Versuche über die Kleinstadt. Ein Triptychon

Versuch über den Bahnhof

Der Bahndamm hat etwas von Wildnis, ohne dass ihm etwas Ursprüngliches zukommen würde. So verkörpert der Bahndamm die Wahrheit über die Wildnis, die eine solche nur wird, wo der Mensch sie anblickt.

 Der Bahndamm ist Wildnis zweiter Ordnung. War Wildnis (und damit Natur), Wildnis, weil sie menschlicher Gestaltung widerstrebte, so ist der Bahndamm, mag das Menschen widerstreben, notwendiges Bild von Wildnis, durch Gestaltung.

 Große Provinzbahnhöfe zeichnen das Bild in einer Schärfe, die hinterm pittoresken Flair der Dorfbahnhöfe und der kapitalgedeckten Mondänität der Großstadtbahnhöfe nur unzureichend zu verschwinden vermag: Braune Steine erstrecken sich ins Nichts, begleitet, jedoch nicht eingerahmt von schnurgeraden Schienen. Die Wahrheit, dass die Steine aufgeschichtet werden die Schienen zu stützen, bricht die ästhetische Dominanz der Steine nicht. Rundherum mögen Häuser stehen, Fabriken oder Gras, Büsche, Bäume. Wo der Bahnhof in die Welt ausfranst, schlägt er eine Schneise in das hermetische Bild des Fortschritts, die prekäre Naturverhaftetheit des frühen Menschen findet hier ihren zivilisatorisch adäquaten Spiegel. Vielleicht auch deshalb üben die Schienen solch eine Anziehungskraft auf spielende Kinder aus.

Wer einmal morgens am Bahnhof gestanden, wenn die Gleise vielleicht in den Nebel ragen, und sonst noch niemand da ist: der kennt das Gefühl der Einsamkeit, das sich mit Wollen verschweißt: Weg. Wohin?

 Dem globalisierten Subjekt tritt am Bahnhof materiell die Möglichkeit vor Augen, in der Welt zu sein. Gleichzeitig erfährt es, dass diese Welt materiell nicht zu erschließen sei, dass sie nur theoretisch offen steht, kurz, das meist das Geld fehlt. Solcherart Gedanken sind konstitutiv, aber nicht ausreichend, um die Melancholie zu verstehen, die die Sensibleren unter uns am Bahnhof beschleicht. Erst in der Erfahrung der Einöde, im intuitiven Erkennen der Bresche, die die Reise in die behauptete Identität von Subjekt und Welt schlägt, in der Wüste aus Steinen (mancherorts Holz oder Sand, selten Asphalt) und Schienen, die ich nicht überquere, sondern die mich trägt, ist das ambivalente Gefühl von Allwollen und Ohnmacht erklärbar, das mit der Bahn in moderner Zeit zusammengeht:

 Am Bahnhof bin ich ein „Robinson“, und bin, im Gegensatz zu Robinson, mitschuldig daran. Der gefühlte Widerspruch, der die Stupidität der Ideologie vom freien und selbstverantwortlichen Individuum kenntlich macht, transportiert das Unbehagen, das Unmündigkeit gesellschaftlich gemacht hat: Ich habe die Wüste, den Bruch, vor Augen, und ich hoffe zu entkommen. Doch ich wandre von Wüstenei zu Wüstenei und könnte ich es mir gar leisten, noch jeden Ort der Welt (mit Anschluss ans Schienennetz) zu bereisen: der Bahnhof sagt mir stets: Du nimmst die Wüste mit dir (und in dir ist Wüste, weil du in der Wüste bist)!

Das ist zuletzt auch, was den distanzierten Begriff des „Bereisen“ ausmacht.

*In diesem Jahr habe ich zwei hier schon mal veröffentlichte „Versuche“ sowie einen noch unveröffentlichten dritten unter dem obigen Titel für einen Essaypreis eingereicht. Da das erfolglos blieb werde ich in nächster Zeit alle drei Versuche wieder auf der Sonntagsgesellschaft einstellen…

4 thoughts on “Versuche über die Kleinstadt. Ein Triptychon

  1. Wow, sehr schön! Auch wenn ich’s beim ersten Lesen nicht völlig verstanden habe, der Text fühlt sich an, als wolle er laut vorgelesen werden. Falls Du eine Audio-Version davon haben magst, sag Bescheid.

  2. Ja fein, dann machen wir das doch. Es gibt aber noch ein paar Kleinigkeiten, die ich vorher fragen muss. Hab jetzt keine Email-Adresse von Dir hier gefunden. Meine findest Du in meinem Gravatar-Profil und in meinem Blog.

  3. Pingback: (III) – Versuche über die Kleinstadt. Ein Triptychon | SonntagsGesellschaft

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