Konkret vs. Marcel Reich-Ranicki

In der untersten Schublade findet sich neben einer Prise Antisemitismus auch noch ziemlich viel Meinung zu Musil.

I – Der Feind ist der Bürger ist der Spießer ist der Jude

In Konkret sind nach dem Tod Marcel Reich-Ranickis gleich zwei Aufsätze erschienen, die versuchen den vom Feuilleton zum „Kritikerpapst“ Stilisierten seiner literarischen Unkenntnis und eines verdammenswerten Konservativismus zu überführen, und die sich dafür des ein oder anderen antisemitischen Untertons nicht zu schade sind. Gremliza entschuldigt sich immerhin verschämt in einer Fußnote für seinen tatsächlich schon bald 20 Jahre alten Text, den er dennoch allem Anschein nach für veröffentlichenswert hält, Michael Scharang dagegen wettert ohne jede Scham gegen den „Schmock“ und „Blockwart“ Reich-Ranicki, der sich erdreistete im Spiegel sowie in seinem Buch Sieben Wegbereiter dem heute meist linken Bildungsbürger die Wahrheit über Robert Musil zu sagen:

Dass das Scheitern des Mann ohne Eigenschaften nämlich nicht ein Ausweis der Genialität des Autors oder dessen besonders intensiven Durchdringens der Welt sei, sondern vor allem der Überschätzung des eigenen – Musilschen – Talents geschuldet.

So etwas aber auch. Da gibt es endlich mal einen Autor der ein Fragment hinterlässt (das liebt der Progressive, vom Romantiker bis zum K-Grüppler), der zudem noch philosophische Tiefe aufweise (Reich-Ranicki allerdings zeigt, es handelt sich größtenteils um montierte Fragmente von Proponenten eines relativ vulgären Nietzscheanismus sowie ein wenig Gymnasialmathematik und Physik), und der sich zudem noch wenig darum scherte ob das Werk am Ende ein durchkomponiertes Ganzes ergebe (so was bürgerliches macht nur Thomas Mann, „der versteht es, selbst die besten Passagen in seinen besten Texten zu neutralisieren, indem er sie mit altmeisterlichem Getue und augenzwinkernden Manierismen präsentiert, um auch den Spießer bei Laune zu halten“), und dann ist dieser Autor der deutschen Literaturkritik geradezu heilig (da kann der Linke sich zugleich widerständisch und doch im Schoße der Akademie geborgen fühlen); und nun kommt der Herr Reich-Ranicki und erklärt uns, warum Musil womöglich stark überschätzt wird.

Und das macht er recht überzeugend:

„Es ist doch gerade die Fülle der Details, der Einfälle, die Musils Werk so fragwürdig macht. Denn viele von ihnen haben innerhalb des Romans keinerlei Funktion…“.

„Dabei übernahm Musil manche Kapitel und zahlreiche Passagen ganz oder teilweise von anderen Autoren, (…) Die verwendeten Beiträge betreffen alle denkbaren Themen, haben oft mit den Figuren des Romans nichts zu tun und sind von sehr unterschiedlichen Schriftstellern oder Journalisten geschrieben (…) Viele dieser (gelegentlich schamlosen) Anleihen haben die Musil-Philologen respektvoll untersucht und kommentiert. Es ist der emsigen Forschung gelungen, eine Menge derartiger im „Mann ohne Eigenschaften“ ohne Pardon untergebrachten Lesefrüchte – natürlich nicht alle – aufzudecken“.

„Die Handlung, soweit von einer solchen die Rede sein kann – Heimito von Doderer spricht von einer „im Essayismus erstickenden fadendünnen Handlung“ -, dient meist bloß als Vorwand

„Nur in wenigen Kapiteln ist im „Mann ohne Eigenschaften“ das Sinnliche dem Begrifflichen gewachsen. Das hat einen einfachen Grund: Musils Stil kann eher dem Abstrakten beikommen als dem Konkreten. So erfahren wir in Zusammenhang mit einer leidenschaftlichen Affäre aus Ulrichs Vergangenheit, dass er sich an das Gesicht, an die Stimme und an die Kleider seiner Freundin nicht mehr erinnern könne, denn: „Ulrich hat sich von Beginn an weniger in die sinnliche Anwesenheit dieser Frau verliebt als in ihren Begriff.“ Und: „Es dauerte nicht lange, da war sie ganz zum unpersönlichen Kraftzentrum, zum versenkten Dynamo seiner Erleuchtungsanlage geworden.““

