Die Wahlverwandschaften

Äußere und innere Natur. Goethes Dialektik.

Walter Benjamins Beschäftigung mit den Wahlverwandschaften sind als Teil seines Gesamtwerks übrigens seit kurzem gemeinfrei in den Internet Archiven zu finden…

„Hier zum Beispiel“, versetzte Eduard, „ginge das wohl an. Der Schloßberg verläuft sich in einen vorspringenden Winkel herunter; das Dorf ist ziemlich regelmäßig im Halbzirkel gegenüber gebaut; dazwischen fließt der Bach, gegen dessen Anschwellen sich der eine mit Steinen, der andere mit Pfählen, wieder einer mit Balken und der Nachbar sodann mit Planken verwahren will, keiner aber den andern fördert, vielmehr sich und den übrigen Schaden und Nachteil bringt. So geht der Weg auch in ungeschickter Bewegung bald herauf, bald herab, bald durchs Wasser, bald über Steine. Wollten die Leute mit Hand anlegen, so würde kein großer Zuschuß nötig sein, um hier eine Mauer im Halbkreis aufzuführen, den Weg dahinter bis an die Häuser zu erhöhen, den schönsten Raum herzustellen, der Reinlichkeit Platz zu geben und durch eine ins Große gehende Anstalt alle kleine, unzulängliche Sorge auf einmal zu verbannen“.

Auf diese Weise werden von den Protagonisten in Goethes Wahlverwandtschaften stets Gesellschaft und Natur betrachtet und auf ihre Veränderbarkeit hin untersucht. Immer will man das angenehmst Mögliche schaffen, das der Gemeinschaft gleichsam wie den Individuen zu Gute kommen wird. Die darin angelegte Problematik wird deutlich, wenn man etwa betrachtet, wie Eduard und der Hauptmann die von Charlotte angelegten Wege zur Mooshütte, einer für spätere Verwicklungen im Romane zentralen Örtlichkeit, beurteilen:

„Gesteh mir aufrichtig“, sagte Eduard, „du bist mit ihren Anlagen nicht zufrieden“. “Wenn die Ausführung den Gedanken erschöpfte, der sehr gut ist, so wäre nichts zu erinnern. Sie hat sich mühsam durch das Gestein hinaufgequält und quält nun jeden, wenn du willst, den sie hinaufführt. Weder nebeneinander noch hintereinander schreitet man mit einer gewissen Freiheit. Der Takt des Schrittes wird jeden Augenblick unterbrochen; und was ließe sich nicht noch alles einwenden!“ „Wäre es denn leicht anders zu machen gewesen?“ fragte Eduard. „Gar leicht“, versetzte der Hauptmann; „sie durfte nur die eine Felsenecke, die noch dazu unscheinbar ist, weil sie aus kleinen Teilen besteht, wegbrechen, so erlangte sie eine schön geschwungene Wendung zum Aufstieg und zugleich überflüssige Steine, um die Stellen heraufzumauern, wo der Weg schmal und verkrüppelt geworden wäre.
Doch sei dies im engsten Vertrauen unter uns gesagt; sie wird sonst irre und verdrießlich“.

Ideal wäre den beiden eine Landschaftsgestaltung, die die Annehmlichkeit aller beförderte. Dass die Annehmlichkeit aller den größtmöglichen Vorteil des Einzelnen einschließt, wird vorausgesetzt. Ein anderes Verhältnis zur Natur als das bürgerlich zivilisierte der sanften Herrschaft – exemplarisch steht dafür im 19. Jahrhundert der englische Garten – wird nicht zugestanden. Was wenn Charlotte, die solches nie formulieren würde, aber gerade die relative Vereinzelung im sportlichen Anstieg auf schmalen Pfaden am Herzen gelegen hätte? Verdrängt wird, könnte man sagen, mit Kant, das Erhabene. Oder zumindest dessen Nachschein in der Zivilisation. In den Wahlverwandtschaften ist dafür kein Platz. Eine bürgerliche Idylle wird angestrebt, dass die individuellen Bedürfnisse in der bürgerlichen Gesellschaft sich essenziell unterscheiden könnten, wird verdrängt.

(Dass die Protagonisten der Wahlverwandtschaften offenkundig Adelige sind widerspricht dem nicht; es ermöglicht vielmehr die Ideale des bürgerlichen in einer Reinheit zu verhandeln, die im alltäglichen Hauen und Stechen, dass die bürgerliche Existenz ausmacht, nicht möglich wäre).

Wie das Verhältnis zur äußeren Natur, so auch das Verhältnis zur Inneren. Alle Schwierigkeiten, die aus dem Begehren, aus Triebhaftigkeit, entstehen könnten, hofft man durch rationales abwägen und Dialog lösen zu können. Menschliche Beziehungen werden analog gedacht zu chemischen Prozessen – daher der Titel Wahlverwandtschaften.

