The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman II

Ein-& Auslassungen zur Geschichte. Von der Warte der Literatur.

Es folgt ein längerer Aufsatz in 3-4 Teilen, den ich im Großen und Ganzen bereits vor mehreren Jahren verfasst habe. Das Thema ist mir ein wenig über den Kopf gewachsen, und man wird es dem Text anmerken. Dem Leser sei überlassen, ob er das als Homage an das hier unter anderem für den Tristram Shandy behandelte sprachliche Eindenken in das chaotischer lesen möchte, oder als unmittelbaren Ausdruck chaotischer Denkens. Immerhin, ich halte vieles in diesem Aufsatz entwickelte weiterhin für beachtenswert, darum wird er nun hier veröffentlicht…

VI

Die Geschichtsvergessenheit, mit der Sterne&all zur Avantgarde, oftmals weberwirksam zu ihrer Zeit enthobenen Vorläufern der (Post-)Moderne stilisiert werden, und die reale Durchsetzungsgeschichte des realistischen Romans selbst sind zwei Phänomene, denen die gleiche materielle Bewegung zu Grunde liegt. Nämlich die Konsolidierung der bürgerlichen Gesellschaft von einer revolutionären Bewegung, die im Zusammenhang mit der Verabsolutierung des Privateigentums als Grundlage von Gesellschaftlichkeit das modernen Individuum gebar, zur stabilen, organisierten Herrschaft des Privateigentums unter der Protektion des Staates.

Dagegen müssten die Werke von Sterne, den oben genannten Swift, Pope, Fielding u.a. auch und gerade als Dokumente des Bewusstseins ihrer Zeit verstanden werden: Als Dokumente einer Zeit in der das britische Empire das Ende der Phase der Entdeckungen einzuläuten beginnt und den Imperialismus staatlicherseits an die Leine zu nehmen beginnt, einer Zeit in der die Ideen der bürgerlichen Revolution überall auf dem Kontinent an Fahrt gewinnen. Lokal aber auch als Dokumente eines speziell britischen Zeitgeistes, der sich aufgrund der unblutigen Revolutionen, mittels derer sich das Bürgertum auf der Insel gegen den Adel durchsetzte, zur in Europa keimenden Barbarei durch eine gewisse Distanz auszeichnet, die es dem Gentleman und Abenteurer erlaubt gemeinsam mit dem Geschäftsmann zu existieren, ohne dass das Bewusstsein des Einen mit dem des Andren zusammenfällt. Der Freigeist und das System kommen sich nicht in die quere, für einige Zeit und beschränkt auf einen privilegierten Personenkreis bedingen sie sich sogar. Gesellschaftliche Entwicklung, Aufklärung und Zweifel fallen für diesen Personenkreis real zusammen, ohne dass man überhaupt die Notwendigkeit sieht, die Gewaltförmigkeit dieser Entwicklung zu unterschlagen:

That we and our children were born to die,—but neither of us born to be slaves.—No—there I mistake; that was part of Eleazer’s oration, as recorded by Josephus (de Bell. Judaic)—Eleazer owns he had it from the philosophers of India; in all likelihood Alexander the Great, in his irruption into India, after he had over-run Persia, amongst the many things he stole,—stole that sentiment also; by which means it was carried, if not all the way by himself (for we all know he died at Babylon), at least by some of his maroders, into Greece,—from Greece it got to Rome,—from Rome to France,—and from France to England:—So things come round.—

By land carriage, I can conceive no other way.—

By water the sentiment might easily have come down the Ganges into the Sinus Gangeticus, or Bay of Bengal, and so into the Indian Sea; and following the course of trade (the way from India by the Cape of Good Hope being then unknown), might be carried with other drugs and spices up the Red Sea to Joddah, the port of Mekka, or else to Tor or Sues, towns at the bottom of the gulf; and from thence by karrawans to Coptos, but three days journey distant, so down the Nile directly to Alexandria, where the Sentiment would be landed at the very foot of the great stair-case of the Alexandrian library,—and from that store-house it would be fetched.—Bless me! what a trade was driven by the learned in those days!“1

