The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman I

Ein-& Auslassungen zur Geschichte. Von der Warte der Literatur.

Es folgt ein längerer Aufsatz in 3-4 Teilen, den ich im Großen und Ganzen bereits vor mehreren Jahren verfasst habe. Das Thema ist mir ein wenig über den Kopf gewachsen, und man wird es dem Text anmerken. Dem Leser sei überlassen, ob er das als Homage an das hier unter anderem für den Tristram Shandy behandelte sprachliche Eindenken in das chaotischer lesen möchte, oder als unmittelbaren Ausdruck chaotischer Denkens. Immerhin, ich halte vieles in diesem Aufsatz entwickelte weiterhin für beachtenswert, darum wird er nun hier veröffentlicht…

I

The Book that I will never tire of … Sterne was 250 years ahead of his time”.

So Roy Porter zitierend bewirbt sich selbstbewusst meine (die Penguin Classics) Ausgabe von Laurence Sternes The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman, dessen erste Auflage zwischen 1749 und 1767 veröffentlich wurde..

II

Die Modernität des Tristram Shandy, die Einzigartigkeit der Erzählweise, das vorausfühlen nahezu aller (post-)moderner Ideen und Verfahrensweisen, darunter Leseranrede, Brüche der Chronologie, Piktographie, Onomatopoesie, das fingieren fehlender Kapitel, geschwärzte, editierte, gestrichene Passage, und einem Vorwort gegen Ende des dritten Bandes „ I have appealed to the world – and to the world I leave it“ (174), das sind beliebte Beispiele, mittels derer immer wieder auf die herausragende Position des Laurence Sterne in der englische und europäischen Literaturgeschichte verwiesen wird, sowie dessen anachronistisch anmutender Avantgardismus betont.

With „Tristram Shandy,“ Sterne invented postmodernism 200 years before it supposedly was initiated by the likes Joyce, Burroughs and Pynchon. The book is hilarious. It is supposed to be the life and opinions of the narrator. Instead, it takes about fourhundred pages to even get to when he was born. The book radically changes tone in the last hundred pages (as, I think, Sterne was nearing death), and the then present day Shandy is finally presented. Some of these scenes are touching, but the final chapters become redundant. The book is completely inconsistent, the narrator interrupts at all possible times … But it works! Read this book, but be advised to possibly skim the last fifty pages.“1

III

„Ahead of his time“, das ist das größte Lob, das der mit sich und der Welt zufriedene bürgerliche Kritiker zollen kann. Drückt sich darin nicht der unbedingte Glaube an die positiven Tendenzen der geschichtlichen Entwicklung aus, und noch dazu der Barbarei der dunklen Zeitalter schon ein gutes Stück entrückt zu sein? Feministinnen wie Mary Wollenstonecraft Shelley, „Libertins“ wie Charldelos de Laclos, und Metrosexuelle Avantgardisten wie George Gordon werden daher gerne mit diesem anerkennenden Schulterklopfer bedacht, der doch stets nur den Kritiker selbst meint, und die ihn nährende Gesellschaftsform. Dem progressiven Ernst Moritz Arndt, der bereits zu beginn des 19. Jahrhunderts ein gefestigtes antisemitisches Weltbild ausgebildet hatte, auf das mancher Gauleiter stolz gewesen wäre, verweigert man es dagegen. Zeitweilig. Um eine historisch adäquate Einordnung der schillernden „Hobby Horses“ ist es den sich nach Identifikation verzehrenden Kritikern dagegen selten zu tun, das Vergangene dient der Gegenwart als Zauberspiegel, der magisch die gesellschaftlichen Verwerfungen glättet2.

Laurence Sterne und seine Zeitgenossen lohnen dennoch eine nähere Betrachtung. Wenn schon nicht um des Genuss der Lektüre, um den sich trefflich streiten ließe, dann doch, um aus Tristram Shandys verworren anmutender Perspektive einen erstaunlich klaren Blick auf die Geschichte zu werfen; auf die Position von Literatur in gesellschaftlichen Entwicklungsprozessen, auf die Aussagekraft Ersterer über Zweitere, auf deren Grenzen, und darauf, wie die Ausdehnung der Warenproduzierenden Gesellschaft auf alle Lebensbereiche, deren erste große Schubphase mit der Veröffentlichung des Tristram Shandy zusammenfällt, exemplarisch für das menschliche Denken den künstlerischen Ausdruck umzuformen und sich gleichzumachen sucht.

