Mythos und Aufklärung bei Stefan George

Bemerkungen zum dialogischen Gedicht Der Mensch und der Drud.

Im späten Gedicht Der Mensch und der Drud stellt Stefan George der Herrschaft der praktischen Vernunft (Mensch) dialogisch jenes schwer definierbare andere gegenüber, welches die entzauberte Welt unwiederbringlich verloren gibt. Jenes wird im Druden symbolisiert.

Zwar geschieht das eher holzschnittartig, umso mehr, wenn man sich der These anschließt, dass George sich selbst im Drud personifizierte, dass der Zauber der Natur also das letzte Wort habe. Es stünden dann die schlechte Rationalität, die die Zivilisation gebiert der guten magischen Natur, die im dichterischen Mythos geformt wird, gegenüber.

Aber lässt sich diese Interpretation halten, wenn man einmal von den berechtigten Vorurteilen absieht, die man gegenüber der Person George, diesem den Nationalsozialismus zugetanen, stets zur Mystifizierung gesellschaftlicher wie auch privater Konstellationen neigenden Dichter, hegen kann?

DER MENSCH
Bald ist kein raum mehr für dein zuchtlos spiel.

DER DRUD
Bald rufst du drinnen den du draussen schmähst.

DER MENSCH
Du giftiger unhold mit dem schiefen mund
Trotz deiner missgestalt bist du der unsren
Zu nah, sonst träfe jezt dich mein geschoss..

In dieser Passage kurz vor Schluss des Gedichtes äußert sich der Drud beinahe prophetisch über die Gefahr der Wiederkehr des Verdrängten, die die fortschreitende unreflektierte Naturbeherrschung mit sich bringt, und der Mensch negiert darauf Zug um Zug die vorher aufgebaute absolute Kluft zwischen Mensch und Drud, er erkennt die Menschenähnlichkeit des Druden an, indem er diesen nicht töten kann, und damit zugleich auch die mögliche Drudenähnlichkeit des Menschen.

Gewiss, der Drud hat dann das letzte Wort, und manches daran klingt reichlich schal:

Das tier kennt nicht die scham der mensch nicht dank.
Mit allen künsten lernt ihr nie was euch
Am meisten frommt.. wir aber dienen still.
So hör nur dies: uns tilgend tilgt ihr euch.
Wo unsre zotte streift nur da kommt milch
Wo unser huf nicht hintritt wächst kein halm.
Wär nur dein geist am werk gewesen: längst
Wär euer schlag zerstört und all sein tun
Wär euer holz verdorrt und saatfeld brach ..
Nur durch den zauber bleibt das leben wach.

Doch hierin wird keineswegs des Menschen Existenzberechtigung geleugnet, noch nicht einmal Zivilisation an sich infrage gestellt: „So hör nur dies: uns tilgend tilgt ihr euch“, verweist viel eher auf ein sehr reales Selbstvernichtungspotenzial praktischer Vernunft, so sehr auch die Idee eines natürlichen magischen Regulativs „Wär nur dein geist am werk gewesen: längst / Wär euer schlag zerstört und all sein tun / … Nur durch den zauber bleibt das leben wach“. Im Ideologischen verhaftet bleibt.

In dem Fall zeigen sich in Der Mensch und der Drud Ideen über und Einsichten in die Verwicklung von Mythos und Aufklärung, die denen der kritischen Theorie nicht unverwandt sind. Genaueres dazu sowie zur geistesgeschichtlichen Genese dieser Gemeinsamkeiten findet man in dem Buch Muttermythos und Herrschaftsmythos: zur Dialektik der Aufklärung um die Jahrhundertwende, bei Stefan George, den Kosmikern und in der Frankfurter Schule.