Aus der gegenteiligen Perspektive, quasi vom Ozean aus gedacht und zurückblickend aufs Heimatland, findet sich ein solches Bewusstsein auch in der Doppelbödigkeit von Swifts Gullivers Travels aufgehoben, das das vorsichtige Tasten nach innerer Kohärenz des Tristram Shandy äußerlich nachvollzieht: im Schweifen durch eine Welt voller Wunder und Gefahren, die den Protagonisten doch immer nur auf die Gesellschaft zurückverweisen, der er entsprungen ist. Aus der dabei entwickelten Kritik, etwa der einen radikalen Nominalismus lebenden, von der Vernunft beherrschten und vernünftig herrschenden Pferdewesen Houyhnhnms einerseits und der tierischen Barbarei der von ihnen beherrschten, menschlichen Yahoos auf der anderen Seite wird kein utopischer Gegenentwurf entwickelt, kein Aufruf nach gesellschaftlicher Versöhnung laut, es folgt auch nicht das zähneknirschende Lob auf das Bürgertum, das man erwarten könnte; es folgt der Ekel vor allem gesellschaftlich Vermittelten, der jedoch kein Außen kennt, da er in erster Linie projizierter Ekel vor dem eigenen Selbst ist:

But as those countries [die Gulliver besuchte] which I have described do not appear to have any desire of being conquered and enslaved, murdered or driven out by colonies, nor abound either in gold, silver, sugar, or tobacco, I did humbly conceive, they were by no means proper objects of our zeal, our valour, or our interest. (…) Yet, the smell of a Yahoo [d.i. Menschen, seine Ehefrau eingeschlossen] continuing very offensive, I always keep my nose well stopped with rue, lavender, or tobacco leaves.  And, although it be hard for a man late in life to remove old habits, I am not altogether out of hopes, in some time, to suffer a neighbour Yahoo in my company, without the apprehensions I am yet under of his teeth or his claws”.2

Heute liegt nahe, Sterne und Swift als Antagonisten zu betrachten (s.o.), allerdings teilen sie formal und stilistisch weit mehr, als sie trennt: Neben der Tendenz zur „Digression“ als zentrales Gestaltungsmittel des Diskurses wäre vor allem „the odd…“, das Absurde zu nennen, das nur scheinbar beide Romane in den Grenzbereich zur Fantastik rückt, in Wirklichkeit aber das verwirrte Innehalten widerspiegelt, die Vorsicht und die Unsicherheit des Individuums angesichts einer heraufdämmernden Gesellschaftsform, in der der Einzelne ganz auf sich allein gestellt sein wird. Auf den ersten Blick Verqueres bebildert bei Sterne die selbstbewusste Selbstsuche, bei Swift fühlt sie das Scheitern des vernunftgetriebenen Individualismus als Befreiungsideologie vor, den zu befürchtenden Untergang der kritischen Vernunft in der Pragmatik gesellschaftlicher Notwendigkeit. „The odd…“ antizipiert gewissermaßen den Unternehmerischen Solipsismus des Bürgertums, ohne ihn zu affirmieren. Daher erhält sich gerade im Absurden ein Wahrheitsanspruch des Erzählten, der die Möglichkeit einer korrekten Abbildung gesellschaftlicher Wirklichkeit in der Literatur zwar in Zweifel zieht, genau dies aber doch zum Ziel des Schreibens erklärt. Dass es eine Wahrheit gibt, ist unstrittig, doch ihre richtige Vermittlung eine Darstellungsfrage, bei deren Beantwortung man sich nicht leichtfertig auf die chronologische Reproduktion der Eindrücke verlassen kann. Sterne macht sich zum Advokaten eines materialistisch geschulten begrifflichen Denkens, das auch in ihren subtilen Differenzen die Welt treffend zu erfassen hat:

I chuse … to call these the amours of my uncle Toby with Mrs. Wadman, rather than the amours of Mrs. Wadman with my uncle Toby.

This is not a distinction without a difference.