IV

Tatsächlich stand Laurence Sterne im 18 Jhdt mit unkonventioneller Stilistik, schlüpfrigem Witz und selbstreflexiver Erzählweise nur scheinbar alleine da. Dass Autoren wie Henry Fielding und Jonathan Swift, auf den Sterne sich ausdrücklich bezog, ferner auch Rabelais und Cervantes, heute als exemplarische Vorläufer des realistischen Romans gelesen werden, während Sterne als Ausnahmeerscheinung geführt wird, mag in der leichteren Zugänglichkeit und der durchschaubareren Werkkomposition seine berechtigte Begründung haben. Auch dass die genannten Autoren viele sich offenkundig auf sie beziehende Nachahmer fanden, während der Kritiker Samuel Johnson über Tristram Shandy urteilte „Nothing odd will do long. Tristram Shandy did not last“, spricht dafür, das Werk Laurence Sternes als die Ausnahme von der Regel zu betrachten.

Allerdings bricht sich hier eher das geordnet-ordnende Bewusstsein des Kritikers Bahn, als dass auf die betrachteten Texte als solche reflektiert würde. Um den von seiner Einordnung in das herrschende Geschichtsbild überlagerten Text hinter diesem wieder sichtbar zu machen, könnte es daher sinnvoll sein, für erste Lektüren allgemein, und für Texte des 18 Jhdts insbesondere zu beherzigen, was speziell für eine Annäherung an James Joyce Ulysses und andere komplexe Texte der Moderne gerne empfohlen wird: Das assoziative, auf den subjektiven Eindruck fokussierte Lesen, bewusst ahistorisches Lesen also. Fiele dann nicht, sei es bei Sterne, sei es bei Fielding, bei Swift, sei es auch bei hier nicht namentlich aufgeführten Autoren, zumindest ein allen gemeines Merkmal ins Auge? Eine Weitschweifigkeit des Stils nämlich, ein anscheinend ziellosen Mäandern der Erzählung? Diese wird von der relativen Ziellosigkeit der Lebenswege der Hauptfiguren ebenso gestützt, wie der sich in chronologischen Brüchen und schier endlosen gedanklichen Abschweifungen ausdrückt. Es liegt Nahe, hier eine den Autoren gemeinsame geistige Grundlage zu vermuten, so verschieden ihre Werke sich im Detail auch gestalten. Die so modern anmutende „Digression“, die Sterne beinahe in den infiniten Regress des Denkens übersteigert, galt dann auch unter Zeitgenossen als adequates Stilmittel, so nimmt sich Henry Fielding im dritten Kapitel von Tom Jones etwa arrogant heraus, Leser und Kritiker folgendermaßen zu belehren:

Reader, I think proper, before we proceed any farther together, to acquaint thee that I intend to digress, through this whole history, as often as I see occasion, of which I am myself a better judge than any pitiful critic whatever”

Er bittet die Kritiker daher wenig freundlich: “to mind their own business, and not to intermeddle with affairs or works which no ways concern them”. Sterne stellt ähnliches zu seiner Methodik klar:

For in this long digression which I was accidentally led into, as in all my digressions (one only excepted) there is a master-stroke of digressive skill, the merit of which has all along, I fear, been over-looked by my reader,—not for want of penetration in him,—but because ‚tis an excellence seldom looked for, or expected indeed, in a digression;—and it is this: That tho‘ my digressions are all fair, as you observe,—and that I fly off from what I am about, as far, and as often too, as any writer in Great Britain; yet I constantly take care to order affairs so that my main business does not stand still in my absence“.

Auschweifend beschrieben wird übrigens auch die Ausschweifung selbst, oder das zumindest, was später unter diesen Begriff fallen wird: Sexualität als reale Triebfeder gesellschaftlicher Bemühungen nimmt einen Großen Raum sowohl bei Sterne als auch bei Fielding ein; sie dient nicht nur in bemerkenswerter Offenheit der Unterhaltung des Zuschauers:

The fair Beguine, said the corporal, continued rubbing with her whole hand under my knee—till I fear’d her zeal would weary her—’I would do a thousand times more,‘ said she, ‚for the love of Christ’—In saying which, she pass’d her hand across the flannel, to the part above my knee, which I had equally complain’d of, and rubb’d it also.

I perceiv’d, then, I was beginning to be in love—

As she continued rub-rub-rubbing—I felt it spread from under her hand, an‘ please your honour, to every part of my frame—

The more she rubb’d, and the longer strokes she took—the more the fire kindled in my veins—till at length, by two or three strokes longer than the rest—my passion rose to the highest pitch—I seiz’d her hand—

And then thou clapped’st it to thy lips, Trim, said my uncle Toby—and madest a speech.

Whether the corporal’s amour terminated precisely in the way my uncle Toby described it, is not material; it is enough that it contained in it the essence of all the love romances which ever have

been wrote since the beginning of the world“3.

Sondern wird auch per Analogiebildung in den referierten Diskursen über gesellschaftliche Beziehungen bis in die feinsten Winkel der philosophischen Auseinandersetzung wirkmächtig.

