„Geldrassen“, „Völker“ und Sozialismus

und weiteres Fragmentarisches zu Star Trek, Sci-Fy und Fantasy allgemein…

Ein älterer Kommentar auf dem Blog Telegehirn zum Thema gelebte Utopie in Star Trek, den ich retten möchte, da er dort wohl nicht mehr gelesen wird (Telehirn ist übrigens noch aktiv und ein meist lesenswerter Blog). Der Text ist etwas hastig verfasst, enthält aber denke ich immer noch treffende Gedanken, insbesondere zu „Geldrassen“ in Fantasy und Science-Fiction gleichermaßen. Ich erinnere hier nur an die langnasigen Goblin-Banker aus Harry Potter, mit ihrer ganz eigenen Moral wenn es um Besitz und Verträge geht. Eine interessante Variante hiervon sind die Zwerge in DSA und (da bin ich mir nicht ganz so sicher) AD&D, die in ihren rassischen Eigenschaften „ehrliche Arbeit“ (Bergbau, Schmiedekunst) und Handel vereinen. Das ist allerdings eine sehr oberflächliche Lösung der Problematik die sich (s.u.) ergibt, wenn, wie in Fantasy und Sciencefiction so häufig, deutlich voneinander abgrenzbare Humanoidenrassen und – Arten aufeinanderstoßen, auf die dem Bedürfnis des Zuschauers gemäß die verschiedenen Talente und Fähigkeiten die den Einzelnen in der bürgerlichen Gesellschaft voranbringen können, aufgeteilt werden.

Star Trek & Utopie:

„Sicherlich enthält star trek utopische momente, und zwingt den, der die filme nicht einfach konsumiert und abhakt, über die organisation einer gesellschaft ohne geld und mit planwirtschatflicher produktion nachzudenken. wie die stücke von peter hacks übergeht die feier der gesammtgesellschaftlichen vernunft allerdings die dem innewohnende gewalt.

Ganz selten kommt zur sprache, wie eigentlich festgelegt wird, wem welche rolle zukommt (leistungsprinzip und auswahl in früher jugend spielen aber, soviel wird verraten, eine bedeutende rolle). das wird insbesondere interessant, wenn es darum geht dinge zu produzieren, die nicht per stück und nach notwendigkeit abgefragt werden können. literatur und journalistische arbeit, zum beispiel. das erfahren wir in Voyager, wo es einem von der föderation beschäftigten verleger obliegt zu entscheiden, ob der roman des doktors publiziert wird, oder in DS9, wenn Jake “journalist” werden möchte. ob die befreiung des menschen aus allen verhältnissen, in denen der ein geknechtetes wesen ist, überhaupt angestrebt wird, lasse ich mal dahingestellt. zumindest wird der technik /der entwicklung der produktionsmittel als bedingung dafür ausreichend raum gelassen. soviel raum allerdings, dass sich leicht sagen lässt: “dann kann es heute eben noch nicht so weit sein”.

Interessant zuletzt das verhältnis zum geld. das ist ja nun abgeschafft, und mit dem replikator lässt sich sowieso alles, was man braucht, replizieren. aber da die föderation letzlich doch nur “sozialismus in einem land” ist (und eine welt ohne geld dem kapitalistisch geprägten zuseher wahrscheinlich zu wenig konfliktpotential bietet), muss die geldfunktion auf ein außen projiziert werden. voila: die ferengi. nun gibt es viele berechtigte argumente, der art, dass das antisemitische klischee gebrochen werde, etwa, weil die ferengi den menschen in seiner primitiven, d.i. heutigen form vorstellen sollen, doch diese greifen zu kurz. als karikatur des modernen menschen müsste der ferengi sehr viel vielschichtiger sein; dass es einige „gute ferengi“ unter all den heimtückischen frauenfeindlichen kapitalisten gibt folgt der argumentation a la „einige meiner besten freunde sind juden“, es unterminierte nicht das klischee.