It is not like the affair of an old hat cock’d—and a cock’d old hat, about which your reverences have so often been at odds with one another—but there is a difference here in the nature of things—

And let me tell you, gentry, a wide one too“.3

Allein daraus werden viele formale Absonderlichkeiten des Tristram Shandy verständlich, die die Reflexionen des Erzählers von denen etwa des von ihm hochgeschätzen John Locke „…who was seldom outwitted by false sounds…“4 absetzen:

You see, they are the highest and most ornamental parts of its frame—as wit and judgment are of ours—and like them too, indubitably both made and fitted to go together, in order, as we say in all such cases of duplicated embellishments—to answer one another“5

Hierin wird dem vulgären Empirismus ebenso eine Absage erteilt wie dem philosophischen Idealismus, diesen beiden komplementären Ideologien des bürgerlichen Individuums, das sich einmal bis zur Selbstverleugnung in die wahrgenommene Welt stürzt, nur um im nächsten Moment diese Welt in sich aufzunehmen, und schon zu glauben die Vorstellung habe sie erschaffen. Schon Hobbes, Kant, Descartes u.a. wussten sehr genau, dass der Solipsismus, solle er nicht jeden Anspruch auf Wahrheit aufgeben, einen Bezugspunkt außer sich braucht, daher das zur Vernunft hinzutretende göttliche Moment das kurz zuvor doch noch so vernünftig erledigt worden war. Auch Tristram Shandy sucht solch einen Bezugspunkt. Als bewusst in die Welt geworfenes Individuum findet er diesen aber nicht in der gleichen Schärfe vor wie die aufklärerischen Philosophen, die sich selbst außerhalb des reflektierten stellten und mit dem von ihnen gesetzten Gott6 eins wurden.

Mal ruft Tristram Shandy wie Homer die göttliche Allmacht zum Zeugen dafür an, dass Form und Inhalt seines Erzählens ihre Berechtigung haben, dann wieder wie ein gewitzter Politiker das intellektuelle Archiv seiner Zeit. Immer muss die Tradition als Stütze herhalten gegen das dem Erzähler selbst nicht ganz geheure Neue, das er doch heraufbeschwört und allenthalben die Tradition unterhöhlen lässt. Sterne drängt so das zwischen Selbstermächtigung und Selbstzerstörung oszillierende Ich in eine Sphäre der freiwilligen Beschränkung, in der das Streben nach Freiheit und die Sehnsucht nach Ordnung für einen Moment gleichermaßen aufgehoben scheinen. Aufgehoben sind auch all die oben skizzierten widerstreitenden Momente in einer kurzen Reflexion auf den Tod, die Tristram Shandy auf der Fähre von Dover nach Calais durch den Kopf geht: Das Bewusstwerden der Möglichkeit der „great catastrophe“7, die mehr als die eigene Sterblichkeit ist, stört das bürgerliche Ideal der Bildungsreise, wird sofort eingehegt in der kleinbürgerlich-romantischen Träumerei vom häuslichen Tod in einer Herberge fern der Heimat, und bei Seite gewischt aber nicht neutralisiert durch das sich-um-so-heftiger-ins-Jetzt-Werfen:

Was I in a condition to stipulate with Death, as I am this moment with my apothecary, how and where I will take his clyster—I should certainly declare against submitting to it before my friends; and therefore I never seriously think upon the mode and manner of this great catastrophe, which generally takes up and torments my thoughts as much as the catastrophe itself; but I constantly draw the curtain across it with this wish, that the Disposer of all things may so order it, that it happen not to me in my own house—but rather in some decent inn—at home, I know it,—the concern of my friends, and the last services of wiping my brows, and smoothing my pillow, which the quivering hand of pale affection shall pay me, will so crucify my soul, that I shall die of a distemper which my physician is not aware of: but in an inn, the few cold offices I wanted, would be purchased with a few guineas, and paid me with an undisturbed, but punctual attention—but mark. This inn should not be the inn at Abbeville—if there was not another inn in the universe, I would strike that inn out of the capitulation: so

Let the horses be in the chaise exactly by four in the morning—Yes, by four, Sir,—or by Genevieve! I’ll raise a clatter in the house shall wake the dead”8.

1 TS xxxf

2 GT, p xxxf)

3 Sterne 498

4 TS S. xxx

5 TS, Seite?

6 Link: Theoretiker = Wert

7 TS 443

8 ibid.

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