„Ob es seiner Gemeinde nun gefällt oder nicht – Musil ist ein traditioneller, ein allwissender Erzähler der herkömmlichen Art; und nur da, wo er im „Mann ohne Eigenschaften“ traditionell erzählt, gelingen ihm Kapitel von beachtlicher oder gelegentlich auch hoher Qualität. Damit hängt ein Widerspruch zusammen, der sich durch den ganzen „Mann ohne Eigenschaften“ zieht, der den Roman gefährdet und seine Konzeption in Frage stellt: Einerseits bedrängt Musil den Leser mit dem zu seiner Zeit üblichen, dem überaus modernen Zweifel an der Darstellbarkeit der Welt, andererseits ist er über das Seelenleben seiner Personen genauestens informiert und breitet dieses Wissen immer wieder aus.“

„Der Inzest, zumal der Geschwisterinzest, ist ein Urmotiv, ein ehrwürdiger Topos der Weltliteratur, besonders oft als Versatzstück verwendet (…) Im „Mann ohne Eigenschaften“ folgt Musil in dieser Hinsicht ganz und gar der Tradition, um nicht zu sagen: der Konvention. Beinahe immer hat die Geschwisterliebe in der Weltliteratur ihren Ursprung in der Ähnlichkeit oder sogar Gleichheit der beiden Geschwister, also der geistigen Neigung und der psychischen Veranlagung des in der Regel jungen Paares. (…) Doch sollte man Musil nicht vorwerfen, dass er die in der Inzestliteratur seit Generationen üblichen Motive und Elemente wiederholt. Nur kann er so gut wie alles, was er in der Ulrich-Agathe-Geschichte zeigen und darstellen möchte, eben weder zeigen noch darstellen, da er über die hierzu erforderliche Sprache nicht verfügt. Daher muss er sich mit der baren Information behelfen, sie steht fortwährend im Vordergrund dieser Prosa. Mit anderen Worten: Worauf es Musil ankommt, kann er uns nur direkt mitteilen – er tut es unzählige Male.“

II – Wie werde ich Denunziant anstelle des Denunzianten?

Und so weiter. All diese und viele weitere mit Textstellen ausführlich belegten Kritikpunkte zusammengenommen wird deutlich, was Marcel Reich-Ranicki am Mann ohne Eigenschaften auszusetzen hat. Dem Autor gelinge es nicht sein ehrgeiziges Vorhaben stilistisch und kompositorisch umzusetzen. Immer merkt der Leser dem Text an was der Autor eigentlich will und schwankt zwischen Scham und Gelächter darüber wie gründlich dies oft misslingt. Musil, so Reich-Ranicki, müsse seine Gedanken stets ausbuchstabieren und sei nicht fähig etwas der Imagination des Lesers zu überlassen. Und was macht daraus der Kritiker-Kritiker Scharang?

„Hätte Reich-Ranicki zu Lebzeiten Musils was zu sagen gehabt, hätte man das eine oder andere Unglück, hätte Reich-Ranicki den Mann ohne Eigenschaften vielleicht verhindern, hätte er eventuell eine Einweisung des in hohem Maße Verwirrten erreichen können. Die Literatur-Blockwarte und Künstler-Denunzianten können es nicht verwinden, daß es im Lauf der Geschichte zahllose Regime gegeben hat, die Kunstwerke verboten und Künstler vernichtet haben, daß sie aber, die Blockwarte und Denunzianten, nicht zur Tat schreiten, sondern nur schreiben dürfen, wiewohl sie gerade das nicht können.“

Um Verbote und Denunziation also gehe es Reich-Ranicki, ganz anders natürlich als Scharang, und nicht etwa um eine berechtigte oder unberechtigte Kritik an einem der meistgeschätzten und seltenstgelesenen Werken der deutschsprachigen Literatur. Zwar behauptet Scharang:

„Seit der Antike weiß jedes Kind, daß Beschäftigung mit Kunst darin besteht, sich in das jeweilige Kunstwerk zu vertiefen, und nicht darin, irgendeine Form, etwa eine Romanform – die ja von jedem Kunstwerk, von jedem Roman neu hervorzubringen ist – , ausfindig zu machen.“

Doch im Gegensatz zu Reich-Ranicki versenkt er sich in der Folge nicht im Roman um nachzuweisen wo der Kritiker falsch geschlossen hat, er lässt sogar die von Reich-Ranicki bereits herausgesuchten Zitate zu 99 % links liegen. Dass Reich-Ranicki mitnichten preskriptiv eine ideale Romanform an das musilsche Werk angelegt, wenn er schreibt:

