Freitagsgedicht: „Konzert – Thema mit Variationen“

Ein vertracktes Stück Text von Rainer Maria Gerhardt

„Konzert – Thema mit Variationen“ ist ein längeres Gedicht von Rainer Maria Gerhardt, das es nicht in die unvollständige Gesamtausgabegabe der Werke des Dichters, „Umkreisung“, geschafft hat. Warum, ist für mich nicht verständlich.

An „Konzert – Thema mit Variationen“ lässt sich wunderbar nachvollziehen, welchen Gewinn es für die Lyrik bedeutet, musikalische Kompositionsverfahren in das literarische Schreiben zu integrieren. Sehr viel in sich geschlossener, motivisch-thematisch und formal verwobener sind die großen modernen Langgedichte, die doch alle in der einen oder anderen Weise an der Musik geschult sind, als jene doch oft quälend langatmigen, nur über klassische Versstrukturen gegliederten der Vormoderne.

Lyrik, die erstmals erahnen lässt wozu das gesprochene und geschriebene Wort fähig sein könnte.

Auf der anderen Seite offenbart „Konzert – Thema mit Variationen“ zahlreiche Fallstricke, die die Ambition einem jungen Dichter legt. Vom willkürlichen Auftakt „Keinem ist hauch gegeben“, über die zahlreichen oft übertrieben krummen (man könnte sagen gewaltsam modernen) Wortkombinationen und Schöpfungen, bis hin zum leider meist doch eher banalen Einsatz von Wiederholungen und Variationen einzelner Satz, Vers und Strophenteile fährt Gerhardt in diesem Gedicht alles auf, was besser zu vermeiden wäre.

„Konzert – Thema mit Variationen“ sei hier nur in einem kurzen Auszug zitiert, das komplette Gedicht findet sich auf http://www.literatur-live.de/gerhardt/ gemeinsam mit vielen weiteren Texten von Rainer Maria Gerhardt.

(…)

Keinem ist hauch gegeben.
Es schwingen, fallen tauben ins gebreite.
Vergilbter nebel kräuselt welke weite,
Und schwarze stümpfe stossen ins gewölk.
Der wunde wald stürzt dunkel hin zum bache,
Und schreiend wälzen sich zur falben flache
Purpurne himmel über rot gebälk.
Die feste stadt streckt kalte schattenarme
zur erzesader und zum vogelschwarme.
Die Fischer aus den faulen flächen fliehn.
Und häuser neben häusern auferstehen
Und fallen nieder und die winde wehen.
Es treibt der blauen tauben flug dahin.

(…)

One thought on “Freitagsgedicht: „Konzert – Thema mit Variationen“

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