Versuch über das Spielkasino

Versuche über die Kleinstadt. Ein Triptychon II

Wenn alles Sichere erschüttert ist, wenn statt Wachstum das Ausbleiben größerer Rezession als Signum der Stärke der Zivilisation herhalten muss. Wenn es mit dem Fortschritt so weit ist, dass er uns ganz aus dem Blick fällt: Dann erblühen doch, man kann es seit vielen Jahren beobachten, die Automatencasinos.

Löwen

In prallem Blau und durchdringenden Rot gehalten, manchmal, in den düstersten Ecken, von Neonreklamen beworben, oder von gelangweilten Mitzwanzigern die von ihrem Leben so angeödet scheinen, dass das Casino plötzlich verheißungsvoll wird: So kennt man diese Orte heute in jedem größeren Dorf. Und allen rechtschaffenen Bürger gelten die Spielhallen, die sich kaum mühen die mitklingende Hölle zu verschleiern, als Schandfleck. Paradox, denn der Markt, der unbezwingbare allgemeine Ausdruck des Bürgerwillens, scheint nach ihnen zu verlangen.

Gerade so wie der Ausdruck der Werbefiguren ist auch der der Stammkundschaft. Man trottete stoisch in die Halle, wie zum Schafott. Oder vielleicht gerade so, wie man es von Bildern der morgendlichen Züge der Fabrikarbeiter kennt; prolongierter Tod im Leben.

 Ein allzu leichter Schluss daraus wäre, dass der Spieler im Casino die Fortführung der monotonen Arbeit in der Freizeit sucht (denn er kann, würde man sagen, Muße nicht ertragen, muss Freiheit an die Maschine delegieren).

Allein: erst mit dem Absterben der fordistischen Produktion schossen die Spielhallen aus dem Boden. Noch die Lust, die der Einarmige Bandit versprach, meist im Außenbereich der glamourösen Casinos, in Atlantic City zum Beispiel, oder in Vegas, wird getilgt. Das kräftige Ziehen am Hebel, das Spekulieren auf den richtigen Moment, um mit viel zu viel Nachdruck noch eine Münze hinterher zu schmeißen, das Lauschen auch auf das Klackern des Räderwerkes (das Erleben der Maschine), das ist gestern. Auch das Lauern auf den Automaten des Nachbarn, die Hoffnung vom verfrühten Aufgeben eines anderen Spielers profitieren zu können, ist nicht mehr.

Nicht einmal negativ, im Kampf, bezieht man sich heute im Casino auf den andern. Ein Jeder sitzt stumm an seinem Automaten, das Aufstocken des Spielkapitals geschieht automatisch oder per Knopfdruck. Der Mensch gibt den Startschuss, der Automat spielt allein.

Und er spielt mit den Menschen, er gibt Signale, man reagiert. Nicht der Arbeiter scheint im Automatencasino verlängert, sondern der Unternehmer seiner selbst, jener Mensch der den magischen Mechanismus nach dem aus Geld mehr Geld wird, zu beeinflussen versucht. Der glaubt das System für sich arbeiten zu lassen von dem er zum bloßen Anhängsel degradiert wird. Jedes Saufgelage hat mehr von Freiheit, doch es verspricht weniger.

Den Spieler im Automatencasino nun aber als süchtig abzustempeln ist Dünkel: Wie der Hartzer, der die hundertste Bewerbung schreibt, wissend, dass nichts dabei herum kommt, tut der Spieler stets das gleiche, und erwartet einmal ein anderes Ergebnis. Man nennt das Wahnsinn. Doch es ist so vernünftig wie eben schon beinahe alles, was der Verwertungszwang notwendig auch von den Unverwertbaren verlangt. Weil im Casino zumindest ein kleines bisschen Hoffnung bleibt zählen vielleicht auch so viele Unverwertbare zu den besten Kunden.

Doch vielleicht ist da noch ein wenig mehr. Denn wohnt nicht dem Geld, diesem einen Beweger, der unbestritten alles erschließt was noch erstrebenswert erscheint, eine geradezu phallische Macht inne? Dies bisschen Macht, wie immer es erlangt wurde, wieder und wieder einen kalten Schlitz zu überantworten, in der Hoffnung, dass der so penetrierte dem Penetrierenden Glück gewährt, irgendwann, ist das wohl die Lust der letzten Menschen? Jener, die schon jetzt verstehen, sich der Maschine ganz hinzugeben? Glück als Selbstaufgabe?

Es ist nicht auszuschließen.

One thought on “Versuch über das Spielkasino

  1. Pingback: (III) – Versuche über die Kleinstadt. Ein Triptychon | SonntagsGesellschaft

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s