 „Gehört denn die mehr oder weniger direkte Übermittlung von Ideen und Erkenntnissen wirklich zur Aufgabe der modernen Literatur, genauer: der modernen Epik? Ist es zweckvoll oder auch nur zulässig, Erzählendes, auf welchem Niveau auch immer, bloß als Einkleidung für Reflexionen und Spekulationen, für Philosophisches zu verwenden? Haben wir es hier – muß man sich weiter fragen – vielleicht mit einem Mißbrauch und zwar mit einem extremen und eklatanten Mißbrauch der Romanform zu tun?“

Sondern dass er vielmehr nach einer eingehenden Auseinandersetzung mit dem Werk dessen eigenes Potenzial an den Mann ohne Eigenschaften wie er schließlich verwirklicht wurde anlegt (und unter implizitem Bezug auf große Romane der Moderne, denen ähnliches wie das im Mann ohne Eigenschaften Angepeilte tatsächlich gelungen ist, der Ulysses etwa, oder der Doktor Faustus), übersieht Scharang geflissentlich. Stattdessen verteidigt er Musil wie man es sonst nur von den Fanboys schlechter fantastischer Literatur kennt, indem die Schwächen des Werkes kurzerhand als Stärken vorgestellt werden:

„Die Personen bei Musil sind, findet Reich-Ranicki, »bare Konstruktionen ohne Fleisch und Blut«. Es würde die Behauptung genügen, es handle sich um Konstruktionen; denn Konstruktionen mit Fleisch und Blut gibt es nicht. Nun gilt unter zivilisierten Menschen, daß, wer in der Literatur nach Personen aus Fleisch und Blut ruft, sich als Kritiker abberuft. Denn die Rede von Fleisch und Blut in der Kunst ist nichts anderes als die nationaldeutsche Variante des deutschnationalen Slogans von Blut und Boden.“

Mag sein dass es bessere Wendungen gibt um aufzuzeigen, dass es den Charakteren in einem Roman an Breite und Tiefe mangelt, mag sein dass Charaktere aus Fleisch und Blut einem Mann ohne Eigenschaften tatsächlich ähnlich abträglich wären wie die musilschen Strohmänner. Doch was Reich-Ranicki mit Personen aus Fleisch und Blut meint wird im Kontext seiner Kritik mehr als deutlich, und der (und bei Leibe nicht der einzige) Nazismusvorwurf geht dieser Kritik in erbärmlicher Weise aus dem Weg, statt ihr auf Augenhöhe zu begegnen.

Was uns Scharang sagen will ist wohl das Folgende: „Reich-Ranicki hat den Musil nicht verstanden, gerade die Tatsache dass die Charaktere so holzschnittartig wirken zeigt ja, wie sehr Musil am Puls der modernen Welt erzählt“. Es wäre möglich, allerdings wäre es auch erst einmal zu beweisen.

III – Die Welt durchdringen oder ihre Fehler wiederholen?

In der Ausgabe 41ff der Streifzüge von 2007 ergründet Eske Bockelmann, durch welche sprachlichen Verfahrensweisen es Franz Kafka gelingt jeden einzelnen seiner Sätze im Zusammenhang seiner Werke zu „genaue[n] Mitteilungen aus dem Innersten unserer, der gegenwärtigen Wirklichkeit“ zu formen. Mitteilungen:

„…aus einem Innersten zwar, in welches sonst der Blick nicht dringt, ja einem Innersten, von dessen Bestehen man bis dahin noch nie gehört haben mag; doch im selben Moment, da man es bei Kafka liest, weiß jeder, spürt jeder, dass er davon erfasst ist, dass dies seine Wirklichkeit ist und dass er genau sie dunkel geahnt hatte“.

Von Kafka wie von Musil wird gesagt, sie hätten die Erfahrung des vereinzelten Individuums an der Schwelle zur verwalteten Welt in ihrem Werk treffend ausgedrückt. Für Kafka lässt sich das in vielfältiger Weise zeigen, und die Art wie das gelingt wenn schon nicht einfach angeben so doch, immer mehr verstehend, umkreisen. Etwa hier:

„Eines der frühen und der kürzeren Stücke, Der Kaufmann, beginnt so:

Es ist möglich, dass einige Leute Mitleid mit mir haben, aber ich spüre nichts davon. Mein kleines Geschäft erfüllt mich mit Sorgen, die mich innen an Stirne und Schläfen schmerzen, aber ohne mir Zufriedenheit in Aussicht zu stellen, denn mein Geschäft ist klein.

