Sorgsam veredelte Urgewächse

Die Lyrik Rudolf Borchardts

An Rudolf Borchardt werden sich wohl immer die Geister scheiden. Sein aristokratischer Faschismus polterte lauter und vulgärer als der völkische Jüngers oder der mystisch- esoterische Georges. Allein Borchardts jüdische Herkunft bewahrte ihn vor großen Erfolgen im Dritten Reich. Sein Versuch die deutsche Sprache durch Formstrenge und eine eigenmächtige Interpretation der linguistischen Geschichte wiederzubeleben wurde von progressiven ebenso wie von konservativen Kräftenoftmals eher belächelt. Dagegen begeistert sich ausgerechnet Adorno für den Lyriker Rudolf Borchardt:

„Borchardts Rede ist Plädoyer gegen die bürgerlichen Entstellung des Lebens, aber gleitet nicht ab ins dumpf Naturtümelnde. Rettung erwartet sie von der Kraft des zum äußersten gebildeten Geist, die keine andere ist als die zivilisatorische“

Mit der Europäischen Moderne und seinem zeitweiligen Freund Hofmannsthal teilte Borchardt die Diagnosen über die Übel, die seine Zeit heimsuchten – er ward gleichzeitig zum Proponenten der größten – und ebenfalls mit den Modernisten gemein war ihm die Verzweiflung über den Verfall des sprachlichen Ausdrucks (man vergleiche dazu etwa den Chandosbrief Hofmannsthals).

Doch anders als die Zeitgenossen suchte der „poeta ductus“ und Eigenbrötler einen Ausweg nicht in der radikalen sprachlichen Durchdringung der sich immer schneller wandelnden Welt (wie die Futuristen, die englischen Modernen um Pound und Eliot etwa, und am Rande vielleicht der Rilke der Duineser Elegien), und nicht in einer mystisch-mythologisierend gemeinten Vereinigung von Kunst und Lebenswelt (wie der George-Kreis unter anderem in der Folge Nietzsches), sondern in der Schöpfung einer ganz eigenen lyrischen Sprechweise, die für Borchardt wohl Rückbesinnung auf einen vergangenen „Adel“ deutscher Sprache gewesen sein mag:

„Die redende Energie, die in seiner Lyrik Sprache zur Objektivation verhält, nähert die Gedichte der Musik an. Wohl weisen sie, verglichen mit Rilke oder Trakl, der sprachlichen Artikulation zuliebe, durch die Härte ihrer Fügung, musikähnliche Wirkungen von sich. Dafür sind sie desto musikhafter in ihrer Verfahrungsweise als solcher, in der Bildung eines Idioms, welche diesem den Inhalt schafft und jeden anderen zum Unerheblichen relegiert“. (Adorno)

***

Rustikal klingen Borchardts beste Texte, in sich geschlossen und doch brüchiger als vieles, was man zum Vergleich heranziehen könnte, durchaus ungewöhnlich im Wortsinne: Anders als alles was man von den Zeitgenossen zu lesen gewohnt ist.

Urlaub

Gib Raum dem Reisefertigen, leichtes Zelt
des Spätjahrs, goldene Masten, feuchte Ranken:
er muss von hinnen, und wie soll er danken?
so lang in deinen Fällen Erde fällt
solang dein wilder Ohrberg nachts zur Welt
Hinblickt, wo Hamelns hundert Lichter wanken
solang der Freund bei den nicht allzu Kranken
die Freundin fiebern sucht, und bebend hält:

Solange sei Hauch von Ihrem Mund und blond
verfärbt in deine Herbste schöner Wald
O Grund und Haus, o Purpur von Pyrmont,
solange im Adel jeder Birke schwanke
das weiße Wunder, teile sich die Schlanke
aus jedem Rauch, und lebe, die Gestalt!

Wie erreicht Borchardt dies, und wüsste er es selbst zu benennen? Sicher durch archaische Wortwahl und manchmal umständliche Wendungen: „Gib Raum dem Reisefertigen, leichtes Zelt / des Spätjahrs“, oder „er muss von hinnen, und wie soll er danken?“. Sicher auch durch eine beinahe hermetische Metaphorik, schwer zu durchdringen, durch die allerdings das Gemeinte bei genauerem Lesen geradezu gewaltig hervorbricht: „solang dein wilder Ohrberg nachts zur Welt / Hinblickt, wo Hamelns hundert Lichter wanken“, ohne dass es der Leser hernach sprachlich genauer explizieren könnte. Und nicht zuletzt – zu allererst vielmehr – durch komplexe Schachtelsätze, die sich über mehrere Verse oder sogar Strophen hinziehen; die auf den ersten Blick beinahe ungelenk wirken, und gerade dadurch eine dichterische „Aussage“ immer wieder aufschieben, beinhahe aufheben.

Und dabei orientiert sich Borchardt im Gegensatz zu solchen Modernisten, die die Sprache ihrer Dichtung im Rückgriff auf außereuropäische Traditionen und Umgangssprache im Werk neu schufen durchaus an einer „korrekten“ grammatikalischen Struktur des Deutschen, reizt diese aber in einer Weise aus, die das korrekte unklar, manchmal schief und krumm, wirken lässt.

***

So steht Borchardts Lyrik in ihren Höhepunkten wie eine Reihe sorgsam veredelter Urgewächse vor dem verwunderten Leser, in der Masse allerdings, das sei zugegeben, oft auch eher wie hastig geschnitzte Wurzelseppe. Gedichte wie „Urlaub“ verbergen sprachlich-formal ein Geheimnis, das nur ganz knapp unter der Oberfläche zu ruhen scheint, doch selbst hat der Leser alle Glieder etwa in der zweiten Strophe von „Urlaub“ in der einen richtigen Weise endlich aufeinander bezogen, gibt das Geheime sich nicht ganz frei:

Solange sei Hauch von Ihrem Mund und blond
verfärbt in deiner Herbst schöner Wald
O Grund und Haus, o Purpur von Pyrmont,
solange im Adel jeder Birke schwanke
das weiße Wunder, teile sich die schlanke
aus jedem Rauch, und lebe, die Gestalt!

 

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