Die projektion scheint dem staatlichen sozialismus nach Star Trek Art immanent: die behinderung der widerspruchsfreien akkumulation ist im außen zu suchen. Startrek steht damit nicht allein da. Beinahe jede scifi/fantasy serie/burchreihe etc hat ihre geldrasse. man könnte sagen, am ausbleiben derer misst sich die utopie. andererseits schlägt da wohl in erster linie die wirklichkeit auf die fiktion durch. geldlos konflikte denken (über einen längeren zeitraum), scheint schwer. Das spricht zuletzt gegen das geld (das wertprinzip). aber halt ganz zuletzt.“

Nachtrag:

Über die Bedeutung des völkischen Moments in Star Trek jenseits der „Geldrasse“ würde ich perspektivisch gerne noch einmal etwas schreiben. Insbesondere mit Hinblick darauf, wie innerhalb von TOS, TNG und Voyager die oberste Direktive ausgelegt wird, und welche Bedeutung so genannter Spiritualität und dem Konzept „Gott“ zukommt. Den Vogel abgeschossen, wenn es um die Inthronisierung des Völkischen anstelle einer allgemein gültigen Rationalität geht hat meiner Meinung nach, nach nicht zu unterschätzender Vorarbeit durch DS9, die Folge „Tatoo“ von Star Trek Voyager. In dieser Folge wird der Vertriebenenstatus so erblich wie sonst nur unter Palästinensern. Nachkommen der Native Americans sind auf weit entfernte Planeten ausgewandert, und dort aus unerfindlichen Gründen noch immer „Ureinwohner“. Andere Parteien, die auf das Territorium Anspruch erheben sind „Imperialisten“. Wenn Star Trek, wie ich glaube, in vielem ein Spiegel der im Westen von einer breiteren Masse überhaupt denkbaren „Utopien“ ist, lässt das tief blicken, und stimmt traurig…

3 thoughts on “„Geldrassen“, „Völker“ und Sozialismus

  1. Lieber Cyrano!

    Da mir zu Trakl im Moment nichts weiter einfällt, als dass ich seine Gedichte grandios finde, nutze ich die Gelegenheit zu deinem neuesten Eintrag was zu schreiben.

    Als großer Star Trek Fan und begeisterter SF Konsument bin ich mit diesem Beitrag nicht glücklich. Ich habe von verschiedenen Seiten schon gehört, dass die Ferengi als antisemitische Projektion im Star Trek Kosmos gehandelt werden, kann das aber aus eigenen Seherfahrungen nicht bestätigen. In einer Folge von DS9 diskutieren Sisko und Quark über die moralischen Qualitäten (bzw. Fehler) der Ferengi, und als Sisko die Diskriminierung der weiblichen Ferengi als Argument anführt, kontert Quark damit, dass es in der Ferengi Kultur niemals solche großen Massaker und Massenmorde wie auf der Erde gegeben hat.

    Den Machern war also sehr wohl bewußt welche Assoziationen sie mit diesen Figuren wecken und wollten genau deswegen diese Figuren dazu benützen die eigenen Projektionen zu hinterfragen. Die moralische Verurteilung der Ferengi als geldgierige, frauenfeindliche Kapitalisten wird in zahlreichen Episoden in DS9 auf den Kopf gestellt, um die Vorurteile der Zuschauer in Frage zu stellen. In den alten Star Trek Folgen werden Kirk und Spock auf ähnliche Weise mit ihrer eigenen Projektionen konfrontiert, was Recht oder Unrecht ist und wie Gewohnheiten anderer Kulturen in der Interaktion bewertet werden müssen.
    Also ist der Schluss dass die Ferengi eine unbewusste antisemitische Projektion darstellen würden vollkommen haltlos. Ich halte es im Gegenteil für ein Symptom der Kulturkritik den Machern von Star Trek zu unterstellen, sie wüssten nicht was sie da tun. Gerade im US Fernsehen, das haben zahlreiche Serien und TV Produktionen gezeigt, sitzen Leute, die sich sehr bewusst sind, was die Motive, die sie einsetzen bedeuten und wie sie verstanden werden können.