Für Stunden im Voraus muss ich Bestimmungen treffen, das Gedächtnis des Hausdieners wachhalten, vor befürchteten Fehlern warnen und in einer Jahreszeit die Moden der folgenden berechnen, nicht wie sie unter Leuten meines Kreises herrschen werden, sondern bei unzugänglichen Bevölkerungen auf dem Lande.

Mein Geld haben fremde Leute; ihre Verhältnisse können mir nicht deutlich sein; das Unglück, das sie treffen könnte, ahne ich nicht; wie könnte ich es abwehren! Vielleicht sind sie verschwenderisch geworden und geben ein Fest in einem Wirtshausgarten und andere halten sich für ein Weilchen auf der Flucht nach Amerika bei diesem Fest auf. (1, 22)

Es spricht ein Einzelner, aber er spricht für alle und er spricht von allen, da er mit allen zusammenhängt. Sie sind eine unbestimmte Gesamtheit, er kennt sie nicht, sie sind ihm fremd, und doch hängt sein Leben ganz von den Zufällen des ihren ab, die nichts davon wissen und sich nicht darum kümmern können. “Mein Geld haben fremde Leute”, so lautet das Zentrum dieses Zusammenhangs – ein Satz von Kafkascher Vollkommenheit.

Mein Geld haben fremde Leute: Es scheint ein Widerspruch, mein Geld, das Geld, das ich habe, habe nicht ich, sondern haben andere. Es ist ein Widerspruch und doch normalste Realität in unserer Art gesellschaftlichen Zusammenhangs. Zu ihm gehört als allererste Bedingung für jeden Einzelnen, dass er, um leben zu können, Geld verdient. Und das bedeutet immer, dass er sein Geld von anderen zu verdienen hat, es ist immer das Geld von anderen, das einer verdient, nur von anderen kann er es verdienen. Und diese anderen? Haben es genauso zu verdienen, also auch ihr Geld von wieder anderen, vielleicht von denselben, auch von jenem Einen, mit dem wir hier begonnen haben und der den anderen ebenso zu deren “anderen” gehört wie sie zu den seinen. So, ohne einander zu kennen, hängen alle zusammen, mehr, sie hängen alle voneinander ab – und zwar gerade in Hinsicht auf die Grundlagen ihres Lebens und Zusammenlebens, nämlich auf die Mittel zu leben, Versorgung und Anerkennung, die in unserer Gesellschaft nun einmal, kapitalistisch, vor allem anderen von diesem Mittel abhängen, dem Geld.“

Bis in einzelne Satzfragmente und Worte, bis in die Zeichensetzung hinein macht Kafka in diesen Zeilen ein gesellschaftliches Verhältnis fühlbar, nachvollziehbar, begreifbar, das er als Autor noch nicht einmal begriffen haben muss. Das Verhältnis durchformt den Text und ist in ihm aufgehoben. Robert Musil dagegen verfasst Passagen wie diese:

„Dann gingen Clarisse und Ulrich ohne ihn im schrägen Pfeilregen der Abendsonne spazieren; er blieb am Klavier zurück. Clarisse sagte: »Sich etwas Schädliches verbieten können, ist die Probe der Lebenskraft! Den Erschöpften lockt das Schädliche! – Was meinst du dazu? Nietzsche behauptet, daß es ein Zeichen von Schwäche ist, wenn sich ein Künstler zuviel mit der Moral seiner Kunst beschäftigt?« Sie hatte sich auf einen kleinen Erdhügel gesetzt.

Ulrich zuckte die Achseln. Als Clarisse vor drei Jahren seinen Jugendfreund heiratete, war sie zweiundzwanzig Jahre alt gewesen, und er selbst hatte ihr zur Hochzeit die Werke Nietzsches geschenkt. »Wenn ich Walter wäre, würde ich Nietzsche zum Duell herausfordern« antwortete er lächelnd.

Clarissens schlanker, in zarten Linien unter dem Kleid schwebender Rücken spannte sich wie ein Bogen, und auch ihr Gesicht war gewaltsam gespannt; sie hielt es von dem des Freundes ängstlich abgewandt.

»Du bist noch immer mädchen- und heldenhaft zugleich …« fügte Ulrich hinzu; es war eine Frage oder auch keine, ein wenig Scherz, aber auch ein wenig zärtliche Verwunderung…“

***

„Nun ja, natürlich, das Pachhofensche. Wir waren alle eingeladen. Auch Walter war zum erstenmal mit uns. Und Meingast.«

»Meingast?« Ulrich wußte nicht, wer Meingast sei.

