Sensation? Nobelpreis für Literatur vergeben!

Mit Alice Munro wird die konzentrierte literarische Form gewürdigt.

Von Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro habe ich leider bisher erst eine einzige Kurzgeschichte gelesen. „The Moons of Jupiter“, aus der gleichnamigen Sammlung The Moons of Jupiter. Darin lotet eine Tochter das schwierige Verhältnis zu ihrem sterbenden Vater aus, während sie sich gleichzeitig fragen muss, ob sie mit ihren beiden Töchtern nicht die Fehler des Vaters wiederholt. Und waren dessen Fehler überhaupt Fehler? Ex-Liebhaber und andere Beziehungen tauchen in der Peripherie der Erzählung auf und verschwinden wieder, auf wenigen Seiten werden glaubhaft mindestens zwei, vielleicht mehrere Leben gezeichnet.

Sie frage sich manchmal, gab Munro der Tagesschau zufolge einmal an, wie andere Autoren es schaffen einen ganzen Roman zu schreiben. Sie habe schon genügend Schwierigkeiten mit 30 Seiten. Das mag daran liegen das Munro unglaublich dicht schreibt, erzählerisch sparsam die Verflechtung von Menschen in eine komplexe Welt auszudrücken weiß, und die Weitläufigkeit des Romans nicht braucht, um zum Punkt zu kommen. Störend wirkte auf mich an „The Moons of Jupiter“ einzig, dass die namensgebenden Jupitermonde der Geschichte eher aufgedrängt wird wirkten, mit ihr nicht von Anfang an Thematischmotive schon verschlungen waren. Dies sehen andere Rezensenten aber anders, und im Zweifel bitte ich denen zu glauben, die Möglichkeit hatten direkt mit dem Text und nicht aus der Erinnerung zu arbeiten.

Von einiger Bedeutung scheint in jedem Fall die Verleihung des Nobelpreises für Literatur an eine Autorin, die einzig Kurzgeschichten und kurze Erzählungen verfasst. Das lässt nach der bereits politisch sehr unkorrekten, künstlerisch aber vertretbaren Auszeichnung von Mo Yan im letzten Jahr darauf hoffen, dass der Preis wieder vermehrt literarische Qualität, und nicht politische Überzeugungen oder politischen Agenden in den Mittelpunkt stellen wird. Edgar Allan Poe forderte einmal, ein Prosatext müsse in sich geschlossen sein wie ein lyrisches Gedicht, und kurz genug, dass er in einem Stück erlebt werden kann. Ähnliches verlangte Saul Bellow Bello im Vorwort seiner späten Erzählungssammlung Something to Remember Me By. Und ein Freund von mir hält es ebenso, im gelten nur Text etwas die auf der Toilette beginnen und beenden kann.

Die Perspektive hat etwas für sich, möchte man Prosa nicht über Gebühr von anderen Kunstformen abgrenzen. Undenkbar wäre es doch, die Kreutzersonate nach dem zweiten Satz für drei Tage beiseite zu legen, ebenso undenkbar The Wasteland über Wochen Kapitel für Kapitel zu lesen, oder sich von Michelangelos David erst einmal nur den Unterleib anzuschauen, ehe man vielleicht im nächsten Jahr für die Brust zurückkommt. Natürlich soll damit dem längeren Prosatext nicht die Kunsthaftigkeit an sich abgesprochen werden, doch er hat sich formalen Schwierigkeiten zu stellen, die nicht allein aus dem Werk, sondern aus den zeitlichen Beschränkungen des Lesers erwachsen, und nur wenige große Romane werden dem wirklich gerecht.

Die Auszeichnung einer Autorin von Kurzgeschichten mit dem Nobelpreis für Literatur möchte ich daher nahe legen, als ein Lob der konzentrierten Form gegenüber der oft nur behaupteten Größe des modernen Romans zu lesen. Ob das tatsächlich die Intention des Nobelpreiskomitees ist, bleibt dabei zweitrangig. Zumindest punktuell könnte ein konzentrierter Blick auf Alice Munro‘s Werk den literarischen Diskurs aus dem postmodernen Sphären des bloßen Meinens heraus reißen, und zwingen über literarische Texte im Besonderen und die künstlerische Form im allgemeinen nachzudenken. In Ansätzen passiert das bereits, so veröffentlichte ausgerechnet die TAZ einen Artikel, der eine ganz ähnliche Stoßrichtung wie dieser hier entwickelt (obwohl man es sich dort nicht verkneifen kann schließlich statt der Literatur doch das Geschlecht der Autorin in den Mittelpunkt zu stellen), und auch die Kommentarspalten der online Medien sind bisher wohltuend frei von gefühlsduseligem Lob oder Verdammung der Preisträgerin.

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