    In keinem anderen Land der Welt ist man so sensibel für Antisemitismus und nirgendwo sitzen so viele intelligente Leute wie in den Drehbuchdepartments der TV Sender. Man sollte als gebildeter und kultivierter Mensch außerdem nicht immer davon ausgehen, dass jemand der über Raumschiffe und Photonentorpedos schriebt automatisch ein Trottel ist.

    Um zu sehen wie clever US Fernsehserien heutzutage ihre Inhalte gestalten empfehle ich alle vier Sesons von „Kampfstern Galactica“ anzusehen.

    Grüße, Jurek

  2. Hallo Jurek

    Mein Eindruck ist, dass das Ganze durchaus als Projektion angefangen hat, und später benutzt wurde um diese Projektion zu hinterfragen. Ok. Ob das von Anfang an so geplant war, oder ob hier mit der Zeit ein Problem bewusst wurde kann ich natürlich nicht sagen… wenn ich mich richtig erinnere wurden die Ferengi ja auch mehrfach stark umgemodelt, in der ersten Staffel von Next Generation waren sie noch eine ziemlich durchschnittliche Kriegerrasse.

    Ich möchte sicher nicht behaupten, das Statr Trek eine besonders üble antisemitische Projektion bedient, und das versucht wird den Topos der „Geldrasse“ zu unterlaufen ist der Serie sicherlich hoch anzurechnen. Ich finde aber so einfach kommt man aus der Sache nicht heraus. Wo, was nun einmal in der Science Fiction nahe liegend ist, weil sich die einzelnen Alien-Spezies im Gegensatz zu Menschengruppen ganz real und oft deutlich genetisch unterscheiden, rassische Eigenschaften wie „besonders kriegerisch“, „relativ emotionslos, logisch“, und eben „kann gut mit Geld umgehen bzw. gierig“ vorausgesetzt werden löst sich die Problematik nicht auf, indem man in der Folge darstellt, dass die Individuen der jeweiligen Spezies viel, viel komplexer sind. Star Trek finde ich als Beispiel für die Rassenproblematik in der Science-Fiction dann sogar recht passend, denn dort hat man sich wirklich Mühe gegeben nicht Stereotyp zu sein.
    Es wäre vielleicht ein interessantes empirisches Forschungsvorhaben, einmal zu untersuchen welches Bild von den Ferengi bei Menschen eher hängenbleibt, das Stereotyp oder die Dekonstruktion des Stereotyps (ich würde da große Unterschiede zwischen Gelegenheitszuschauern und Trekkies erwarten).

    Auf Leute, die über Raumschiffe und Photonentorpedos schreiben schaue ich sicherlich nicht herab, ich mache es ja selbst gerade…

    Zuletzt habe ich versucht mich in diese Racefail Debatte einzulesen, die 2009 anscheinend das englischsprachige Internet erschüttert hat… o.k., nur den Teil in dem sich Fantasy-Fans aufhalten… ich bin leider nicht wirklich durchgestiegen, aber es scheint mir es ging dort um etwas ganz ähnliches. Eine gut gemeinte „antirassistische Dekonstruktion“, die auf viele Leser vor allem rassistisch wirkte. Ich habe mich gefragt ob ich es wohl besser machen könnte, und glaube: Nein. Innerhalb der fantastischen Literatur (Film usw. eingeschlossen) geht diese Problematik ziemlich tief, und ein Paraderezept zur Lösung habe ich auch nicht.

    Ach ja, Kampfstern Galactica, das wurde mir nun schon öfter empfohlen. Ich habe bisher nur den uralten Dreiteiler gesehen und damals war ich vielleicht zehn oder zwölf… aber zu der Serie komme ich bestimmt auch noch irgendwann.

    lg

    Cyrano

  3. Pingback: Wagners Ring, Tolkiens Ring | SonntagsGesellschaft

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