»Aber ja, du kennst ihn doch auch? Meingast, der dann in die Schweiz gegangen ist. Damals war er noch nicht Philosoph, sondern Hahn in allen Familien, die Töchter hatten.«

»Ich habe ihn nie persönlich gekannt;« stellte Ulrich fest »aber jetzt weiß ich wohl, wer er ist.«

»Also gut,« – Clarisse rechnete angestrengt im Kopf »warte: Walter war damals dreiundzwanzig Jahre alt und Meingast etwas älter. Ich glaube, Walter hat im geheimen mächtig Papa bewundert. Er war zum erstenmal auf einem Schloß eingeladen. Papa hatte oft so etwas wie einen inneren Königsmantel. Ich glaube, Walter war anfangs mehr in Papa verliebt als in mich. Und Lucy –«

»Um Gottes willen, langsam, Clarisse!« bat Ulrich. »Ich glaube, ich habe den Zusammenhang verloren.«“

***

„»Das vor ein paar Tagen. Ich habe dir erklärt, was ein lebendiges Formprinzip in einem Menschen bedeutet. Erinnerst du dich nicht, wie ich zu dem Schluß gekommen bin, daß früher statt Tod und logischer Mechanisierung Blut und Weisheit geherrscht haben?«

»Nein.«

Walter war gehemmt, suchte, schwankte. Auf einmal platzte er los: »Er ist ein Mann ohne Eigenschaften!«

»Was ist das?« fragte Clarisse kichernd.

»Nichts. Eben nichts ist das!«

Aber Clarisse war durch das Wort neugierig geworden.

»Das gibt es heute in Millionen« behauptete Walter. »Das ist der Menschenschlag, den die Gegenwart hervorgebracht hat!« Das unversehens gekommene Wort hatte ihm selbst gefallen; als begänne er ein Gedicht, trieb ihn das Wort vorwärts, ehe er den Sinn hatte“

Musil postuliert stets, was er nicht zeigen kann. Und das ist vieles. Selbst die Eigenschaft des Mannes ohne Eigenschaften, alle und keine Eigenschaft in sich zu vereinen behauptet er nur. Alles in allem ist sein Ullrich ganz im Gegensatz zu K. im Schloss (tatsächlich ein Mann ohne Eigenschaften und dennoch „aus Fleisch und Blut) ein relativ altbackener Protagonist. Und der Mann ohne Eigenschaften ist eben wie Marcel Reich-Ranicki gezeigt hat ein relativ gewöhnlicher Roman.

IV – Ende mit sterilem Schrecken

Es ist nicht das Neue, Große und Moderne seines Werkes, woran Musil gescheitert ist. Und es ist mit Sicherheit nicht so dass der Mann ohne Eigenschaften gerade im Scheitern groß wird. Musil scheitert an dem Unterfangen von der modernen Welt, die sich in den Dreißigern, als der zweite Teil des Romans fertig wurde, sowieso schon wieder sehr und aufs Grausamste von der beschriebenen unterschied, zu schreiben als sei dies in traditioneller Form noch möglich. Es ist der Glaube an die Möglichkeit einer Versöhnung von technischem Fortschritt, Nietzscheanischer und fernöstlicher Philosophie auf den Seiten eines chronologisch verfassten, von einem allwissenden Erzähler ausgebreiteten Romans; das Scheitern des Spießigen, könnte man sagen, das Michael Scharang hier ganz zu Unrecht in Marcel Reich-Ranicki zu bekämpfen müssen glaubt.

Ausgerechnet der von Scharang so harsch angegangene Thomas Mann hatte die Zeichen der Zeit übrigens deutlich besser erkannt als Robert Musil. Auch er montierte Handlung und essayistisches, verquickte Mythos und Wissenschaft insbesondere im Doktor Faustus (informativ dazu der Briefwechsel Mann-Adorno) und in der Joseftetralogie in einer Weise die auf den magischen Realismus  Marquez´ u.A. vorausweist, und verlor doch nie aus den Augen, dass er an Kunstwerken arbeitete, die für sich selbst stehen sollen, und als reines Dokument der noch so ehrenwerten geistigen Bemühungen und Verzweiflungen ihres Autors keine dauerhafte Existenzberechtigung haben würden.

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Zu Reich-Ranicki absolut lesenswert:

http://junesixon.blogsport.de/2013/09/19/reread-aus-gegebenem-anlass-en-attendant-walser/

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PS: Der 2. Kafkabeitrag: http://www.streifzuege.org/2008/aber-noch-eigentlicher-warst-du-ein-teuflischer-mensch

2 thoughts on “Konkret vs. Marcel Reich-Ranicki

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