Romane im Umfeld des 11. September

Ein älterer Artikel mit einer neuen Einleitung…

In der englischen Wikipedia habe ich erfahren, dass der gerade hier von mir besprochene Thomas Pynchon an einem Roman arbeite, dessen Handlung sich während “the lull between the collapse of the dot-com boom and the terrible events of September 11“ entwickle. Also innerhalb „der Flaute zwischen dem Zusammenbruch der „Neuen Ökonomie“ und den schrecklichen Ereignissen vom 11. September“. So sehr es mich freut, dass einer meiner liebsten Schriftsteller einen neuen Roman plant, so sehr bereitet mir das Thema sorgen. Anhand zweier  anderer Autoren, die ohne Frage ihr Handwerk beherrschen habe ich schon einmal aufgezeigt in welche fallen die literarische Bearbeitung des meiner unaussprechlichen locken kann. Den Artikel dazu möchte ich hier noch einmal vorstellen:

Falling Man vs. Extremely Loud & Incredibly Close

„Dies war ihr gemeinsames Feld des Deliriums, die taumelnde Realität des Treppenhauses, wo sie beide gewesen waren [im WTC], die tiefen Schächte voll kreiselnder Männer und Frauen (…) ‚Was wir mit uns herumschleppen. Das ist am Ende die Geschichte, sagte sie abwesend’“ (99)

Diese wenigen Zeilen offenbaren die Unmöglichkeit dessen, was Don DeLillo in Falling Man zu unternehmen versucht. „New York in Asche und Rauch am 11. September“, so der Klappentext: „In eindringlichen Bildern zeichnet Don DeLillo den Ablauf der Ereignisse nach: von den Tätern zu den Opfern, von Hamburg bis New York. Erzählt wird das Leben einer Familie, die berührende Geschichte einer Liebe, der Alltag nach der Katastrophe“.

Dass es nach der Katastrophe Alltag gibt, den es doch nicht geben kann, ist das Spannungsfeld, in dem DeLillo seinen Plot entwickelt. Ein Plot, der generischer kaum sein könnte, und doch anders als generisch erst recht in Kitsch abdriften würde:

Keith Neudecker kehrt als Überlebender der Anschläge zu seiner Frau zurück, die er zuvor verlassen hat. Gleichzeitig hat er eine Affäre mit einer weiteren Überlebenden, mit der er u.a. die oben zitierten Worte wechselt. Ein Nebenstrang begleitet derweil die Hamburger Terrorzelle um Mohamed Atta während der Planung des Angriffs, und ein sehr konstruiert wirkender Lover von Keith´s Schwiegermutter, der irgendwann mal RAF-Sympathisant war, soll das Verhältnis von linkem und islamistischem Terrorismus ausloten (es gelingt nicht).

Falling Man beschönigt wenig bis nichts, die Protagonisten wissen durchaus den antiwestlichen und antisemitischen Charakter der Anschläge zu benennen, statt einfach über „Tragödien“ und menschliche Abgründe zu schwafeln. Die Täter sind zwar manchmal widersprüchliche Charaktere, aber keineswegs Opfer der Umstände oder einfach weltfremde Spinner. Und doch bleibt der Roman hilflos angesichts des Geschehenen. Der auf Beschreibungen und Dialog aufbauende Realismus DeLillos wirkt lächerlich angesichts der historischen Bedeutung des 11.9.; die wenigen Momente, da Charaktere sich mit dieser auseinander zu setzten versuchen, wirken banal, die ideologiekritischen Einsprengsel kommen im an Fakten und Situationen interessierten Falling Man aufgesetzt daher, sind daher hohl und angreifbar.

Dagegen ist Jonathan Safran Foers Extremely Loud and Incredibly Close nur all zu einprägsam und überzeugend. Der Roman scheut sich nicht, den 11.9, Hiroshima, die Shoa und die Bombardierung Dresdens gleichermaßen als Verbrechen gegen die Menschheit zu behandeln (den Deutschen gefällts wohl mehrheitlich), und das gelingt treu-doof, und in Anlehnung an Günter Grass´ Blechtrommel, durch die Froschaugen des kindlichen Erzählers Oskar. Entblätterte man den Roman all seiner stilistischen Kniffe bliebe ein größtenteils sentimentales Machwerk, das in etwa die folgende Aussage transportiert: Das böse ist überall in der Welt, und am besten kommen wir damit zurecht, wenn wir uns alle ein wenig zusammenkuscheln. Hihi. Dennoch ist Extremely Loud and Incredibly Close als Roman weitaus überzeugender als Falling Man.

Das Missverhältnis, dass DeLillo realistisch daherkommende Annäherung scheitert, während die idealistischen Träumereiern eines Safran Foer ein scheinbar überzeugendes Bild der Welt nach den Terroranschlägen zeichnen, ist freilich nur scheinbar eines. Verdrängung und Rationalisierung sind die Reaktionen eines großen Teiles der Öffentlichkeit auf die erneuerte Kriegserklärung des politischen Islam an den Westen, und die kindliche Perspektive des altklugen, hochintelligenten Oskar ist eben die Perspektive, die es ermöglicht, die Verdrängung zu affirmieren, ohne dass diese als Verdrängung kenntlich wird. Falling Man gießt die Sinnlosigkeit des Weitermachens in eine Geschichte, die ob ihres sturen Daseins einen Sinn im Weitermachen behauptet, und spricht so eine Wahrheit über Fiktion und Realität aus, die weder den Weitermachenden, noch denen, die darüber schreiben, wirklich behagen will. Foer dagegen präsentiert Verdrängung als Lösung. In einem Feuerwerk der Belanglosigkeiten wird selbst das Schrecklichste dem Banalen gleich gemacht, Spielerei und Laissez-Faire werden zu Lösungen eines Problems stilisiert, das gerade ob der spielerischen Herangehensweise nicht begriffen werden kann.

Dabei schießt Extremely Loud and Incredibly Close jedoch manchmal, beinahe notwendig, über die selbst gesteckten Grenzen hinaus: Etwa mit der vielleicht ebenfalls nur als Spielerei gedachten Montage eines Daumenkinos, das den „Falling Man“ am Ende des Romans gen Himmel entschweben lässt. Die vom Leser durchzuführende Umkehrung des Realen ins Ideale  entlarvt hier das infantile Bedürfnis, die Welt nachträglich nach der Vorstellung umzudeuten.

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literatur:

foer, jonathan safran. extremely loud and incredibly close. penguin:londond 2006.

dellillo, don. falling man. kiepenhauer &witsch: köln 2007

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