„“Nun so laßt mich denn, weil ihr doch einmal im Zug seid, ein paar solche Fälle wissen!“ „So schließen wir uns denn gleich“, sagte der Hauptmann, „an dasjenige wieder an, was wir oben schon benannt und besprochen haben. Zum Beispiel was wir Kalkstein nennen, ist eine mehr oder weniger reine Kalkerde, innig mit einer zarten Säure verbunden, die uns in Luftform bekannt geworden ist. Bringt man ein Stück solchen Steines in verdünnte Schwefelsäure, so ergreift diese den Kalk und erscheint mit ihm als Gips; jene zarte, luftige Säure hingegen entflieht. Hier ist eine Trennung, eine neue Zusammensetzung entstanden, und man glaubt sich nunmehr berechtigt, sogar das Wort Wahlverwandtschaft anzuwenden, weil es wirklich aussieht, als wenn ein Verhältnis dem andern vorgezogen, eins vor dem andern erwählt würde““.

Soweit das Denken ausnahmslos aller Charaktere im Roman. Der Roman selbst ist beinahe die entfaltete Antithetik dessen. Das Verdrängte kehrte wieder mit aller Macht. Die flammende Liebe Eduards zu Ottilien durchbricht  rationale Abwägung ebenso wie das Ideal des „leben und leben lassen“. Einen Vorgriff darauf leistet eine Szene zu Ottilien Geburtstag, wo die doch so gehegte Natur der Gartenanlagen ihren Tribut fordert, und beinahe jene Katastrophe hereinbricht, die zuletzt im Tod Ottilliens zuschlägt:

„Der Hauptmann bemerkte die dazu getroffenen Vorrichtungen nicht mit Vergnügen; er wollte wegen des zu erwartenden Andrangs der Zuschauer mit Eduard sprechen, als ihn derselbe etwas hastig bat, er möge ihm diesen Teil der Feierlichkeit doch allein überlassen. Schon hatte sich das Volk auf die oberwärts abgestochenen und vom Rasen entblößten Dämme gedrängt, wo das Erdreich uneben und unsicher war. Die Sonne ging unter, die Dämmerung trat ein, und in Erwartung größerer Dunkelheit wurde die Gesellschaft unter den Platanen mit Erfrischungen bedient. Man fand den Ort unvergleichlich und freute sich in Gedanken, künftig von hier die Aussicht auf einen weiten und so mannigfaltig begrenzten See zu genießen. Ein ruhiger Abend, eine vollkommene Windstille versprachen das nächtliche Fest zu begünstigen, als auf einmal ein entsetzliches Geschrei entstand. Große Schollen hatten sich vom Damme losgetrennt, man sah mehrere Menschen ins Wasser stürzen. Das Erdreich hatte nachgegeben unter dem Drängen und Treten der immer zunehmenden Menge. Jeder wollte den besten Platz haben, und nun konnte niemand vorwärts noch zurück“.

Später wird, erregt vom Wiedersehen mit Eduard, Ottilie ein Kind in eben diesen See fallen lassen. Dann stirbt sie vor Gram.

Nicht die gestalterische Freiheit des Idealismus kommt in den Wahlverwandtschaften zum Ausdruck, sondern der Verhängniszusammenhang in den sich gestalterische Hybris begibt, die die Gesellschaft, wie sie ist, idealisiert. Der Traum, Natur zu beherrschen, zerfällt. Zweite Natur, unerkannt, schlägt auf die Einzelnen zurück. Natur und zweite Natur rächen sich an den Menschen. Und tatsächlich: schon die Katastrophe am See ist eine gesellschaftliche.

Und somit auch der schrecklich private Tod Ottiliens…

„Unterdessen kann man bemerken, daß Ottilie kaum Speise noch Trank zu sich nimmt, indem sie immerfort bei ihrem Schweigen verharrt (…) Das bleiche himmlische Kind saß, sich selbst bewußt, wie es schien, in der Ecke des Sofas. Man bittet sie, sich niederzulegen; sie verweigerts, winkt aber, daß man das Köfferchen herbeibringe. Sie setzt ihre Füße darauf und findet sich in einer halb liegenden, bequemen Stellung. Sie scheint Abschied nehmen zu wollen, ihre Gebärden drücken den Umstehenden die zarteste Anhänglichkeit aus, Liebe, Dankbarkeit, des Abbitte und das herzlichste Lebewohl. Eduard, der vom Pferde steigt, vernimmt den Zustand, er stürzt in das Zimmer, er wirft sich an ihre Seite nieder, faßt ihre Hand und überschwemmt sie mit stummen Tränen. So bleibt er lange. Endlich ruft er aus: „soll ich deine Stimme nicht wieder hören? Wirst du nicht mit einem Wort für mich ins Leben zurückkehren? Gut, gut! Ich folge dir hinüber; da werden wir mit andern Sprachen reden!“ Sie drückt ihm kräftig die Hand, sie blickt ihn lebevoll und liebevoll an, und nach einem tiefen Atemzug, nach einer himmlischen, stummen Bewegung der Lippen: „versprich mir zu leben!“ ruft sie aus, mit holder, zärtlicher Anstrengung; doch gleich sinkt sie zurück. „Ich versprech es!“ rief er ihr entgegen, doch rief er es ihr nur nach; sie war schon abgeschieden“.

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