Religion & Neuer Atheismus

Vorspiel zu einem Text über Kometen

Nachdem auch die konkret in ihrer Religionskritik auf dem pubertären Niveau eines Richard Dawkins angekommen ist möchte ich einen älteren Text hier noch einmal vorlegen. Demnächst wird sich die SonntagsGesellschaft dann in einer Ausarbeitung über Kometen und das Erhabene mit der heillosen Naturreligion u.A. „Neuer Atheisten“ auseinandersetzen.
 

Der neue Atheismus versucht mittels wissenschaftlicher Methoden nachzuweisen, dass die Idee ‚Gottes’ mit der Realität der Welt, wie sie ist, nicht zu vereinbaren sei, und so die Religion zu desavouieren. Dabei ist das einzige was für die Religion (im Allgemeinen, d.h. als Metaphysik) spricht das in ihr aufgehobene Bewusstsein, dass die Welt, wie sie ist, das zu Verneinende sein muss. Insofern der neue Atheismus keine Perspektive kennen will, die das Bestehende so einzurichten erlaubt, dass der Tod Gottes mehr als das hilflose ausgeliefert Sein des Menschen an die zweite Natur als Resultat zeitigt, kann und wird er zur Aufklärung im empathischen Sinne nichts beizutragen haben.

Er findet seine Adressaten tendenziell unter all jenen, die sich darauf eingeschworen haben, dass ihre Lebenswelt die beste aller Welten sei. Das Bewusstsein, bewusst nichts ändern zu können noch zu müssen ist Balsam auf die beinahe abgeschaffte Seele. Der Neue Atheismus teilt sich so seinen Platz mit esoterischen Patchwork-Religionen, dem protestantischen Christentum, und überhaupt aller Religion, die erfolgreich in der Privatsphäre eingehegt wurde. Nicht umsonst ist das Private dem neuen Atheisten die Grenze der Religionskritik. Wie die eingehegte Religion trägt er den Status Quo indem er das Überschreiten des Bestehenden für schlechterdings unmöglich erklärt, und noch in der Sphäre des Geistes das Recht auf Eigentum anerkennt.

Frühere Atheisten, angetreten mit dem Anspruch die Fesseln, die die Religion den Menschen anlegt, zu zerschlagen, konnten sich den gefesselten Menschen ohne Gott nicht vorstellen. Die neuen Atheisten wollen den Menschen sich nicht mehr vorstellen. Solcherart Atheismus ist Aufklärungsverrat, selbst in einer Welt, die von der Religion noch immer durchdrungen ist, ist er regressiv. So entblödet man sich etwa nicht, einen Zusammenhang zwischen Armut und (organisierter) Religiosität festzustellen, nur um die These aufzustellen, dass Religionskritik den Armen die Mittel in die Hand geben werde, aus der Armut auszubrechen. Armut wird so zum individuellen Problem, die systemischen Bedingungen, unter denen sich Armut reproduziert werden geleugnet. Den Kantschen Imperativ zur „Befreiung des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“ variierend wird so eine gesellschaftlich bedingte Unmündigkeit in eine Selbstverschuldete, ja, in eine natürliche, umgelogen.

Religionskritik, die die Subjekt-Objekt-Spaltung, die den Menschen erst konstituiert, wegschafft, reduziert die Menschen zu bloßen Behältern von Ideen und Emotionen, reduziert den Menschen geistig zu jenem Körper, auf den ihn die gesellschaftliche Funktionalisierung bereits praktisch zurechtgestutzt hat. Es ist konsequent, dass solcherart Religionskritik mit der utilitaristischen Leidensethik eines Peter Singer wunderbar zusammenfindet.

Und mag der zusammengestückelte „evolutionäre Humanismus“ sich auch noch so Stolz die Begründung einer Moral und eines Lebensrechts fern jeglicher Metaphysik auf die Fahnen schreiben: Er hypostasiert doch nur das Leid, das er zur Fähigkeit adelt, und lässt den Menschen mit dieser Fähigkeit alleine.

Weiterlesen:

Religionskritik und Ressentiment. Die Austreibung der Transzendenz wider alle Vernunft -Leo Elser

Richard Dawkins, Peter Singer, und die “Kritik am Naturrecht” – eigentliche eulen

Gottes Spektakel. Zur Metakritik von Religion und Religionskritik – Lars Quadfasel IIIII

Von Singer zu Hitler – Martin Blumentritt

4 thoughts on “Religion & Neuer Atheismus

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