5 thoughts on “Mythos und Aufklärung bei Stefan George

  1. Pingback: „Leda and the Swann“ von William Butler Yeats | SonntagsGesellschaft

  2. Mensch und Drud – eine Anregung aus meinem Computer

    Hier zeigt sich die Kritik (Georges) an der instrumentellen Vernunft, der Hybris der undichterischen Moderne und ihrem rein wissenschaftlichen Wahrheitsbegriff – ihrem „rechenden Denken“: nur das Messbare, Berechenbare darf Wahrheit beanspruchen. Natur existiert nur als vom Menschen technisch beherrschbarer Gegenstand, Spiritualität, wenn überhaupt, als abstraktes theologisches Vernunft- und Prinzipiensystem, mathematisch exakt abgeleitet..
    Georges bester Freund und führende Goethe-Kenner Deutschlands, der deutsch-jüdisische Schriftsteller Gundolf, sah Hölderlin als denjenigen an, der diese Problematik zuerst und am tiefsten gesehen hatte. Er nannte ihn den „Seherdichter“ in einer unspirituellen, undichterischen, „entgötterten Welt“. Für Hölderlin war die instrumentelle Vernunft, das „rechnendende Denken“ der verborgene „barbarische“, grausame Zug der nordisch gefühlskalten deutschen Kultur – paradigmatisch für die geistige Entwicklung des Abendlandes, weg von seinen Ursprüngen im antiken mythentrunkenen dichterischen Griechenland. In Deutschland besonders stark ausgeprägt, weil es anders als die romanischen Länder nie mit der Weltauffassung der alten Griechen, ihrer Religion der spirituellen Schönheit, direkt in Kontakt gekommen war. Hölderlin nannte die Deutschen die „allberechnenden Barbaren“, „Barbaren von alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls“. Sie würden die Natur nur als einen vernutzbaren Gegenstand ansehen und damit letztendlich Gefahr laufen den Menschen selbst zu entheiligen: „es ist nichts Heiliges, was nicht entheiligt, nicht zum ärmlichen Behelf herabgewürdigt ist bei diesem Volk (…) Oder ist nicht göttlich, was ihr höhnt und seellos nennt? Ist besser, denn euer Geschwätz, die Luft nicht, die ihr trinkt? der Sonne Strahlen, sind sie edler nicht, denn all ihr Klugen?(…) ihr entwürdiget, ihr zerreißt, wo sie euch duldet, die geduldige Natur, doch lebt sie fort…“.

    • Nur in gebotener Kürze, weil ich der redundanten Debatten doch leid bin, zu den letzten Kommentaren.
      Zum chronologisch ersten: die Geschichte des so genannten Geheimen Deutschland und die typischen Varianten, nach denen Mitläufer und Aktive, die bis zum Moment der sich abzeichnenden Niederlage unerschüttert zum Nationalsozialismus standen, exkulpiert werden, sind mir bekannt. Ich hatte es schon bei den letzten Verweisen auf problematische Äußerungen von Mann & Co klargestellt: Es macht einen himmelweiten Unterschied ob man relativ früh umdenkt, sehr spät oder gar nicht. Von den hier genannten haben alle, die lang genug lebten, ihre Positionen bis zum Schluss mehr oder weniger radikal aufrecht erhalten. Insbesondere Heidegger:

      „Noch in seinem Spiegel-Interview wartete er auf diese neue Spiritualtät, die die Welt retten könne: “Nur ein Gott kann…”

      Genau das ist Hybris. Gerettet haben, was von der Zivilisation blieb, amerikanische und sowjetische Soldaten.

      Im gleichen Interview, auch darauf wies ich schon mehrfach hin, setzt Heidegger industrielle Massenproduktion und die Massenvernichtung von Menschen als im Wesen gleich. Dass das alles nur im Sinne seiner Philosophie unglaublich metaphysisch und tief gemeint sei, ist nicht nur eine schlechte Ausrede, es ist gar keine. Es ist eine geschickte Volte, die es ermöglicht als Faschist weiter Faschist zu sein und dabei auch noch intellektuell zu wirken. Die Aussage ist im übrigen so wahr wie die, der Liebesakt zwischen Mann und Frau und der bestialische Mord mit dem Messer seien im Wesen gleich – in beiden Fällen werde in einem Körper eingedrungen.

      Explizit zu George:

      „elitär, aristokratisch, aber nicht modern nationalsozialistisch-faschistisch, imperialistisch, nur bedingt völkisch“

      Vielleicht gibt es ja ein Leben nach dem Tod und sie treffen dort diesen fehlgeleiteten Dichter, der anscheinend zu blöd war um zu wissen, was er schrieb, wenn er sagt er erkenne „ die Ahnherrschaft der neuen nationalen Bewegung an“, (ganz wichtig hierbei: neu. Nicht irgend eine nationale Bewegung, die Neue. Von der gab es nach 1933 genau eine) und das als explizite Antwort auf eine Einladung der Nationalsozialisten. Zudem: George war hier alt und dem Tode nahe genug um zu wissen, dass er sich nicht mehr würde verstellen müssen. Fakt ist: die meisten deutschen Elitaristen und die Protagonisten der konservativen Revolution fügten sich dem Nationalsozialismus gerne und wurden oft freudige Weggefährten, wenn ich so etwas wie etwa die jüdische Herkunft Borcherts dazwischen kam. Der obige Artikel lotet daher aus gutem Grund das Spannungsfeld zwischen Faschismus, nationalem Elitarismus und international geschulter Ästhetik bei George aus, denn darin entfaltet sich viel von seiner Wirkung im positiven wie im negativen. Kronzeuge ist immerhin Benn, ein großer Verehrer Georges, und sicherlich über jeden Verdacht erhaben den Dichter denunzieren zu wollen. Natürlich ist der Fall George verzwickte als der Heideggers oder Benns. Der frühe Tod zwingt zur Spekulation, dass George vom kleinbürgerlichen Spießertum des Nationalsozialismus mit der Zeit sehr enttäuscht worden wäre, ist anzunehmen, zu stark seine Verbindung zum Ästhetizismus und insbesondere Malarmé.

