(III) – Versuche über die Kleinstadt. Ein Triptychon

Versuch über die Baustelle (I, II)

Aufgerissener Asphalt, aufgeschüttete Hügel aus steiniger, meist orange-roter Erde. Hier eine abgetrennte Baggerschaufel, da eine verlassene Planierraupe, Plastikrohre, Stahlrohre, tiefe, scharf ausgeschnittene Gräben.

Der Anblick einer typischen Baustelle sollte ein Bewusstsein des Fortschritts erzeugen, sollte uns des beruhigende Wissen darüber versichern, dass “etwas getan” wird, dass die Welt nicht zufällig ist, dass es in der menschlichen Macht steht sie zu verändern und dass dies auch noch immer täglich geschieht. Stattdessen erscheint die Baustelle als Bild der Verwüstung. Als Unfertiges im Intakten, als Störendes. Noch dazu im Straßenbau, wo die Störung allen geregelten Ablaufes nicht nur bildlich, sondern auch spürbar wird.

Die Baustelle verdichtet so einen zentralen Widerspruch der Existenz in der Bürgerlichen Gesellschaft. Wo die Menschen als einzelne gegeneinander existieren, stört des Einen Fortkommen potentiell das des Anderen. Wo unter diesen Umständen Gemeinnütziges im öffentlichen Raum organisiert wird (und mindestens den Anspruch dessen trägt jedes größere Bauunternehmen mit sich), wendet sich das gemeinschaftliche Projekt (das private allemal) in der Alltagserfahrung gegen jeden Einzelnen. Sozialisiert wird das Ungemach, das die zivilisatorische Naturbeherrschung mit sich bringt, tendenziell privatisiert werden die Annehmlichkeiten, die noch immer zu erringen wären. Straßenbau als in Asphalt gemeißeltes Lehrstück in Materialismus.

Man könnte meinen, was zum Bild des Bahnhofs gesagt wurde:

Der Bahndamm ist Wildnis zweiter Ordnung. War Wildnis (und damit Natur), Wildnis, weil sie menschlicher Gestaltung widerstrebte, so ist der Bahndamm, mag das Menschen widerstreben, notwendiges Bild von Wildnis, durch Gestaltung”

müsste gleichermaßen für das Bild der Baustelle gelten. Im Bau jedoch ist die Flüchtigkeit augenscheinlich, die dem vollendeten Projekt nur als ungewisse Drohung innewohnt. Die Baustelle ist stoffliches Ringen mit stofflicher zweiter Natur, denn nichts anderes ist uns der Mikrokosmos der Stadt, des Viertels, des Blocks. Als anscheinend Zielgerichtete den als chaotisch empfundenen äußeren Zwängen doch ausgeliefert, ist Bauarbeit so zuletzt Sysiphosarbeit im Wortsinne, ein sich Abarbeiten an der Autorität quasi-natürlicher Widrigkeiten. Das Zerstörerische, als das Fortschritt in der Baustelle erscheint, gemahnt uns an die chaotische Ziellosigkeit des je eigenen Fortschreitens.

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