in der inhärenten Irrationalität der bürgerlichen Gesellschaft stets angelegt ist.

„Plague is the companion of spring, of sunshine, and plenty (…) It was found, that, though at first the stop put to to all circulation of property, had reduced those before supported by the factitious wants of society to sudden and hideous poverty, yet when the boundaries of private possession were thrown down, the products of human labour at present existing were more, far more, than the thinned generation could possibly consume. To some among the poor this was matter of exultation. (…) We were all equal now; but near at hand was an equality still more levelling, a state where beauty and strength, and wisdom, would be as vain as riches and birth. The grave yawned beneath us all, and its prospect prevented any of us from enjoying the ease and plenty which in so awful a manner was presented to us“. (Wollstonecraft Shelley 2004, S. 252f). [online]

Man mag heute versucht sein die in The Last Man hereinbrechende Pest in einer Linie mit den Naturkatastrophen moderner Katastrophenfilme zu lesen, dies würde allerdings der politischen Komponente der Krankheit in Folge eines großen Krieges genauso wenig gerecht wie der bemerkenswerten Tatsache, das Shelley ihre Protagonisten noch und gerade angesichts der Endlichkeit des Seins auf die Organisation menschlichen Zusammenlebens, auf die Möglichkeit eines besseren Seins, reflektieren lässt.

Bei aller Apokalyptik gibt also Mary Wollstonecraft Shelley die Hoffnung Percy Bysshes auf eine umfassene Umwälzung des Bestehendennicht auf –

‚Rise like Lions after slumber
In unvanquishable number –
Shake your chains to earth like dew
Which in sleep had fallen on you –
Ye are many – they are few.‘
[from The Mask of Anarchy] (Shelley 2002, S. 401).

– Gibt sie nicht auf, sondern sie setzt ihm vielmehr ein Negativ entgegen, gegen welches, nachdem es begriffen wurde, die Utopie überhaupt erst zu verwirklichen wäre. So beherzigen die Shelleys im Wechselspiel, wobei Mary wohl vorerst das letzte Wort zu lassen wäre, was Theodor W. Adorno im Jargon der Eigentlichkeit als eine zentrales zu Leistendes aufklärerischer Kritik sowohl gegen den Heideggerianischen Todeskult als auch gegen den liberalistischen Positivismus identifiziert:

„Der Protest wider die Verdrängung des Todes hätte seinen Ort in einer Kritik der liberalen Ideologie: er müsste an die Naturwüchsigkeit erinnern, die von der Kultur geleugnet wird, weil sie als Herrschaft Naturwüchsigkeit selber fortsetzt in dem, was sie als Antithesis zur Natur verkennt“. (Adorno 2003, S.516). [online]

Aber lassen wir, wie angekündigt, Mary Shelley das vorerst letzte Wort:

[W]e could perceive how pestilence and fear had played strange antics, chasing the luxurious dame to the dank fields and bare cottage; gathering, among carpets of Indian woof, and beds of silk, the rough peasant, or the deformed half-human shape of the wretched beggar (…) In the evening we assembled to read or to converse. There were few books that we dared read; few, that did not cruelly deface the painting we bestowed on our solitude, by recalling combinations and emotions never more to be experienced by us. Metaphysical disquisition; fiction, which wandering from all reality, lost itself in self-created errors; poets of times so far gone by, that to read of them was as to read of Atlantis and Utopia; or such as referred to nature only, and the workings of one particular mind; but most of all, talk, varied and ever new, beguiled our hours. (Wollstonecraft Shelley 2004, S. 244). [online]

————————————————–

Quellen:

Adorno, Theodor W.: Negative Dialektik. Jargon der Eigentlichkeit. Suhrkamp: Frankfurt 2003.

Shelley, Mary Wollstonecraft: The Last Man. Wordsworth: Hertfortshire 2004.

Shelley, Percy Bysshe: The Selected Poetry and Prose of Shelley. Hrsg. Bruce Woodcock. Wordsworth: Hertfortshire 2002.

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