V

Bereits Miguel de Cervantes Don Quixote de la Mancha bietet sich dazu an, ihn in Analogie zu Romanen des 20. Jahrhunderts als „postmodern“ zu lesen, führt der Begründer des Romans als eigenständiges Genre doch bereits das gesamte Arsenal der Verfremdungstechniken ein, die auch heute von Autoren noch gerne benutzt werden, als da wären: Autorenfiktion, Selbstreflexivität, oder das Eindringen „fiktiver Fiktion“ in die fiktive Realität. Dazu Michel Foucault:

In dem zweiten Teil des Romans trifft Don Quichotte auf Personen, die den ersten Teil des Buches gelesen haben. Der Text von Cervantes schließt sich in sich selbst, dringt in seine eigene Tiefe und wird für sich zum Objekt seiner eigenen Erzählung“4.

Und dennoch wäre nichts falscher als die Annahme, der Don Quixote sei ein avantgardistisches Werk: „Don Quichotte zeichnet das Negativ der Renaissance“5. Der verarmte Adelige, Relikt des vergangenen und negative Personifikation des Wandels, die die Emanzipation der Bürgerlichen Ratio vom Prinzip des Feudalwesens gebracht hat, als Ritter von der Traurigen Gestalt eine Existent an der Schwelle zur Überflüssigkeit, sieht sich auf die überkommene Überlieferung zurückgeworfen, um den Sinn der eignen Existenz zu beweisen. Aus diesem Paradoxon entwickelt sich die relative Freiheit der Fabulierens, die den Don Quixote gleichzeitig als archaische, quasi mythische Erzählung, und als moderne Erzählung über das Erzählen erscheinen lässt.

So wie Cervantes aus seiner Zeit heraus begriffen werden kann, ist es auch mit Laurence Sterne möglich. Die einseitige Fixierung auf die Modernität des Werkes mag als Werbekniff ihre Geltungsberechtigung haben, sie mag als genuiner Ausdruck des Erstaunens über die komplexe Komposition des Werkes sympathisch sein, doch verhärtet sie sich notwendig zum ideologischen Dogma. Ihr ist eine materialistische Analyse entgegenzusetzen, die, was an Wahrheitsgehalt im Eindruck der „Modernität“ aufgehoben ist, vor geschichtsvergessener Lobhudelei errettet. Zu begreifen wäre Sternes Tristram Shandy als Positiv jener Entwicklungen, deren Negativ sich ein Jahrhundert früher in Cervantes Don Quixote kristallisierte, als das sich Bewusstwerden des Subjektes an der Schwelle zur bürgerlichen Gesellschaft. Einer Gesellschaft die ihrerseits dieses Individuum vor Herausforderungen stellt die es kaum ermessen, schwerer noch begreifen kann.

Im Tristram Shandy korrespondiert die revolutionäre formale Gestaltung mit einer durchaus meist dem Zeitgeist verpflichteten Inhaltsebene. Und der nicht zu verachtende Erfolg, der den 9 Teilen von Sternes Romans bei den Lesern beschert war, legt nahe, dass Tristram Shandy kaum jemanden brüskierte, wenn auch die „bawdyness“ des Textes teils moniert wurde. Und die Wertschätzung, die im Gegensatz zu Samuel Johnson andere Kritiker Sterne entgegenbrachten trägt ebenfalls wenig dazu bei, den Autor als Avantgardisten wahrzunehmen. Untersucht man die konkreten Inhalte der Figurenäußerungen und der Erzählerrede sticht Sterne kaum aus dem Kanon der Meinungen seiner Zeitgenossen heraus, etwa wird das „Wesen der Frau“ deren Handlungen zu Grunde gelegt (und nicht deren individuelle Motivationen), und die daraus folgenden Aktionen werden wiederum als Beleg ihres unveränderlichen Wesens herangezogen:

He had, at length, the good fortune, by getting possession of her arms, to render those weapons which she wore at the ends of her fingers useless; which she no sooner perceived, than the softness of her sex prevailed over her rage, and she presently dissolved in tears, which soon after concluded in a fit.6

1 Stellvertretend für diese Sichtweise Volkes Stimme, sprich eine von vielen Rezensionen auf amazon. http://www.amazon.de/product-reviews/1853262919/ref=cm_cr_pr_link_2?ie=UTF8&showViewpoints=0&pageNumber=2

2 Die Gelobten wären, wird suggeriert, mit dem heutigen Status quo sehr zufrieden. Ob dem so wäre oder nicht ist sicher müßig zu diskutieren; der Erkenntnisgehalt einer solchen Diskussion läge etwa auf dem Niveau einer intensiven Erörterung der Frage „How much wood would a woodchuck chuck if a woochuch could chuck would“ [link zu video Monkey Island?], und wäre nicht halb so spaßig.

3 TS

4 Ordnung der Dinge 80

5 Ordnung der Dinge 79

6 TS

One thought on “The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman I

  1. Pingback: Unendliche Langeweile. Der definitive David Foster Wallace – Verriss | SonntagsGesellschaft

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s