      „Für Hölderlin, George u.a. der Gegenpol zur entzauberten neuzeitlichen, modernen Kultur, die den Menschen als Herrn über das Sein und das Sein als einen vernutzbaren materiellen Gegenstand, definiert.“

      Wenn das alles wäre, was der Herr der Insel enthält, so wäre es gerade kein gutes Gedicht. Zum Glück ist das Werk oft klüger als der Autor, einen Text der die schrööckliche Moderne unverbrauchter Natürlichkeit gegenüberstellt könnte jeder x-beliebigen Hippie verfassen. Drum lieben postmoderne linke den Derrida auch so. Er ist der eleganterer Heidegger.

      „Hier zeigt sich die Kritik (Georges) an der instrumentellen Vernunft, der Hybris der undichterischen Moderne und ihrem rein wissenschaftlichen Wahrheitsbegriff – ihrem „rechenden Denken“

      Gleiches gilt für Mensch und Drud. Im Text dazu wurde gezeigt das es so einfach nicht ist, dass der Drud einiges an menschlichem und der Mensch „drudliches“ enthält. Auch hier gilt: stimmt, vordergründig war Georges denken womöglich wirklich so platt, wie Sie es hier herunterbrechen. Sein Werk transzendiert die binären Oppositionen und die so pubertären wie, wenn entfesselt, vernichtenden, antimoderne Invektiven.

  3. Ich sehe, leider konnte ich bei Ihnen kein tieferes Interesse hervorrufen und Ihre harten Urteile abmildern. Im Prinzip werden sie wohl Recht behalten: George und Heidegger werden wohl nicht mehr vom Faschisten/Nazi-Image wirklich loskommen und als irgendwie denkerisch verfehlt gelten. (Ich hatte mich wirklich aufgeregt, weil in letzter Zeit in der Presse so hart gegen sie vorgegangen wurde u. wollte etwas dagegen tun) Aber sie werden wohl abseits des Mainstream der Moderne ein Geheimtipp bleiben. In seiner Zeit galt George, der 7 Sprachen beherrschte, als einer der profundesten Kenner der europäischen (deutschen) Literatur- und Geistesgeschichte, als echte Geistesgröße. Seine Schüler zählten zur Creme de la Creme der deutschen Geisteswissenschaft, mehrere sogar (Kantorowicz, Gundolf z.B.) in ihrer Zunft zu den Größen der letzten 300-400 Jahre. Bei Heidegger kann man wohl abseits seiner umstrittenen Philosophie sagen, dass er wohl weltweit im 20 Jh. als tiefster Kenner der Ideengeschichte der abendländischen Philosophie galt. Aber von seinem frühen Ruhm kann man sich nichts kaufen!
    (PS Stauffenberg (&Co) wollte ich nicht verteidigen, da kenne ich mich nicht aus!)

  4. Ein letztes: Für mich ein Rätsel, wie die Journalisten interpretieren:

    „Ackerbau ist jetzt motorisierte Ernährungsindustrie, im Wesen das Selbe wie die Fabrikation von Leichen in Gaskammern und Vernichtungslagern, das Selbe wie die Blockade und Aushungerung von Ländern, das Selbe wie die Fabrikation von Wasserstoffbomben.“ (…)
    Meine Interpretation: Alles wird in der Moderne zur Machtsteigerung technisiert: z.B. der Ackerbau. Aber eben auch der Krieg: eine sinnlose Fabrikation von Leichen. Die Nazi-Lager waren systematische technisierte Massenvernichtung Unschuldiger ebenso die Seeblockaden und der Atombombenabwurf.
    M.E. kann man Heidegger nur den Vorwurf machen Atombombenabwürfe, Hungerblockaden und Vernichtungslager gleichzusetzen.

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